Warum das Gehirn schlechte Erinnerungen verdrängt: Einblick in die Psychologie des Vergessens

Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das ständig Informationen verarbeitet und speichert. Doch nicht alle Erinnerungen werden gleich behandelt. Während positive und neutrale Erlebnisse oft lebhaft im Gedächtnis bleiben, neigen wir dazu, unangenehme oder traumatische Erfahrungen zu verdrängen. Dieser Mechanismus, bekannt als Verdrängung, ist ein faszinierendes und kontrovers diskutiertes Thema in der Psychologie.

Wie das Gedächtnis funktioniert: Konsolidierung und Rekonsolidierung

Um zu verstehen, wie Verdrängung funktioniert, ist es wichtig, die Grundlagen der Gedächtnisbildung zu kennen. Unser Gedächtnis lässt sich grob in zwei Bereiche unterteilen: das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Damit eine Information vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übergehen kann, muss sie konsolidiert werden. Dieser Prozess festigt die Erinnerung und macht sie langfristig verfügbar.

Die Konsolidierung ist jedoch kein einmaliger Vorgang. Jedes Mal, wenn wir uns an eine Erinnerung erinnern, wird sie im Kurzzeitgedächtnis neu aktiviert und muss anschließend erneut konsolidiert werden. Dieser Vorgang wird als Rekonsolidierung bezeichnet. Während der Rekonsolidierung ist die Erinnerung veränderlich und anfällig für Verzerrungen oder sogar das Vergessen.

Die Mechanismen des Vergessens

Der Prozess der Rekonsolidierung bietet eine Möglichkeit, wie Erinnerungen verändert oder sogar vergessen werden können. Studien haben gezeigt, dass es möglich ist, Menschen dazu zu bringen, bestimmte Informationen zu vergessen, indem man sie während der Rekonsolidierung gezielt beeinflusst.

In einer Studie von Nikolai Axmacher mussten sich die Teilnehmenden beispielsweise zufällig gewählte Namen für fremde Gesichter merken. Später wurden ihnen die Gesichter erneut gezeigt, aber bei manchen Gesichtern wurden sie angewiesen, den zugehörigen Namen wieder zu vergessen. Das Ergebnis war, dass sich die Teilnehmenden tatsächlich schlechter an die Namen erinnern konnten, die sie vergessen sollten.

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Es gibt jedoch verschiedene Arten von Langzeitgedächtnis. Faktenwissen wird im semantischen Gedächtnis gespeichert, während persönliche Erlebnisse im episodischen Gedächtnis abgelegt werden. Es hat sich gezeigt, dass es schwieriger ist, Erinnerungen aus dem episodischen Gedächtnis absichtlich zu vergessen, da diese oft mit starken Emotionen verbunden sind.

Die Rolle von Emotionen beim Vergessen

Emotionen spielen eine entscheidende Rolle bei der Speicherung und dem Abruf von Erinnerungen. Besonders starke Emotionen, sowohl positive als auch negative, können dazu führen, dass Erinnerungen besonders gut oder besonders schlecht erinnert werden.

Traumatische Erlebnisse können so überwältigend sein, dass die Psyche sie durch Dissoziation aus dem Bewusstsein verbannt. Dies kann zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen, bei der die Betroffenen die traumatische Situation immer wieder erleben. In solchen Fällen ist therapeutische Hilfe notwendig, um die Erinnerung zu verarbeiten und einen Umgang damit zu finden.

Das Beispiel der PTBS zeigt, dass Vergessen in bestimmten Situationen sinnvoll sein kann, insbesondere wenn Erinnerungen stark belastend sind. Innere Konflikte können ebenfalls verdrängt werden, obwohl sie als Gedächtnisspur vorhanden bleiben.

Strategien der Vermeidung und Verdrängung

Es gibt verschiedene Strategien, um unangenehmen Informationen auszuweichen. Eine Möglichkeit ist, sie gar nicht erst aufzunehmen. In einer Studie von Ralph Hertwig wurde den Teilnehmenden ein fiktives Szenario präsentiert, in dem sie im Urlaub in Griechenland eine teure Antiquität gekauft hatten, deren Echtheit sie anzweifelten. Viele Teilnehmende, insbesondere ältere Menschen, lehnten das Angebot ab, die Echtheit der Antiquität kostenlos überprüfen zu lassen. Hertwig führt dies auf die höhere "emotionale Regulierungsfähigkeit" der Älteren zurück, die besser vorhersehen können, was ihnen emotional guttut und was nicht.

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Allerdings ist es nicht immer von Vorteil, negative Emotionen zu vermeiden. So holen sich beispielsweise viele Menschen, die sich auf HIV testen lassen, ihr Testergebnis anschließend nicht ab, um sich nicht mit den möglicherweise negativen Konsequenzen auseinandersetzen zu müssen.

