Vojta-Therapie und Laufbandtherapie bei Multipler Sklerose und Spastik: Ein umfassender Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft mit Spastik und Bewegungsstörungen einhergeht. Die Behandlung von MS erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Therapien umfasst. Zu den bewährten physiotherapeutischen Methoden gehören die Vojta-Therapie und die Laufbandtherapie, die in Kombination eine deutliche Steigerung der Behandlungseffektivität bei MS-Patienten erzielen können.

Einführung in die Multiple Sklerose und Spastik

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheide angreift, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umgibt. Dies führt zu einer Schädigung der Nervenfasern und beeinträchtigt die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper. Die Symptome von MS sind vielfältig und können je nach betroffenem Bereich des Nervensystems variieren. Häufige Symptome sind Müdigkeit,Sensibilitätsstörungen, Sehstörungen, Koordinationsprobleme, Spastik und Blasenfunktionsstörungen.

Spastik ist eine häufige Folge von MS und äußert sich in einer erhöhten Muskelspannung und Steifheit. Sie entsteht durch eine Schädigung der Nervenbahnen, die die Muskelaktivität steuern. Spastik kann zu Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und einer verminderten Lebensqualität führen. Die Behandlung der Spastik ist daher ein wichtiger Bestandteil der MS-Therapie.

Grundlagen der Vojta-Therapie

Die Vojta-Therapie, auch Reflexlokomotion genannt, ist ein physiotherapeutisches Konzept, das von Prof. Václav Vojta in den 1950er bis 1970er Jahren entwickelt wurde. Vojta entdeckte, dass durch gezielte Reize in bestimmten Körperlagen unbewusste, wiederkehrende motorische Reaktionen an Rumpf, Armen und Beinen ausgelöst werden können. Diese Reaktionen sind Bewegungsmuster, die zuverlässig wiederholt werden können und die Grundzüge einer Fortbewegung tragen. Vojta ging davon aus, dass es sich hierbei um angeborene Bewegungsmuster handelt, die bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie MS aufgrund von Schädigungen des Nervensystems nicht mehr richtig abgerufen werden können.

Das Vojta-Prinzip

Das Vojta-Prinzip basiert auf der Annahme, dass im zentralen Nervensystem (ZNS) angeborene Bewegungsmuster gespeichert sind, die durch gezielte Reize aktiviert werden können. Diese Aktivierung soll dazu beitragen, die gestörten Bewegungsabläufe bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen zu verbessern. Die Vojta-Therapie wird bei Säuglingen, Kindern und Erwachsenen mit Zerebralparese und anderen neurologischen Erkrankungen angewendet.

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Durchführung der Vojta-Therapie

Innerhalb der Therapie befindet sich der Patient in Bauch-, Rücken- oder Seitlage. Der Therapeut übt einen gezielten Druck auf bestimmte Körperzonen aus und löst damit automatisch und ohne aktive Mitarbeit des Patienten eine Bewegungsantwort / motorische Reaktion aus. Durch die Therapie soll das Gleichgewicht des Körpers bei Bewegungen, die Aufrichtung des Körpers gegen die Schwerkraft und ein zielgerichtetes Greifen bzw. Loslassen verbessert werden. Die Vojta-Therapie sollte beim Säugling und Kleinkind in der Regel mehrmals täglich durchgeführt werden. Der therapeutisch gewünschte Aktivierungszustand äußert sich bei Säuglingen während der Behandlung oft durch Schreien. Dies führt bei Eltern verständlicherweise zu Irritationen und lässt sie vermuten, dass sie ihrem Kind „weh tun“. Schreien ist in diesem Lebensalter jedoch ein wichtiges und adäquates Ausdrucksmittel der kleinen Patienten, die so auf ungewohnte Aktivierung reagieren. In der Regel ist nach einer kurzen Eingewöhnungszeit das Schreien nicht mehr so intensiv und in den Übungspausen sowie nach der Therapie beruhigen sich die Säuglinge direkt.

Ziele der Vojta-Therapie

Die Vojta-Therapie zielt darauf ab, die folgenden Fähigkeiten zu verbessern:

  • Gleichgewicht: Verbesserung der Fähigkeit, das Gleichgewicht in verschiedenen Positionen und Bewegungen zu halten.
  • Aufrichtung: Verbesserung der Fähigkeit, den Körper gegen die Schwerkraft aufzurichten und eine stabile Haltung einzunehmen.
  • Fortbewegung: Verbesserung der Fähigkeit, sich fortzubewegen, z.B. durch Krabbeln, Gehen oder Laufen.
  • Greifen und Loslassen: Verbesserung der Fähigkeit, Gegenstände gezielt zu greifen und wieder loszulassen.

