Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Migräne, von den Ursachen und Symptomen bis hin zu den neuesten Behandlungsmöglichkeiten, und gibt Einblicke, wie man trotz Migräne ein erfülltes Leben führen kann.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. In Deutschland sind nach Angaben des Robert Koch Instituts (RKI) rund 28 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer betroffen. Bei Klein- und Schulkindern bis zur Pubertät sind 4 bis 5 Prozent betroffen. Die Migräne erreicht bezüglich Häufigkeit und Schwere der Attacken ihren Höhepunkt zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr und klingt ab dem 55. Lebensjahr ab.
Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz
Migräne, insbesondere die chronische Migräne, ist kein simpler Kopfschmerz, sondern eine der schlimmsten Schmerzzustände, die Menschen heimsuchen. Sie zählt zu den schwersten Behinderungen, insbesondere von Frauen. So bestehen nicht nur die typischen meist einseitigen, stechenden, hämmernden, pulsierenden Kopfschmerzen - nein, der gesamte Körper ist in Mitleidenschaft gezogen.
Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns
Die Entwicklung der Symptome ist oft genetisch bedingt, wobei aber zusätzlich endogene und exogene Faktoren, wie z. B. Schwankungen des Östrogenspiegels, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Stress, Auslassen einer Mahlzeit und unzureichende Flüssigkeitszufuhr, den Krankheitsverlauf beeinflussen. Der Kopfschmerz beruht auf einer durch Nervenfasern ausgelösten Entzündung an den Blutgefäßen des Gehirns, der sogenannten neurovaskulären Entzündung. Die Aurasymptome sind Ausdruck einer sich wellenförmig ausbreitenden Erregungshemmung der Nervenzellen in der Gehirnrinde.
Symptome der Migräne
Zentrales Symptom bei einer Migräne sind die häufig einseitigen, pulsierend-pochenden Kopfschmerzen. Dazu kommen heftige Übelkeit mit Erbrechen, extreme Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Bei Kindern treten die Kopfschmerzen oft im ganzen Kopf auf, zusammen mit den genannten Begleitsymptomen. Eine Attacke kann zwischen vier und 72 Stunden dauern. Währenddessen ist es für die Betroffenen fast unmöglich, ihren Alltag zu bestreiten und normalen Beschäftigungen nachzugehen. Denn jede Bewegung verstärkt die Kopfschmerzen.
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Die verschiedenen Phasen einer Migräneattacke
Bei etwa 30 Prozent der Migränepatienten kündigt sich eine Kopfschmerzattacke im Vorfeld mit verschiedenen Symptomen an. Diese so genannte Prodromalphase kann wenige Stunden vor der Migräneattacke eintreten, aber auch bis zu zwei Tage vorher einsetzen. „Während der Vorbotenphase können unterschiedliche psychische und körperliche Symptome auftreten. Einerseits kann es zu depressiver Verstimmung, vermehrter Gereiztheit und Unruhe kommen, andererseits aber auch zu Hochstimmung und einem Gefühl besonderer Leistungsfähigkeit. Manche Betroffene entwickeln einen Heißhunger auf Süßigkeiten oder fettige Speisen und sind ungewöhnlich durstig oder haben keinen Appetit, leiden unter Verstopfungen, Müdigkeit oder Benommenheit“, berichtet Dr. Curt Beil vom Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN) mit Sitz in Krefeld.
„Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Migränepatienten kann im Anschluss dann eine Auraphase auftreten, die mit vorübergehenden neurologischen Reiz- und Ausfallerscheinungen verbunden ist. Sie besteht häufig aus Sehstörungen oder auch Schwäche, Taubheit oder einem Kribbeln im Gesicht oder den Extremitäten einer Seite. Einige Patienten leiden unter Sprachstörungen, Schwindel oder Gangunsicherheit.“ Die Phase der Aura setzt langsam ein und geht langsam zurück und dauert meist 15 bis 60 Minuten.
