Parkinson und Ernährung: Ein umfassender Leitfaden zur Unterstützung von Therapie und Lebensqualität

Neurodegenerative Erkrankungen stellen in Deutschland eine wachsende Herausforderung dar, von der rund 1,5 Millionen Menschen betroffen sind. Morbus Parkinson, mit etwa 400.000 Betroffenen, und amyotrophe Lateralsklerose (ALS), mit etwa 7.000 Betroffenen, sind Beispiele für Erkrankungen, die häufig mit Mangelernährung einhergehen. Diese Mangelernährung kann den Krankheitsverlauf, die Schwere der Erkrankung und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle der Ernährung bei Parkinson, gibt Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse und zeigt, wie eine gezielte Ernährungstherapie den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern kann.

Mangelernährung bei Parkinson: Ein Teufelskreis

Mangelernährung ist ein häufiges Problem bei Parkinson-Patienten. Querschnittsuntersuchungen zeigen, dass etwa 25 % der Parkinsonpatienten mangelernährt sind. Dies kann den Verlust von Muskelmasse verstärken, das Immunsystem und andere Organfunktionen beeinträchtigen und so zu einem ungünstigeren Krankheitsverlauf mit beschleunigtem Verlust der Autonomie und Lebensqualität beitragen.

Ursachen der Mangelernährung

Mehrere Faktoren tragen zur Mangelernährung bei Parkinson bei:

  • Störungen der Exekutivfunktionen: Beeinträchtigen die Fähigkeit, Mahlzeiten zu planen und zuzubereiten.
  • Dysphagie (Schluckstörungen): Erschweren die Nahrungsaufnahme.
  • Verzögerte Magenentleerung: Führt zu Völlegefühl und Appetitlosigkeit.
  • Appetitlosigkeit: Kann durch Medikamente, Depressionen oder den Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn verursacht werden.
  • Verstopfung: Ein häufiges Symptom, das die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen kann.
  • Störungen der Feinmotorik: Erschweren das Essen mit Besteck.

Folgen der Mangelernährung

Eine Mangelernährung kann zu einer Reihe von negativen Folgen führen:

  • Verlust von Muskelmasse (Sarkopenie): Schwächt die körperliche Leistungsfähigkeit und erhöht das Sturzrisiko.
  • Beeinträchtigung des Immunsystems: Erhöht die Anfälligkeit für Infektionen.
  • Verschlechterung der kognitiven Funktionen: Beeinträchtigt die Gedächtnisleistung und die Aufmerksamkeit.
  • Depressionen: Verschlimmern die Symptome der Parkinson-Erkrankung.
  • Erhöhtes Risiko für Komplikationen: Wie z.B. Dekubitus (Druckgeschwüre) und Lungenentzündung.
  • Verkürzte Lebenserwartung:

Die Darm-Hirn-Achse bei Parkinson: Ein neuer Ansatz

In den letzten Jahren hat die Forschung die Bedeutung der Darm-Hirn-Achse bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson immer stärker in den Fokus gerückt. Es gibt zunehmend Evidenz dafür, dass der Darm, insbesondere das Darm-Mikrobiom, eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf der Parkinson-Erkrankung spielt.

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Die BRAAK-Hypothese

Die BRAAK-Hypothese besagt, dass die parkinsontypischen Veränderungen im Nervensystem nicht ausschließlich im Mittelhirn stattfinden, sondern sich in verschiedenen Anteilen des Nervensystems befinden und einem bestimmten Muster folgen. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Erkrankung bei einer bestimmten Patientengruppe tatsächlich im Darm beginnt.

Das Darm-Mikrobiom und Entzündungen

Der westliche Ernährungsstil kann Entzündungsprozesse im Körper auslösen, die die Entstehung der Parkinson-Erkrankung begünstigen können. Parkinson-Patienten haben häufig Veränderungen im Darm-Mikrobiom, wobei bestimmte Bakterienarten reduziert sind, die gesundheitsfördernde Mechanismen begünstigen.

Resistente Stärke und kurzkettige Fettsäuren

Eine Studie untersuchte die Auswirkungen der Supplementierung mit resistenter Stärke auf das Darm-Mikrobiom und Entzündungsprozesse bei Parkinson-Patienten. Resistente Stärke ist ein Ballaststoff, der von bestimmten Bakterien im Darm zu kurzkettigen Fettsäuren (SCFAs) abgebaut wird. SCFAs, insbesondere Buttersäure, haben entzündungshemmende Eigenschaften und können die Darmgesundheit fördern.

Die Studie zeigte, dass die Supplementierung mit resistenter Stärke zu einem Anstieg der SCFA-Produktion und einer Reduktion von Entzündungsmarkern im Stuhl führte. Interessanterweise verbesserten sich auch die nicht-motorischen Symptome der Parkinson-Patienten, insbesondere die Stimmung. Obwohl dieser Unterschied statistisch nicht signifikant war, deuten die Ergebnisse auf ein vielversprechendes Potenzial von resistenter Stärke zur Behandlung von Parkinson hin.

