Muskelkrämpfe sind ein weit verbreitetes Phänomen, das viele Menschen betrifft, insbesondere Sportler und ältere Erwachsene. Diese schmerzhaften Kontraktionen können verschiedene Ursachen haben und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von verhärteter Wadenmuskulatur nach einem Krampf, um Betroffenen ein umfassendes Verständnis und effektive Lösungsansätze zu bieten.
Einführung
Muskelkrämpfe, insbesondere in der Wade, sind ein häufiges Problem, das durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden kann. Sie äußern sich als tastbare und schmerzhafte Verhärtungen der Muskulatur, die in der Regel nur wenige Minuten andauern. Nach dem Abklingen des eigentlichen Krampfes kann die Muskulatur jedoch weiterhin angespannt bleiben, was als verhärtete Wadenmuskulatur wahrgenommen wird.
Ursachen von Muskelkrämpfen und Verhärtungen
Pathophysiologische Grundlagen
Muskelkrämpfe entstehen durch hochfrequente Entladungsserien der motorischen Einheiten, was auf eine neurogene Übererregbarkeit hindeutet. Spinale Faktoren, wie der Wegfall inhibitorischer Einflüsse an den Vorderhornzellen, spielen ebenfalls eine Rolle.
Dehydration und Elektrolytstörungen
Schmerzhafte Muskelkrämpfe wurden bereits vor über 100 Jahren bei Arbeitern unter warmen und feuchten Bedingungen beobachtet. Dehydration und Elektrolytverluste, insbesondere von Magnesium, Kalium und Natrium, begünstigen das Auftreten von Muskelkrämpfen. Dies erklärt auch, warum Sportler häufig betroffen sind.
Altersbedingte Veränderungen
Mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit von Muskelkrämpfen zu. Studien zeigen, dass etwa 30-50 % der Menschen über 60 Jahre regelmäßig unter Muskelkrämpfen leiden. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer.
Lesen Sie auch: Hüft-TEP und Nervenschmerzen
Medikamentöse Auslöser und Vorerkrankungen
Zahlreiche Medikamente können Muskelkrämpfe als Nebenwirkung verursachen. Dazu gehören Diuretika, Statine und inhalative Beta-2-Sympathomimetika. Auch internistische Erkrankungen wie Schilddrüsenfunktionsstörungen, Diabetes mellitus, Hämodialyse und Leberzirrhose können das Auftreten von Muskelkrämpfen begünstigen.
Arten von Wadenkrämpfen
In der Medizin werden Wadenkrämpfe hinsichtlich ihres Ursprungs in drei Kategorien unterteilt:
- Paraphysiologische Krämpfe: Diese sind meist auf ein Ungleichgewicht der Elektrolyte zurückzuführen und treten gelegentlich während der Schwangerschaft oder nach sportlicher Betätigung auf.
- Idiopathische Krämpfe: Die Ursache dieser Krämpfe ist unklar. Betroffene können erblich dazu veranlagt sein oder es besteht eine noch nicht diagnostizierte Erkrankung wie Diabetes mellitus.
- Symptomatische Krämpfe: Diese Krämpfe werden durch unterschiedliche Erkrankungen von Nervensystem, Herz, Muskeln oder Stoffwechsel ausgelöst. Ebenso können Vergiftungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten eine Rolle spielen.
Weitere Ursachen im Detail
- Magnesiummangel (Hypomagnesiämie): Kann durch falsche Ernährung, Diabetes mellitus, Darm- und Nierenerkrankungen oder Alkoholmissbrauch entstehen.
- Dehydrierung: Kann durch Durchfall, Erbrechen, Diabetes insipidus, entzündliche Darmerkrankungen oder entwässernde Medikamente verursacht werden.
- Störungen des Elektrolythaushaltes: Ungleichgewichte der Kalzium-, Kalium- oder Natriumkonzentration können ebenfalls hinter einem Wadenkrampf stecken.
- Hormonelle und Stoffwechselerkrankungen: Schwangerschaft, Diabetes mellitus, Schilddrüsenunterfunktion, Nebenschilddrüsenunterfunktion, Erkrankungen der Nebennierenrinde und Nierenerkrankungen können Muskelkrämpfe begünstigen.
- Muskelerkrankungen (Myopathien): Führen zu einer Schwächung der Muskeln und können krampfartige Muskelschmerzen verursachen. Beispiele sind das Faszikulations-Crampus-Syndrom, das Brody-Syndrom und die Myotonia Congenita Thomsen.