In der Schmerzphase setzt der eigentliche Kopfschmerz ein, der mit den typischen Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen, Licht-, Lärm- und Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit einhergeht. „Der mittlere bis starke, pulsierende, pochende oder stechende Kopfschmerz beginnt in der Regel auf einer Seite und breitet sich auf Stirn, Schläfe und Augenbereich aus. Später kann er sich auch auf die andere Kopfseite ausdehnen. Es kann zu einem allgemeinen Krankheitsgefühl kommen und jegliche körperliche Anstrengung oder auch Stress verstärken die Beschwerden“, schildert der Neurologe. Die Schmerzphase dauert bei erwachsenen Menschen zwischen 4 und 72 Stunden, bei Kindern ist sie meist kürzer und oft bereits nach 1 Stunde beendet. Neben Kopfschmerzen können bei der Migräne auch Schmerzen im Gesicht, am Nacken, in den Augen oder den Zähnen auftreten. Am Ende der Schmerzphase wechselt der pulsierende Schmerzcharakter oft zu einem gleichbleibenden Schmerz. Es folgt häufig eine Erholungsphase oder auch Schlafphase, mit der die Migräneattacke langsam abklingt.
Aura Symptome
Neben der ‚normalen‘ Migräne leiden etwa 10 Prozent der Migräniker auch an Aura Symptomen. Die gehen der eigentlichen Attacke voraus und sind oft mit Seh- und anderen Wahrnehmungsstörungen verbunden. Die optischen Effekte sind dabei am verbreitetsten: Betroffene nehmen Flimmern, Punkte, Linien oder Schlieren wahr. Manchmal sehen sie auch doppelt oder unscharf oder das Gesichtsfeld ist eingeschränkt. Diese Behinderungen im Sehen nennt man Skotome. Manche Menschen erleben auch nur eine Aura, ohne die folgenden Kopfschmerzen.
Wie kommt es zu dieser Aura?
Um das wirklich zu verstehen, gehen wir kurz ins Detail: Unser Gehirn besteht zum größten Teil aus Nervenzellen, den Neuronen. Ständig feuern Reize durchs Hirn, blitzschnell jagen sie als sogenannte Aktionspotenziale von Neuron zu Neuron. Der Mechanismus dafür: die Depolarisation. Für ein paar Millisekunden kehrt sich das eigentlich negative elektrische Potenzial der Nervenzelle um, es wird positiv. Danach kehrt das Neuron wieder in den Ruhezustand zurück, bereit für den nächsten Reiz.
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Zu Beginn einer Aura aber findet diese eigentlich ganz normale Depolarisation verändert statt - nämlich extrem langsam. Das Besondere dabei: Die Zellen kehren nicht sofort wieder in den Ruhezustand zurück, sondern bleiben wesentlich länger in ihrem angeregten Zustand - sie können nicht reagieren und sind quasi unerreichbar für neue Signale. Diese sogenannte Streudepolarisation oder "spreading depression" verbreitet sich über eine relativ große Fläche von einigen Zentimetern in der Hirnrinde. Als Folge der Depolarisation weiten sich die Blutgefäße im Gehirn, die Durchblutung wird schlechter. Es ist klar, dass ein solches Nervengewitter gefolgt von großer Stille und niedrigem Blutdruck uns Dinge sehen lässt, die es nicht gibt, oder andere Funktionen ausfallen lässt.
Persönliche Erfahrungen mit Migräne
"Diese Schmerzen im Kopf sind stechend. Einfach nur stechend. Es ist, als würde einer mit dem Messer reinstechen. Dann kann ich mich auch kaum bewegen, weil jede Bewegung tut weh, jedes … Bücken oder so was, da platzt einem fast der Kopf. Also da kann ich tatsächlich auch nur liegen. … Ich hatte jede Woche Migräne, immer zwei, drei Tage. Ohne Medikament hört die gar nicht auf. Ich würde es mich gar nicht trauen, gar nichts zu nehmen, weil die Intensität nimmt ja so stark zu."
"Ich fühle mich wie ein Zombie, wie wenn ich vom normalen Menschen zum Zombie werde. Ich krieche ja teilweise zur Toilette. Das ist nicht, wie wenn man läuft, weil man nicht aufrecht stehen kann vor Schmerzen."
"Wenn man zu schnell Eis isst zum Beispiel, dann hat man auf einmal diesen kompletten Schmerz hier in der Stirn. Das hat man im ganzen Kopf, völlig unkontrollierbar und es geht nicht weg. Man wünscht sich fast, dass man ohnmächtig wird - vor Schmerz. Und dann rennst du im Grunde genommen alle fünf, zehn Minuten auf die Toilette. Ich habe als Kind einen Eimer stehen gehabt neben dem Bett."
"Ich habe das Gefühl, mir sticht irgendjemand mit Messern in den Kopf, als wäre mein Kopf eine Wassermelone, und als wäre in meinem Kopf ein Gewitter."