Wie man das Vergessen lernen kann

Absichtliches Vergessen ist nicht nur im therapeutischen Kontext wichtig. Auch im Arbeitsleben kann es notwendig sein, alte Routinen zu vergessen, um sich an neue Arbeitsvorgänge anzupassen. Die Wirtschaftspsychologin Annette Kluge hat untersucht, wie Menschen alte Arbeitsroutinen am besten vergessen können. Ihrer Ansicht nach reicht es aus, sich nicht mehr an eine Gedächtnisspur zu erinnern, anstatt sie zu löschen. Dies bedeutet, dass man diejenigen Hinweise entfernen sollte, die eine Erinnerung aktivieren. Es ist jedoch wichtig, die Balance zu wahren, da manche Hinweisreize gleichzeitig elementare Bestandteile einer produktiven Arbeitsweise sein können.

Aktives Unterdrücken von Erinnerungen

Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) hat gezeigt, dass aktives Unterdrücken von Erinnerungen dazu führen kann, dass die Spuren im Gedächtnis verblassen. Die Teilnehmer lernten, Bilder negativer Erlebnisse mit neutralen Gegenständen zu assoziieren. Anschließend wurden sie gebeten, entweder an die Szenen zu denken oder jeden Gedanken daran zu unterdrücken. Es zeigte sich, dass die vermiedenen Erinnerungen tatsächlich verblasst waren und die spezifische Hirnaktivität, die während des ursprünglichen Erlebnisses aufgetreten war, sich verändert hatte.

Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass der präfrontale Kortex im Stirnbereich die Aktivität des Hippocampus hemmt, der für die Reaktivierung von Erinnerungen zuständig ist. Die aktuellen Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Hemmung zu einer anhaltenden und langfristigen Abschwächung der Gedächtnisspur führt.

Die dunkle Seite der Verdrängung

Während Verdrängung in bestimmten Situationen hilfreich sein kann, hat sie auch eine dunkle Seite. Verdrängte Bewusstseinsinhalte sind nicht wirklich vergessen, sondern lediglich dem Zugriff des Bewusstseins entzogen. Im Unbewussten können sie jedoch weiterwirken und massive Ängste, Verhaltensstörungen, Blockaden und depressive Zustände auslösen.

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Dies zeigt sich besonders deutlich bei Menschen, die Extremsituationen wie Kriegen, Katastrophen oder schwerer Gewalt ausgesetzt waren. Um sich vor dem Schmerz des Erinnerns zu bewahren, kann die Seele das auslösende Erlebnis vollständig abspalten. Der Preis für dieses Rettungsmanöver ist jedoch hoch, da traumatisierte Menschen oft unter Angstattacken, sozialer und emotionaler Isolation sowie Realitätsverlust leiden.

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur Verdrängung

Ein Forscherteam aus den USA hat versucht, die neuronalen Grundlagen der Verdrängung im Gehirn zu lokalisieren. In einem Experiment zeigten sie ihren Versuchspersonen Bildpaare: Fotos von menschlichen Gesichtern und unangenehme Fotos von Unfallszenen oder verwundeten Soldaten. Im Anschluss wurden die Versuchspersonen in einen Magnetresonanzscanner geschoben und sahen nur noch die Personenporträts. Die Bilder aus dem Scanner zeigten einen zweistufigen Prozess, gesteuert vom präfrontalen Kortex. Zunächst gingen von dort Signale aus, die sensorische Aspekte der Erinnerung unterdrückten.

Der präfrontale Kortex ist einer der jüngsten Teile des menschlichen Gehirns und gilt als Sitz vieler Eigenschaften und Fähigkeiten, die den Menschen erst zum Menschen machen, wie Planung, bewusste Kontrolle über das eigene Verhalten und sogar das Formulieren moralischer Urteile.

Die Bedeutung des Vergessens

Etwas zu vergessen ist wahrscheinlich ebenso wichtig wie sich an etwas zu erinnern. Vergessen ist wichtig, damit wir uns auf Veränderungen einstellen und uns auf das Wesentliche konzentrieren können. Es ermöglicht uns, neue Informationen zu verarbeiten und unsere Vorstellungen von der Welt ständig zu aktualisieren.

Wie man wichtige Informationen besser erinnert

Obwohl das Vergessen eine wichtige Funktion hat, ist es natürlich auch wichtig, sich an relevante Informationen zu erinnern. Hier sind einige Tipps, wie man das Gedächtnis verbessern kann:

  1. Gesunder Lebensstil: Ausreichender Schlaf, regelmäßige körperliche Aktivität und eine ausgewogene Ernährung unterstützen die Gehirn- und Gedächtnisfunktionen.
  2. Wiederholung: Gezieltes Wiederholen von Informationen durch Lesen, Schreiben oder Kommunikation erhöht die Wahrscheinlichkeit einer langfristigen Speicherung.
  3. Emotionale Relevanz stärken: Eine Verknüpfung mit emotional wichtigen Erlebnissen kann Erinnerungen tiefer im Gedächtnis verankern.
  4. Assoziationen herstellen: Neue Informationen können besser erinnert werden, wenn sie mit bereits bekannten Konzepten verknüpft werden.
  5. Gedächtnis-Apps: Es gibt viele Apps, die für das Gedächtnistraining entwickelt wurden und dazu beitragen können, die Gedächtnisleistung zu steigern.

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