Die vestibuläre Migräne, auch Schwindelmigräne genannt, ist eine spezielle Form der Migräne, bei der Schwindel und Gleichgewichtsstörungen im Vordergrund stehen. Diese Symptome können isoliert oder in Kombination mit den typischen Kopfschmerzen einer Migräne auftreten, was die Diagnose erschwert. Die Erkrankung betrifft schätzungsweise ein Prozent der Bevölkerung und kommt bei Frauen häufiger vor als bei Männern.
Einführung
Die vestibuläre Migräne ist eine episodische Migräneform, die durch Schwindelattacken gekennzeichnet ist, welche das Vestibularorgan im Innenohr betreffen. Früher wurde sie auch als Migräne-assoziierter Schwindel oder migränöser Schwindel bezeichnet. Die Symptome können denen anderer Innenohrerkrankungen ähneln, was die Diagnose zusätzlich erschwert.
Symptome der vestibulären Migräne
Das Hauptsymptom der vestibulären Migräne ist Schwindel, der sich in verschiedenen Formen äußern kann:
- Drehschwindel: Das Gefühl, sich auf einem Karussell zu befinden.
- Lageabhängiger Schwindel: Die Symptomstärke hängt von der Kopfposition ab.
- Kopfbewegungsintoleranz: Seekrankheitsgefühl bei Kopfbewegungen.
- Visuell-induzierter Schwindel: Auslösung durch bewegte oder komplexe Muster.
Die Dauer einer Schwindelattacke kann von wenigen Sekunden bis zu mehreren Tagen variieren. Weitere Symptome, die das Beschwerdebild ergänzen, sind:
- Oszillopsien: Scheinbewegungen der Umwelt.
- Übelkeit und Erbrechen.
- Gangunsicherheit: Gleichgewichtsstörungen aufgrund der Beteiligung des Vestibularorgans.
- Migräne-Symptome: Kopfschmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, häufiges Wasserlassen.
- Auditive Symptome: Hörminderung, Tinnitus oder Ohrendruck (ohne Verschlimmerung im Laufe der Zeit).
Ursachen der vestibulären Migräne
Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Faktoren eine Rolle spielt. Zu den bekannten Auslösern (Triggern) gehören:
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- Stress
- Gestörter Schlafrhythmus (Schlafmangel oder Schlafüberschuss)
- Lebensmittel: Rotwein, Käse, dunkle Schokolade, Geschmacksverstärker wie Glutamat
- Hormonelle Schwankungen: Menstruation, Schwangerschaft, Wechseljahre, Einnahme der Anti-Baby-Pille
- Wetterveränderungen
- Licht- oder Geräuschreize
- Bestimmte Gerüche
Diagnose der vestibulären Migräne
Die Diagnose der vestibulären Migräne kann eine Herausforderung darstellen, da die Symptome vielfältig sind und sich mit anderen Erkrankungen überschneiden können. Die internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) und die Bárány-Society haben Diagnosekriterien veröffentlicht, um Ärzten eine Hilfestellung zu geben. Zu den wichtigsten Kriterien gehören:
- Mindestens fünf Attacken mit vestibulären Symptomen, die zwischen 5 Minuten und 72 Stunden dauern.
- Eine bestehende oder frühere Migräne-Diagnose (mit oder ohne Aura).
- Mindestens 50 % der Schwindelattacken treten zusammen mit Migräne-Symptomen auf (z.B. Kopfschmerzen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit, Aura).
- Ausschluss anderer Erkrankungen, die die Symptome erklären könnten (z.B. Morbus Menière, transitorisch ischämische Attacken, Vestibularisparoxysmie, benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel).
Zusätzlich zur Anamnese und den Diagnosekriterien können verschiedene Tests durchgeführt werden, um die Funktion des Gleichgewichtsorgans zu überprüfen, wie z.B. die Videonystagmografie (VNG).
Differentialdiagnosen
Es ist wichtig, die vestibuläre Migräne von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Symptome verursachen können:
- Morbus Menière: Hier treten zusätzlich zu Schwindel auch Hörverlust, Tinnitus und Ohrendruck auf. Im Gegensatz zur vestibulären Migräne verschlimmern sich diese Symptome im Laufe der Zeit.
- Transitorisch ischämische Attacken (TIAs): Diese betreffen meist ältere Patienten und verursachen Symptome wie Sprachschwierigkeiten, Verwirrtheit, Sehverlust, Schwindel und Gleichgewichtsverlust, die nur wenige Minuten bis Stunden andauern.