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Alexander Schön hatte seine erste Migräne-Attacke mit 12 Jahren. Und von da an immer wieder, zweimal die Woche. Zeitweise konnte er in der Phase der Aura, die bei ihm immer eine halbe Stunde dauerte, nicht mal mehr seine Schultasche tragen. Auf jede Aura folgen sehr starke Kopfschmerzen.
Ursachen und Auslöser
Wann und warum eine Migräneattacke entsteht, ist noch in weiten Teilen rätselhaft, auch was die genauen Ursachen der Schmerzen sind. Fest steht, dass sich die Gefäße in der Hirnhaut weiten und entzünden. Dahinter steckt eine unüberschaubare Kaskade von Abläufen im Gehirn, bei der verschiedenste Botenstoffe und Neurotransmitter eine Rolle spielen. Verspannungen in der Schulter- und Nackenmuskulatur scheinen als Auslöser und/oder Treiber bei den Attacken ebenfalls ausschlaggebend zu sein.
Der Botenstoff Serotonin reguliert unsere Emotionen und wirkt hemmend auf Aggression, Angst und Traurigkeit - es hat also eine ausgleichende Wirkung. Ein zu niedriger Serotoningehalt im Gehirn führt dazu, dass die Zellen leichter und stärker erregbar sind.
Mögliche Auslöser
- Stress: Stress in der Schule, mit Freunden oder in der Familie und auch der Umgang mit Smartphone etc.
- Hormonelle Veränderungen: Bei Frauen können hormonell getriggerte Anfälle auftreten, gekoppelt an bestimmte Tage ihres Zyklus.
- Ernährung: Bestimmte Lebensmittel wie Alkohol können Attacken auslösen.
- Schlafmangel: Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus.
- Wetter: Wetterveränderungen.
- Andere Faktoren: Auslassen einer Mahlzeit und unzureichende Flüssigkeitszufuhr.
Migräne bei Kindern
Dass Alexander Schön schon im Kindesalter Migräne hatte, ist keine Ausnahme. Auch eine Tochter von Julia Kühnel, Valentina, hat Migräne. Gleichzeitig sagen Studien aber: Migräne bei Kindern und Jugendlichen wird immer häufiger. Auch Valentinas Oma litt an der Erkrankung. Migräne steckt also in bestimmten Genen. Die legen fest, dass das Gehirn Migräne ‚kann‘.
Dass Migräne bei Kindern und Jugendlichen immer häufiger wird, beobachtet auch Florian Heinen. Er ist Arzt am Sozialpädiatrischen Zentrum des Haunerschen Kinderspitals in München. Der Neurologe hat auch einen Verdacht, warum die Fallzahlen bei Kindern steigen. Der Hirnstamm, der bei Migräne eine Rolle spielt, steht auch mit der Schulter- und Nackenmuskulatur in Verbindung. Wenn die dauerhaft verspannt ist, fördert das Migräneattacken. Stress in der Schule, mit Freunden oder in der Familie und auch der Umgang mit Smartphone etc. führen seiner Meinung nach zu steigenden Fallzahlen. "Ich erlebe etwas Stresshaftes und die Schultern gehen nach oben. Eine ganz archaische, biologisch sehr fixierte Reaktion. Jemand mit Migräne kommt unter Stress, die Schultern gehen mehr nach oben, als bei dem, der gar keine Migräne kennt. Und dann spielt natürlich unsere Alltagskultur eine Rolle. Ich nehme ein Smartphone, schaue da lange rein und reguliere den Abstand für Lesen und Betrachten mit Kopf und Nacken, bin mit Inhalten beschäftigt, die wiederum Stress auslösen.
Diagnose
"Ich war beim Orthopäden, wo sie gesagt haben, die braucht Einlagen in den Schuhen, die hat eine schiefe Wirbelsäule …"
Die Diagnose ist im Prinzip einfach. Dafür ist aber eine umfangreiche Anamnese erforderlich. Ergänzend kann eine neurologische Untersuchung Gewissheit bringen, sowie der Ausschluss von anderen Ursachen, wie etwa einem Tumor.
Behandlungsmöglichkeiten
Migräne ist eine chronische Erkrankung, die nicht heilbar ist. Sie ist aber gut behandelbar, so dass die Lebensqualität der Betroffenen weniger eingeschränkt wird.
Akutbehandlung
Standardschmerzmittel können bei einer akuten Migräneattacke nur bei milden Formen Hilfe leisten.
