Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, von der Menschen jeden Alters betroffen sein können. Obwohl die Diagnose zunächst beängstigend sein kann, ermöglicht die moderne Medizin den meisten Patienten, ein erfülltes Leben zu führen. Viele Menschen mit Epilepsie sind dank Medikamente anfallsfrei. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Epilepsie, von den Ursachen und Diagnose bis hin zu Behandlungsmöglichkeiten und Strategien für den Alltag.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet, die durch abnormale elektrische Aktivität im Gehirn verursacht werden. Diese Anfälle können sich auf unterschiedliche Weise äußern, von kurzen Bewusstseinsaussetzern bis hin zu schweren Krämpfen mit Bewusstseinsverlust.
Diagnose von Epilepsie
Die Diagnose von Epilepsie umfasst in der Regel eine neurologische Untersuchung, eine Anamnese und ein Elektroenzephalogramm (EEG). Das EEG misst die elektrische Aktivität im Gehirn und kann Muster erkennen, die typisch für Epilepsie sind.
Sybille Burmeister erinnert sich noch gut an ihren ersten epileptischen Anfall: Sie saß mit einer Tasse Tee auf dem Balkon ihrer Wohnung. Im nächsten Moment sei sie im Gästebett aufgewacht. "Mein Gesicht sah aus wie nach einer Prügelei", berichtet sie. Die Zunge und Wangen habe sie sich zerbissen. "Ich konnte mir nicht erklären, wie es dazu gekommen ist", sagt Burmeister. "Der erste Anfall ist eine sehr schwierige Situation für die Betroffenen und Angehörigen", sagt Christian Bien, Chefarzt am Epilepsiezentrum Bethel in Bielefeld. Der Hausarzt überwies Sybille Burmeister an einen Neurologen. Dieser konnte die Diagnose Epilepsie schnell stellen: Im Elektroenzephalogramm (EEG) stellte er Muster fest, die typisch für die Erkrankung sind.
Behandlungsmöglichkeiten
Medikamentöse Therapie
Antiepileptika sind die am häufigsten verwendeten Medikamente zur Behandlung von Epilepsie. Rund 20 verschiedene Wirkstoffe sind auf dem Markt. Je nach Patient und Art der Epilepsie wählen Ärzte eins davon aus. "Etwa die Hälfte der Patienten ist durch das erste Medikament anfallsfrei", sagt Neurologe Bien. Bei weiteren 20 Prozent hilft dann das zweite oder dritte Medikament. Die meisten Betroffenen können die Arznei gut vertragen. Doch bei einigen Patienten treten Nebenwirkungen auf. Sie sind zum Beispiel müde, unkonzentriert oder reizbarer.
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Es gibt eine Vielzahl von Antiepileptika, und die Wahl des Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art der Epilepsie, das Alter des Patienten und mögliche Nebenwirkungen. Es ist wichtig zu beachten, dass einige Antiepileptika die Wirkung der Antibabypille beeinträchtigen können. Frauen mit Epilepsie sollten daher mit ihrem Arzt über alternative Verhütungsmethoden sprechen.
Chirurgische Eingriffe
Eine Operation kann eine Option für Patienten sein, bei denen Medikamente die Anfälle nicht kontrollieren können. Mediziner sprechen dabei von fokalen Anfällen. "Bei dem Eingriff entfernen die Neurochirurgen den betreffenden Teil", sagt Epilepsie-Arzt Bien. In der Regel ist das eine sehr kleine Region im Millimeterbereich. Die Chirurgen arbeiten dabei unter einem Mikroskop. Weil sich der Eingriff nur für bestimmte Patienten eignet, führen ihn Ärzte relativ selten durch. Weniger als 1000 Epilepsie-Operationen gibt es in Deutschland pro Jahr.
Moderne bildgebende Verfahren und Operationstechniken ermöglichen es den Chirurgen, den Bereich des Gehirns, der die Anfälle verursacht, präzise zu lokalisieren und zu entfernen, wodurch das Risiko von Komplikationen minimiert wird.
