Die Rolle der Vernunft: Eine Untersuchung der linken Gehirnhälfte und ihre Funktionen

Das menschliche Gehirn, ein komplexes Netzwerk aus miteinander verbundenen Informationen, ist in zwei Hälften unterteilt: die rechte und die linke Hemisphäre. Jede Hemisphäre ist für bestimmte Funktionen und Fähigkeiten verantwortlich, wobei die linke Gehirnhälfte eine Schlüsselrolle für logisches Denken, Vernunft und analytische Fähigkeiten spielt. Dieser Artikel untersucht die Funktionen der linken Gehirnhälfte, ihre Bedeutung für das Lernen und die Widerlegung des Mythos der Dominanz einer Gehirnhälfte.

Die Funktionen der linken Gehirnhälfte

Die linke Gehirnhälfte ist vor allem für logische Bereiche wie lineares und analytisches Denken, Vernunft, Wissenschaft, Zeitempfinden und Regeln zuständig. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Sprachverarbeitung und ermöglicht es uns, Informationen zu analysieren, zu strukturieren und Schlussfolgerungen zu ziehen. Die linke Hemisphäre ist auch für die Steuerung der rechten Körperseite verantwortlich.

Die Bedeutung der Vernetzung im Gehirn

Das Gehirn ist ein riesiges Netzwerk, in dem Prozesse und Informationen durch Hunderte kleinster Verbindungen mit anderen Informationen aus anderen Bereichen verknüpft sind. Diese weitläufige Vernetzung sollte man sich beim Lernen zunutze machen.

Ein Beispiel dafür ist das Erlernen einer neuen Sprache. Wenn die französische Vokabel „soleil“ nur auf der Wortebene mit der deutschen Übersetzung Sonne verbunden ist, dann gibt es nur diese eine Verknüpfung, die aktiviert werden kann, sobald man das französische Wort in einem Satz liest oder hört. Spricht man die Vokabeln laut aus, wird die Vokabel mit Informationen zur Aussprache und zum Klang des Wortes verknüpft. Je mehr Sinne also zum Einsatz kommen, desto mehr Verknüpfungen entstehen zwischen der Vokabel und der Wortbedeutung. Dieses weitreichende Konzept des mehrkanaligen Lernens wird bereits in vielen Schulen auf verschiedenste Weise angewendet. Auch beim selbstständigen Lernen gibt es viele Möglichkeiten, mehrere Sinne einzusetzen und somit das Lernen von Vokabeln so erfolgreich wie möglich zu machen.

Praktische Tipps für mehrkanaliges Lernen:

  • Vokabeln visualisieren: Füge in das Schriftbild kleine Icons ein, die die Wortbedeutung darstellen.
  • Verschiedene Lautstärken oder Stimmlagen benutzen: Um die Aussprache und den Klang kennenzulernen, können Vokabeln in unterschiedlichen Lautstärken laut vorgelesen werden.
  • Rhythmen oder Melodien nutzen: Vokabeln können zum Beispiel in einfache Liedtexte eingebaut werden oder zu lernende Sätze melodisch laut ausgesprochen werden. Dadurch werden die Vokabeln auch in dem Teil des Gehirns verankert, das für Musik und Rhythmus verantwortlich ist. Es gibt im Internet auch viele fertige Lieder oder Liedtexte, die sich auf bestimmte Themenfelder beziehen und die man sich zur Übung anhören kann. Suchst du zum Beispiel nach “Lieder zum Französisch lernen”, findest du recht schnell, wonach du suchst.
  • Hören, Bewegung und Lernen verbinden: Wenn du das nächste Mal zur Schule läufst, versuch doch mal, die Geräusche, die du hörst, zu übersetzen.
  • Im Laufen lernen: Lerne deine nächste Vokabellektion während eines Spaziergangs. Durch die Bewegung wird dein Gehirn besser durchblutet und du kannst dich besser konzentrieren.
  • Tue was du lernst: Ahme die Bedeutung der Vokabeln, die du gerade lernst, praktisch nach oder suche dir einen Gegenstand, der mit der Wortbedeutung zu tun hat. Zum Beispiel kannst du dir in die Haare fassen, wenn du gerade das französische Wort für Haare, les cheveux, lernst oder an die Nase bei der Vokabel le nez. Diese beiden Sinne kannst du natürlich nur dann einsetzen, wenn die Vokabeln einen Geschmack oder einen Geruch zum Ausdruck bringen. Eine konkrete Möglichkeit bietet dir deine Küche. Triff dich mit Freunden beispielsweise zum Kochen oder Backen.
  • Auch beim Lernen mit phase6 kannst du verschiedene Sinne einsetzen. Du kannst beim Erstellen von eigenen Lerninhalten jedes Kärtchen mit einem Bild und einer Audiodatei anreichern, um eine visuelle und auditive Bedeutung des Wortes lernen zu können. Auch die fertigen Lerninhalte bieten dir mehrkanaliges Lernen: Viele sind vertont, haben ein Bild und präsentieren dir einen praktischen Beispielsatz.

