Die Frage, warum Zebras keine Migräne bekommen, führt uns zu einem tieferen Verständnis der Stressreaktion und ihrer Auswirkungen auf den Körper. Der Titel des Buches "Warum Zebras keine Migräne kriegen: Wie Stress den Menschen krank macht" von Robert M. Sapolsky, verdeutlicht bereits den Kern des Problems: Chronischer Stress, der bei uns Menschen oft psychologischer Natur ist, kann zu gesundheitlichen Problemen führen, während Tiere in der Wildnis, wie Zebras, Stressoren meist nur kurzfristig ausgesetzt sind.
Die Stressreaktion: Kampf oder Flucht
Zebras stehen auf dem Speiseplan von Löwen. Wenn eine Zebraherde Besuch von einem Rudel hungriger Löwen bekommt, dann erleben die Zebras eine sogenannte Stressreaktion, die auch als Kampf-oder-Flucht-Reaktion bezeichnet wird. Als unsere steinzeitlichen Vorfahren als Jäger und Sammler durch die Landschaft zogen, war es bei uns genauso. Doch heutzutage findet die Bedrohung, die eine Stressreaktion auslöst, oftmals nur in unseren Köpfen statt. Und diese Art von Stress (Sapolsky spricht von psychologischen und sozialen Stressoren) kann deutlich länger anhalten als ein paar Minuten oder Stunden. Unser Organismus ist zu einer Zeit entstanden, als jeder Stressor bedeutete, dass wir unsere Muskeln bewegen müssen. Deswegen reagiert unser Organismus auf psychologische und soziale Stressoren auf die gleiche Art und Weise, wie er auf einen hungrigen Säbelzahntiger reagieren würde. Die Stressreaktion bereitet unsere Muskeln auf die vermeintlich bevorstehende körperliche Herausforderung eines Kampfes oder einer Flucht vor. Langfristige Projekte des Organismus wie zum Beispiel die Verdauung, Fortpflanzung und Immunreaktionen werden vorübergehend pausiert.
Der österreichisch-ungarische Arzt Hans Selye war der Erste, der in den 1930er-Jahren erkannt hatte, dass unser Körper auf unsere Gedanken reagiert. Zunächst ging man davon aus, dass Stressoren den sogenannten homöostatischen Zustand stören und dass der Organismus daraufhin Anpassungen vornimmt, um die Homöostase wiederherzustellen. Später wurde das Konzept der Homöostase durch das Konzept der Allostase ergänzt, das weitreichende Anpassungsmechanismen beschreibt, die von unserem Gehirn koordiniert werden. Auch Anpassungen des Verhaltens fallen darunter. Heute geht man davon aus, dass unser Organismus nicht auf körperliche Veränderungen reagiert, sondern diese vorwegnimmt und bereits in weiser Voraussicht Anpassungen vornimmt. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Stressreaktion grundsätzlich wünschenswert ist. Bei Menschen, die unter Morbus Addison oder dem Shy-Drager-Syndrom leiden, funktioniert die Stressreaktion nicht richtig; bei ihnen werden bestimmte Stresshormone nicht ausgeschüttet.
Die physiologischen Mechanismen der Stressreaktion
Unserem Gehirn entspringen mehrere Nerven, die an unseren Körper angeschlossen sind. Sapolsky erklärt, dass das sympathische Nervensystem von den vier Fs aktiviert wird: fight, flight, fright (Schreck) und sex. An den Nervenenden des sympathischen Systems befinden sich Drüsen, die die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ausschütten. Bei allen anderen Aktivitäten wird das parasympathische Nervensystem aktiv.
Unser Gehirn kann sowohl über das Nervensystem als auch über die Ausschüttung von Hormonen auf den gesamten Organismus einwirken. Bei Stress schüttet der Hypothalamus das Hormon CRH (Corticotropin Releasing Hormone) aus, woraufhin die Hirnanhangdrüse das Hormon ACTH (adrenocorticotropes Hormon) ausschüttet, was die Nebennieren zur Ausschüttung sogenannter Glucocorticoide veranlasst. Bei Stress schüttet die Bauspeicheldrüse (Pankreas) das Hormon Glukagon aus, das für eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels sorgt. Die Hypophyse schüttet Prolaktin aus, das die Reproduktion hemmt. Außerdem werden Endorphine ausgeschüttet, die unsere Schmerzrezeptoren lahmlegen. Das Hormon Vasopressin bewirkt, dass vermehrt Flüssigkeit zurückgehalten wird. Die Ausschüttung von Testosteron, Östrogen und Insulin wird bei Stress inhibiert.