Rehabilitation
"Für Patienten, die trotz der Behandlung weiter Anfälle haben, ist eine Rehabilitation sehr wertvoll", sagt Bien. Aber auch für Betroffene nach dem ersten Anfall sei eine Reha hilfreich. In der Reha-Klinik lernen die Patienten, mit der Epilepsie im Alltag besser zurecht zu kommen.
Rehabilitationsprogramme können Patienten helfen, ihre Lebensqualität zu verbessern, indem sie Strategien zur Bewältigung von Anfällen, zur Anpassung an ihren Lebensstil und zur Förderung ihres psychischen Wohlbefindens entwickeln.
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Leben mit Epilepsie im Alltag
Auch jene Patienten, die trotz der Behandlung weiter Anfälle haben, kommen in der Regel gut mit der Erkrankung zurecht. "Auch wenn die Epilepsie immer im Kopf präsent ist, kann ich ziemlich gut damit leben", sagt Sybille Burmeister. In ihrer Freizeit geht sie außer dem Fahrradfahren vielen Hobbys nach. Sie trifft regelmäßig ihre Freunde, singt in einem Chor und ist Mitglied in einem Literaturkreis. Auch Paula Bach geht trotz der häufigen Anfälle ihren Weg. Sie hat Unternehmensjura studiert und saß zum Lernen oft in der Bibliothek. "Wenn ich dort einen Anfall bekommen habe, bin ich danach einfach sitzen geblieben und habe weitergemacht", sagt sie. Es gibt auch Tage, an denen Bach nach einem Anfall erst wieder Kraft schöpfen muss. Zum Ausgleich geht sie regelmäßig im Mannheimer Luisenpark spazieren. "Wenn ich die Eichhörnchen auf den Bäumen herumhüpfen sehe, kann ich wunderbar abschalten", erzählt sie. Auch sonst ist die junge Frau sehr selbstsicher. Sie wohnt allein und reist allein, zuletzt nach Fuerteventura. Momentan ist sie auf Jobsuche. "Ich freue mich, wenn ich mein Wissen vom Studium bald aktiv anwenden kann", sagt Bach motiviert.
Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen
In manchen Fällen raten die Mediziner den Betroffenen, eine Umschulung zu machen oder den Beruf komplett zu wechseln. LKW-Fahrer, Zugführer und Dachdecker sind zum Beispiel Arbeitsfelder, die bei Epilepsie zu gefährlich sind. Autofahren dürfen Patienten in der Regel nur, wenn sie ein Jahr lang keinen Anfall hatten. Auch Sybille Burmeister und Paula Bach verzichten darauf. Schwimmen und Baden ist ebenfalls ein gefährliches Hobby, wenn weiterhin Anfälle bestehen. Die Betroffenen sollten dann nur unter Aufsicht ins Wasser.
Auslöser vermeiden
Die Patienten lernen mit der Zeit, auf bestimmte Auslöser zu achten. "Es kommt häufiger zu einem Anfall, wenn ich in der Nacht zuvor wenig geschlafen habe", berichtet Bach. In der Regel geht sie daher pünktlich zur gleichen Zeit ins Bett. Treffen mit Freunden legt sie lieber auf den Nachmittag. Auf Partys verzichtet sie für gewöhnlich. Neben Schlafentzug gibt es weitere typische Auslöser. Einige Patienten erleben einen Anfall, nachdem sie Alkohol getrunken haben. Andere reagieren auf Stress. Flackerndes Licht wie etwa in einer Disco oder bei Computerspielen löst nur bei fünf Prozent der Patienten einen Anfall aus.
Psychologische Unterstützung
Auch die Angst vor dem nächsten Anfall belastet anfangs viele. Depressionen kommen bei Epilepsie-Patienten häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung. In der Reha-Klinik gibt es daher auch einen psychologischen Teil, bei dem die Teilnehmer lernen, mit negativen Gedanken umzugehen. Auch den Austausch mit den anderen Betroffenen empfinden viele als hilfreich. Außerhalb der Klinik kann es sinnvoll sein, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen oder eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.
