Die Sprachentwicklung von Kindern ist ein komplexer Prozess, der von vielen Faktoren beeinflusst wird. Neben dem reinen Erlernen von Wörtern und Grammatik spielen auch die motorische Entwicklung, die Körperhaltung, die Koordination und die sensorische Wahrnehmung eine entscheidende Rolle. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren und der Sprachentwicklung, insbesondere unter Berücksichtigung der Rolle des Kleinhirns.
Einführung
Die Sprachentwicklung ist ein vielschichtiger Prozess, der weit über das reine Erlernen von Vokabeln und Grammatik hinausgeht. Die frühkindliche Entwicklung des Gehirns, insbesondere des Kleinhirns, spielt eine entscheidende Rolle bei der Ausbildung der sprachlichen Fähigkeiten. Bewegungsabläufe, Körperspannung, Koordination und sensorische Wahrnehmung sind eng mit der Sprachentwicklung verbunden.
Motorik und Sprache: Ein enges Zusammenspiel
Motorik und Sprache entwickeln sich nicht isoliert voneinander, sondern stehen in einem engen Wechselspiel. Bereits im Säuglingsalter lässt sich beobachten, dass erste Lautäußerungen häufig mit Bewegungen des Körpers einhergehen. Sprach- und Bewegungsareale im Gehirn sind eng miteinander verschaltet. Das sogenannte Broca-Areal, bekannt als zentrales Sprachzentrum, ist gleichzeitig an der Planung von Bewegungen beteiligt.
Begriffe durch Handlung begreifbar machen
Begriffe werden durch Handlung begreifbar: Wenn ein Kind einen Ball sieht, greift und damit spielt, verknüpft es das Objekt mit einem Wort. Diese sensorischen und motorischen Erfahrungen helfen, ein semantisches Verständnis aufzubauen. Kinder, die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind oder zu wenig Gelegenheit zum aktiven Spielen haben, zeigen häufiger Verzögerungen in der Sprachentwicklung.
Körperhaltung als Basis für die Sprachentwicklung
Eine stabile Körperhaltung - insbesondere des Rumpfes - bildet die Basis für kontrollierte Atem- und Sprechprozesse. Die Atemführung ist direkt abhängig von der Haltung. Eine aufrechte, spannungsvoll-aktive Körperposition ermöglicht eine tiefere Bauchatmung, die wiederum eine gleichmäßige Ausatmung während des Sprechens erlaubt.
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Feinmotorik und Artikulation
Lippen, Zunge, Gaumensegel, Kiefer und Zwerchfell arbeiten beim Sprechen in fein abgestimmter Weise zusammen. Diese Koordination gelingt nur, wenn eine Grundspannung den gesamten Körper trägt. In der logopädischen Praxis werden bei Kindern mit tonischen Auffälligkeiten gezielte Haltungs- und Atemübungen eingesetzt. Sprechen ist Hochleistungs-Feinmotorik: Bis zu 1400 Muskelimpulse pro Sekunde sind nötig, um einen einzigen Satz zu bilden. Kinder mit Defiziten in der Hand-Feinmotorik - etwa beim Schneiden, Basteln oder Schreiben - zeigen häufig auch Schwierigkeiten im artikulatorischen Bereich. Diese Verbindung erklärt sich aus der gemeinsamen Ansteuerung durch das motorische Rindengebiet und das Kleinhirn.
Förderung der Feinmotorik
Feinmotorik kann gezielt geschult werden - nicht nur durch handmotorische Übungen, sondern auch durch Mundmotorikspiele, Zungenakrobatik und Übungen zur Lippenkontrolle. Rhythmische Koordination - z.?B. beim Klatschen, Hüpfen oder Nachsprechen rhythmischer Silben - unterstützt die Sprachproduktion, da sie das zeitliche Zusammenspiel von Bewegungsabfolgen trainiert.
Körperwahrnehmung und Sprachbildung
Die Fähigkeit, den eigenen Körper im Raum wahrzunehmen - ohne hinzusehen -, ist zentral für die Sprachbildung. Nur wer spürt, wo sich seine Zunge oder Lippen befinden, kann diese gezielt steuern und Laute präzise bilden. Berührungsreize - etwa durch taktile Spiele im Gesicht, Zungenfühler oder vibrierende Stäbe - verstärken die kinästhetische Wahrnehmung der Artikulationsorgane. Nur wenn Kinder ihre Artikulation bewusst wahrnehmen, können sie Fehler erkennen und korrigieren.