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Nicht alle Stressoren lösen die exakt gleiche Stressreaktion aus. Zwar kommt es immer zu einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems sowie zur Ausschüttung von Glucocorticoiden, aber mit welcher Geschwindigkeit und in welcher Intensität dies geschieht, hängt vom jeweiligen Stressor ab. Stichwort: Stressor-spezifische hormonelle Signatur.
Auswirkungen von Stress auf das Herz-Kreislauf-System
Im Rahmen der Stressreaktion wird der Herzschlag beschleunigt. Die Stärke des Herzschlags (Blutdruck) wird erhöht, indem die Venen, die das Blut zurück zum Herzen transportieren, kontrahieren und damit starrer werden. Der Organismus sorgt dafür, dass die Skelettmuskeln mit mehr Blut versorgt werden, während die Versorgung der Haut, der Verdauungsorgane und des Gehirns herunterreguliert wird. Der Blutfluss zu den Nieren wird reduziert, damit weniger Urin entsteht.
Bei Stress werden unsere Blutgefäße stärker beansprucht und verschleißen daher auch schneller. Die Erhöhung des Blutdrucks führt in einen Teufelskreis, denn um den stärkeren Blutfluss weiterhin regulieren zu können, bilden die Blutgefäße stärkere Muskeln aus, wodurch der Blutdruck weiter erhöht wird usw. Je höher der Blutdruck, umso turbulenter der Blutfluss. Dadurch werden insbesondere die kleinsten Kalilaren geschädigt.
Während der Stressreaktion gelangen mehr Energieträger ins Blut, darunter auch das schlechte Cholesterin. Dies begünstigt - neben anderen Faktoren - die Entstehung von Plaques. Wenn sich Plaques lösen, können sie kleinere Gefäße komplett verschließen. Man spricht von einer Thrombose (allgemein), einem Schlaganfall (wenn es im Gehirn passiert) bzw. Bei einer starken aversiven Emotion wie z. B. Wut verdoppelt sich das Risiko, während der folgenden zwei Stunden einen Herzinfarkt zu erleiden. Das Herzkreislaufsystem reagiert auf extreme Emotionen und macht dabei keinen Unterschied zwischen positiv und negativ.
Zwar haben Frauen immer noch seltener Herzinfarkte als Männer (im Durchschnitt sind sie zehn Jahre älter, wenn es passiert), aber die Zahlen steigen, während sie bei den Männern zurückgehen. Woran liegt das? Sapolsky erklärt, dass es weniger mit dem Lebenswandel als vielmehr mit dem weiblichen Sexualhormon Östrogen zu tun hat: Aufgrund seiner antioxidativen Wirkung schützt Östrogen vor Herzinfarkten, indem es die Entstehung von Arteriosklerose verhindert (bereits bestehende Arteriosklerose kann Östrogen aber nicht rückgängig machen).
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Stress und der Stoffwechsel
Unter Stress schüttet unser Organismus das Hormon Glukagon aus, das bewirkt, dass Energie mobilisiert wird, die in Form von Fett im Fettgewebe und in Form von Glykogen in unseren Muskeln und der Leber gespeichert ist. Gleichzeitig verhindern die Glucocorticoide, die bei Stress ebenfalls ausgeschüttet werden, die Wiedereinlagerung. Auch werden Proteine wieder in Aminosäuren zerlegt und in der Leber in Glukose verwandelt. Theoretisch werden auch die Muskeln abgebaut, aber das übersteigt nur in den seltensten Fällen ein bestimmtes Ausmaß.
Das größte Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass zu viel Fett und Zucker ins Blut gelangt, weil dadurch die Gefahr von Arteriosklerose steigt.
Warum bekommen wir bei Stress häufiger grippale Infekte? Weil die metabolische Stressreaktion ineffizient ist und Energie verbraucht.
Stress und Diabetes
Bei Diabetes Typ 1 werden bestimmte Zellen der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren, vom Immunsystem angegriffen und sterben ab. Der Organismus kann dann kein Insulin mehr ausschütten, was zur Folge hat, dass die Zellen keine Energieträger mehr aufnehmen können und förmlich verhungern. Die große Menge der im Blut schwimmenden Energieträger belastet die Nieren, was zu Nierenversagen führen kann. Auch die Augen können geschädigt werden. Bei Stress gelangt noch mehr Zucker und Fett ins Blut, sodass die Probleme noch zusätzlich verstärkt werden. Außerdem fördert Stress die Insulinresistenz. Unter diesen Umständen ist es schwerer, die Krankheit zu kontrollieren.
