Einführung
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu vielfältigen neurologischen Beeinträchtigungen führen kann. Vibrationstraining, insbesondere mit Vibrationsplatten, wird als eine mögliche ergänzende Therapieform zur Verbesserung verschiedener motorischer und funktioneller Fähigkeiten bei MS-Patienten diskutiert. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zum Thema Vibrationstraining bei MS, um einen Überblick über mögliche Effekte und Anwendungsbereiche zu geben.
Grundlagen des Vibrationstrainings
Beim Vibrationstraining werden mechanische Schwingungen auf den Körper übertragen. Diese Schwingungen können reflektorische Muskelkontraktionen auslösen und somit zu einer Steigerung der Muskelkraft, der neuromuskulären Kontrolle und der Knochendichte führen. Es gibt verschiedene Arten von Vibrationsplatten, die sich in Frequenz, Amplitude und Art der Vibration (vertikal, seitenalternierend) unterscheiden.
Studienlage zum Vibrationstraining bei MS
Pilotstudie der Universität Freiburg
Eine Pilotstudie der Universität Freiburg untersuchte die Auswirkungen von Ganzkörpervibrationstraining auf die Körperhaltungskontrolle bei MS-Patienten. Freiburger Wissenschaftler untersuchten die Leistungsfähigkeit von Patienten mit Multipler Sklerose (MS) bei ihrer Körperhaltung mit einem Training mit Ganzkörpervibration. Von anfänglich 29 möglichen Teilnehmern konnten schließlich 15 Patienten mit schwerer MS in die Studie aufgenommen werden. Die Wissenschaftler untersuchten die Leistungsfähigkeit der Patienten bei ihrer Körperhaltung vor und nach 6 Wochen einer Kontroll- bzw. einer Behandlungsphase mit Ganzkörper-Vibrationstraining. Anhand der Druckverlagerungen auf einer Trainingsplatte sowie der Aktivität verschiedener Muskeln ermittelten die Forscher, wie sich die Körperhaltung und Stabilität des Körpers nach Kontroll- und Trainingsphase unterschied. Im Anschluss an eine Kontrollphase baute die Körperhaltungskontrolle der Patienten mit MS deutlich ab. Nach der Kontrollphase zeigten die Maße für Druckverlagerungen deutliche Anzeichen für instabilere Körperhaltung und damit mehr Problemen mit der neuromuskulären Kontrolle. Die Behandlungsphase mit Ganzkörpervibration führte dagegen nicht zu solchen Verschlechterungen aufgrund der Erkrankung. Die Behandlungsphase mit der Ganzkörpervibration nahm dagegen die Instabilität nicht weiter zu, nach den Messungen zu urteilen. Druckverlagerungen und neuromuskuläre Kontrolle blieben vergleichbar zur Messung vor Beginn der Behandlungsphase. Über die Zeit sank allerdings die Aktivität des Fußhebermuskels (Musculus tibialis anterior).Im Anschluss an die Kontrollphase die Körperhaltungskontrolle der Patienten mit MS deutlich abgebaut hatte. Die Wissenschaftler fassten zusammen, dass die Behandlungsphase mit Ganzkörpervibration führte dagegen nicht zu solchen Verschlechterungen aufgrund der Erkrankung.
Weitere Studien und Forschungsprojekte
Neben der Freiburger Studie gibt es weitere Forschungsansätze, die sich mit dem Einsatz von Vibrationstraining bei MS beschäftigen. Ein Forschungsprojekt an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg untersucht die Erfassung neurophysiologischer Kenngrößen der Bewegungssteuerung bei Multiple Sklerose Patienten. Diese umfassen sowohl die neuronale Ansteuerung über das Zentrale Nervensystem, als auch die motorische Ausführung durch die Muskulatur während unterschiedlicher Bewegungsaufgaben. Ziel der vorliegenden Studie ist die Evaluation, ob neuromuskuläre und funktionelle Korrelate der Bewegungssteuerung durch spannungsbasierte Elektromyographie (EMG) bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen erfasst werden können. Hierfür wird die zentralnervöse Ansteuerung und die motorische Antwort bei Patienten mit Multipler Sklerose bei variierenden Bewegungs- und Gleichgewichtsaufgaben untersucht. Mittels EMG, Peripherer Nervstimulation und Methoden der Kinetik werden die Muskelantwort ausgewählter Muskelgruppen der unteren Extremität, die spinale Erregbarkeit sowie die Mobilität, feinmotorische Genauigkeit und individuelle Wahrnehmung der Kontrolle aufgezeichnet. Sekundär wird zudem getestet, ob ebenfalls eine Modulation der neuromuskulären Ansteuerung durch die spannungsbasierte EMG erfasst werden kann. Beidbeiniger Stand auf einer Vibrationsplatte, welche vertikal seitalternierend wirkt (Frequenz ca. 30 Hz, Amplitude ca.