Bewegung aktiviert Sprachareale
Bewegung aktiviert nicht nur motorische Zentren, sondern auch Sprachareale im Gehirn. Durch die Verbindung von Bewegung und Sprache entsteht multisensorisches Lernen: Sprache wird nicht nur gehört, sondern gesehen, gespürt, gemacht. Bewegungsbasierte Lernformate - etwa der Spracherwerb beim Laufen oder durch Gebärden - führt langfristig zu besseren sprachlichen Leistungen. Logopädische Interventionen, die Bewegung einbeziehen, wirken nachhaltiger. Beispiele sind Sprechspiele im Stehen, Sprechbewegungen im Takt mit Laufbewegungen oder der Einsatz von Bewegungsliedern. In der Praxis zeigt sich der Nutzen der Kombination von Ergotherapie und Logopädie. Bei Kindern mit motorisch-sprachlichen Doppeldefiziten ist ein abgestimmter Therapieplan besonders wirksam.
Praktische Fördermöglichkeiten
- Mundmotorische Förderung: Gezielte Übungen zur Stärkung der Lippen-, Wangen- und Zungenmuskulatur verbessern die Artikulationsfähigkeit.
- Bewegungsspiele mit Sprachanreizen: Sprache wird durch Bewegung lebendig: Spiele wie „Simon sagt“, Bewegungslieder oder Sprechparcours kombinieren sprachliches Material mit gezielten Bewegungsaufgaben.
- Alltagsintegrierte Fördermöglichkeiten: Auch im Alltag lässt sich Motorik-Sprachförderung leicht umsetzen: beim Treppensteigen Reime aufsagen, beim Zähneputzen Artikulationsübungen einbauen oder beim Einkaufen Bewegungsanweisungen geben.
Die Einbindung von Bewegung in den logopädischen Alltag steigert nicht nur den Therapieerfolg, sondern auch die Freude am Sprechen.
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Die Rolle des Kleinhirns
Das Kleinhirn spielt eine zentrale Rolle bei der Planung, Koordination und Feinabstimmung von Bewegungen. Es ist maßgeblich am unbewussten Erlernen von Bewegungsabläufen beteiligt, was bedeutet, dass automatisierte Bewegungsabläufe ohne Nachdenken abgerufen werden können. Dazu gehört die Koordination der Gesichtsmuskulatur beim Sprechen und die Bewegung der Finger beim Greifen, Malen, Fädeln, Stecken, Schreiben und so weiter. Das Kleinhirn trägt mit seiner Steuerung wichtige Komponenten zum flüssigen Sprechen (Bildung von Lauten und Wörtern) und Schreiben bei. Es besteht also ein klarer Zusammenhang zwischen Bewegung und Sprache. Man sagt auch, dass zwischen Händen und Sprachzentrum im Gehirn so etwas wie ein direkter Draht besteht.
Kleinhirn und Theory of Mind
In den letzten Jahren hat die Forschung gezeigt, dass das Kleinhirn nicht nur für motorische Funktionen wichtig ist, sondern auch für kognitive Prozesse wie die "Theory of Mind" (ToM), also die Fähigkeit, die Gedanken und Absichten anderer Menschen zu verstehen. Studien haben gezeigt, dass das Kleinhirn bei Kindern mehr Informationen an die Großhirnrinde weitergibt, während bei Erwachsenen die Großhirnrinde mehr Informationen an das Kleinhirn weitergibt. Dies deutet darauf hin, dass das Kleinhirn in der Kindheit eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der kortikalen Prozesse spielt, die für die ToM notwendig sind.
Auswirkungen von Kleinhirnschädigungen
Pädiatrische Befunde deuten darauf hin, dass frühkindliche Kleinhirnverletzungen häufig zu schweren und anhaltenden Veränderungen des Sozialverhaltens führen, die häufig im Zusammenhang mit neurologischen und psychiatrischen Störungen wie Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) und Schizophrenie beobachtet werden. Es ist viel schwieriger, sich von einer Verletzung des Kleinhirns zu erholen, wenn man sie in jungen Jahren erleidet, als wenn man sie als Erwachsener erleidet.