Bei Diabetes Typ 2 reagieren die Körperzellen nicht mehr auf das Hormon Insulin, das die Aufnahme von Energieträgern reguliert. Die Wahrscheinlichkeit für Diabetes Typ 2 steigt mit zunehmendem Körpergewicht. Übergewichtige haben nicht mehr Fettzellen als Schlanke, sondern die Fettzellen sind mit mehr Fett gefüllt. Irgendwann können sie kein neues Fett mehr aufnehmen und reagieren mit Insulinresistenz. Die betroffenen Fettzellen fangen dann ihrerseits damit an, Hormone auszuschütten, die weitere Zellen resistent machen. Der Organismus reagiert, indem er immer mehr Insulin produziert. Die Insulin produzierenden Zellen sterben schließlich ab und wir sind bei Diabetes Typ 1.
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Stress und Appetit
Typischerweise verlieren Lebewesen, die unter Stress stehen, den Appetit und nehmen daher weniger Nahrung auf. Im Rahmen der Stressreaktion werden sowohl Hormone ausgeschüttet, die den Appetit verringern (CRH), als auch Hormone, die den Appetit erhöhen (Glucocorticoide). Im Normalfall wird CRH schneller ausgeschüttet, weshalb der Appetit zunächst verloren geht. Wenn der Stress vorüber ist, wird CRH aber auch schneller wieder aus der Blutbahn entfernt, weshalb jetzt die Glucocorticoide wirken und der Appetit einsetzt. Ob wir unter Stress mehr oder wenige essen, hängt daher letztlich vom Stressor ab: Bei einem einzigen dauerhaften Stressor essen wir weniger und bei vielen verschiedenen Stressoren, die sich mit stressfreien Phasen abwechseln, essen wir mehr. Natürlich gibt es auch individuelle Unterschiede, die das Ganze noch überlagern.
Stress und die Verdauung
Die Verdauung verbraucht sehr viel Energie. Bei normalen Säugetiere, zu denen auch wir Menschen zählen, gehen 10-20 Prozent der verfügbaren Energie für die Verdauung drauf. Bei Stress pausiert die Verdauung. Wir spüren dies z. B. Die Nährstoffe werden im Dünndarm absorbiert. Im Dickdarm wird nur noch das Wasser entzogen. Auf diesen Schritt verzichtet der Organismus bei starkem Stress, weshalb wir Durchfall bekommen oder uns in die Hose machen.
Es gibt zwei verschiedene Arten gastrointestinaler Störungen: organische und funktionale Störungen. Eine solche funktionale Störung ist das Reizdarmsyndrom. Chronische Stressoren erhöhen das Risiko für das Reizdarmsyndrom und verschlimmern die Symptome. Eine Ursache ist ein zu schnell arbeitender Darm. In dem Fall kann es zu Durchfall kommen. Es kann aber auch passieren, dass die Darmperistaltik den Darminhalt nicht mehr in die richtige Richtung befördert, sondern hin und her schiebt. Bei Menschen, die daran leiden, ist die Aktivität des sympathischen Nervensystems zu stark.
Ein Geschwür ist ein Loch in der Wand eines Organs. Geschwüre kommen nicht nur im Magen vor. Für 85 bis 100 Prozent der Magengeschwüre ist das Bakterium Helicobacter pylori verantwortlich, das im Magen der allermeisten Menschen lebt (es würde erst 1983 entdeckt). Doch nicht alle Infizierten entwickeln ein Magengeschwür. Nur unter bestimmten Umständen bringt das Bakterium die Zellen der Magenwand dazu, ihre Resistenz gegen die Magensäure zu verlieren. Der genaue Mechanismus ist noch nicht völlig klar. Einer Theorie zufolge investiert der Organismus unter Stress weniger Energie in den Aufbau einer vor Magensäure schützenden Magenwand. Einer anderen Theorie zufolge wird die Magenwand unter Stress schlechter durchblutet, sodass dort Schäden entstehen.
Stress in der Kindheit und während der Schwangerschaft
Während unserer Kindheit lernen wir die Welt kennen. Wenn ein Elternteil stirbt, während die ein Kind sind, ist unser Risiko, an einer Depression zu erkranken, für den Rest unseres Lebens erhöht.