Laufbandtherapie bei Multipler Sklerose

Das Gehtraining auf dem Laufband stellt bei Patienten mit Multiple Sklerose einen wichtigen Behandlungsschwerpunkt dar. Der menschliche Gang basiert auf außerordentlich komplizierten Vorgängen im Körper, die sowohl auf angeborenen Bewegungsprogrammen als auch auf Lernprozessen beruhen. Beim Gehen auf dem Laufband kommt es zu wiederkehrenden Bewegungsabfolgen mit rhythmischen Schrittzyklen bei zunehmender Automatisierung der Sequenzen. Dieses relativ physiologische Gehen ist für viele Patienten beim Gehen im freien Raum nicht mehr möglich.

Voraussetzungen für die Laufbandtherapie

Eine Voraussetzung für eine Laufbandtherapie bei MS-Patienten ist ein Minimum an Gehfähigkeit. Der Patient sollte in der Lage sein, einige wenige Schritte selbständig mit seinem Hilfsmittel im freien Raum zu machen oder beim Gehen im freien Raum mit Hilfsperson den Schritt mit einem Bein selbständig ausführen zu können. Bei schweren Gehstörungen erfolgt eine Erleichterung des Gehens durch die oben beschriebene Entlastung des Körpergewichtes mit einem Spezialgurt. Bei einer Lähmung in beiden Beinen wird der Patient zunächst durch zwei Therapeuten behandelt. Die Therapeuten unterstützen die Beinbewegung in der Stand- und Schwungphase bei einer niedrigen Gehgeschwindigkeit, um den Patienten zunächst einmal an die rhythmische Bewegungsausführung zu gewöhnen. Eine mögliche Spastik in den Beinen wird dadurch gleichzeitig vermindert. Der weitere Behandlungsaufbau richtet sich nach Belastbarkeit des Patienten und dem vorhandenen motorischen Potential. Bei schlechter Haltung und Gangabweichungen in Bezug auf Stand- und Schwungphase der Beine erfolgt vorab eine manuelle bzw.

Technische Anforderungen an das Laufband

Das Gerät sollte unbedingt mit einem Rollstuhl zu befahren sein. Dazu sind eine angepasste Rampe und eine ausreichend breite Lauffläche erforderlich. Weiterhin wird eine Aufhängevorrichtung für einen Spezialgurt benötigt, um das Körpergewicht beim Gehen zu entlasten.

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Ziele der Laufbandtherapie

Die Laufbandtherapie zielt darauf ab, die folgenden Fähigkeiten zu verbessern:

  • Gehgeschwindigkeit: Erhöhung der Gehgeschwindigkeit, um den Alltag besser bewältigen zu können.
  • Gehausdauer: Verlängerung der Gehausdauer, um längere Strecken ohnePause zurücklegen zu können.
  • Gangbild: Verbesserung des Gangbildes, um ein ökonomischeres und sicheres Gehen zu ermöglichen.
  • Muskelkraft: Steigerung der Muskelkraft in den Beinen, um die Gehfähigkeit zu verbessern.
  • Koordination: Verbesserung der Koordination der Beinbewegungen, um ein flüssigeres Gehen zu ermöglichen.
  • Reduzierung der Spastik: Verbesserung der Spastik in den Beinen, um die Beweglichkeit zu verbessern.