Pontozerebelläre Hypoplasie (PCH)
Ein Beispiel für eine Erkrankung, bei der das Kleinhirn unterentwickelt ist, ist die Pontozerebelläre Hypoplasie (PCH). Kinder mit PCH können oft nicht laufen oder sprechen, und einige können nicht einmal schlucken. Ständige Unruhe, Krämpfe und epileptische Anfälle gehören zum Alltag.
Sprachstörungen und motorische Defizite
Studien belegen, dass Kinder, die schlechte Leistungen im feinmotorischen Bereich zeigen, häufiger auch Störungen in der Sprachentwicklung, insbesondere in der Aussprache/Artikulation, haben. Eltern können ihren Kindern helfen, indem sie ihnen ansprechende und vielfältige Möglichkeiten zur Förderung der Feinmotorik anbieten. Denn alles, was die Feinmotorik fördert, trainiert somit gleichzeitig das Sprachzentrum!
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Umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen (UEMF)
Es finden sich auch Kinder, deren Bewegungsentwicklung nicht altersentsprechend verläuft, ohne dass medizinische Krankheitsfaktoren, Beeinträchtigungen der Sinnesorgane oder kognitive Beeinträchtigungen vorliegen. Dieses Störungsbild wird mit „umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen (UEMF)“ bezeichnet. Störungen der motorischen Fertigkeiten bedeuten eine entscheidende Beeinträchtigung für das Kind; sie engen nicht nur den Bewegungs- und Handlungsspielraum ein, sie hemmen es meist auch in seinen sozialen Aktivitäten, beeinträchtigen sein Selbstwertgefühl und sein Selbstvertrauen und können weitere Persönlichkeitsbereiche negativ beeinflussen.
Ursachen und Therapieansätze
Welche Ursachen diese Störungen allerdings hervorrufen, darüber besteht keineswegs Einigkeit. Beim derzeitigen Forschungsstand besteht Grund zur Annahme, dass motorische Entwicklungsstörungen auf verschiedenen Ursachen beruhen können bzw. Es erscheint - angesichts der Komplexität der neuronalen Kontroll- und Steuerungsprozesse selbst einfachster Bewegungen - plausibel, dass die Verarbeitung sensorischer Informationen und zentrale Verarbeitungsprozesse bei motorischen Entwicklungsstörungen eine entscheidende Rolle spielen. Daneben können unzureichende Lernerfahrungen am Zustandekommen motorischer Entwicklungsstörungen ursächlich beteiligt sein oder sie können vorhandene Bewegungsprobleme verstärken. Kinder, deren Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, werden infolge dieses Bewegungsmangels keine altersgemäßen motorischen Leistungen erzielen. Leistungsrückstände in der motorischen Entwicklung sind durchaus therapierbar, auch wenn nicht in allen Fällen ein normales Entwicklungsniveau erreicht werden kann. Ein gezieltes, intensives und auf die besondere Situation dieser Kinder abgestimmtes Training verspricht auch Erfolge bei Kindern mit motorischen Rückständen infolge von Intelligenzminderung oder sensorischer Defizite.
Es liegen verschiedene Ansätze vor, die den Anspruch erheben, motorische Störungen zu mindern und darüber hinaus Lern- und Verhaltensstörungen zu beseitigen und die Gesamtentwicklung des Kindes positiv zu beeinflussen. Kennzeichnend für diesen Ansatz ist die Wechselwirkung zwischen Störungen der Motorik und Persönlichkeitsdimensionen wie Aggressivität, Ängstlichkeit, Demotivierung und Lernstörungen. Die ganzheitliche Förderung der Persönlichkeit des Kindes soll vor allem erreicht werden durch die Vermittlung motorischer, sensorischer und kognitiver Anreize, die Erweiterung der motorischen Kompetenzen und die Möglichkeit, vielfältige Sinnes-, Bewegungs- und Materialerfahrungen zu sammeln. Bei allen Aktivitäten wird Wert darauf gelegt, dass die Kinder eigene Bewegungsideen verwirklichen können, positive soziale Zuwendung erfahren und (wieder) Freude an der Bewegung erleben können.
Die Rolle der Eltern
Auch Eltern können hierbei einen wesentlichen Beitrag leisten: Sie müssen einerseits akzeptieren, dass ihr Kind “ungeschickt” ist und kein Spitzensportler werden wird, andererseits müssen sie davon überzeugt werden, dass sie ihr Kind nicht - wegen seiner Ungeschicklichkeit - besonders schonen oder überbehüten, sondern sein Explorationsverhalten ermutigen, es immer wieder zu Bewegungsspielen und sportlichen Aktivitäten (z.B. Rad fahren, Schwimmen, Klettern) anregen und Hilfestellung bei motorischen Herausforderungen oder beim Ankleiden auf das dem Entwicklungsstand adäquate Niveau beschränken.