- Erkrankungen des Nervensystems: Störungen der Nervenimpulsübertragung auf die Muskeln (Myasthenie), Dystonien, Polyneuropathien, Wundstarrkrampf (Tetanus), Radikulopathien und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) können Wadenkrämpfe verursachen.
- Medikamente und Gifte: Cholesterinsenker, blutdrucksenkende Mittel, hormonelle Verhütungsmittel, Asthmasprays, Chemotherapeutika und Gifte können Muskelkrämpfe auslösen.
Diagnostische Kriterien
Anamnese
Die Anamnese ist entscheidend für die Diagnose von Muskelkrämpfen. Wichtige Differenzialdiagnosen lassen sich bereits im Gespräch gut differenzieren. Üblicherweise handelt es sich um einen starken Schmerz, der meist im Bereich der Wade oder des Fußgewölbes lokalisiert ist und wenige Sekunden bis maximal 10 Minuten andauert. Auch nach dem Krampf kann ein Schmerz persistieren. Häufig kommt es zu Schlafstörungen.
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnostisch sollte an ein Restless-legs-Syndrom (RLS) gedacht werden. Die Patienten beschreiben einen Bewegungsdrang meist der Beine, der häufig mit Missempfindungen wie Kribbeln oder Brennen einhergeht. Die Beschwerden treten häufig in Ruhephasen auf und bessern sich durch Herumlaufen und körperliche Aktivität.
Neurologische Abklärung
Eine neurologische Abklärung sollte erfolgen, wenn sich Hinweise für eine Schädigung des ersten oder zweiten Motorneurons ergeben. Symptome wie gesteigerte Reflexe, Muskeltonuserhöhung, schlaffe Paresen, Muskelatrophie und Reflexausfälle können auf eine neurologische Erkrankung hindeuten.
Lesen Sie auch: Rehabilitation bei Gesichtsfeldausfall
Internistische Abklärung
Symptomatische Muskelkrämpfe können beispielsweise im Rahmen körperlicher Anstrengung oder einer Schwangerschaft auftreten. Zahlreiche internistische Erkrankungen wie Schilddrüsenfunktionsstörung, Diabetes mellitus, Hämodialyse und Leberzirrhose begünstigen das Auftreten von Muskelkrämpfen.
Erfassung des Status quo
Bevor eine Therapie eingeleitet wird, sollte der Patient für etwa 4 bis 8 Wochen die Häufigkeit und die Schwere der Muskelkrämpfe erfassen und potenzielle Auslösefaktoren wie Alkohol meiden.
Weitere Diagnosemethoden
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird den betroffenen Muskel abtasten, um sich ein Bild der Verhärtungen zu machen. Anschließend kann anhand bestimmter Bewegungstests überprüft werden, ob die Beweglichkeit des betroffenen Beins eingeschränkt ist.
- Ultraschall (Sonographie): Ermöglicht dem Arzt, die Struktur und den Zustand des Muskels in Echtzeit zu visualisieren.
- MRT (Magnetresonanztomographie): Kann bei der Beurteilung komplexer Verletzungen, wie einem Muskelriss oder einer Sehnenverletzung, hilfreich sein.
- Laboruntersuchung: Die Analyse des Blutes kann einen Mangel oder Überschuss an Elektrolyten wie Magnesium, Natrium oder Kalzium anzeigen. Auch Informationen zum Blutzucker sowie über Leber- und Nierenwerte können auf der Suche nach der Ursache der Krämpfe weiterhelfen. Bei Verdacht auf eine Fehlfunktion der Schilddrüse ist ein Hormonspiegel hilfreich.
- Elektromyografie: Eine Messung der elektrischen Muskelaktivität, um festzustellen, ob eine Muskelerkrankung oder eine Nervenstörung vorliegt.
- Elektroneurografie: Misst die Leitfähigkeit der Nerven, um die Funktionstüchtigkeit peripherer Nerven zu testen und Nervenschädigungen zu erkennen.
- Ischämietest: Stellt die Leistungsfähigkeit von Muskeln und Enzymen dar.
- Dopplersonografie: Kann sinnvoll sein, um beispielsweise Thrombosen nachzuweisen.
- Computertomografie oder Magnetresonanztomografie: Bei Wadenkrämpfen, die auf bestehende Rückenbeschwerden zurückgeführt werden, können diese Verfahren Aufschluss über die Ursache geben.
Behandlung von Muskelkrämpfen und Verhärtungen
Die Behandlung von Muskelkrämpfen lässt sich in nichtmedikamentöse und medikamentöse Maßnahmen unterteilen.