"Ich erinnere mich an den Zeitpunkt, wo ich beruflich in im Hotel Berlin war. Und ich hate auf dem Flug schon so wahnsinnige Kopfschmerzen und mir war übel. Es war so schlimm, dass ich an der Rezeption nach einem Arzt fragte. Der kam dann, hat gesagt: Sie haben Migräne, ich habe hier ein tolles Medikament, ein Triptan, das nehmen Sie mal… Und das war so ein Aha-Erlebnis. Allerdings bergen Triptane - wie auch alle anderen Schmerzmittel - ebenfalls eine Gefahr.
"Patienten ahnen schon, dass es nicht so geschickt ist, zu häufig Schmerzmittel einzunehmen. Eine chronische Migräne liegt dann vor, wenn die Betroffenen mehr Kopfschmerztage im Monat haben als schmerzfreie Tage. Durch Übergebrauch von Schmerzmitteln kommen die Migräniker auch in den sogenannten Status migraenosus, eine Migräneattacke geht dann in die andere über.
Es stehen verschiedene Medikamente gegen den Kopfschmerz und die Begleiterscheinungen einer Migräneattacke wie Übelkeit, Erbrechen etc. zur Verfügung. „Eine Migräneattacke mit leichten bis mittelgradigen Schmerzen kann mit rezeptfreien Wirkstoffen behandelt werden, wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen. Bei schweren Attacken können so genannte Triptane angewandt werden. Sie sollten nach der Aura, zu Beginn der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Triptan können aber auch noch während einer Migräneattacke erfolgreich angewendet werden“, meint Dr. Beil. „Zusätzlich zur Medikation sollten Migräne-Patienten während einer Attacke idealerweise vor Reizen geschützt werden und sich in einem ruhigen, abgedunkelten Raum aufhalten.“ Tripatane und auch freiverkäufliche Schmerzmittel dürfen nicht zu häufig eingenommen werden, da es sonst zu einem Dauerkopfschmerz kommen kann.
Vorbeugende Maßnahmen
Neben den Medikamenten zur Akutbehandlung gibt es auch vorbeugende Medikamente. Das wissen immer noch viel zu wenige Migräne-Patienten. Bei den Medikamenten, die vorbeugend gegen Migräne wirken können, handelt es sich ausschließlich um Pharmazeutika, die eigentlich für andere Erkrankungen entwickelt wurden, wie zum Beispiel Betablocker, Anti-Epileptika oder Psychopharmaka. Dass sie auch bei Migränikern einen positiven Effekt haben können, hat man durch Zufall entdeckt.
"Entscheidend ist, dass man sowohl medikamentös, als auch nicht medikamentös behandeln kann und dass die Kombination wahrscheinlich das Effektivste ist. Bei Patienten, bei denen bestimmte Stressauslöser eine Rolle spielen, kann man auch verhaltenstherapeutische Maßnahmen anwenden. Bei jemandem, der rein hormonell gebundene Attacken hat, wird man da nicht so viel erreichen, da wird man mehr mit Medikamenten tun müssen.
Allerdings kann es für Arzt und Patient eine Herausforderung sein, das richtige Medikament zu finden. "Das erste war, dass ich sehr, sehr großen Appetit, fast Sucht nach Süßigkeiten hatte. Ich hatte so eine Knabberbox mit Schokolade, Chips, alles durcheinander. Die war am Abend weggefuttert. Ich hab 15 Kilo in einem Jahr zugenommen. Ich hab nachts Schweißausbrüche bekommen. Ich hatte Bewegungsdrang, war immer am Zittern mit dem Fuß, in der Arbeit hab ich auf dem Stuhl hin und her geschaukelt. Und Depressionen habe ich bekommen. Unter Umständen dauert es lange, bis das richtige Medikament zur Prophylaxe gefunden ist.