Der Mythos der Gehirnhälftendominanz

In der Trainingsbranche existiert der Mythos, das menschliche Gehirn teile sich in eine analytisch-logische linke Gehirnhälfte und eine emotional-kreative rechte Gehirnhälfte auf. Dieses Modell wird gern genutzt, um menschliches Verhalten zu erklären. In Seminaren, Testverfahren oder Artikeln zu dem Stichwort „linke und rechte Gehirnhälfte“ wird häufig behauptet, dass es eine analytische, logische, rationale linke Gehirnhälfte und eine emtionale, kreative, künstlerische rechte Gehirnhälfte gibt. Richtig Fahrt nimmt das Thema aber erst auf, wenn auf dieser Logik behauptet wird, dass bei Menschen eine Hälfte dominieren würde. So sei es eben zu erklären, dass einige Personen eher analytisch, andere eher kreativ denken und handeln. Stereotypen wie „IT-Fachmann“ und der „typische Künstler“ lassen grüßen.

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Neurowissenschaftlich betrachtet, ist das in der Tat Unsinn und wurde schon öfters von Experten klargestellt. Auch in Präsentationsseminaren habe ich schon gehört, dass man die linke Hälfte von Power Point-Folien für Bilder verwenden soll und die rechte Seite für Text. Die Theorie dahinter: das emotionale Bild wird besser von der rechten Gehirnhälfte verarbeitet und der Text von der sprachverarbeitenden linken Hälfte. Stichhaltige Beweise für diese Theorie gibt es keine. Aber was soll’s? Bild links, Text rechts - Diese Darstellung spricht viele Menschen an, was aber nicht mit einem Links-Rechts-Schema des Gehirns erklärt werden kann. Auch hier gilt die Kritik nicht dem Tool an sich: Ich erachte diese Art der Foliengestaltung als grundsätzlich wirksames Stilmittel, nur sind es andere wahrnehmungspsychologische Gründe, die erklären, warum dies ein tolles Foliendesign ist.

Letztendlich ist dieser Mythos die populärwissenschaftliche Auslegung von verschiedenen Ansätzen aus der Hirnforschung, die dem Gehirn unterschiedliche Aufbau- und Funktionsweisen beider Hälften zuschreiben. Der französische Arzt Paul Broca postulierte schon Ende des 19. Jahrhunderts, das die Sprachverarbeitung wahrscheinlich bei den meisten Menschen eher in der linken Gehirnhälfte lokalisiert ist. In den 1960er und 70er Jahren sorgte der spätere Medizin-Nobelpreisträger Roger Sperry mit seinen Split-Brain-Experimenten für Aufsehen. Sperry führte Experimente mit Epilepsiepatienten durch, bei denen aus therapeutischen Gründen die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften getrennt wurde. Die generelle Behauptung, die linke Gehirnhälfte sei eher für kognitive Aspekte und die rechte für emotionale ist aber eine fälschliche Verallgemeinerung von solchen Einzelbefunden. Unsere hohen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten sind viel zu komplex als das Sie in einem so simplen Modell abbildbar wären. Der aktuelle Stand der Forschung sieht so aus: Wir haben das Gehirn in seiner detaillierten Funktionalität bei weitem noch nicht verstanden. Wir können wenige unumstößlich-simple Aussagen über die komplexe Neurophysiologie machen. Das Gehirn nutzt bei unterschiedlichen Aufgabentypen die eine oder andere Hirnregion mehr oder weniger. Im Großen und Ganzen ist das Gehirn aber als interagierendes System zu verstehen. Simple Testverfahren wie die zitierte berühmte Drehfigur können nicht zur Bestimmung der Hemnisphärendominanz genutzt werden. Sie sagen nichts über die Präferenz eines Menschen aus, entweder emotional-kreativ oder kognitiv-analytisch zu denken.