Erfassung neuromuskulärer Aktivierungsmustern (Dysbalancen) mithilfe spannungsbasierter Elektromyographie.
- Zielgröße: Muskuläre Aktivierung, Spinale Erregbarkeit.
- Erfassung der Modulation von neuromuskulären Aktivierungsmustern (Dysbalancen) mithilfe spannungsbasierter Elektromyographie.
- Zielgröße: Muskuläre Aktivierung, spinale Erregbarkeit.
- Messverfahren: Spannungsbasiertes EMG in unterschiedlichen Bedingungen der Bewegungskontrolle, Periphere Nervstimulation.
Die Aufzeichnung von Muskelaktivität bei Bewegung gewinnt zunehmend auch in klinischen Settings an Bedeutung, um muskuläre Dysbalancen und Defizite bei neurologisch erkrankten Patienten aufzuzeichnen. Durch Ganzkörpervibration können über hochfrequente Schwingungen der Unterstützungsfläche kurzfristig Reflexe ausgelöst werden, welche ein intensives Training ermöglichen. Im Anschluss an Vibration wird hingegen die Reflexaktivität im Vergleich zur Ausgangslage reduziert. Zusammengefasst wird die Hypothese formuliert, dass mithilfe der spannungsbasierten EMGs muskuläre Besonderheiten der Bewegungskontrolle bei Patienten mit MS erfasst werden können.
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Ergebnisse und Limitationen bisheriger Studien
Die Ergebnisse der einzelnen Studien weichen teilweise voneinander ab. Einige Studien deuten darauf hin, dass Vibrationstraining die Muskelkraft, die Balance und die Gehfähigkeit bei MS-Patienten verbessern kann. Andere Studien zeigen keine signifikanten Effekte. Es ist wichtig zu beachten, dass die meisten Studien eine geringe Teilnehmerzahl aufweisen und unterschiedliche Trainingsprotokolle verwendet werden. Daher sind weitere, größere Studien mit standardisierten Protokollen erforderlich, um die Wirksamkeit von Vibrationstraining bei MS abschließend zu beurteilen.
Eine Übersichtsarbeit, die 14 Studien einschloss, untersuchte die Effektivität von Vibrationstherapie bei verschiedenen Erkrankungen. Die Ergebnisse der einzelnen Studien weichen teilweise voneinander ab. Die Qualität der Studien wurde anhand der PEDro-Skala bewertet. Die Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass die Körperhaltungskontrolle durch Vibrationstherapie verbessert werden kann. Die Ergebnisse hängen jedoch von der Zielstellung der Behandlung ab. Die Vibrationstherapie sollte aber nicht als alleinige Behandlungsmethode genutzt werden.
Mögliche Vorteile des Vibrationstrainings bei MS
Trotz derlimiterten Evidenzlage gibt es einige theoretische Überlegungen und erste Hinweise darauf, dass Vibrationstraining für MS-Patienten von Vorteil sein könnte:
- Verbesserung der Muskelkraft: Vibrationstraining kann die Muskelkraft in den Beinen erhöhen, was zu einer verbesserten Gehfähigkeit und Stabilität beitragen kann.
- Verbesserung der Balance: Die durch Vibrationen ausgelösten Muskelkontraktionen können dieBalance und die Körperhaltungskontrolle verbessern, was das Sturzrisiko verringern kann.