CGRP-Antikörper
Schließlich probierte sie ein neues Medikament aus. 2018 kamen in Deutschland Präparate auf den Markt, die Antikörper enthalten. Die ersten spezifischen Medikamente gegen Migräne. Denn die Antikörper sind gegen ein ganz bestimmtes Protein im Gehirn gerichtet, das die Mediziner CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) nennen. "Man kann dieses CGRP in der Attacke im Blut von Patienten nachweisen, und zwar auf der Seite, wo der Schmerz ist. Wir können auch, wenn man das jemandem spritzt im Experiment, damit Attacken auslösen. Und bei Leuten, die mehr Migränetage haben als migränefreie Tage, bei denen ist es sogar dauerhaft im Blut erhöht. Und deswegen hat man gedacht, das ist ein super Angriffspunkt für eine neue Therapie. Und man hat Medikamente entwickelt, die das CGRP und die Wirkung von CGRP blockieren. Martina Wagner versucht die neue Therapie. Einmal pro Monat bekommt sie den Antikörper nun unter die Haut gespritzt. Anfangs war sie skeptisch, da sie ja schon alles ausprobiert hatte. Aber es schien die vorerst letzte Möglichkeit für sie zu sein, die Migräne doch noch mildern zu können. "Seit ich die Spritze bekomme, habe ich so gut wie gar keine Anfälle mehr. Die Lebensqualität ist deutlich besser geworden. Früher habe ich mir immer gedacht: Kann ich da hingehen? Was ist das für ein Tag? Ich habe auf den Kalender geschaut: Ist das vielleicht gerade die Zeit, wo ich meine Migräne kriegen müsste? Kann ich da zusagen, gehe ich da hin, gehe ich da nicht hin? Das macht jetzt alles keinen Unterschied mehr. Ich mache mir keinen Kopf mehr.
Nicht-medikamentöse Therapien
Wie sich die Migräne bei Kindern ohne Medikamente unter diesen Voraussetzungen am besten therapieren lässt, untersucht im Rahmen einer Studie ein Team am iSPZ Hauner, dem Integrierten Sozialpädiatrischen Zentrum im Dr. von Haunerschen Kinderspital des Klinikums der Universität München. "Das Gehirn sagt dem Muskel, du bist zu hart. Und der Muskel sagt dem Gehirn, es tut weh. Daraus ergibt sich ein Kreislauf, der die Migräne fördert und den wir unterbrechen wollen. Und zwar an der Stelle der Muskeln. Wir können sie untersuchen, wir können sie aber eben auch therapeutisch bearbeiten, so dass aus einem harten Muskel, einem Muskel mit Triggerpunkten, ein Muskel wird, der wieder weich ist und keine Triggerpunkte hat. Wenn ich das frühzeitig richtig mache, dann bekomme ich nicht so viel Migräne. Die Frühtherapie bei Kindern mit Migräne baut deshalb nicht auf Medikamente, sondern auf verschiedene interdisziplinäre Therapien. Physiotherapie steht dabei ganz oben, um die Muskeln wieder weich zu machen. Und sind die Muskeln weicher, wirkt das auch auf die Psyche zurück: Viele Migräniker wollen es allen Bezugspersonen recht machen. Auch unlösbare Aufgaben versuchen sie zu lösen. Die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen, fällt dagegen schwer. Verhaltenstherapie kann diese Kanäle öffnen. Daneben können auch Entspannungsverfahren helfen. Stress abbauen, den Umgang mit Schmerzen trainieren - so verschwindet die Furcht vor der nächsten Attacke. Solche multimodale Therapien gibt es auch für Erwachsene. Einige spezialisierte Zentren in Deutschland bieten sie an, stationär oder ambulant. Neben Physiotherapie, Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren kommen dabei noch zusätzliche Verfahren zum Einsatz, wie zum Beispiel das sogenannte Biofeedback. Mit dieser Methode kann der Migräniker erlernen, seine unbewusst ablaufenden Prozesse, wie Anspannung im Körper oder die Weite der Gefäße im Kopf zu beeinflussen. Die Anspannung muss für die Patientin dabei aber wahrnehmbar und erfahrbar werden. Im Fall der Migräne übernehmen das Sensoren am Kopf und ein Computer. Der zeigt eine Art Donut, einen schlauchförmigen Ring auf dem Display. Der Patient kann damit ausprobieren, wie er durch Entspannung und Gedanken, seine Gefäße beeinflussen kann. Wenn der Ring auf dem Bildschirm kleiner wird, heißt das, die Gefäße ziehen sich zusammen. Diese Selbststeuerung erfordert sehr viel Konzentration. Aber sie hilft im Alltag, Migräneattacken zu mildern. "Manchmal merke ich, wenn ich Kopfweh habe, dass es weggeht oder leichter wird. Ich übe das Biofeedback seit einem halben Jahr täglich. Die Migräne ist zwar noch da, manchmal ist sie schon auch noch stark und manchmal nehme ich auch noch Tabletten. Aber sie ist insgesamt leichter geworden.
