Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die sich auf die Bewegungsfähigkeit und andere Körperfunktionen auswirken kann. Aktivierende Pflege ist ein wichtiger Ansatz, um Menschen mit Parkinson dabei zu helfen, ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die aktivierende Pflege bei Parkinson, einschließlich ihrer verschiedenen Aspekte, Ziele und Umsetzungsmöglichkeiten.
Einführung in die aktivierende Pflege
Aktivierende Pflege ist eine Form der Pflege, die darauf abzielt, die Ressourcen der Betroffenen zu fördern und ihnen viele Handlungs- und Teilhabemöglichkeiten zu eröffnen. Dabei sollen sämtliche Ressourcen ihrer körperlichen, geistigen und sozialen Fähigkeiten ausgeschöpft werden. Die Pflege ist daher immer individuell und orientiert sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Einzelnen.
§ 2 SGB XI zur Selbstbestimmung betont: „Die Leistungen der Pflegeversicherung sollen den Pflegebedürftigen helfen, trotz ihres Hilfebedarfs ein möglichst selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen, das der Würde des Menschen entspricht.“
Das übergreifende Ziel der aktivierenden Pflege ist eine hohe Selbstständigkeit. Auch und gerade Menschen mit Demenz profitieren von aktivierender Pflege. Dabei ist es von großer Bedeutung, eine festgelegte Tagesstruktur einzuhalten.
Ein idealer Einstieg in die aktivierende Pflege zu Hause ist ein Pflegekurs mit entsprechendem Schwerpunkt. Die Kosten werden in der Regel von der Pflegekasse übernommen, die Krankenkassen sind meist bei der Suche nach einem geeigneten Kursangebot behilflich.
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Die verschiedenen Ebenen der aktivierenden Pflege
Aktivierende Pflege lässt sich auf verschiedenen Ebenen umsetzen:
- Motorische (körperliche) Aktivierung: Dient dazu, die Bewegungsfähigkeit zu erhalten oder wiederzuerlangen.
- Kognitive (geistige) Aktivierung: Hier geht es darum, die geistigen Fähigkeiten und das Gedächtnis zu trainieren.
- Alltagspraktische Aktivierung: Zielt darauf ab, dass Menschen in wesentlichen Lebensbereichen wie der Körperpflege, Nahrungsaufnahme oder der Pflege von Sozialkontakten möglichst lange selbstständig bleiben.
- Sensorische (sinnliche) Aktivierung: Fördert die Wahrnehmung und das Erleben durch die Anregung der Sinne.
Motorische Aktivierung
Gerade bei älteren Menschen ist beispielsweise ein gezieltes Mobilitäts- und Gleichgewichtstraining zur Vermeidung von Stürzen sinnvoll. Studien haben gezeigt, dass sich Muskelkraft und Gleichgewichtssinn auch im höheren Alter noch gut trainieren lassen. Gymnastik dient der Förderung und Verbesserung der Beweglichkeit, der Koordination und des Gleichgewichts. Schließlich wird damit Ausdauer, Kraft und Belastbarkeit gefördert.
Hierzu sollten schon in der Frühphase der Parkinson-Erkrankung physiotherapeutische Interventionen in den Behandlungsplan aufgenommen werden, empfiehlt Maarten Nijkrake, Physiotherapeut in Nijmegen (Niederlande). In seinem Vortrag berichtet er über wichtige Erkenntnisse zur Physiotherapie bei Parkinson, die aus den Studien des holländischen Parkinson-Netzwerks abgeleitet werden können. Dabei hebt er hervor, dass Physiotherapien individuell abgestimmte Trainings zur Verbesserung der Gangfähigkeit, Haltung, Kraft, allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit und des Gleichgewichts einbeziehen sollten. Konventionelle physiotherapeutische Maßnahmen hätten zudem neuroprotektive Effekte, was insgesamt zur Stabilisation der Erkrankung beitragen könne.
Kognitive Aktivierung
Vor allem im Anfangsstadium lassen sich demenzielle Erkrankungen dadurch verlangsamen oder hinauszögern.