- Reduktion von Spastik: Einige Studien deuten darauf hin, dass Vibrationstraining die Spastik bei MS-Patienten reduzieren kann.
- Verbesserung der Knochendichte: MS-Patienten haben aufgrund von Bewegungsmangel und Medikamenteneinnahme oft ein erhöhtes Risiko fürOsteoporose. Vibrationstraining kann die Knochendichte erhöhen und somit das Frakturrisiko senken.
- Aktivierung verschiedener Muskelgruppen: Ziel der vorliegenden Untersuchung ist die Evaluation, ob neuromuskuläre und funktionelle Korrelate der Bewegungssteuerung durch spannungsbasierte Elektromyographie (EMG) bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen erfasst werden können. Hierfür wird die zentralnervöse Ansteuerung und die motorische Antwort bei Patienten mit Multipler Sklerose bei variierenden Bewegungs- und Gleichgewichtsaufgaben untersucht.
Risiken und Kontraindikationen
Vibrationstraining ist nicht für jeden geeignet. Es gibt bestimmte Risiken und Kontraindikationen, die vor Beginn eines Vibrationstrainings berücksichtigt werden müssen:
- Akute Entzündungen: Bei akuten Entzündungen im Körper sollte kein Vibrationstraining durchgeführt werden.
- Thrombose: Bei einer bestehenden Thrombose ist Vibrationstraining kontraindiziert.
- Schwangerschaft: Während der Schwangerschaft sollte auf Vibrationstraining verzichtet werden.
- Epilepsie: Bei Epilepsie kann Vibrationstraining Anfälle auslösen.
- Knochenerkrankungen: Bei bestimmten Knochenerkrankungen, wie z.B. Osteoporose, sollte Vibrationstraining nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden.
Empfehlungen für die Anwendung von Vibrationstraining bei MS
Wenn Vibrationstraining bei MS in Betracht gezogen wird, sollten folgende Empfehlungen beachtet werden:
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- Ärztliche Beratung: Vor Beginn eines Vibrationstrainings sollte eine ärztliche Beratung erfolgen, um mögliche Risiken und Kontraindikationen auszuschließen.
- Professionelle Anleitung: Das Vibrationstraining sollte unter Anleitung eines qualifizierten Therapeuten oder Trainers durchgeführt werden, der Erfahrung im Umgang mit MS-Patienten hat.
- Individuelle Anpassung: Das Trainingsprogramm sollte individuell an die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten angepasst werden.
- Langsame Steigerung: Die Intensität und Dauer des Trainings sollten langsam gesteigert werden, um eine Überlastung zu vermeiden.
- Medizinische Zulassung: Wichtig für ein verantwortungsvolles Vibrationstraining ist, dass Trainer wie Trainierende darauf achten, dass die Vibrationsplatte über eine medizinische Zulassung verfügt, denn nur so ist gewährleistet, dass die Vibration auch dort ankommt, wo sie wirken soll - in der Muskulatur, was für jeden Trainer auch versicherungstechnische Relevanz besitzt“, erläuterte Opoku-Afari.
Verantwortungsvoller Umgang mit Vibrationstraining
Im Rahmen der Fachmesse MEDICA 2008 veranstaltete VibroGym, internationaler Marktführer in der Vibrationstrainingstechnologie, das Fachseminar „Verantwortungsvoller Umgang mit Vibrationstraining in der Praxis”. Gemeinsam referierten Prof. Dr. Dr. med. „Als Erfinder und Hersteller der original Vibrationsplatten mit der weltweit umfangreichsten medizinischen Zertifizierung (MDD) sind wir uns unserer Verantwortung bewusst und möchten mit diesem Seminar unseren Beitrag dazu leisten, über die Verwirrungen jüngster Zeit zum Vibrationstraining aufzuklären“, mit diesen Worten eröffnete Daniel Schäfer, Dipl. Sportwiss. Rund 50 Ärzte, Physiotherapeuten und Personal Trainer nahmen an dem 90-minütigen Seminar teil. Neben viel Theorie standen auch praktische Demonstrationen auf dem Programm. Zum Ausprobieren und für Rückfragen standen die Referenten im Anschluss an das Seminar noch persönlich am Messestand zur Verfügung.
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