Die vestibuläre Migräne ist eine spezielle Form der Migräne, die sich durch Schwindelattacken in Kombination mit Migränesymptomen auszeichnet. Sie wird oft als "Chamäleon unter den Schwindelformen" bezeichnet, da der Schwindel auch ohne Kopfschmerzen auftreten kann, was die Diagnose erschwert. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der vestibulären Migräne, um Betroffenen und Interessierten ein umfassendes Verständnis dieser Erkrankung zu ermöglichen.
Was ist vestibuläre Migräne?
Die vestibuläre Migräne ist eine episodische Migräneform, bei der das Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan) im Innenohr betroffen ist. Sie äußert sich durch Schwindelattacken, die von Migränesymptomen begleitet sein können, aber nicht müssen. Frühere Bezeichnungen waren Migräne-assoziierter Schwindel, migränebedingte Vestibulopathie und migränöser Schwindel.
Prävalenz und Betroffene
Die vestibuläre Migräne betrifft etwa ein Prozent der mitteleuropäischen, erwachsenen Bevölkerung. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die Erkrankung kann in jeder Altersgruppe auftreten. In spezialisierten Ambulanzen machen Patienten mit vestibulärer Migräne einen Anteil von 7 bis 9% aus. Mindestens 1% der Normalbevölkerung erlebt mindestens einmal im Leben eine vestibuläre Migräne.
Ursachen der vestibulären Migräne
Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Faktoren eine Rolle spielt. Zu den bekannten Triggern gehören:
- Stress: Psychischer oder körperlicher Stress kann Migräneattacken auslösen.
- Schlafmangel oder -überschuss: Ein unregelmäßiger Schlafrhythmus kann die Entstehung von Migräne begünstigen.
- Hormonelle Veränderungen: Insbesondere bei Frauen können hormonelle Schwankungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, Schwangerschaft oder Wechseljahren Migräneattacken auslösen.
- Bestimmte Nahrungsmittel: Einige Lebensmittel wie Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol oder Lebensmittel mit Geschmacksverstärkern wie Glutamat können Migräneattacken triggern.
- Licht- oder Geräuschreize: Helles Licht, laute Geräusche oder bestimmte Gerüche können Migräne auslösen.
- Wetterveränderungen: Wetterfühlige Menschen können auf Veränderungen der Witterungsverhältnisse mit Migräneattacken reagieren.
Symptome der vestibulären Migräne
Das Hauptsymptom der vestibulären Migräne ist Schwindel. Dieser kann sich in verschiedenen Formen äußern:
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- Drehschwindel: Das Gefühl, sich im Kreis zu drehen oder von der Umgebung gedreht zu werden.
- Schwankschwindel: Das Gefühl, unsicher auf den Beinen zu sein oder zu schwanken.
- Lageabhängiger Schwindel: Der Schwindel tritt oder verstärkt sich bei bestimmten Kopfpositionen oder -bewegungen.
- Kopfbewegungsintoleranz: Schwindelgefühl bei Kopfbewegungen, ähnlich der Seekrankheit.
- Visuell-induzierter Schwindel: Schwindel, der durch das Betrachten sich bewegender Objekte oder komplexer Muster ausgelöst wird.
Weitere Symptome, die bei der vestibulären Migräne auftreten können, sind:
- Migränekopfschmerzen: Einseitige, pulsierende Kopfschmerzen von mittlerer bis starker Intensität.
- Begleitende Migränesymptome: Lichtempfindlichkeit (Photophobie), Geräuschempfindlichkeit (Phonophobie), Übelkeit, Erbrechen.
- Oszillopsien: Scheinbewegungen der Umwelt.
- Gangunsicherheit: Schwierigkeiten beim Gehen und Stehen aufgrund von Gleichgewichtsstörungen.
- Auditive Symptome: Hörminderung, Tinnitus (Ohrgeräusche), Ohrendruck.
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, visuelle Auren (z.B. Flimmern, Lichtblitze).
- Hirnstammsymptome: Nystagmus (unwillkürliche Augenbewegungen), sakkadierte Blickfolge.
Die Dauer der Schwindelattacken kann zwischen wenigen Sekunden und 72 Stunden liegen. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen halten die Attacken Stunden bis Tage an. Die Symptomatik kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein.
Diagnose der vestibulären Migräne
Die Diagnose der vestibulären Migräne kann schwierig sein, da die Symptome vielfältig sind und auch auf andere Erkrankungen hinweisen können. Die Diagnose basiert in der Regel auf den Kriterien der Bárány-Society und der International Headache Society (IHS).
Diagnosekriterien der Bárány-Society:
A) Mindestens 5 Attacken mit vestibulären Symptomen von milder bis schwerer Intensität mit einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden.
B) Positive Anamnese für Migräne mit oder ohne Aura.
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C) Ein oder mehr Migränesymptome bei 50% der Schwindelepisoden, wie:
- Kopfschmerz mit mindestens 2 der folgenden Charakteristika:
- Einseitiges Auftreten
- Pulsierender Charakter
- Mittlere bis schwere Schmerzintensität
- Verstärkung durch körperliche Aktivität
- Photophobie oder Phonophobie
- Visuelle Aura
D) Die Symptomatik ist nicht besser durch andere Erkrankungen erklärbar.
Wahrscheinliche vestibuläre Migräne:
- Mindestens 5 Attacken mit vestibulären Symptomen von milder bis schwerer Intensität mit einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden.
- Nur eines der oben genannten Kriterien erfüllt.