Nichtmedikamentöse Therapien
- Regelmäßige Dehnübungen: Der Patient sollte über die Sinnhaftigkeit regelmäßiger Dehnübungen der betroffenen Muskulatur informiert werden. Hierdurch kann er effektiv die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Muskelkrämpfen reduzieren. Regelmäßige Dehnübungen sollten mehrmals am Tag für circa 30 Sekunden durchgeführt werden. Die Übungen sollten 3-mal wiederholt und zwischen den Durchgängen Pausen von wenigen Sekunden eingehalten werden.
- Akutbehandlung: In der Akutbehandlung kann der Muskelkrampf durch Anspannung der antagonistischen Muskulatur über die einsetzende reziproke antagonistische Hemmung beendet werden. Eine kräftige Dehnung des betroffenen Muskels kann ebenfalls zur Unterbrechung des Krampfes führen (sogenannte autogene Hemmung durch Golgi-Sehnenrezeptoren).
- Massage: Ein leichtes Massieren des verkrampften Muskels bringt Linderung - die Muskulatur wird gelockert, die Durchblutung gesteigert.
- Wärme: Gegen nächtliche Wadenkrämpfe am besten eine kurze Fuß- oder Wadendusche nehmen.
- Kälte: Bei einigen Menschen kann Kälte die Krämpfe lösen. Dann hilft es, kalte Auflagen auf die harte Muskulatur zu bringen.
- Faszienrolle: Legen Sie hierfür die Faszienrolle auf den Boden und setzen sich auf eine Sportmatte oder eine andere bequeme Unterlage. Positionieren Sie anschließend die betroffene Wade über der Faszienrolle. Wenn Sie möchten, können Sie zusätzlich das andere Bein über das betroffene Bein kreuzen, um so den Druck zwischen der Wadenmuskulatur und der Faszienrolle zu erhöhen. Stützen Sie sich mit den Händen hinter Ihrem Rücken auf dem Boden ab, um das Gleichgewicht zu halten. Nun können Sie versuchen Ihren Körper langsam nach vorne zu schieben und dadurch die Wade über die Faszienrolle zu rollen. Üben Sie nur so viel Druck auf die Wadenmuskulatur aus, wie es noch angenehm ist.
Medikamentöse Therapien
- Magnesium: Gemäß der neurologischen Leitlinie sollte zunächst ein Versuch mit der Gabe von Magnesium aufgrund des günstigen Nebenwirkungsprofils durchgeführt werden - auch wenn die Wirksamkeit nicht ausreichend belegt ist. Je nach Alter und Geschlecht liegt die empfohlene Tageszufuhr für Magnesium gemäß den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung bei 300-400 mg pro Tag. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt eine Tageshöchstdosis von 250 mg, da Magnesium zusätzlich über die Nahrung aufgenommen wird und insofern eine Überdosierung möglich sein kann.
- Chinin: Die Gabe von Chinin zur vorbeugenden Behandlung von schmerzhaften Muskelkrämpfen ist etabliert und durch Studien belegt. Insofern wird diese Therapie auch in der aktuellen neurologischen Leitlinie empfohlen. Eine Cochrane-Analyse aus dem Jahr 2015 bewertete den Einsatz von Chinin zur Behandlung von Muskelkrämpfen und kam zu dem Schluss, dass es eine mittelstarke Evidenz für die Reduktion der Intensität der Muskelkrämpfe gibt. Für die Reduktion der Häufigkeit der Muskelkrämpfe und der Häufigkeit der Nächte mit Muskelkrämpfen lag eine schwache Evidenz vor. Die Behandlung mit Chininsulfat beginnt mit 200 mg nach dem Abendessen. Bei Bedarf kann die Dosis auf 400 mg gesteigert werden. Zahlreiche Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit Chininsulfat beschrieben wurden, sind auf hohe Plasmakonzentrationen zurückzuführen. Chininsulfat darf nicht in der Schwangerschaft und der Stillzeit angewendet werden. Es ist bei Bradykardien und Herzrhythmusstörungen kontraindiziert.
- Lokalanästhetika: Lokalanästhetika (z.B. Lidocain oder Bupivacain) werden injiziert, um den Muskel zu betäuben und Schmerzen zu lindern.
- Botulinumtoxin: Injektion von Botulinumtoxin kann in bestimmten Fällen in Erwägung gezogen werden.