Im letzten Teil der Schwangerschaft lernt der Fötus, dass wir in einer Welt leben, in der Nahrung entweder rar oder ausreichend vorhanden ist. Von der schwangeren Mutter ausgeschüttete Glucocorticoide werden vom Fötus registriert. Stress während der Schwangerschaft löst Anpassungsreaktionen im Fötus aus, die ein Leben lang anhalten. Zum Beispiel werden mehr Glucocorticoid-Rezeptoren gebildet. Stress der schwangeren Mutter unterdrückt die Produktion von Testosteron in männlichen Föten. Außerdem können Glucocorticoide die Testosteron-Rezeptoren blockieren.
Wenn Kinder extrem viel Stress erleben, kann sich ihr Wachstum verlangsamen. Sapolsky erklärt, dass diese Störung äußerst selten ist. Wenn wir ausgewachsen sind, schüttet unser Körper weiterhin Wachstumshormone aus, deren Aufgabe darin besteht, den Status quo zu erhalten und Schäden zu reparieren. Die meiste Arbeit findet in den Knochen statt. Stresshormone richten Chaos in den Knochen an. Große Mengen Glucocorticoide, wie sie zum Beispiel im Rahmen der Behandlung bestimmter Krankheiten verabreicht werden, inhibieren das Knochenwachstum und reduzieren die Kalzium-Versorgung der Knochen. Außerdem wird im Darm weniger Kalzium aufgenommen und gleichzeitig mehr über die Nieren ausgeschieden.
Stress und die Reproduktion
Bei Stress wird das männliche Reproduktionssystem heruntergefahren; der Testosteronspiegel sinkt und es werden weniger Spermien gebildet. Dies passiert auch bei psychologischem und sozialem Stress. Wenn ein Affe im sozialen Rang absteigt, sinkt sein Testosteronspiegel. Der Autor erklärt, dass Erektionen physiologisch betrachtet sehr kompliziert sind. Leonardo da Vinci war der Erste, der zeigen konnte, dass Erektionen auf einer erhöhten Blutzufuhr basieren. An Erektionen ist der Parasympathikus beteiligt, dann kommt der Sympathikus ins Spiel (die vier Fs). Bei Stress kann es zu allen möglichen Probleme wie z. B. Impotenz kommen. Bei einigen Spezies finden vor der Paarung Kämpfe mit Artgenossen statt.
Stress stört auch die weibliche Reproduktion. Dies ist auch bei Frauen mit sehr niedrigem Körperfettanteil sowie bei Frauen, die sehr viel Sport treiben, der Fall. Solange eine Frau ihren Nachwuchs säugt, ist die Reproduktion unterbunden. Daran ist das Hormon Prolaktin beteiligt, das ausgeschüttet wird, wenn die Brustwarzen stimuliert werden. Stress kann dazu führen, dass Schwangere ihre Föten verlieren. Bei Tierarten, bei denen ein einzelnes Männchen an der Spitze eines Harems steht, kann ein neues Männchen, das den Harem übernommen hat, die Schwangerschaften der Weibchen abbrechen, indem es Stress auf sie ausübt. Bei mehreren Spezies wurde gezeigt, dass weniger Blut durch den Uterus fließt, wenn trächtige Weibchen in Stress geraten. Das Ungeborene erhält dann weniger Sauerstoff.
Stress und das Immunsystem
Das autonome Nervensystem ist an Gewebe angeschlossen, das Immunzellen enthält, die bei Bedarf in den Organismus ausgeschüttet werden. In einer interessanten Studie sollten Schauspieler einen Tag lang entweder traurige oder fröhliche Szenen spielen. Anschließend untersuchte man ihr Immunsystem.
Unser Immunsystem hat die Aufgabe, uns gegen Krankheitserreger wie Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten zu schützen. Wir müssen zwischen erworbener und angeborener Immunität unterscheiden. Ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems sind die weißen Blutzellen, zu denen Lymphozyten und Monozyten gehören. Es gibt zwei Sorten Lymphozyten: T-Zellen und B-Zellen, beide werden im Knochenmark gebildet. T-Zellen wandern zum Reifen in den Thymus (dieser sitzt mittig oberhalb der Lunge), während B-Zellen im Knochenmark reifen. Das Immunsystem ist über den gesamten Körper verteilt. Die Kommunikation erfolgt über sogenannte Zytokine (z. B. Bei der Erkennung…