Weitere Tipps
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Achten Sie auf ausreichend Schlaf und vermeiden Sie unregelmäßige Schlafzeiten.
- Ausgewogene Ernährung: Vermeiden Sie Mahlzeiten auszulassen und achten Sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr.
- Stressmanagement: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung.
- Bewegung: Gemäßigter Ausdauersport kann prophylaktisch wirken.
- Migräne-Tagebuch: Führen Sie ein Tagebuch, um Auslöser zu identifizieren und die Wirksamkeit von Behandlungen zu dokumentieren.
Leben mit Migräne
Migräniker ziehen sich oft aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Ihre Kopfschmerzen werden in ihrer Dimension von Außenstehenden kaum begriffen, geschweige denn als neurologische Erkrankung ernst genommen. Freizeit zu planen, sich mit Freunden regelmäßig und verlässlich zu verabreden, ist den Betroffenen oft nicht möglich. Alexander Schön war als Kind trotzdem akzeptiert bei seinen Freunden. Aber im Job wird die Erkrankung für ihn plötzlich existenzbedrohend. "Mein Teamleiter kam irgendwann zu mir und sagte: Pass auf, du hast so viele Krankheitstage, das fällt auf. Bei mir waren es teilweise, wenn man es zusammenrechnet, drei Monate im schlechtesten Jahr. Und dann landete ich regelmäßig in der Personalabteilung. …Einmal wurde mir gesagt, dass ich hier die Migräne vorschiebe, um eben nach Hause gehen zu können. Und dann hatte man mir angedroht, dass das disziplinarische Maßnahmen nach sich zieht. Und diese disziplinarischen Maßnahmen sind im Grunde genommen Abmahnung, Kündigung und das ganze Programm. Alexander Schön beginnt zu kämpfen. Der Betriebsarzt schreibt ihn schichtunfähig. Beim Sozialverband VdK erfuhr er, dass auch mit einer chronischen Erkrankung ein Grad der Behinderung erworben werden kann. Der wird bei Alexander Schön auf 30 Prozent festgesetzt. Damit und dem Nachweis, dass ihm seitens des Arbeitgebers aufgrund seiner Erkrankung die Kündigung droht, erwirkt er beim Arbeitsamt eine Gleichstellung. Alexander Schön erwirbt sich schließlich die Rechte eines Schwerbehinderten, mit besonderem Kündigungsschutz und angepassten Arbeitsbedingungen.
Umgang mit Vorurteilen
"Die Migräne wird sicherlich nach wie vor nicht wirklich als Krankheit gesehen und entsprechend ernst genommen. Die Hausärzte haben sicher das Knowhow, eine Migräne zu diagnostizieren, aber einfach häufig nicht die Zeit dazu. In der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft haben wir deshalb eine Initiative gestartet. Wir wollen uns an Hausärzte und an hausärztliche Internisten wenden, ihnen mehr Informationsmaterial zur Verfügung stellen und sie ganz gezielt auf deren Fortbildungen schulen. PD Dr. med. Die Versorgung in Deutschland soll flächendeckend besser werden.
Migräne ist eine eigenständige primäre Erkrankung und nie das Symptom einer anderen Erkrankung! Betroffene sind weder arbeitsunwillig, psychisch krank noch suchen sie nach Aufmerksamkeit.
Selbsthilfegruppen
Ich bin in einer Selbsthilfegruppe aktiv und finde das sehr hilfreich. Es tut mir einfach gut, mit Menschen zusammen zu sein, die ähnliche Probleme haben, sich mit ihnen auszutauschen und sich bei Bedarf auch mal zu trösten.
Migräne verstehen lernen
Eines der Dinge, die ich gerne früher gewusst hätte - und die mir auch kein Arzt jemals gesagt hat - ist, dass Migräneattacken sich bis zu drei Tage vorher ankündigen. Je besser ich diese Migränephase kenne, desto häufiger kann ich die Migräneattacke abwenden oder zumindest abschwächen.
Akzeptanz und Kontrolle
"Entweder kontrollierst du die Migräne oder sie kontrolliert dich. Und ich kontrolliere die Migräne, auch wenn sie natürlich immer kommt. Die schlägt ein wie ein Blitz, man weiß nicht wann und wo. Aber ich lass mich davon nicht beeinflussen. Ich weiß ganz genau, was ich tun muss."