Die Entwicklung des Gehirns im Überblick
Um die Zusammenhänge zwischen Motorik, Kleinhirn und Sprachentwicklung besser zu verstehen, ist ein kurzer Überblick über die Entwicklung des Gehirns hilfreich.
Struktur des Gehirns
Das Gehirn hat ein mittleres Gewicht von 1.245 g bei Frauen und von 1.375 g bei Männern. Den meisten Platz nimmt das Großhirn ein, das aus zwei Hälften (Hemisphären) besteht, die durch den Balken miteinander verbunden sind. In der linken Hirnhälfte sind z.B. Sprache, Umgang mit Symbolen und Sequenzen (Mathematik, Musik) sowie Denkprozesse verankert, in der rechten Hemisphäre visuell-räumliche Wahrnehmung, Gefühle, Kreativität, Fantasie und Körperkoordination. Zum Großhirn gehört ferner das limbische System, das gefühlsmäßige Reaktionen wie z.B. Das Kleinhirn, das ebenfalls aus zwei Hemisphären besteht, steuert unbewusst Muskulatur, Motorik und Körperhaltung (Gleichgewicht), ermöglicht die Orientierung im Raum und erhält über die Brücke willkürliche Bewegungsimpulse aus dem Großhirn. Das Zwischenhirn umfasst - paarig angelegt - den Thalamus ("sortiert" Input und leitet ihn an spezialisierte Teile des Gehirns weiter) und den Hypothalamus (steuert lebenswichtige vegetative Funktionen wie den Wärme-, Wasser- und Energiehaushalt). Der Hirnstamm kontrolliert Atmung, Blutkreislauf, Aufmerksamkeit und Schlaf, das verlängerte Mark automatisch ablaufende Vorgänge wie den Herzschlag sowie verschiedene Reflexe.
Neuronen und Synapsen
Das Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die über 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen) mit anderen Neuronen kommunizieren. Dazu hat jede Nervenzelle ein Axon, das bis zu den Zehen - oder auch nur bis zum nächsten Neuron - reichen kann und über das sie Nachrichten versendet (Output) sowie viele Dendriten, über die sie mit 1.000 und mehr (Nerven-)Zellen verbunden ist und über die sie Botschaften empfängt (Input). Die Kommunikation zwischen den Neuronen erfolgt durch den Austausch von Neurotransmittern (komplexe Aminosäuren wie Serotin, GABA, Dopamin, Adrenalin usw.) bzw. von Ionen (elektrisch positiv oder negativ geladene Atome oder Moleküle) in den Synapsen. Das Gehirn produziert hierzu jederzeit rund 20 Watt an Elektrizität. Für all diese Aktivität benötigt es viel Energie - beim Erwachsenen rund 18% seines täglichen Kalorienbedarfs, bei Kleinkindern sogar bis zu 50%.
Entwicklung des Gehirns im Mutterleib und in den ersten Lebensjahren
Beim Fötus entwickelt sich im Gehirn zunächst eine Unmenge von Neuronen, von denen ein Großteil noch vor der Geburt wieder abgebaut wird. So startet ein Neugeborenes mit 100 Milliarden Neuronen (gleiche Anzahl wie bei Erwachsenen), die aber noch klein und wenig vernetzt sind. Dementsprechend beträgt das Gewicht seines Gehirns nur ein Viertel von dem eines Erwachsenen. In den ersten drei Lebensjahren nimmt die Zahl der Synapsen rasant zu - eine Gehirnzelle kann bis zu 10.000 ausbilden. Mit zwei Jahren entspricht die Menge der Synapsen derjenigen von Erwachsenen, mit drei Jahren hat ein Kind bereits doppelt so viel. Die Anzahl (200 Billionen) bleibt dann bis zum Ende des ersten Lebensjahrzehnts relativ konstant. Bis zum Jugendalter wird rund die Hälfte der Synapsen wieder abgebaut, bis die für Erwachsene typische Anzahl von 100 Billionen erreicht wird. Verbunden mit diesem rasanten Wachstum von Synapsen ist eine rasche Gewichtszunahme des Gehirns: von 250 g bei der Geburt über 750 g am Ende des 1. Lebensjahrs bis 1.300 g im 5. Lebensjahr. In der Pubertät wird schließlich das Endgewicht erreicht. Die doppelt so hohe Zahl von Synapsen erklärt auch, wieso das Gehirn eines Dreijährigen mehr als doppelt so aktiv ist wie das eines Erwachsenen. Außerdem enthalten die Gehirne von (Klein-) Kindern größere Mengen bestimmter Neurotransmitter. Sie haben einen fast doppelt so hohen Glukoseverbrauch (Traubenzuckerverbrauch) wie die Gehirne von Erwachsenen, benötigen also mehr Energie. Die Ausbildung von doppelt so viel Synapsen wie letztlich benötigt werden ist ein Zeichen für die große Plastizität des Gehirns - und die enorme Lern- und Anpassungsfähigkeit des Säuglings bzw. Kleinkinds.