Kombination von Vojta- und Laufbandtherapie

Durch eine spezielle Abfolge Lokomotionstraining auf dem Laufband und Vojta-Therapie kommt es bei MS-Patienten zu einer deutlichen Steigerung der Behandlungseffektivität. Dazu ist ein dementsprechender Therapiezeitraum erforderlich. In der Erwachsentherapie findet die Bobath - Vojta Therapie Anwendung nach Hirnverletzungen jeglicher Art (z. B. : Schlaganfall, Querschnittslähmung, Multiple Sklerose, M. Parkinson, Hirntumor, Schädelhirntrauma ,etc.). Die oftmals daraus resultierenden Störungen in der Körperwahrnehmung und der Muskelspannung (Muskeltonus, Bewegungsstörungen, Lähmungen und Spastik) werden in physiologischen Bewegungen trainiert, um wieder gesunde koordinierte Bewegungen bzw. Funktionen durchführen zu können. In der Bobath-Therapie orientieren sich die Behandlungstechniken am aktuellen Zustand des Patienten, das heißt es beginnt bereits mit einer richtigen Lagerung im Frühstadium im Bett, neben dem Erhalt der Vitalfunktionen (Atmung, Lungenentzündungen vorbeugen, Herz-Kreislauf-System, Nahrungsaufnahme, Durchblutung im Allgemeinen, Dekubitusprophylaxe) und um späteren Kontrakturen (massive Bewegungseinschränkungen) und einer sich evtl. entwickelnden Spastizität vorzubeugen. Spastik ist eine sog. "Massenbewegung" und zeigt sich in bestimmten abnormen Haltungsmustern, die wir in der Therapie aufbrechen müssen, um normale Haltungs- und Bewegungsmuster zulassen zu können (z. B. Gleichgewichtsreaktion, positive Stützreaktion, Gangbild). Da beim gesunden Menschen die Bewegungs- und Haltungsmuster automatisiert sind, muss ein Patient mit Spastik normale Bewegungen fühlen lernen, damit er sie ausführen kann. Deshalb werden durch die Therapie funktionelle, selektive Bewegungsmuster erarbeitet, um automatische willkürliche Tätigkeiten zu erreichen (Tiefensensibilität, Oberflächensensibilität, Training der Sensorik). Bei einem Tonusverlust, d. h. bei schlaffen Muskelgruppen steht nicht nur die fehlende Muskelkraft im Vordergrund, sondern das ZNS (zentrales Nervensystem) ist unfähig, nervöse Impulse zur Muskulatur zu lenken. Zur Tonussteigerung und zur Muskelkoordination erhöhen wir die Haltungsaktivität mit taktilen Reizen (Taping) oder auch propriozeptiver Stimulation (PNF).

Studien zur Kombinationstherapie

Die Sauerlandklinik Hachen behandelt MS-Patienten seit 1993 mit dieser Therapie erfolgreich behandelt. Durch praxisorientierte Forschung in Zusammenarbeit mit der Universität Siegen wurde die Laufbandtherapie in den letzten Jahren ständig weiterentwickelt und führt in Verbindung mit der Vojta-Therapie zu immer besseren Behandlungserfolgen. Die Ergebnisse der letzten Studie über eine alternierende Laufband/ Vojta/ Laufbandtherapie werden in naher Zukunft veröffentlicht. Am 2., 12. und 22. VT und danach zwei Einheiten LT. Am 1., 2., 11., 12., 21. und 22. nach jedem Therapieabschnitt das Gehverhalten untersucht. der ersten und letzten Therapie. liegenden definierten Skalierungsabstufungen halbiert. überwiegend größer ausfallen, wenn vorher LT stattgefunden hat. ersten LT-Einheit bei der Therapieabfolge LT - VT - LT. werden signifikant (p < 0,0001) verbessert. verbesserten sich in der EDSS um 0,25 - 1 Stufe. verbessert. bemerkenswert größere Erfolge. (VT) reciprocally influenced and supplemented one another. TT - VT - TT. On the 2nd, 12th, and 22nd treatment day the therapy sequence changed to VT - TT - TT. measured on the 1st, 2nd, 11th, 12th, 21st, and 22nd treatment day after each unit of therapy. was registered using a skin EMG during the Vojta Therapy. To raise the sensitivity of the used scales all graduations were halved. was far greater when TT took place beforehand. the sequence TT - VT - TT was chosen. (p < 0.0001). on the EDSS. %) and muscle strength of the more affected leg (by 78.9 %). better results.

