Einführung
Die Integration der Gehirnhälften, auch Hemisphärenintegration genannt, ist ein wichtiger Aspekt für eine optimale Funktion des Gehirns. Die beiden Gehirnhälften sind durch einen Nervenstrang, den Corpus callosum (Balken), miteinander verbunden und kommunizieren ständig miteinander. Eine gute Zusammenarbeit beider Hemisphären ist essentiell für viele kognitive, motorische und sensorische Fähigkeiten. Ergotherapeutische Übungen können gezielt eingesetzt werden, um die Verbindung der Gehirnhälften zu fördern und somit verschiedene Beeinträchtigungen zu verbessern.
Grundlagen der Hemisphärenintegration
Was ist Hemisphärenintegration?
Als Hemisphären werden die beiden Hälften unseres Gehirns bezeichnet, die linke und die rechte Seite. Beide Hälften sind anatomisch getrennt und nur durch den Corpus callosum miteinander verbunden. Die Hemisphärenintegration beschreibt den Prozess der motorischen und sensorischen Reife, die das effiziente Zusammenspiel beider Gehirn- und Körperhälften ermöglicht. Sie ist Voraussetzung u.a. für ein gutes Funktionieren von Koordination, Eigen- und Fremdwahrnehmung und Aufmerksamkeit.
Lateralisation und Hemisphärenungleichgewicht
Beide Gehirnhälften sind auf spezielle Funktionen spezialisiert, was als Lateralisation bezeichnet wird. Im Bereich der Entwicklung eines Menschen kann es durch unterschiedliche Ursachen zu einem Mangel an Verbindung, Integration und Kommunikation zwischen den beiden Seiten kommen. Eine Folge dieses "Ungleichgewichts" zeigt sich in einer Reihe von körperlichen, mentalen und kognitiven Problemen, wie z.B. zwanghaftem, impulsivem oder hyperaktivem Verhalten und Lernschwierigkeiten. Sind die zwei Gehirnhälften funktional nicht ausreichend vernetzt, reift eine Seite schneller, d.h. eine Gehirnhälfte wird "zu stark" in Verhältnis zur anderen.
Folgen mangelnder Hemisphärenintegration
Eine mangelnde Hemisphärenintegration kann zu einer Vielzahl von Problemen führen. Dazu gehören unter anderem:
- ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung)
- ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom)
- Autismus
- Lernschwierigkeiten
- Legasthenie
- Angststörungen
- Depression
- Körperliche Probleme wie Kopfschmerzen, Allergien, Autoimmunerkrankungen, Rückenschmerzen und chronische Infekte
Ergotherapeutische Ansätze zur Förderung der Hemisphärenintegration
Ergotherapeuten bieten verschiedene Therapieansätze, um die Verbindung der Gehirnhälften zu verbessern. Diese Ansätze zielen darauf ab, die schwächere Gehirnhälfte zu stärken und die Kommunikation zwischen den Hemisphären zu fördern.
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Hemisphärenspezifische Ergotherapie
Mit einer hemisphärenspezifischen (auf die schwächere Gehirnhälfte ausgelegten) Ergotherapie aus Übungen zur Reflexintegration, Stimulation aller Sinne und motorischen Aufgaben kann die schwächere Seite gestärkt werden. Zusammen mit Anpassungen des Lebensstils kann so ein Ungleichgewicht in der Gehirnentwicklung korrigiert werden.
Bilaterale Integration
Unter Bilateraler Integration verstehen wir den Prozess der motorischen und sensorischen Reife, die das effiziente Zusammenspiel beider Gehirn- und Körperhälften ermöglicht.
Lateraltraining nach Fred Warnke
Beim Lateraltraining nach Fred Warnke wird das Zusammenspiel beider Gehirnhälften gezielt verbessert bzw. trainiert. Dieses Training wird notwendig, da bei vielen Patienten durch neurologische Erkrankungen dieser Verbindungsbalken in seiner Funktion beeinträchtigt ist. Beim Training mit dem Lateraltrainer wird dem Kind/Erwachsenen eine Modellstimme, die Stimme des Therapeuten oder Musik ständig abwechselnd beiden Ohren zugeführt. Besonders bei Patienten nach einem Apoplex (Schlaganfall) verbessert sich erfahrungsgemäß die Sprach- und Lesefähigkeit.