Lernen und Gehirnentwicklung
Das Neugeborene fängt geistig praktisch bei Null an: Abgesehen von ein paar Instinkten ist es weitgehend auf Wahrnehmung und Reaktion beschränkt. Die Regionen des Gehirns, die später für komplexe Funktionen wie Sprechen oder Denken zuständig sind, liegen weitgehend brach. Aber das ist genau die große Chance des Menschen: Der Neugeborene ist praktisch für ganz unterschiedliche Kulturen und Milieus offen. Die Überproduktion von Synapsen in den ersten wenigen Lebensjahren ermöglicht das schnelle Erlernen ganz unterschiedlicher Verhaltensweisen, Sprachen, Lebensstile usw. Ein großer Teil der weiteren Gehirnentwicklung bei Kindern besteht dann darin, die für ihre Lebenswelt nicht relevanten Synapsen abzubauen und die benötigten Bahnen zwischen Neuronen zu intensivieren. So bestimmt letztlich die Umwelt - das in ihr Erfahrene, Gelernte, Erlebte, Aufgenommene - zu einem großen Teil die Struktur des Gehirns. Die skizzierte Entwicklung setzt sich dann bis zum Tode des Menschen fort: Unbenötigte Synapsen werden eliminiert, häufig benutzte verstärkt. Zugleich werden aber immer wieder neue Synapsen gebildet, insbesondere im Rahmen von Gedächtnisprozessen.
Entwicklungsfenster und sensible Phasen
Die Überproduktion und Selektion von Synapsen erfolgen in verschiedenen Regionen des Gehirns mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität; sie erreichen ihren Höhepunkt zu jeweils anderen Zeiten. Beispielsweise wird in den Hinterhauptslappen, die für die visuelle Wahrnehmung zuständig sind, die höchste Dichte von Synapsen schon in den ersten Lebensmonaten erreicht. Hingegen ist das Wachstum in den Stirnlappen (Planen von Handlungen, Urteilsvermögen, Aufmerksamkeit) zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr am größten. In diesem Zusammenhang wird oft von "Entwicklungsfenstern" oder "kritischen Phasen" gesprochen, in denen das Gehirn für bestimmte Lernerfahrungen besonders empfänglich sei, da dann die relevanten Synapsen ausgewählt und miteinander verknüpft, also die entsprechenden Regionen des Gehirns strukturiert würden. Werden diese Perioden verpasst, könnte ein Kind im jeweiligen Bereich kaum noch dieselbe Leistungsfähigkeit erreichen wie andere. Beispielsweise dauert die "sensible Phase" für den Spracherwerb bis zum 6. oder 7. Lebensjahr.
Lernen im Gehirn
In jedem Augenblick strömt eine Unmenge an Eindrücken und Wahrnehmungen aus dem Körper und über die Sinne zum Gehirn. Die Impulse werden in viele kleine Einzelteile zerlegt, die in spezialisierten Teilregionen des Gehirns verarbeitet werden. Die von dort ausgehenden "Botschaften" werden in größeren Bereichen des Gehirns interpretiert und miteinander verknüpft. An dieser Weiterverarbeitung ist vielfach auch das Gedächtnis beteiligt: Erkennen ist vor allem Wiedererkennen von Gleichem und Ähnlichem. Ferner werden mit Hilfe des Gedächtnisses unvollständige Eindrücke ergänzt. Schließlich müssen Körper und/oder Geist reagieren, Veränderungen vornehmen, Handlungen planen und durchführen. Insbesondere an hoch komplexen Abläufen sind somit viele Bereiche des Gehirns beteiligt.