- Vestibularisparoxysmie: Hier kommt es zu sehr kurzen Schwindelattacken (Sekunden), die bis zu 100-mal am Tag auftreten können.
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Dieser Schwindel tritt nur bei bestimmten Kopfbewegungen auf (z.B. Aufstehen, Hinlegen) und verschwindet, sobald die Bewegung beendet ist.
- Psychogener Schwindel: Dieser Schwindel ist oft mit Angststörungen verbunden und tritt in bestimmten Situationen auf (z.B. bei pessimistischen Gedanken, Angst, Herzrasen).
- Orthostatische Hypotonie: Hier sinkt der Blutdruck beim Aufstehen, was zu Schwindel und Sehstörungen führen kann.
Behandlung der vestibulären Migräne
Die Behandlung der vestibulären Migräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren. Sie umfasst sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze.
Nicht-medikamentöse Behandlung
Ein gesunder Lebensstil ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung:
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- Vermeidung von Triggern: Identifizieren und vermeiden Sie individuelle Auslöser wie Stress, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel oder Reize.
- Regelmäßiger Schlafrhythmus: Achten Sie auf ausreichend und regelmäßigen Schlaf.
- Ausgewogene Ernährung: Ernähren Sie sich gesund und ausgewogen.
- Genügend Flüssigkeit: Trinken Sie ausreichend Wasser.
- Regelmäßige Bewegung: Treiben Sie regelmäßig Sport, idealerweise Ausdauersportarten wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren.
- Stressmanagement: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Meditation.
- Gleichgewichtstraining: Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts können die Sicherheit im Alltag erhöhen.
Medikamentöse Behandlung
Die medikamentöse Behandlung kann in zwei Bereiche unterteilt werden: Akuttherapie und Prophylaxe.
Akuttherapie
- Antiemetika: Medikamente wie Metoclopramid und Domperidon können Übelkeit und Erbrechen lindern.
- Analgetika: Klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen und ASS können bei Kopfschmerzen helfen.
- Triptane: Diese Medikamente sind speziell für die Behandlung von Migräne entwickelt und können auch bei vestibulärer Migräne wirksam sein, insbesondere wenn Kopfschmerzen ein Begleitsymptom sind. Dimenhydrinat kann bei akuten Attacken ebenfalls helfen.
Prophylaxe
Eine medikamentöse Prophylaxe kann in Betracht gezogen werden, wenn die Attacken häufig auftreten oder die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Folgende Medikamente können eingesetzt werden:
- Betablocker: Metoprolol
- Calciumkanalblocker: Flunarizin (blockiert Calciumkanäle im Innenohr und wirkt direkt am Vestibularorgan)
- Antidepressiva: Amitriptylin
- Antiepileptika: Topiramat
- CGRP-Antikörper: Können bei hohem Leidensdruck eingesetzt werden.
- Gepante: Eine neue Wirkstoffklasse, die einen Rezeptor im Gehirn blockiert, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
- Carboanhydrasehemmer: Acetazolamid und Diclofenamid können ebenfalls gute Ergebnisse erzielen.
Es ist wichtig, die Medikamente regelmäßig mit dem behandelnden Arzt zu besprechen, um die Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen zu überwachen.
Krankheitsverlauf und Prognose
Die vestibuläre Migräne ist eine chronische Erkrankung, die in der Regel nicht heilbar ist. Mit geeigneten Behandlungsstrategien lässt sich die Häufigkeit und Intensität der Attacken jedoch oft deutlich reduzieren. Viele Betroffene lernen, ihre individuellen Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden oder Strategien zu entwickeln, um mit den Symptomen umzugehen. In manchen Fällen kann es zu einer Spontanremission kommen, aber die meisten Patienten erleben immer wieder Migräne-Anfälle. Bei Frauen können sich die Symptome in den Wechseljahren verändern, wobei die Kopfschmerzen oft nachlassen und der Schwindel stärker in den Vordergrund tritt.
Vestibuläre Migräne bei Kindern
Auch Kinder können von vestibulärer Migräne betroffen sein. Tatsächlich leiden Kinder häufiger unter vestibulärer Migräne als unter gewöhnlicher Migräne. Bei Kindern äußert sich die vestibuläre Migräne oft durch Schwindelattacken in Form von Schwankschwindel oder Lagerungsschwindel. Eltern sollten bei häufigen Kopfschmerzen oder Schwindelattacken ihres Kindes einen Arzt aufsuchen, um die Ursache abklären zu lassen.
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