Christoph Kleinschnitz: Fortschritte in der Multiplen Sklerose Forschung

Einführung

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die vor allem junge Erwachsene betrifft. In Deutschland sind schätzungsweise 140.000 Menschen betroffen. Die Erkrankung verläuft typischerweise in Schüben, die mit vielfältigen Symptomen wie Sehstörungen, Lähmungen und Gleichgewichtsstörungen einhergehen können und langfristig zu Behinderungen führen können. Die Forschung zu MS hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, insbesondere im Verständnis der Krankheitsmechanismen und der Entwicklung neuer Therapieansätze. Ein wichtiger Name in diesem Forschungsfeld ist Prof. Dr. med. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen.

Die Rolle von Christoph Kleinschnitz in der MS-Forschung

Prof. Kleinschnitz hat sich intensiv mit den Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der MS auseinandergesetzt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der neurovaskulären und neuroimmunologischen Erkrankungen, zu denen auch die MS gehört. Er hat über 500 wissenschaftliche Artikel veröffentlicht und ca. 10 Mio. € Forschungsgelder eingeworben. Seine Arbeiten wurden vielfach prämiert, u.a. mit dem Heinrich-Pette Preis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 2011 oder der Auszeichnung „Deutschlands Nachwuchswissenschaftler des Jahres“ 2008 (academics/DIE ZEIT).

Zusammenhang zwischen Blutgerinnung und MS

Ein wichtiger Durchbruch in der MS-Forschung gelang Prof. Kleinschnitz und seinem Team durch den Nachweis eines Zusammenhangs zwischen dem Blutgerinnungssystem und der Entstehung von MS. Die Forscher entdeckten, dass der Blutgerinnungsfaktor XII (FXII) eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Erkrankung spielt.

Entdeckung des Faktors XII (FXII)

Prof. Kleinschnitz erklärt: „Bei der MS greift das Immunsystem den eigenen Körper an und zerstört bestimmte Bestandteile der Nervenhüllen in Gehirn und Rückenmark. Wir konnten jetzt als Erste zeigen, dass ein bestimmter Bestandteil des Blutgerinnungssystems, der Blutgerinnungsfaktor XII (FXII), für die MS-Entstehung mitverantwortlich ist. Das ist völlig neu.“

Die Forscher hatten FXII bereits im Zusammenhang mit der Gerinnselbildung im Gehirn nach einem Schlaganfall untersucht. Dass dieser Faktor auch bei Autoimmunerkrankungen wie MS relevant ist, überraschte das Team. Sie konnten zeigen, dass der FXII-Spiegel im Blut von MS-Patienten während eines akuten Krankheitsschubes besonders hoch ist. In Versuchen mit MS-kranken Mäusen, denen das FXII-Gen fehlte, entwickelten sich deutlich weniger neurologische Ausfallsymptome. Zudem wurde festgestellt, dass FXII das Immunsystem bei MS über bestimmte Antigen-präsentierende Zellen, die dendritischen Zellen, aktiviert.

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FXII als potenzieller Biomarker für MS-Schübe

Die Erkenntnisse über die Rolle von FXII könnten auch diagnostische Bedeutung haben. Prof. Kleinschnitz äußerte die Idee, die FXII-Level von MS-Patienten als Biomarker für Schübe zu nutzen, da diese während eines Schubes erhöht sind. Er erklärte gegenüber der AMSEL-Onlineredaktion, dass die FXII-Level auch ein denkbares Diagnosewerkzeug darstellen könnten. „Gemäß den uns bisher vorliegenden Daten ist es durchaus vorstellbar, FXII Spiegel im Blut als Biomarker für MS Schübe oder in Abgrenzung zu anderen neurologischen Erkrankungen zu verwenden. Natürlich wären vorher noch Untersuchungen an einer größeren Anzahl an Blutproben notwendig.“

Therapeutische Ansätze durch Hemmung von FXII

Ein weiterer vielversprechender Ansatz ist die therapeutische Hemmung von FXII. Im Tiermodell konnte Prof. Kleinschnitz zeigen, dass die Blockade von FXII mittels einer neuartigen Substanz namens Infestin-4, die ursprünglich aus einer blutsaugenden Raubwanze gewonnen wurde, wirksam ist. Die Blockade des FXII mittels Infestin-4 war auch dann noch wirksam, wenn die neurologischen Symptome bereits ausgebrochen waren. Dies eröffnet neue Perspektiven für die MS-Therapie. Gemeinsam mit der entwickelnden Firma werden nun weitere Tests mit Infestin-4 folgen.

Gerinnungsfaktoren als Zielstrukturen für MS-Therapien

Die Forschungsgruppe um Prof. Kleinschnitz konnte zeigen, dass nicht nur der Faktor XII, sondern auch andere Gerinnungsfaktoren bei MS-Patienten erhöht sind. In einer Studie wurden die Spiegel verschiedener Gerinnungsfaktoren bei gesunden Menschen und Patienten mit neuroimmunologischen Erkrankungen verglichen. Dabei stellte sich heraus, dass an den Stellen, wo Entzündungsprozesse stattfinden, nicht nur der Faktor XII erhöht ist. Auch der Spiegel der beiden Gerinnungsfaktoren Prothrombin und FX ist im Blut von Patienten mit schubförmiger MS höher als bei Gesunden. Verläuft die MS jedoch primär progredient oder leiden Patienten an der Erkrankung Neuromyelitis optica, so sind die Gerinnungsfaktoren unauffällig.