Warum lösen wir uns also nicht einfach von dem Dogma, dass analytische und emotionale Denkprozesse zwangsläufig 1:1 mit den beiden Gehirnhälften korrespondieren? Wir können in Seminaren mit einem Augenzwinkern auf diesen Mythos verweisen und anschließend konstruktiv damit umgehen. Wir tauschen das „entweder-oder-Denkmodell“ mit einem „sowohl-als-auch“. Nutzen wir doch die Tatsache, dass für uns Menschen fast immer sowohl rationale als auch emotionale Kompetenten im Denken und Handeln eine zentrale Rolle spielen. Wenn wir in der Weiterbildung diese beiden Komponenten vereinen, erreichen wir in der Regel den Lernenden besser. Emotionales Storytelling und analytische Studien zur Untermauerung unserer Aussagen können eine Lösung sein.

Die Zusammenarbeit beider Gehirnhälften

Heutig wissen Neurophysiologen, dass ihre damaligen Fachkollegen sich die Sache zu einfach vorgestellt haben. Es stimmt nicht, dass die linke Gehirnhälfte für das Rationale zuständig ist, die rechte für die Emotionen. Beide sind wesentlich an beidem beteiligt. Weder sitzt unser Sprachvermögen ganz in der linken Hälfte noch unser Vorstellungsvermögen ganz in der rechten. Wenn eine Gehirnhälfte ausfällt, etwa durch einen Schlaganfall oder eine schwere Schädelverletzung, dann bleibt die andere weder unvernünftig noch gefühllos zurück. Zwar ist das Gehirn nicht unser einziges Doppelorgan. Auch andere Organe sind zweifach angelegt, zum Beispiel Niere, Lunge und Schilddrüse. Doch beim Gehirn ist die Zweiteilung erstaunlich. Denn eigentlich gehört zum Bauprinzip unseres Denkorgans die Fähigkeit, möglichst alles mit allem zu verbinden. Die beiden Hirnhälften sind aber auffällig schlecht verbunden. Die Brücke zwischen ihnen ist im Zuge der menschlichen Entwicklung sogar immer dünner geworden: Das Corpus callosum ist - relativ zum Hirnvolumen - im Lauf der Evolutionsgeschichte nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Und noch seltsamer: Neurophysiologen wissen seit Langem, dass die Hirnhälften sich über das Corpus callosum nicht gegenseitig anregen, sondern hemmen. Ist die eine Hälfte aktiv, bringt sie die andere zum Schweigen.

So ähnlich sieht Iain McGilchrist auch das Verhältnis der beiden Hälften des Gehirns: ein Bund fürs Leben, nicht ohne Spannungen, aber insgesamt gedeihlich für die Beteiligten. „Man kann jeder Hirnhälfte eigene Ansichten, Absichten, Ziele, Werte und Neigungen zuschreiben“, sagt er. Kein Wunder, dass man da auch mal mit sich selbst uneins ist. Bei gesunden Menschen spielt sich dieser Konflikt eher innen ab. Wenn den Hemisphären durch Callosotomie die Möglichkeit zur Verständigung genommen wird, tritt der Konflikt zutage - dann ringt eine Hand mit der anderen.

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McGilchrists Lösung sieht so aus, unser Gehirn als ein Team zweier individueller Charaktere zu verstehen, die im besten Fall zusammenarbeiten, mitunter aber auch unterschiedliche Absichten verfolgen. Für gewöhnlich merkt man davon nichts. Das Gehirn ist sehr geschickt darin, das Durcheinander, das es beherbergt, zu einem einheitlichen Bewusstsein zusammenzufügen. Nur in speziellen Situationen tritt die Trennung offen zutage - zum Beispiel bei der Patientin P.O.V.

