Viele Menschen erleben im Laufe ihres Lebens vorübergehende oder wiederkehrende Taubheitsgefühle im Kopf, der Kopfhaut oder im Gesicht. Diese Symptome können von einem leichten Kribbeln bis hin zu einem vollständigen Verlust der Empfindung reichen und werden oft von anderen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Nackenschmerzen begleitet. Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick über die möglichen Ursachen wechselnder Taubheitsgefühle im Kopf geben und verschiedene Selbsthilfestrategien aufzeigen.
Was sind Taubheitsgefühle?
Taubheitsgefühle, oft beschrieben als Kribbeln, Prickeln oder ein Gefühl wie tausend Nadelstiche, sind Missempfindungen, die in verschiedenen Körperregionen auftreten können, einschließlich des Kopfes. Medizinisch werden diese Empfindungen als Parästhesien bezeichnet. Sie entstehen durch Störungen in der Funktion der Nerven, die für die Übertragung von sensorischen Informationen zuständig sind.
Mögliche Ursachen für wechselnde Taubheitsgefühle im Kopf
Die Ursachen für Taubheitsgefühle im Kopf können vielfältig sein und reichen von harmlosen, vorübergehenden Zuständen bis hin zu ernsthaften Erkrankungen. Im Folgenden werden einige der häufigsten Ursachen näher erläutert:
1. Halswirbelsäulensyndrom (HWS-Syndrom)
Das HWS-Syndrom, auch Zervikalsyndrom genannt, ist ein Sammelbegriff für Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule. Diese Schmerzen können durch Verspannungen entstehen und bis in Schultern, Arme und Kopf ausstrahlen. Viele Betroffene berichten von Nackenschmerzen, einer verspannten Muskulatur und eingeschränkter Beweglichkeit. Begleitend können auch Schwindel, Kopfschmerzen oder Kribbeln in den Armen auftreten.
Die Halswirbelsäule (HWS) ist der beweglichste Teil unserer Wirbelsäule und ermöglicht uns, den Kopf in fast alle Richtungen zu drehen und zu neigen. Gleichzeitig muss sie unseren etwa 4-5 Kilogramm schweren Kopf zuverlässig tragen und stabilisieren. Die sieben Halswirbel sind kleiner und leichter als die übrigen Wirbel. Zwischen den Wirbelkörpern befinden sich elastische Bandscheiben, die wie kleine Stoßdämpfer wirken. Ein komplexes System aus Muskeln, Sehnen und Bändern sorgt für Stabilität und kontrollierte Bewegungen.
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Besonders wichtig sind die Nervenwurzeln entlang der Halswirbelsäule. Hier verlassen die Spinalnerven den Wirbelkanal und versorgen die gesamte Schulter-Nacken-Partie. Probleme in diesem Bereich können bis in den Arm oder die Finger reichen. Teile der Gesichtsmuskulatur sowie wichtige Sinnesorgane sind über die Wirbelsäule miteinander verbunden, sodass unterschiedliche neurologische Störungen begünstigt werden können.
Die Halswirbelsäule wird in verschiedene funktionelle Abschnitte unterteilt:
- Obere Halswirbelsäule (Atlas und Axis): Hier liegen der Atlaswirbel und der Axiswirbel, denen eine besondere Bedeutung zukommt. Der Atlas trägt als erster Halswirbel den Kopf und ermöglicht das Nicken, während der Axis wie ein Drehzapfen für die Kopfdrehung fungiert. Beschwerden in diesem Bereich können häufig mit Kopfschmerzen einhergehen, die vom Nackenbereich bis zur Stirn ausstrahlen. Viele Betroffene berichten von Schwindelgefühlen, da die hier austretenden Nerven eng mit dem Gleichgewichtssystem verbunden sind.
- Mittlere Halswirbelsäule (C3-C5): Dieser Abschnitt bildet die Verbindung zwischen Kopf und Schultern. Betroffene können oft Verspannungen in diesem Bereich spüren, da hier die Muskulatur von Nacken sowie Schultern zusammenlaufen, sodass Schmerzen zwischen den Schulterblättern entstehen könnten.
- Untere Halswirbelsäule (C6-C7): Hier verlaufen die Nerven, die Arme und Hände versorgen. Schmerzen können bis in die Fingerspitzen ausstrahlen und Gefühlsstörungen wie Kribbeln, Taubheitsgefühle sowie Muskelschwäche in den Händen oder Armen fördern.