Natürlich können nicht all die vielen Eindrücke und Wahrnehmungen, Lernerfahrungen und Informationen im Gehirn gespeichert werden. Vielmehr wird ausgewählt: Das Gehirn ignoriert bereits Bekanntes, unterscheidet Wichtiges von Unwichtigem, bildet Kategorien, Muster und Hierarchien, ordnet Ereignisse in sinnvollen Sequenzen, stellt Beziehungen zu anderen Daten her, fügt neu Gelerntes in bereits abgespeichertes Wissen ein. Ferner werden Eindrücke und Informationen leichter behalten, wenn sie mit Emotionen verknüpft sind, wenn sie neuartig, ungewöhnlich und besonders interessant wirken, wenn sie leicht in die vorhandenen Gedächtnisinhalte integriert werden können und wenn ein Lebens- bzw. Alltagsbezug gegeben ist.
Im Gehirn schlagen sich Denken und Lernen auf verschiedene Weise nieder: Bei jeder Interaktion zwischen Säugling bzw. Kleinkind und Umwelt reagieren zunächst Tausende von Gehirnzellen. Bestehende Verbindungen zwischen ihnen werden intensiviert, neue ausgebildet. Treten nun wiederholt ähnliche Eindrücke, Wahrnehmungen und Erfahrungen auf, schleifen sich bestimmte Bahnen ein. Das heißt, ähnliche Signale folgen zunehmend demselben Weg, der durch bestimmte, bei wiederholter Stimulierung stärker werdende chemische Signale in den Synapsen zwischen den Neuronen markiert wird. Haben diese Signale eine von Gehirnregion zu Gehirnregion unterschiedlich große Stärke erreicht, wird diese Bahn auf Dauer (bis in das Erwachsenenalter hinein) beibehalten. Viele zuvor benutzte Verbindungen - und die an ihnen beteiligten Neuronen - verlieren an Bedeutung; viele der kaum oder überhaupt nicht benutzten Nervenzellen werden sogar in den ersten Lebensjahren abgebaut. Die entlang der sich einschleifenden Bahnen liegenden Neuronen werden hingegen immer größer, d.h. sie bilden immer mehr Dendriten aus, die zudem länger werden und zu immer mehr anderen Nervenzellen führen. Zugleich wird das Gehirn auf eine bestimmte Weise organisiert - je nachdem, für welche Arten von Lernprozessen Neuronen und Nervenbahnen besonders oft aktiviert werden. Die Veränderungen in seiner Struktur können sogar stark ausgeprägt sein, wenn bestimmte Lernerfahrungen sehr häufig gemacht werden - z.B. ist bei Taxifahrern die Gehirnregion für das Ortsgedächtnis größer, wird bei tauben Menschen ein Bereich im Gehirn für die Gebärdensprache abgegrenzt.
Genetische und umweltbedingte Einflüsse
Die vorangegangenen Abschnitte haben schon deutlich gemacht, wie stark die Gehirnentwicklung durch das Lernen geprägt wird - sie ist ein Prozess, der von Erbe und Umwelt gleichermaßen bestimmt wird. Rund 60% aller menschlichen Gene wirken auf die Gehirnentwicklung ein. Der IQ ist aber nur zu etwa 50% genetisch bedingt, der Schulerfolg sogar nur zu 20%. Die Umgebung wirkt schon vor der Geburt auf die Gehirnentwicklung ein (z.B. die Stimme der Mutter, Musik und andere Geräusche), insbesondere über den Körper der Mutter: Negative Einflussfaktoren sind beispielsweise Fehlernährung, Rauchen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Stress oder der Umgang mit giftigen Substanzen am Arbeitsplatz während der Schwangerschaft. Nach der Geburt wird die Gehirnentwicklung z.B. gehemmt durch längere Krankenhausaufenthalte oder Heimunterbringung, da dann Säuglinge bzw. Kleinkinder zu wenig Stimulierung erfahren. Dasselbe gilt für den Fall, dass die Mutter depressiv ist oder die Eltern ihr Kind vernachlässigen. Einen negativen Effekt können ferner frühkindliche Traumata oder Misshandlungen haben. Eine positive Wirkung wird hingegen beispielsweise dem Stillen zugesprochen, da hier das Gehirn besonders gut mit Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen versorgt wird.
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