Am Beispiel eines Vogels, der ein Nest baut, erklärt McGilchrist, warum die Arbeitsteilung zwischen den Hemisphären sinnvoll ist. Der Vogel steht vor zwei widersprüchlichen Herausforderungen: Einerseits muss er wie ein Ingenieur konzentriert und methodisch Zweige ineinander flechten. Gleichzeitig muss er wie ein Kundschafter offen bleiben für unerwartete Eindrücke - etwa einen plötzlich auftauchenden Feind. Um beide Herausforderungen meistern zu können, habe die Natur Vögel und andere Tiere mit zwei Hirnhemisphären versehen, meint McGilchrist. Ähnlich bei Menschen: „Für uns gibt es zwei gegensätzliche Wirklichkeiten, zwei unterschiedliche Weisen der Erfahrung“, sagt McGilchrist. „Die linke Hemisphäre neigt dazu, sich mit isolierten Informationen zu beschäftigen, die rechte Hemisphäre mit dem großen Ganzen, der sogenannten Gestalt.“ Das sei keine scharfe Arbeitsteilung, sondern eher ein Unterschied im Charakter. Besonders deutlich lässt sich dieser Unterschied an pathologischen Fällen studieren, bei denen die eine Hemisphäre ausgefallen oder das Zusammenspiel beider Hirnhälften gestört ist.

Die Rolle der Amygdala bei Angst und Emotionen

Die Amygdala, eine Struktur im limbischen System, spielt eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere Angst. Sie dient als Alarmanlage und bewertet Situationen innerhalb von Millisekunden, um Gefahren einzuschätzen. Die Amygdala erhält Informationen über zwei Wege: einen schnellen, groben und fehleranfälligen Weg und einen langsamen, aber durch genaue Analyse überprüften Weg.

Der schnelle Weg führt direkt vom Thalamus zur Amygdala und ermöglicht eine blitzschnelle Reaktion auf potenzielle Gefahren. Der langsame Weg führt vom Thalamus über den Cortex und den Hippocampus zur Amygdala, wodurch eine detailliertere Analyse der Situation ermöglicht wird.

Halbschlaf einer Gehirnhälfte

Wenn Wale oder Delphine schlafen, dann schläft nicht das ganze Gehirn. Eine Hälfte bleibt wach und passt auf. Einen ähnlichen Halbschlaf haben Forscher in den USA jetzt auch bei Menschen nachgewiesen.

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In einer ungewohnten Umgebung schläft ein bestimmter Teil unseres Gehirns weniger tief. Diesen Effekt beobachteten wir ausschließlich in der linken Gehirnhälfte. Diese Gehirnhälfte reagiert auch empfindlicher auf störende Außenreize wie Tonsignale. Die Forscher konzentrierten sich auf die ersten 90 Schlafminuten und fanden: Die erste Tiefschlafphase der Nacht ist in der linken Gehirnhälfte weniger ausgeprägt, der Schlaf weniger erholsam. Wie ein Nachtwächter befinden sich einige Gehirnregionen auf der linken Seite in ständiger Bereitschaft. Das brachte unseren Vorfahren einen überlebenswichtigen Vorteil. Sie konnten auch im Schlaf heranschleichende Raubtiere wahrnehmen, schnell aufwachen und weglaufen.

Die Plastizität des Gehirns

Unser Gehirn ist keine starre Struktur, sondern kann sich im Laufe des Lebens verändern, um besser für verschiedene Aufgaben gerüstet zu sein. Die Funktion des Gehirns beeinflusst die Gehirn-Architektur, welche wiederum die Funktion beeinflusst.

Man weiß, dass sich das Gehirn von split brain Patienten an diesen Sonderzustand anpassen kann. Ein Patient lernte nach 13 Jahren auch mit der rechten Hemisphäre zu sprechen und Gegenstände zu benennen. Sehr wahrscheinlich hat sein Gehirn neue Wege geformt und andere, kleinere, nicht durchtrennte Kommissuren als Brücke genutzt, um Informationen zum Sprachzentrum zu senden. Bei Kindern ist diese Eigenschaft der Plastizität noch stärker ausgeprägt. Es kommen Kinder auf die Welt, die von Geburt an keinen Corpus callosum besitzen. Jedoch lernen diese schon früh andere Brücken zu nutzen und der Effekt des split brain kann bei ihnen nur vermindert oder überhaupt nicht mehr beobachtet werden.

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