Epilepsie und Schwangerschaft
Frauen mit Epilepsie können in der Regel nicht mit der Antibabypille verhüten. Denn Epilepsie-Medikamente können die Wirkung der Pille herabsetzen - und andersherum. Auch eine Schwangerschaft bringt für die betroffenen Frauen Herausforderungen mit sich. "Einige Antiepileptika erhöhen das Risiko für Fehlbildungen beim Baby", sagt Steinhoff. Das Risiko für Störungen im Kindesalter wie beispielsweise Autismus sei ebenfalls erhöht. Die Frauen müssen daher auf ein anderes Medikament umstellen, bevor sie versuchen, schwanger zu werden. Die Gefahr ist dabei, dass mit dem neuen Arzneimittel erneut Anfälle auftreten. "Das Baby ist im Mutterleib selbst bei einem großen Anfall generell gut geschützt", sagt Steinhoff. Die meisten Frauen mit Epilepsie bringen gesunde Kinder zur Welt. Trotzdem sollten Anfälle in der Schwangerschaft so gut es geht vermieden werden, so der Mediziner. Schließlich müsse nicht nur das Baby fit für die bevorstehende Herausforderung sein, sondern auch die Mutter. Auch werdende Väter mit Epilepsie sollten sich vor der Geburt so behandeln lassen, dass sie möglichst wenige Anfälle haben.
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CBD und Epilepsie
Die Abkürzung CBD steht für Cannabidiol und ist ein Stoff aus der weiblichen Hanfpflanze. Genau wie sein etwas bekannterer 'Bruder‘ THC (der Stoff, der beim Kiffen high macht), ist auch CBD ein sogenanntes Cannabinoid. Diese Stoffe haben das Potenzial, an bestimmte Rezeptoren im menschlichen Körper zu binden. Anders als THC wirkt CBD aber nicht berauschend. Bislang gibt es nur ein einziges in der EU zugelassenes Medikament, das ausschließlich CBD enthält, ein Mittel, das bei einer sehr seltenen und schwerwiegenden Form kindlicher Epilepsie hilft, indem es die Anzahl der gefährlichen epileptischen Anfälle, die die Kinder täglich erleiden, deutlich reduziert.
Epilepsiechirurgie: Wenn Medikamente nicht helfen
Es begann schon in ihrer Kindheit: Immer wieder litt Lisa unter epileptischen Anfällen. Die ständige Angst vor einem erneuten großen Krampfanfall bestimmte das Leben der 19-Jährigen. Medikamente schützten nicht wirklich davor, eine Operation wurde für nicht möglich erachtet. Hilfe fand sie schließlich im Neuro-Zentrum des Universitätsklinikums Bonn: Ein hochspezialisiertes Team aus Epileptologen, Neuroradiologen und Neurochirurgen lokalisierte den Ausgangsort der Epilepsie in ihrem linken Schläfenlappen, plante das operative Vorgehen und entfernte die verantwortlichen Hirnstrukturen. Seit der erfolgreichen Operation vor etwa einem halben Jahr hatte Lisa keinen epileptischen Anfall mehr.
Die Bonner Epileptologen konnten in enger Kooperation mit den Neuroradiologen und den Neurochirurgen den Ort im Gehirn lokalisieren, an dem die Anfälle entstanden. Der Hippocampus in ihrem linken Schläfenlappen hatte nicht seine übliche Form ähnlich eines Seepferdchens, sondern er war vermutlich aufgrund einer Entzündung im Kindesalter geschädigt, im weiteren Verlauf vernarbt und dann geschrumpft. Somit litt Lisa unter einer klassischen Schläfenlappenepilepsie, die relativ häufig ist.
Forschung und Innovation
Die Hirn-Modelle sind für die wissenschaftliche Community weltweit verfügbar - und schon konkret in der Anwendung. Zum Beispiel bei der Operation von Epilepsie-Patienten. Mithilfe des Hirnmodells planen die Neurologen, wo genau sie das Skalpell ansetzen müssen. An Krankenhäusern in Frankreich läuft aktuell eine klinische Studie mit 400 Patientinnen und Patienten. Die dreidimensionalen Modelle sollen helfen, das Gehirn immer besser zu verstehen - und damit auch Künstliche Intelligenz fitter zu machen.