Überkreuzübungen
Überkreuzübungen im Sitzen, Liegen, in der Gruppe oder einzeln, mit oder ohne Musik regen die Aktivität beider Hirnhälften an. Am besten verbindet man das Ganze mit einem Wechsel der Blickrichtungen oder mitgesprochenen Anweisungen der Patienten. Überkreuzbewegungen können auch zur Entspannung geführt werden. In der Kinesiologie sagt man, man soll immer gleichseitige und überkreuzbewegungen abwechseln und immer mit der Überkreuzbewegung abschließen.
Weitere ergotherapeutische Methoden
- Reflexintegration: Übungen zur Integration frühkindlicher Reflexe, die bei mangelnder Integration die Entwicklung beeinträchtigen können.
- Sensorische Integration: Stimulation aller Sinne, um die Wahrnehmungsverarbeitung zu verbessern.
- Motorische Aufgaben: Gezielte Bewegungsübungen zur Förderung der Koordination und des Zusammenspiels beider Körperhälften.
- Perfetti-Methode: Eine Behandlungsmethode, die von dem italienischen Neuropsychiater Prof. Perfetti entwickelt wurde. Sie geht davon aus, dass Rehabilitation ein Lernprozess ist. Die kognitiven Prozesse, die bei einer Bewegung im Gehirn ablaufen, sind für die Entwicklung von Bewegungsfähigkeiten von entscheidender Bedeutung.
- Brain Gym: Eine Methode, die im Ergoalltag manchmal umstritten ist, aber bei Erfolg eingesetzt werden kann.
Hirnleistungstraining als Teil der Ergotherapie
Das Hirnleistungstraining ist ein zentraler Bestandteil der Ergotherapie und spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung kognitiver Fähigkeiten. Durch gezielte Übungen werden Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentration und exekutive Funktionen verbessert. Es wird individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt. Verschiedene Therapiemethoden wie computergestützte Programme, Gedächtnisspiele und Aktivitäten des täglichen Lebens kommen zum Einsatz, um die kognitiven Defizite gezielt anzugehen.
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Ziele des Hirnleistungstrainings
- Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit
- Steigerung der Merkfähigkeit
- Förderung des Kurzzeitgedächtnisses
- Aktivierung des Langzeitgedächtnisses
- Verbesserung der Aufmerksamkeit
- Förderung der Wahrnehmung
- Verbesserung des Orientierungssinns
- Förderung der Problemlösefähigkeit
- Steigerung der Lernfähigkeit
Methoden des Hirnleistungstrainings
- Computergestützte Programme: In der Praxis werden häufig computergestützte Programme wie Freshmindertraining, Reminder, Stengelprogramm und Neurotraining nach V. Schweitzer eingesetzt.
- Gedächtnisspiele: Spiele wie Memory, Domino oder Kartenspiele können das Gedächtnis und die Konzentration fördern.
- Alltagsorientiertes Training: Alltagsorientierungstraining, kognitives Training zur Verbesserung der Orientierung und visuokonstruktiven Leistungen sowie Gedächtnistraining und biografische Arbeiten. Dabei wird gezielt an den alltäglichen Aktivitäten der Patienten gearbeitet, um ihre Fähigkeiten in realen Lebenssituationen zu stärken. Dies kann zum Beispiel Einkaufen, Kochen oder die Planung von Aufgaben sein.
- Arbeitsblätter: Den Patienten werden spezielle Denkaufgaben gestellt, welche Alltagssituationen nachempfunden sind.
- Gehirnjogging: Gehirntraining Übungen trainieren ebenfalls die kognitiven Fähigkeiten und sind die perfekte Ergänzung zum Hirnleistungstraining.
Wer verordnet und führt das Hirnleistungstraining durch?
In der Regel wird das Training ärztlich verordnet, z. B. nach einem Schlaganfall, bei Demenz oder anderen neurologischen Erkrankungen. Das Training wird von einer erfahrenen Ergotherapeutin oder einem Ergotherapeuten durchgeführt.
Vorteile des Hirnleistungstrainings
- Das Hirnleistungstraining kann die Gedächtnisleistung erhöhen.
- Die Übungen sind oft wie Spiele aufgebaut, wodurch sich die kognitiven Fähigkeiten spielerisch verbessern.
- Regelmäßiges Hirnleistungstraining in der Ergotherapie kann die Lebensqualität deutlich verbessern. Es ermöglicht den Betroffenen, ihre Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten oder wiederzuerlangen.
- Es kann auch dazu beitragen, das Fortschreiten kognitiver Erkrankungen zu verlangsamen.
- Angehörige werden häufig aktiv in den Therapieprozess einbezogen, um das Erlernte auch zu Hause zu unterstützen.
Ergotherapeutische Übungen im Detail
Übungen zur Förderung der bilateralen Koordination
- Klatschen: Abwechselndes Klatschen in die Hände, auf die Oberschenkel oder auf andere Körperteile.