Zusätzliche Hinweise für die Diagnose:
- Rezidivierende Schwindelattacken mit einer Dauer von 30 Sekunden bis Tagen.
- Positive Migräneanamnese, Auren.
- Spontannystagmus, lageabhängiger Nystagmus möglich.
Differentialdiagnosen:
Es ist wichtig, andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen, wie z.B.:
- Morbus Menière
- Transitorisch ischämische Attacken (TIAs)
- Vestibularisparoxysmie
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS)
- Psychogener Schwindel
- Orthostatische Hypotonie
- Basilarismigräne
Untersuchungen:
- Videonystagmografie (VNG): Messung der Augenbewegungen zur Beurteilung der Funktion des Gleichgewichtsorgans.
- Audiometrie: Hörtest zur Abklärung von Hörstörungen.
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der neurologischen Funktionen.
- Bildgebung des Gehirns (MRT): In einigen Fällen zur Abklärung anderer Ursachen für die Beschwerden.
Behandlung der vestibulären Migräne
Die Behandlung der vestibulären Migräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren. Die Behandlung kann sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze umfassen.
Nicht-medikamentöse Behandlung
- Gesunde Lebensführung:
- Regelmäßiger Schlafrhythmus: Ausreichend Schlaf und regelmäßige Schlafzeiten sind wichtig.
- Ausgewogene Ernährung: Vermeiden von Trigger-Nahrungsmitteln und ausreichende Flüssigkeitszufuhr.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Meditation können helfen, Stress abzubauen.
- Regelmäßige Bewegung: Ausdauersportarten wie Joggen, Schwimmen oder Fahrradfahren können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Vermeidung von Triggern: Identifizieren und Vermeiden von individuellen Auslösern wie bestimmte Lebensmittel, Gerüche oder Lichtreize.
- Gleichgewichtstraining: Spezielle Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts können die Symptome lindern und die Sicherheit im Alltag erhöhen.
- Psychotherapie: Eine Verhaltenstherapie kann helfen, mit der Erkrankung besser umzugehen und Stressoren zu identifizieren und zu bewältigen.
Medikamentöse Behandlung
- Akutbehandlung:
- Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen, wie Metoclopramid oder Domperidon.
- Analgetika: Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure (ASS) zur Linderung von Kopfschmerzen.
- Triptane: Spezifische Migränemittel, die bei mittelschweren bis schweren Migräneattacken eingesetzt werden können. Triptane sollten jedoch erst nach Abklingen der Aura und beim beginnenden Migränekopfschmerz angewandt werden.
- Prophylaktische Behandlung:
- Betablocker: Medikamente wie Metoprolol oder Propranolol können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Calciumkanalblocker: Flunarizin ist ein Calciumkanalblocker, der speziell zur Behandlung von Schwindel zugelassen ist.
- Antidepressiva: Amitriptylin ist ein Antidepressivum, das auch zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden kann.
- Antiepileptika: Topiramat und Valproat sind Antiepileptika, die ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden können.
- CGRP-Antikörper: Eine neuere Klasse von Medikamenten, die den Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Signalweg blockieren und zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- Gepante: Blockieren im Gehirn einen Rezeptor, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
- Magnesium: Bei nachgewiesenem Magnesiummangel kann die Einnahme von Magnesium die Symptome lindern.
- Riboflavin (Vitamin B2): Kann in höheren Dosen prophylaktisch wirken.
- Pestwurz: Pflanzliches Mittel, das in einigen Fällen zur Migräneprophylaxe eingesetzt wird.
Die Wahl der Medikamente hängt von der individuellen Situation des Patienten ab, einschließlich der Häufigkeit und Schwere der Attacken, Begleiterkrankungen und möglichen Nebenwirkungen.
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Medikamentöse Prophylaxe
Eine medikamentöse Prophylaxe ist sinnvoll, wenn:
- Die bisherige Behandlung der Migräneattacken zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt hat.
- Mehr als drei Migräneanfälle pro Monat auftreten.
- Keine oder kaum Verträglichkeit für die Medikamente gegen Migräne besteht.
- Die Migräne das alltägliche Leben stark einschränkt.
- Es nach einer Migräne zu neurologischen Migränekomplikationen und Störungen kommt, die mehr als sieben Tage andauern.
Natürliche Arzneimittel
Auch natürliche Arzneimittel können bei der Behandlung unterstützen.
Krankheitsverlauf und Prognose
Die Symptome der vestibulären Migräne dauern zwischen fünf Minuten und 72 Stunden. Die Beschwerden klingen bis zum nächsten Migräne-Anfall komplett ab und halten nie länger als drei aufeinanderfolgende Tage an. Mithilfe von geeigneten Prophylaxe-Maßnahmen lassen sich die Migräne-Tage meistens um etwa die Hälfte reduzieren. Trotzdem kommt es immer wieder zu episodischen Migräne-Anfällen, das lässt sich kaum vermeiden. Vielen Betroffenen gelingt es aber, ihre individuellen Auslöser (Trigger) aufzudecken und oft auch zu vermeiden, oder sie finden einen Weg, um mit den Symptomen umzugehen. Vestibuläre Migräne ist nicht heilbar. Dennoch gibt es immer wieder Fälle, bei denen es zu einer Spontanremission kommt. Viele Patientinnen und Patienten haben jedoch immer wieder Migräne-Anfälle. Kommen Migränepatientinnen in die Wechseljahre, lassen die Kopfschmerzen oft nach und der Schwindel tritt alleine auf.
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