Ursachen des HWS-Syndroms:
Häufige Ursachen sind:
- Muskuläre Verspannungen: Durch Fehlhaltung, Bewegungsmangel oder Stress kann es zu Verspannungen der Nacken- und Schultermuskulatur kommen.
- Degenerative Veränderungen: Mit zunehmendem Alter kommt es zu Verschleißerscheinungen an den Bandscheiben und Wirbelgelenken der Halswirbelsäule. Diese können zu einer Verengung des Wirbelkanals führen und die Nervenwurzeln beeinträchtigen.
- Fehlstellungen: Angeborene oder erworbene Fehlstellungen der Halswirbelsäule.
- Bandscheibenvorfall: Ein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule kann ebenfalls Ursache von Taubheitsgefühlen sein.
2. Polyneuropathie (PNP)
Bei einer Polyneuropathie handelt es sich um eine Erkrankung des peripheren Nervensystems. Also der Nerven, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark verlaufen und dafür verantwortlich sind, Berührungen, Temperatur oder Schmerzempfindungen wahrzunehmen sowie die Bewegungen der Muskeln zu steuern. Bei Menschen mit einer Polyneuropathie sind mehrere periphere Nerven geschädigt. Dadurch ist die Weiterleitung von Signalen zwischen Gehirn, Rückenmark und den übrigen Körperregionen beeinträchtigt.
Symptome einer Polyneuropathie:
Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, stehen unterschiedliche Beschwerden im Vordergrund:
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- Schäden an den sensiblen Nerven (Empfindungsnerven): Sensible Nerven übermitteln Informationen von der Haut zum Gehirn. Bei Beeinträchtigungen treten oft stechende oder brennende Schmerzen auf. Betroffene haben das Gefühl, als ob tausende Ameisen über ihre Haut krabbeln. Manchmal entwickeln sie eine Überempfindlichkeit, bei der selbst leichte Berührungen (Allodynie) schmerzhaft sein können.
- Schäden an den kleinen Nervenfasern: Diese Nerven vermitteln Schmerz-, Temperatur- und Berührungsempfindungen. Bei Nervenschäden nehmen Betroffene Hitze, Kälte und Schmerzen nur noch abgeschwächt oder gar nicht mehr wahr. Zusätzlich treten oft Taubheitsgefühle auf, besonders in Händen und Füßen. Die Haut fühlt sich pelzig und fremd an.
- Schäden an motorischen Nerven: Motorische Nerven steuern die Muskeln. Sind sie betroffen, können die Impulse, welche die Muskeln zum Bewegen anregen, nicht mehr richtig weitergeleitet werden. Die Folge sind Muskelschwäche oder Lähmungen, insbesondere in den Beinen und Füßen.
- Schäden an den autonomen Nerven: Autonome Nerven steuern das vegetative Nervensystem. Sind sie geschädigt, können sie Kreislaufprobleme wie Schwindel oder Ohnmacht beim Aufstehen verursachen. Zudem kann die Verdauung beeinträchtigt sein, was zu Symptomen wie Verstopfung, Durchfall oder Inkontinenz führen kann.
Ursachen einer Polyneuropathie:
Zu den häufigsten Auslösern zählen:
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit): Ein dauerhaft hoher Blutzuckerspiegel schädigt die Nerven.
- Langjähriger Alkoholmissbrauch: Alkohol greift das empfindliche periphere Nervensystem an und schädigt die Schutzschicht (Myelinschicht) der Nervenfasern oder die Nervenfasern selbst.
- Weitere Auslöser: Infektionskrankheiten, Autoimmunreaktionen, Vitaminmangel, Schilddrüsen-, Leber- oder Krebserkrankungen, genetische Faktoren.
3. Durchblutungsstörungen
Eine weitere mögliche Ursache für das Kribbeln ist eine Durchblutungsstörung. Durchblutungsstörungen treten unter anderem dann auf, wenn es zu Ablagerungen in den Arterien kommt. Dadurch verengen oder verstopfen die Blutgefäße. Das Blut kann nicht mehr ungehindert fließen und Teile des Körpers sind mit Nährstoffen, Mineralien und Sauerstoff unterversorgt.
4. Stress und psychische Belastung
Stress ist ein weiterer Faktor, der für ein Kribbeln im Kopf oder im Gesicht sorgen kann. Sind Körper und Geist ohne entsprechenden Ausgleich extrem und längerfristig belastet, können Muskel- und auch Nervenverspannungen auftreten. Der medizinische Ausdruck dafür ist Parästhesie. Das Symptom kann kurzfristig oder auch chronisch auftreten. Es wird davon ausgegangen, dass dabei bestimmte Nervenenden geschädigt sind und das Gefühl der Taubheit oder des Kribbelns in den betroffenen Körperregionen hervorrufen.
