Vestibuläre Migräne und Amitriptylin: Ein umfassender Überblick

Vestibuläre Migräne (VM) ist eine Form der Migräne, die durch Schwindelattacken gekennzeichnet ist. Die Diagnose wird oft verzögert oder gar nicht gestellt, was zu unnötigem Leid der Betroffenen führt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der vestibulären Migräne, einschließlich der Diagnosekriterien, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten, mit besonderem Fokus auf die Rolle von Amitriptylin.

Was ist Vestibuläre Migräne?

Vestibuläre Migräne ist eine Erkrankung, die durch wiederholte Schwindelattacken in Verbindung mit Migränesymptomen gekennzeichnet ist. Der Schwindel kann als Drehschwindel, Schwankschwindel oder unspezifisches Gefühl von Desorientierung wahrgenommen werden. Die Dauer der Attacken variiert zwischen 5 Minuten und 72 Stunden. Viele Patienten mit VM erfüllen die gängigen Diagnosekriterien nicht vollständig, was die Diagnose erschwert.

Diagnosekriterien der Vestibulären Migräne

Die Diagnose der vestibulären Migräne basiert auf den Kriterien der Bárány-Gesellschaft und umfasst folgende Punkte:

  • A) Mindestens 5 Attacken mit vestibulären Symptomen von milder bis schwerer Intensität mit einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden.

  • B) Positive Anamnese für Migräne mit oder ohne Aura. Viele VM-Patienten erfüllen diese Diagnosekriterien nicht. Eine Eigen- oder Familienanamnese für Migräne sollte erfragt werden.

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  • C) Ein oder mehr Migränesymptome bei 50 % der Schwindelepisoden.

    • Kopfschmerz mit mindestens 2 Charakteristika:
      • Einseitiges Auftreten
      • Pulsierender Charakter
      • Mittlere bis schwere Schmerzintensität
      • Photophobie oder Phonophobie
    • Visuelle Aura
  • D) Symptomatik nicht besser durch andere Erkrankungen erklärbar.

Eine wahrscheinliche vestibuläre Migräne liegt vor, wenn mindestens 5 Attacken mit vestibulären Symptomen von milder bis schwerer Intensität mit einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden auftreten, aber nur eines der oben genannten Kriterien erfüllt ist.

Es ist wichtig zu beachten, dass rezidivierende Schwindelattacken mit einer Dauer von 30 Sekunden bis zu Tagen, auch ohne weitere begleitende Symptome, auf eine vestibuläre Migräne hindeuten können. Isolierte Schwindelattacken schließen die Diagnose nicht aus. Eine positive Migräneanamnese und Auren sind wichtige Hinweise.

Symptome der Vestibulären Migräne

Die Symptome der vestibulären Migräne sind vielfältig und können von Patient zu Patient variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Schwindel: Meist Drehschwindel, gelegentlich aber auch Bewegungsgefühl (Schwanken, Kippen).
  • Gang- oder Standunsicherheit.
  • Dauer: Zwischen 5 Minuten und 72 Stunden, selten mehrere Tage.
  • Isolierter Schwindel: Tritt häufig isoliert als einziges Symptom auf.
  • Kopfschmerzen: Treten meist ohne begleitende oder nachfolgende Kopfschmerzen auf. Bei begleitendem Kopfschmerz kann Schwindel Migräne vorausgehen, überlappend auftreten oder nachfolgen. Gelegentlich nur leichter Kopfdruck.
  • Lageabhängigkeit: Zunahme des Schwindels bei Änderung der Körperlage möglich (DD: Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel).
  • Begleitsymptome: Gangunsicherheit, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit.
  • Häufigkeit: Schwindelattacken können gelegentlich mehrfach pro Tag auftreten.
  • Visuell-induzierter Schwindel: Betrachtung sich bewegender Objekte.
  • Kopfbewegungsinduzierter Vertigo.
  • Sehstörungen: Gelegentlich Sehstörung in Form eines verschwommenen Sehens. Visuelle Auren sind häufig.
  • Hirnstammsymptome: Nystagmus, sakkadierte Blickfolge (auch im Intervall).

Migränesymptome können begleitend zum Schwindel auftreten, sind aber nicht obligat.

Diagnostische Verfahren

Neben der Anamnese und der Erhebung der Symptome können verschiedene diagnostische Verfahren zur Abklärung der vestibulären Migräne eingesetzt werden:

  • Audio-vestibuläre Funktionstests: Normale Ergebnisse unterstützen die Diagnose.
  • Funktionsdiagnostik: Kann die Diagnose stützen.
  • Video-Kopfimpulstest (V-KIT): Untersucht die Funktion des Gleichgewichtsorgans.
  • Vestibulookulärer Reflex (VOR): Untersuchung auffälliger Augenbewegungen.
  • cVEMPs (cervical Vestibular Evoked Myogenic Potentials): Können bei der Diagnose helfen.
  • Bildgebung: In der Regel unauffällig, kann aber zum Ausschluss anderer Ursachen durchgeführt werden.
  • Ausschluss anderer Erkrankungen: Wichtig, um andere Ursachen für den Schwindel auszuschließen.

Behandlung der Vestibulären Migräne

Die Behandlung der vestibulären Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlung umfasst sowohl Akuttherapie als auch Prophylaxe.