Weitere physiotherapeutische Behandlungsansätze bei MS und Spastik

Neben der Vojta- und Laufbandtherapie gibt es eine Reihe weiterer physiotherapeutischer Behandlungsansätze, die bei MS und Spastik eingesetzt werden können. Dazu gehören:

Bobath-Konzept

Das Bobath-Konzept nutzt die Plastizität des Gehirns. Verloren gegangene Fähigkeiten sollen von gesunden Hirnregionen übernommen werden. Die Gestaltung des Tonus direkt in ihr Vor-gehen integriert, arbeiten in und an Alltagssituationen und geben über die "fazilitierende" Hand Unterstützung und Gestaltung des Bewegungsablaufes zugleich. Dabei wird aber der Patient zugleich gefordert, sein ganzes Eigenpotential mit einzubringen und zu vergrößern. Wir sind also in einem sehr aktiven Behandlungskonzept, dessen oberstes Anliegen darin besteht, die Bewegung in den Dienst der selbständigen Alltagsbewältigung zu stellen. Dabei fällt es diesem Konzept besonders leicht, Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Neuropsychologie, internistische Probleme und auch orthopädische Nebenbefunde mit einzubeziehen.

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Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)

Bei der PNF-Therapie werden Bewegungsrezeptoren in Gelenken, Muskeln und Sehnen durch Dehnung, Zug oder Druck aktiviert. Zusätzlich nutzen Physiotherapeuten auch bei MS-Patienten Geräte, mit denen einzelne Funktionsstörungen behandelt werden können wie motorgetriebene Fahrräder oder Laufbänder mit einem körperentlastenden Bauchgurt.

Manuelle Therapie

Bei schlechter Haltung und Gangabweichungen in Bezug auf Stand- und Schwungphase der Beine erfolgt vorab eine manuelle bzw.

Weitere Therapieansätze

  • Hippotherapie: Die Hippotherapie nutzt die Bewegung des Pferdes, um die Muskelspannung zu regulieren und die Koordination zu verbessern.
  • Hydrotherapie: Die Hydrotherapie nutzt die Eigenschaften des Wassers, um die Muskeln zu entspannen und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Feldenkrais-Therapie: Die Feldenkrais-Therapie ist eine bewegungsorientierte Methode, die darauf abzielt, die Körperwahrnehmung zu verbessern und neue Bewegungsmuster zu erlernen.

Ergänzende Therapien bei MS und Spastik

Neben der Physiotherapie gibt es eine Reihe weiterer Therapien, die bei MS und Spastik eingesetzt werden können, um die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören:

Ergotherapie

Werden Funktionsverluste therapiert, wird die Physiotherapie häufig mit einer Ergotherapie kombiniert. Dabei liegt der Fokus auf dem Training alltäglicher Aktivitäten wie Waschen, Anziehen, Toilettengänge, Essen und Trinken, Arbeiten im Haushalt oder Schreiben. Auch der Umgang mit Hilfsmitteln wie Gehstöcken, Rollatoren oder speziellen Bestecken wird, wenn nötig, erlernt und geübt. Ergotherapeutischer Schwerpunkt der Ergotherapie ist das Üben von alltagspraktischen Aktivitäten wie selbstständiges An- und Auskleiden, persönliche Hygieneverrichtungen (Zähneputzen, Nagelpflege), Herrichten von Lebensmitteln (Zerkleinern, Schälen, Kochen) und Nahrungsaufnahme (Essen und Trinken). Darüber hinaus erlernen MS-Patienten Techniken, die sie bei der Ausführung alltäglicher Betätigungen unterstützen. Ferner stehen Ergotherapeuten bei der Auswahl erforderlicher Hilfsmittel beratend zur Seite.

Logopädie

Sprech- und Schluckstörungen sind typische Einsatzbereiche für Logopäden im Rahmen der MS-Behandlung. Sie sind das Resultat einer gestörten Koordination der verschiedenen Muskeln und Organe, die für den Sprech- beziehungsweise Schluckvorgang benötigt werden. Sprachübungen vor dem Spiegel: Mit dem Logopäden trainieren Betroffene, Sprechgeschwindigkeit und Stimmlage wieder besser zu kontrollieren. Mit dem Logopäden trainieren Betroffene, die Sprechgeschwindigkeit und Stimmlage wieder besser zu kontrollieren. Ergänzend werden Entspannungsübungen und Biofeedback-Verfahren eingesetzt. Um schlucken zu können, müssen 25 Muskeln aufeinander abgestimmt werden. Sind einzelne von ihnen beeinträchtigt, verschlucken sich die Betroffenen, die Nahrung kann zurückfließen oder es tritt ein vermehrter Speichelfluss auf. Gemeinsam mit dem Logopäden trainieren Betroffene Zunge und Lippen. Sie lernen, langsam zu essen, gezielt zu schlucken oder ihren Schluckreflex durch einen Kältereiz auszulösen. Dazu kommen Verhaltensanpassungen wie der aufrechte Sitz oder die optimale Kopfhaltung beim Essen.