Prof. Sven Meuth von der Universitätsklinik für Allgemeine Neurologie in Münster erläutert: „Unsere Untersuchung legt nahe, dass Gerinnungsfaktoren die Entzündungsprozesse bei neurologischen Krankheiten maßgeblich vorantreiben. Und dies macht sie zu idealen Zielen, die mögliche künftige Therapien aufgreifen könnten.“

Multiple Sklerose Register der DMSG

Prof. Kleinschnitz wurde in die wissenschaftliche Begleitgruppe des deutschlandweiten Multiple Sklerose Registers der DMSG, Bundesverband e.V. aufgenommen. Das MS-Register wurde im Jahr 2001 von der DMSG initiiert, um standardisierte Daten zur Prävalenz der MS und ihrer Unterformen, zur Versorgungssituation in Deutschland und zum Einfluss der Erkrankung auf die Berufs- und Arbeitswelt zu erhalten. Die wissenschaftliche Begleitgruppe unterstützt diese wichtige Arbeit sowohl inhaltlich als auch methodisch.

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Aktuelle Herausforderungen und zukünftige Perspektiven in der MS-Forschung

Trotz der großen Fortschritte in der MS-Forschung gibt es weiterhin Herausforderungen. Viele MS-Betroffene erleben lange Unsicherheiten bis zur Diagnose. Prof. Kleinschnitz betont die Bedeutung von Biomarkern in der Entwicklung, insbesondere Bluttests. Ein Test, der sogenannte Neurofilament-Test, ist bereits weit fortgeschritten. Neurofilamente sind Eiweißstoffe, die nur in Nervenzellen vorkommen. Wenn Nervenzellen im Gehirn beschädigt werden, wird dieses Eiweiß freigesetzt und kann im Blut nachgewiesen werden. Dieser Biomarker zeigt an, dass bei MS eine Entzündungsaktivität vorliegt oder wie gut jemand auf bestimmte Therapien anspricht. Der Test ersetzt jedoch nicht andere diagnostische Verfahren wie die Kernspintomographie oder die Untersuchung des Nervenwassers, da er nicht spezifisch für MS ist.

Die Rolle von Entzündungen bei MS

MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem körpereigene Strukturen im Gehirn und Rückenmark angreift. Entzündungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Das Ziel der Forschung ist es, diese Entzündungsprozesse zu kontrollieren. Die heutigen Medikamente richten sich gezielt gegen das Immunsystem und können entzündungsfördernde Zellen hemmen, zerstören oder daran hindern, ins Gehirn einzudringen.

Patient Empowerment und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Prof. Kleinschnitz betont die Bedeutung des „Patient Empowerment“. Viele Betroffene informieren sich intensiv über ihre Erkrankung. Ärzt:innen sollten dieses Wissen ernst nehmen, empathisch zuhören und offen für alle Symptome sein. Auch die Nebenwirkungen von Therapien müssen ernst genommen und abgeklärt werden. Ein sehr wichtiger Bereich ist die symptomatische Therapie, einschließlich Physiotherapie, Ergotherapie und psychologischer Unterstützung. Da MS-Patient:innen häufig weitere Autoimmunerkrankungen haben, ist die Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen enorm wichtig.

SPMS: Herausforderungen und Behandlungsoptionen

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der sekundär-progredienten Multiplen Sklerose (SPMS), die sich oft nach einer schubförmigen MS entwickelt. Bei der SPMS nimmt die entzündliche Aktivität ab, und Prozesse wie Neurodegeneration und axonaler Untergang treten in den Vordergrund. Klinisch zeigt sich dies oft in einer schleichenden Verschlechterung der Gehfähigkeit, zunehmender Fatigue, kognitiven Beeinträchtigungen oder Blasenfunktionsstörungen.

Auch im fortgeschrittenen Alter sollte eine Immuntherapie geprüft werden, insbesondere wenn noch entzündliche Aktivität nachweisbar ist. Medikamente wie Siponimod oder BTK-Inhibitoren können hier helfen, die Progression zu verlangsamen. Entscheidend ist, dass Ärzt:innen und Patient:innen gemeinsam prüfen, welche Therapie mit den geringsten Risiken und dem größten Nutzen einhergeht.

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Die Wirksamkeit der Immuntherapien hängt stark von der Entzündungsaktivität ab. Bei SPMS mit entzündlicher Aktivität zeigen Medikamente wie Siponimod nachweisbare Effekte. Bei reiner Progression ohne Entzündung sind BTK-Inhibitoren vielversprechend, allerdings mit noch begrenzter Wirksamkeit.

Neben neurologischen Untersuchungen spielen patientenberichtete Ergebnisse eine wichtige Rolle. Ergänzend können digitale Tools Daten zu Gehfähigkeit, Handfunktion und Aktivitätsniveaus liefern. Neurofilament-Leichtketten sind ein sensibler Marker für Nervenschäden und eignen sich besonders bei entzündlicher Aktivität.

Intensive Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie sind essenziell, um Fähigkeiten zu erhalten. Ergänzend helfen symptomatische Medikamente bei Spastik, Fatigue oder Blasenproblemen. Regelmäßige Rehabilitationsmaßnahmen sind unerlässlich, um langfristige Verbesserungen zu erzielen.

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