Akuttherapie

Die Akuttherapie zielt darauf ab, die Symptome während einer akuten Attacke zu lindern. Hierzu können folgende Medikamente eingesetzt werden:

  • Triptane: Sollten bei Migräne mit Aura erst nach Abklingen der Auraphase eingenommen werden.
  • Schmerzmittel: NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) und Paracetamol. Eine Kombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein kann besonders wirksam sein.
  • Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen, z.B. mit den Wirkstoffen Domperidon oder Metoclopramid. Können bereits während der Auraphase eingenommen werden.
  • Dimenhydrinat: Rezeptfrei erhältlich, wirkt zusätzlich leicht müde machend.
  • Kortison: In der Notfallsituation intravenös oder als Tablette (Prednisolon 50 bis 100 mg).

Prophylaxe

Die Prophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren. Hierzu können folgende Medikamente eingesetzt werden:

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  • Betablocker:
  • Flunarizin:
  • Valproat:
  • Topiramat:
  • Amitriptylin:
  • Pestwurz:
  • Magnesium:
  • Acetylsalicylsäure:
  • Naproxen:
  • Riboflavin (Vitamin B2):
  • CGRP-Antikörper: Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab werden als Injektion verabreicht.
  • Botulinumtoxin (Botox): Wird um die Schmerzfasern gespritzt und reduziert die Muskelkontraktionen.

Amitriptylin in der Prophylaxe der Vestibulären Migräne

Amitriptylin ist ein trizyklisches Antidepressivum, das häufig zur Prophylaxe von Migräne eingesetzt wird, einschließlich der vestibulären Migräne. Es wirkt, indem es die Wirkung von stimmungsaufhellend wirkenden Botenstoffen im Gehirn erhöht.

Dosierung und Anwendung:

Die Dosierung von Amitriptylin wird in der Regel langsam von Ihrem Arzt erhöht und auf eine für Sie passende Erhaltungsdosis eingestellt. Es stehen Arzneimittel mit verschiedenen Wirkstoffstärken zur Verfügung. Die Anwendungsdauer richtet sich nach Art der Beschwerde und/oder Dauer der Erkrankung und wird deshalb nur von Ihrem Arzt bestimmt.

Wichtige Hinweise:

  • Vorsicht ist geboten bei der Teilnahme am Straßenverkehr oder der Bedienung von Maschinen, da das Reaktionsvermögen beeinträchtigt sein kann.
  • Die Einnahme von Alkohol sollte vermieden werden.
  • Patienten mit Engwinkelglaukom haben ein erhöhtes Risiko.
  • Die Behandlung sollte langsam, mit einem schrittweisen Ausschleichen der Dosis, beendet werden.
  • Es kann zu Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln kommen.

Gegenanzeigen:

Amitriptylin darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen die Inhaltsstoffe
  • Herzerkrankungen, wie Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen
  • Schwere Lebererkrankung

Nebenwirkungen:

Zu den möglichen Nebenwirkungen von Amitriptylin gehören:

  • Magen-Darm-Beschwerden, wie Verstopfung, Mundtrockenheit, Übelkeit, Erbrechen
  • Gewichtszunahme
  • Schwindel, Benommenheit, Müdigkeit
  • Zittern, Sprachstörungen
  • Sehstörungen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Störungen beim Wasserlassen
  • Veränderungen des Blutbildes
  • Störungen der Sexualfunktion

Weitere Behandlungsmöglichkeiten

Neben der medikamentösen Therapie gibt es weitere Behandlungsmöglichkeiten, die bei vestibulärer Migräne in Betracht gezogen werden können:

  • Vestibuläre Rehabilitation: Spezielles Gleichgewichtstraining, das das Gehirn dazu anregt, schwindelerregende Auslöser als akzeptabel zu erkennen.
  • Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson.
  • Verhaltensänderungen: Regelmäßiger Schlaf-/Wach-Rhythmus, ausreichend Flüssigkeit, regelmäßige Mahlzeiten.
  • Vermeidung von Triggern: Bestimmte Lebensmittel, Schlafmangel, Stress, Flüssigkeitsmangel, Wetterwechsel.
  • Kopfschmerztagebuch: Zur Identifizierung von Auslösern und zur Dokumentation des Verlaufs.

Behandlung des Status migraenosus

Ein Status migraenosus liegt vor, wenn eine Migräneattacke länger als 72 Stunden anhält. In diesem Fall ist es wichtig, auf Schmerzmittel und Triptane zu verzichten, da diese die Attacke verlängern können. Stattdessen können Medikamente gegen Übelkeit, sedierende Neuroleptika oder trizyklische Antidepressiva eingesetzt werden. In manchen Fällen kann auch Kortison helfen, die Entzündung an den Blutgefäßen der Hirnhäute zu blockieren.

Vestibuläre Migräne bei Kindern

Knapp fünf Prozent der Kinder leiden unter Migräne. Bei ihnen verläuft die Krankheit oft anders als bei Erwachsenen. Oft dauert ein Anfall nur zwei Stunden, gelegentlich aber auch zwei Tage. Die Behandlung der kindlichen Migräne ist schwierig, da viele Medikamente für Kinder nicht geeignet sind. Die DMKG empfiehlt Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure (ab zwölf Jahren). Ärzte empfehlen, bei Kindern möglichst auf Medikamente zu verzichten und vor allem mit Entspannungsmethoden gegen die Migräne anzugehen.

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