Psychotherapie

Multiple Sklerose verursacht nicht nur körperliche Symptome. Gerade zu Beginn der Erkrankung können Betroffene die psychische Belastung als wesentlich schwerer empfinden. Sie müssen verarbeiten, dass es kaum möglich ist, Vorhersagen über den Verlauf der Krankheit zu treffen, und lernen, diesen Unsicherheitsfaktor in ihre Lebensplanung zu integrieren. Das Risiko, an einer schweren Depression zu erkranken, liegt für MS-Patienten bei 50 Prozent. Nimmt man leichte Depressionen mit dazu, steigt das Risiko auf 70 Prozent. Laut der DMSG gehen 30 Prozent der Todesfälle bei MS auf das Konto von Suiziden. Mittel der Wahl ist eine kognitive Verhaltenstherapie, die mit Antidepressiva unterstützt wird. Eine Alternative ist die interpersonelle Therapie. Hier dreht sich alles um zwischenmenschliche Beziehungen. Ebenfalls in den Behandlungsbereich der Psychologie fallen MS-bedingte Einschränkungen der kognitiven Funktionen. Etwa 40 Prozent der Patienten bemerken Schwierigkeiten im Bereich der Wahrnehmung, Aufmerksamkeit oder Rechenfähigkeit, beim Planen, Strukturieren oder schlussfolgernden Denken sowie in der Gedächtnisleistung. Das wiederum löst Unsicherheit und Ängste aus.

Medikamentöse Therapie der Spastik

Können spastische Tonuserhöhungen trotz einer adäquaten konservativen Behandlung nicht ausreichend kontrolliert werden, kommen medikamentöse Maßnahmen zum Einsatz. Die Pharmakotherapie richtet sich dabei nach der Indikation, dem Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil des Arzneimittels sowie dem Schweregrad und der Manifestation der Spastik.

Orale Antispastika

Die wichtigsten Wirkstoffe aus der Gruppe der oralen Antispastika sind Baclofen und Tizanidin.

  • Baclofen: Baclofen gleicht in seiner chemischen Struktur dem inhibitorischen Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (Gamma-Aminobutyric-Acid, GABA) und wirkt als spezifischer Agonist an GABA-b-Rezeptoren. Die exakte Wirkweise ist noch nicht bis ins letzte Detail geklärt. Sehr wahrscheinlich dämpft Baclofen pathologisch überaktive mono- und polysynaptische Reflexbögen im Rückenmark, indem es die Ausschüttung anregender Neurotransmitter aus primär-afferenten Nervenendigungen reduziert. Überdies scheinen supraspinale Mechanismen zur klinischen Wirkung beizutragen. Im Ergebnis verringert Baclofen Muskelspasmen, reduziert Kloni, vergrößert die Gelenkbeweglichkeit und mildert Spastik-induzierte Schmerzen.
  • Tizanidin: Tizanidin ist ein zentraler Alpha2-Agonist mit Hauptwirkort im Rückenmark. Über eine präsynaptische Hemmung werden spinale und supraspinale Reflexe unterdrückt. Zu den häufigsten unerwünschten Nebenwirkungen zählen Müdigkeit, Vertigo, Mundtrockenheit, Hypotonie und Bradykardie. Die antispastische Wirkung von Tizanidin ist vergleichbar mit der von Baclofen und Diazepam; sein antispastischer Effekt wirkt sich jedoch nicht negativ auf eine bestehende Muskelschwäche aus.

Muskelrelaxanzien

Dantrolen hemmt als peripheres Muskelrelaxans die Ca2+-Freisetzung aus dem sarkoplasmatischen Retikulum der Skelettmuskelzelle und blockiert so die elektromechanische Kopplung. Das an der motorischen Endplatte wirkende Agens ist für „spastische Syndrome mit krankhaft gesteigerter Muskelspannung unterschiedlicher Ätiologie“ zugelassen. Aufgrund seiner potenziellen Hepatotoxizität und einer Verstärkung von Paresen sollte Dantrolen aber nur bei strenger Indikationsstellung eingesetzt werden.