- Salben: Salben mit Menthol, Kampfer oder Eukalyptusöl haben nach Auftragen einen kühlenden Effekt, was dazu beiträgt die Durchblutung des Gewebes zu beeinflussen und Schwellungen zu reduzieren. Salben mit Capsaicin oder Cayennepfefferextrakt haben einen wärmenden Effekt auf das Muskelgewebe. Salben mit entzündungshemmenden Wirkstoffen, wie Ibuprofen, Diclofenac oder Arnika.
- Nichtsteroidale entzündungshemmende Medikamente (NSAIDs): Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen können einerseits Schmerzen lindern und andererseits Entzündungsprozesse im betroffenen Muskelgewebe hemmen.
- Schmerzmittel: Schmerzmittel wie Paracetamol bei leichten bis moderaten Schmerzen.
Homöopathie und Akupunktur
In der Homöopathie kennt man verschiedene Mittel, die bei Muskelkrämpfen entspannend und auch schmerzlindern wirken. Gegen Wadenkrämpfe werden bevorzugt folgende homöopathische Mittel empfohlen: Cuprum metallicum, Magnesium phosphoricum, Valeriana officinalis und Thuja. Nach der Vorstellung der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind für eine ausgewogene Muskelfunktion vor allem die beiden Organe Leber und Milz zuständig. Können ernste Erkrankungen als Ursache der Wadenkrämpfe ausgeschlossen werden, kann ein Akupunkteur die Krämpfe meist innerhalb weniger Sitzungen behandeln.
Was tun bei einem akuten Wadenkrampf?
- Dehnen: Sofortiges Dehnen der Unterschenkelmuskulatur kann den Krampf beenden. Dazu zieht man die Zehen nach oben und drückt währenddessen die Ferse fest in den Boden.
- Massieren: Ein leichtes Massieren des verkrampften Muskels bringt Linderung.
- Bewegen: Aufstehen und vorsichtig herumlaufen kann krampflösend wirken.
- Wärme oder Kälte: Je nach Bedarf kann Wärme (z.B. eine warme Dusche) oder Kälte (z.B. kalte Auflagen) helfen.
- Trinken: Ausreichend trinken und den Elektrolythaushalt ausgleichen.
Vorbeugende Maßnahmen
- Regelmäßiges Dehnen: Regelmäßiges Dehnen der betroffenen Muskeln oder leichte sportliche Betätigung vor dem Schlafengehen.
- Ausreichend trinken: Mindestens anderthalb bis zwei Liter pro Tag, insbesondere nach dem Sport, nach körperlicher Arbeit und an warmen Tagen.
- Ernährung: Ausgewogene Ernährung mit einem hohen Anteil an Mineralstoffen wie Magnesium, Kalzium oder Natrium.
- Vermeidung von Alkohol und Koffein: Diese Substanzen können Muskelkrämpfe begünstigen.
- Anpassung der Medikation: In Absprache mit dem Arzt kann ein Wechsel des Präparats in Betracht gezogen werden, wenn Medikamente Wadenkrämpfe auslösen.
- Fußgymnastik und leichter Sport: Regelmäßige Fußgymnastik und leichter Sport wie Walking, Radfahren und Schwimmen, die die Muskeln trainieren.
- Sanfte Massage: Tägliche sanfte Massage der Muskeln, wenn diese leicht verkrampfen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Zum Arzt sollte man gehen, wenn die schmerzhaften Krämpfe sehr häufig auftreten, wenn sie nachts den Schlaf rauben oder sich tagsüber bemerkbar machen und wenn die Wadenkrämpfe sich trotz Dehnen oder sanfter Massagen nicht auflösen. Kommen weitere Symptome wie Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Bewegungseinschränkungen hinzu, sollte ebenfalls ein Arzt konsultiert werden.
Lesen Sie auch: Was Sie über epileptische Anfälle nach Hirnblutungen wissen sollten
Verhärtete Wadenmuskulatur: Was tun, wenn sie nicht weggeht?
Wenn Sie an einer chronischen Muskelverhärtung der Wade leiden, die sich nicht von selbst wieder zurückbildet, ist es wichtig, dass Sie einen Arzt konsultieren, mit dem Sie ein Behandlungsschema entwickeln können. Manchmal brauchen muskuläre Verletzungen längere Zeit um vollständig auszuheilen und dieser Heilungsprozess muss auch nicht zwingend linear verlaufen. Unter Umständen werden Sie tageweise Schwankungen der Schmerzintensität bemerken, aber auch das ist ganz normal.
tags: #verhartete #wadenmuskulatur #nach #krampf