Ernährungsempfehlungen für Parkinson-Patienten: Was ist wichtig?

Eine individuell angepasste, ausgewogene Ernährung ist ein zentraler Bestandteil der Parkinson-Therapie. Sie kann Symptome lindern, Komplikationen vorbeugen und die Lebensqualität verbessern. Es gibt keine allgemeingültige "Parkinson-Diät", aber einige allgemeine Empfehlungen können hilfreich sein.

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Die mediterrane Ernährung als Grundlage

Die mediterrane Ernährung, die reich an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, gesunden Fetten (z. B. Olivenöl) und Fisch ist, bietet eine gute Grundlage für eine ausgewogene Ernährung bei Parkinson. Sie enthält viele Ballaststoffe und Polyphenole. Polyphenolhaltige Lebensmittel, zum Beispiel Rapsöl, grüner Tee oder dunkelrote Beeren, scheinen darüber hinaus besonders nervenzellschützend für Erkrankte zu sein.

Ballaststoffe für eine gesunde Verdauung

Verstopfung ist ein häufiges Problem bei Parkinson-Patienten. Eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten kann helfen, die Verdauung zu regulieren. Es ist wichtig, ausreichend Flüssigkeit zu trinken, damit die Ballaststoffe quellen können und den Darm dazu bringen, dass er sich bewegt.

Eiweiß und L-Dopa: Timing ist alles

L-Dopa, das am häufigsten eingesetzte Parkinson-Medikament, kann in seiner Wirkung durch die Aufnahme von Eiweiß beeinträchtigt werden. L-Dopa und Eiweiß sind sich in ihrer chemischen Struktur so ähnlich, dass sie an der gleichen Stelle im Dünndarm ins Blut übertreten. Um die optimale Wirkung von L-Dopa zu gewährleisten, sollte es idealerweise mindestens eine halbe Stunde vor oder frühestens anderthalb Stunden nach einer Mahlzeit mit ausreichend Flüssigkeit, vorzugsweise Wasser, eingenommen werden.

Bei Fortschreiten der Erkrankung mit Levodopa-Einnahmen alle drei Stunden sind diese Empfehlungen zu Karenzzeiten vor und nach einer Mahlzeit aber gar nicht mehr praktikabel und man muss Kompromisse machen.

Eine Protein-Redistributionsdiät, bei der die Hauptmenge des Eiweißes abends eingenommen wird, kann helfen, die Wirkungsschwankungen von L-Dopa zu reduzieren. Auf Proteine sollten die Betroffenen aber nicht verzichten.

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Zucker und verarbeitete Lebensmittel meiden

Zucker, verarbeitete und frittierte Lebensmittel sowie rotes Fleisch sollten vermieden werden, da sie Entzündungen fördern und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen können.

Vitamin D und B12: Auf den Spiegel achten

Menschen mit Parkinson haben oft niedrigere Vitamin-D-Spiegel als gleichaltrige Gesunde, da sie aufgrund der Bewegungseinschränkungen weniger mobil sind und deshalb seltener direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind. Ein Vitamin-D-Mangel kann u. a. zu einer Osteoporose und damit zu einem erhöhten Risiko für Knochenbrüche führen.

Mangelzustände an Vitamin B12 treten bei Menschen mit Parkinson möglicherweise häufiger auf als in der gesunden Bevölkerung. Dies könnte durch eine Wechselwirkung zwischen L-Dopa (dem am häufigsten eingesetzten Parkinson-Medikament) und dem Vitamin B-Stoffwechsel bedingt sein.

Eine regelmäßige Überprüfung der Vitamin-D- und B12-Spiegel und gegebenenfalls eine Supplementierung sind daher ratsam.

Umgang mit Schluckstörungen

Bei Schluckstörungen ist eine Anpassung der Kostform (z. B. angedickte Flüssigkeiten, pürierte Speisen) erforderlich. Schlucktrainings durch Logopäd*innen und Schluckwecker, die einen daran erinnern zu schlucken, können helfen. Studien haben gezeigt, dass EMST (expiratory muscle strength training) die Schlucksicherheit und Kaugummi-Kauen die Schluckfrequenz steigert.

Weitere wichtige Aspekte

Neben der Ernährung spielen auch andere Lebensstilfaktoren eine wichtige Rolle bei der Parkinson-Erkrankung:

  • Regelmäßige Bewegung: Aerobes Training und Krafttraining können den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen.
  • Soziale Interaktion: Aktivierung und Strukturierung des Tages sind wichtig, um Inaktivität und Rückzug zu vermeiden.
  • Kochen als Therapie: Von der Auswahl der Speisen über Einkauf, Vor- und Zubereitung bis zum gemeinsamen Genuss des fertigen Gerichts im Familien- oder Freundeskreis kann sich jeder Schritt des Kochens positiv auf die Parkinson-Erkrankung und ihre Symptome auswirken - und dabei sogar noch Spaß machen.

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