Tolperison gehört zur Gruppe der zentral wirksamen Muskelrelaxanzien. Seitdem die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) im Juni 2012 vor möglichen Hypersensitivitätsreaktionen warnte, ist Tolperison in Deutschland nur noch für die Behandlung von Spastizität nach Schlaganfall zugelassen.

Cannabinoide

Im Juli 2011 erhielt Nabiximols (Sativex) als fixes Kombinationspräparat aus Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) eine Zulassung als Add-on-Therapie für die Behandlung von Spastik bei Multipler Sklerose, wenn durch die übliche antispastische Therapie keine zufriedenstellende Wirksamkeit erzielt werden kann. Nabiximols bindet als Endocannabinoidsystem-Modulator an CB1- und CB2-Rezeptoren. Die Bindung an präsynaptischen CB1-Rezeptoren zentraler Neurone hemmt die Ausschüttung exzitatorischer Transmitter.

Benzodiazepine

Benzodiazepine wie Diazepam oder Clonazepam werden als GABA-a-Agonisten trotz fehlender Zulassung seit Jahren bei spastischen Muskeltonuserhöhungen im Rahmen von Multipler Sklerose verordnet. Die Wirkstoffe verstärken über einen Agonismus an zerebralen und spinalen GABA-a-Rezeptoren die präsynaptische Inhibition und reduzieren so mono- und polysynaptische Reflexe.

Gabapentin

Gabapentin ist ein weiteres Arzneimittel, für das positive Effekte bei MS-assoziierter Spastik beschrieben werden. Studien bescheinigen dem Antikonvulsivum signifikante Linderungen subjektiver spastischer Symptome und klinischer Scores bei MS-Patienten. Seit Januar 2014 darf Gabapentin zur Behandlung der Spastik und schmerzhaften Muskelspasmen im Rahmen der Multiplen Sklerose off-label verordnet werden, wenn zugelassene Arzneimittel wegen Unverträglichkeit, unerwünschter Wirkungen oder fehlender Wirksamkeit nicht angewendet werden können.

Fampridin

Fampridin ist ein selektiver Kaliumkanalblocker. Durch den inhibierten Ausstrom von Kaliumionen verlängert der Wirkstoff die Repolarisationszeit und verbessert die axonale Leitfähigkeit im ZNS. Im Herbst 2011 erhielt Fampridin (Fampyra) eine bedingte Zulassung für erwachsene Patienten mit Multipler Sklerose, die ohne Hilfe nicht weiter als 500 Meter gehen können, aber noch nicht komplett auf den Rollstuhl angewiesen sind (Behinderungsgrad auf der EDSS-Skala von 4 bis 7). Eine Zulassung für MS-induzierte Spastik besteht indes nicht. Dennoch zeigten Multiple-Sklerose-Patienten in einer klinischen Studie eine signifikante Verbesserung der Spastik, gemessen mit der modifizierten Ashworth-Skala (mAS).

Injektionsbehandlung mit Botulinumtoxin A

Bei einer fokalen Spastik sollte eine lokale Injektion mit Botulinumtoxin A (BoNT A) - soweit umsetzbar - vor der Gabe oraler Antispastika eingesetzt werden. Die intramuskuläre Injektionsbehandlung mit BoNT A hemmt die neuromuskuläre Reizübertragung, indem es an der motorischen Endplatte die Freisetzung und Bindung von Acetylcholin aus den synaptischen Vesikeln blockiert. Die BoNT A induzierte Muskeltonussenkung wird etwa zehn Tage nach Injektion erreicht und hält etwa drei bis sechs Monate an. Nebenwirkungen sind in den empfohlenen Dosisbereichen pro Muskel und Injektionssitzung selten. Bei begleitenden generalisierten Spasmen kann die Behandlung durch Antispastika und muskelrelaxierende Wirkstoffe unterstützt werden.

Intrathekale Baclofen-Behandlung

Bei der intrathekalen Baclofen-Behandlung (ITB) wird der Wirkstoff mittels einer implantierten, computergesteuerten Pumpe direkt in den Liquorraum injiziert. Aufgrund eines hohen Nebenwirkungs- und Komplikationsrisikos sollte die Indikationsstellung erst nach nicht zufriedenstellendem physikalischem, physiotherapeutischem und oral-medikamentösem Behandlungsversuch erfolgen. Dank des programmierbaren Infusionssystems kann die Dosis stufenweise reguliert werden. Das ermöglicht eine bedarfsorientierte Wirkstoffabgabe.

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