- Tippen: Abwechselndes Tippen mit den Fingern auf den Tisch oder auf andere Oberflächen.
- Zeichnen: Zeichnen von einfachen Formen oder Mustern mit beiden Händen gleichzeitig.
- Werfen und Fangen: Werfen und Fangen eines Balls mit beiden Händen.
Übungen zur Förderung der visuellen Wahrnehmung
- Nachzeichnen: Nachzeichnen von vorgegebenen Linien oder Formen.
- Puzzles: Lösen von Puzzles mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad.
- Suchbilder: Finden von versteckten Objekten in Bildern.
- Konzentrationsübungen: Übungen zur Verbesserung der Konzentration und Aufmerksamkeit, z.B. durch das Finden von Unterschieden in zwei ähnlichen Bildern.
Übungen zur Förderung der auditiven Wahrnehmung
- Geräusche erkennen: Erkennen von verschiedenen Geräuschen, z.B. Tiergeräusche, Alltagsgeräusche oder Musikinstrumente.
- Rhythmusübungen: Nachklatschen oder Nachsprechen von Rhythmen.
- Sprachübungen: Übungen zur Verbesserung des Sprachverständnisses und der Sprachproduktion.
Übungen zur Förderung der Handlungsplanung
- Alltagsaktivitäten: Üben von alltäglichen Aktivitäten wie Kochen, Anziehen oder Einkaufen.
- Schritt-für-Schritt-Anleitungen: Erstellen von Schritt-für-Schritt-Anleitungen für komplexe Aufgaben.
- Rollenspiele: Durchführen von Rollenspielen, in denen verschiedene Alltagssituationen simuliert werden.
Beispielübung: Daumenbewegung
Die Übungen werden meistens mit geschlossenen Augen durchgeführt. Jede Übung beinhaltet ein solches Erkenntnisproblem. Ihr Daumen wird entlang eines Stäbchens geführt. Beim Lösen des Problems kann geübt werden, das Bewegungsausmaß des Daumens beim Abspreizen und zurück so genau zu regulieren, dass sehr feine Unterschiede deutlich werden. Im Verlauf der Übungen lernen Sie, die Daumenbewegung selbständig so zu steuern, dass Sie die Lösung der gestellten Aufgabe sicher erspüren und erfassen können.
Apraxie und Ergotherapie
Apraxie bezeichnet eine Störung der Handlungsplanung, z.B. nach einem Schlaganfall oder einer Hirnblutung. Es bedeutet, dass der Patient Schwierigkeiten dabei hat, eine Tätigkeit in notwendige kleine Abläufe aufzuteilen und in der richtigen Reihenfolge durchzuführen. Formen der Apraxie können sich in verschiedenen Schweregraden äußern. Der Ergotherapeut passt die Behandlung auf den Schweregrad der Erkrankung an.
Für Außenstehende ist es oft nicht ersichtlich, dass einzelne Handlungen aus vielzähligen Einzelschritten bestehen. Diese müssen von unserem Gehirn geplant werden. An dem Beispiel Kaffee kochen wird ersichtlich, dass es nicht mit dem Einschalten der Kaffeemaschine getan ist - Filter einlegen, Pulver hinzufügen, mit Wasser befüllen etc. Nicht nur die einzelnen Tätigkeiten, sondern auch das Einhalten der richtigen Reihenfolge stellt eine Hürde für Klienten mit Apraxie dar. All diese alltagsrelevanten Tätigkeiten, vom Anziehen bis zum Zähneputzen, werden von Ergotherapeuten mit den Klienten erarbeitet. Auch aufmerksamkeits-, merkfähigkeits- und konzentrationsfördernde Übungen sind ein wichtiger Bestandteil des Trainings.
Ergotherapie bei Demenz
Bei einer ergotherapeutischen Behandlung von Klienten mit Demenz wird in der Regel ein Schwerpunkt auf das klassische Gedächtnistraining gelenkt.
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NeuroNation als Unterstützung
Ergänzend zum Hirnleistungstraining oder nach der Therapie können Betroffene mit der NeuroNation App ihr Gehirn trainieren und damit den Effekt verstärken. Das Gehirntraining kann die Gedächtnisleistung erhöhen. Außerdem sind die Übungen von NeuroNation wie Spiele aufgebaut. Dadurch verbessern sich spielerisch die kognitiven Fähigkeiten. Das sorgt für Motivation, weshalb Nutzer am Ball bleiben, ein nicht zu unterschätzender Faktor.
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