Prof. Kalbe wird unter anderem eine indirekte Methode zur Stimulation der kognitiven und sozialen Fähigkeiten vorstellen - eine Gruppentherapie, die aus kognitiven Übungen, Biografiearbeit, Realitätsorientierung sowie Bewegungs- und Entspannungsübungen zusammengesetzt ist. Künftig werden auch kognitiv-physische Interventionen und innovative Hirnstimulationstechniken das Behandlungsspektrum im Bereich kognitiver Störungen bereichern, so Kalbe.
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Alltagspraktische Aktivierung
Eine wichtige Voraussetzung können dabei geeignete Hilfsmittel sein. So ist es bei der aktivierenden Pflege eines Parkinson-Patienten wichtig, ihm Hilfsmittel wie Haltegriffe, spezielles Essbesteck oder Anziehhilfen zur Verfügung zu stellen, damit er seinen Alltag eigenständig bewältigen kann.
Ziele der aktivierenden Pflege bei Parkinson
Die aktivierende Pflege bei Parkinson verfolgt eine Reihe von Zielen:
- Erhaltung und Förderung der Selbstständigkeit: Betroffene sollen so lange wie möglich in der Lage sein, ihren Alltag selbstständig zu gestalten.
- Verbesserung der Lebensqualität: Durch die Förderung der Selbstständigkeit und Teilhabe soll die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden.
- Verlangsamung des Krankheitsverlaufs: Durch gezielte Aktivierung können die körperlichen und geistigen Fähigkeiten so lange wie möglich erhalten werden, was den Krankheitsverlauf verlangsamen kann.
- Vermeidung von Komplikationen: Durch gezielte Maßnahmen, wie z.B. Sturzprophylaxe, können Komplikationen vermieden werden.
Umsetzung der aktivierenden Pflege in der Praxis
Die Umsetzung der aktivierenden Pflege erfordert eine individuelle Herangehensweise, die sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Betroffenen orientiert. Einige Beispiele für die Umsetzung der aktivierenden Pflege in der Praxis sind:
Körperpflege
Eine pflegebedürftige Person kann, beispielsweise wegen eines Schlaganfalls, verlernt haben, wie die Körperpflege schrittweise abläuft. Ein erstes Ziel könnte dementsprechend sein, die Reihenfolge der einzelnen Handlungen wieder zu erlernen. Perspektivisch soll der Betroffene einen möglichst großen Teil der Körperpflege selbst übernehmen.
Ernährung
Ziele in der Ernährung sind neben dem selbstständigen Schlucken, dass der zu pflegende Angehörige wieder lernt, Besteck zu benutzen. Hier ist es sinnvoll, wenn Sie die einzelnen Handlungen immer wieder demonstrieren und die Bewegungsabläufe gemeinsam mit Ihrem Angehörigen trainieren. Dazu bietet es sich an, Essrituale einzuüben und Hilfsmittel (beispielsweise Teller mit erhöhtem Rand) bereitzustellen. Geht Essen zunächst noch daneben oder werden Hände statt Besteck genutzt, ist das in Ordnung.
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Ausscheidungen
Im Bereich der Ausscheidungen sind Einzelziele beispielsweise der selbstständige Umgang mit Hilfsmitteln und zu erkennen, wann die Blase voll ist. Mögliche Maßnahmen sind etwa Orientierungshilfen, die der betroffenen Person helfen, die Toilette zu finden. Aber auch wie Sie die Intimhygiene bei jedem Toilettengang anwendet, können Sie mit ihr einüben.
Mobilität
Sprechen Sie mit dem behandelnden Arzt und informieren Sie sich über die körperliche Leistungsfähigkeit Ihres pflegebedürftigen Angehörigen. Im Sinne der Mobilität soll die pflegebedürftige Person irgendwann möglichst sicher sitzen und gehen können. Dazu müssen Sie, wann immer es geht, ihr Gleichgewicht und die Symmetrie fördern. Maßnahmen sind neben der regelmäßigen Mobilisation vor allem das Gehtraining, je nach Bedarf mit geeigneten Gehhilfen. Fordern Sie Ihren Angehörigen außerdem soweit möglich beim Transfer, beim Heben oder Tragen stets auf, mitzuhelfen.
Weitere Maßnahmen
- Förderung der Kommunikation: Ermutigung zur Teilnahme an Gesprächen und sozialen Aktivitäten. Julia Lupa, Logopädin vom Team der SHG Kliniken, erläuterte unterschiedliche Krankheitsbilder wie Dysphagie und Aphasie sowie speziell dazu passende Behandlungsmöglichkeiten. Hierzu führte sie im Sinne der Aktivierung der Besucher mehrere Übungen durch.
- Anpassung der Umgebung: Schaffung einer sicheren und anregenden Umgebung, die die Selbstständigkeit fördert.
- Einbeziehung von Angehörigen: Angehörige können eine wichtige Rolle bei der Umsetzung der aktivierenden Pflege spielen, indem sie den Betroffenen unterstützen und ermutigen.
Pflegemodelle in der aktivierenden Pflege
Es gibt verschiedene Pflegemodelle, die der aktivierenden Pflege zu Grunde liegen:
- Psychobiografische Pflegemodell nach Erwin Böhm: Eine Grundlage in der aktivierenden Pflege von Menschen mit Demenz bietet das psychobiografische Pflegemodell nach Erwin Böhm. Sie als pflegende Person sollen die Lebensgeschichte und prägende Ereignisse im Hinterkopf behalten, um Verhaltensauffälligkeiten besser zu verstehen. Zu diesem Zweck dokumentieren Sie, was Ihr Angehöriger aus seiner Vergangenheit erzählt.
- Fördernde Prozesspflege nach Dr. Monika Krohwinkel: Auch das Ziel der fördernden Prozesspflege nach Dr. Monika Krohwinkel ist, dass Pflegebedürftige so lange wie möglich selbstbestimmt leben können. Neben den grundlegenden Tätigkeiten des alltäglichen Lebens wie Bewegen, Kleiden oder Ausscheiden, beziehen Sie als pflegende Person Prozesse wie „Beziehungen eingehen“ oder „mit belastenden Erfahrungen umgehen“ in die Ziele ein. Nach Krohwinkel beeinflussen und stärken sich alle Lebensbereiche gegenseitig.
- Bobath-Prinzip: Aktivierende Pflege basiert auch auf den Grundsätzen, Methoden und Techniken des Bobath-Prinzips. Im Mittelpunkt dieses Modells steht ein ganzheitliches, aktivierendes Pflegekonzept.
Herausforderungen bei der Umsetzung der aktivierenden Pflege
In Pflegeheimen ist die aktivierende Pflege oft schwer umzusetzen. Gründe dafür sind beispielsweise Zeitmangel oder der regelmäßige Schichtwechsel des Pflegepersonals. In der häuslichen Pflege können Sie hingegen entsprechende Maßnahmen freier und individueller planen.
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die Behandlung der Erkrankung muss immer berufsgruppenübergreifend erfolgen und dass nicht-medikamentöse Therapiestrategien wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie von besonderer Bedeutung sind.
Parkinson-Kongress und Multidisziplinäre Akademie
Therapierende und Pflegekräfte, die Menschen mit Parkinson, Dystonie und Spastik betreuen, können sich auf dem Deutschen Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen mit Mediziner:innen über neueste fachliche Entwicklungen austauschen. Der virtuelle Live-Kongress ist im Sinne einer ganzheitlichen und individuellen Versorgung der Patient:innen interdisziplinär ausgerichtet.
Im speziellen Programmteil „Multidisziplinäre Akademie“ auf dem Parkinson-Kongress werden in fächerübergreifenden Themen und Vorträgen aktuelle Entwicklungen in der spezialisierten Pflege und den aktivierenden Therapien diskutiert.
Schlaf als Prävention
Im Bereich der Prävention gibt es nun eine neue Erkenntnis: Schlaf soll vorbeugend gegen Parkinson wirken. „Grob erklärt geht es hier um einen nächtlichen Selbstreinigungsprozess der Zellen, um Gehirn und Nerven gesund zu halten. Schlaf ist hier also ein entscheidender Faktor als Prävention für neurodegenerative Erkrankungen. Durchschnittlich werden 7 bis 8 Stunden Schlaf empfohlen - und dieses Präventionspotenzial sollten wir nutzen“, bestätigt auch Dr.
Fazit
Aktivierende Pflege ist ein wichtiger Bestandteil der Versorgung von Menschen mit Parkinson. Durch die Förderung der Selbstständigkeit und Teilhabe kann die Lebensqualität der Betroffenen verbessert und der Krankheitsverlauf verlangsamt werden. Die Umsetzung der aktivierenden Pflege erfordert eine individuelle Herangehensweise und eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten.
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