5. Andere mögliche Ursachen
- Multiple Sklerose (MS): Eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems.
- Migräne: Bestimmte Formen der Migräne können mit Taubheitsgefühlen einhergehen.
- Hirntumor oder Rückenmarktumor: Selten können Tumore im Gehirn oder Rückenmark auf Nerven drücken und Taubheitsgefühle verursachen.
- Medikamentennebenwirkungen: Einige Medikamente können als Nebenwirkung Taubheitsgefühle verursachen.
- Vitaminmangel: Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, insbesondere Vitamin B12, kann zu neurologischen Symptomen wie Taubheitsgefühlen führen.
- Engpass-Syndrome: Nerven können durch Engpässe, beispielsweise am Handgelenk (Karpaltunnelsyndrom), eingeklemmt werden und Taubheitsgefühle verursachen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Ein Arztbesuch ist ratsam, wenn:
- Die Taubheitsgefühle plötzlich auftreten und stark sind.
- Die Taubheitsgefühle länger anhalten oder sich verschlimmern.
- Die Taubheitsgefühle mit anderen Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, Lähmungen oder Sprachstörungen einhergehen.
- Die Taubheitsgefühle nach einem Unfall oder einer Verletzung auftreten.
- Die Taubheitsgefühle im Zusammenhang mit einer bekannten Grunderkrankung wie Diabetes oder Multipler Sklerose auftreten.
Diagnostische Abklärung:
Um die Ursache für Taubheitsgefühle im Kopf zu ermitteln, wird der Arzt in der Regel folgende Untersuchungen durchführen:
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- Anamnese: Ein ausführliches Gespräch über die Beschwerden, Vorerkrankungen und eingenommene Medikamente.
- Körperliche Untersuchung: Eine neurologische Untersuchung zur Überprüfung der Sensibilität, Reflexe und Muskelkraft.
- Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) der Halswirbelsäule oder des Gehirns, um strukturelle Veränderungen oder Verletzungen auszuschließen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und Muskelaktivität.
- Blutuntersuchungen: Zur Überprüfung von Vitaminspiegeln, Entzündungswerten und anderen relevanten Parametern.
Selbsthilfe bei wechselnden Taubheitsgefühlen im Kopf
Abhängig von der Ursache der Taubheitsgefühle gibt es verschiedene Selbsthilfestrategien, die zur Linderung der Beschwerden beitragen können:
1. Bei HWS-Syndrom
- Bewegung und Entspannung: Regelmäßige Bewegung und Entspannungsübungen können helfen, Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich zu lösen.
- Ergonomie am Arbeitsplatz: Achten Sie auf eine ergonomische Gestaltung Ihres Arbeitsplatzes, um Fehlhaltungen zu vermeiden.
- Wärme: Wärme kann bei Verspannungen und Schmerzen im Nackenbereich wohltuend sein.
- Liebscher & Bracht Übungen: Diese Übungen zielen darauf ab, muskulär-fasziale Überspannungen im Oberkörper zu reduzieren und Sehnen, Bänder und Muskeln zu flexibilisieren.
2. Bei Polyneuropathie
- Ursachenbehandlung: Die Behandlung der Grunderkrankung, wie z.B. Diabetes oder Alkoholabhängigkeit, ist entscheidend.
- Schmerztherapie: Medikamente zur Schmerzlinderung können helfen, die Beschwerden zu reduzieren.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und Beweglichkeit zu verbessern.
- Alltagstipps: Achten Sie auf eine sorgfältige Hautpflege, um Verletzungen zu vermeiden. Überprüfen Sie regelmäßig Ihre Füße auf Rötungen, Schnitte oder Druckstellen.
3. Bei Durchblutungsstörungen
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten kann helfen, die Durchblutung zu verbessern.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung und stärkt das Herz-Kreislauf-System.
- Ausreichend trinken: Trinken Sie ausreichend Wasser, um das Blut zu verdünnen und die Durchblutung zu verbessern.
- Verzicht auf Nikotin: Rauchen schädigt die Blutgefäße und verschlechtert die Durchblutung.
4. Bei Stress und psychischer Belastung
- Entspannungstechniken: Yoga, Meditation, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
- Arzneilavendel: Arzneilavendel (Lavandula angustifolia) als Öl oder in Kapselform zum Einnehmen trägt durch seine Inhaltsstoffe zur körperlichen und geistigen Entspannung bei.
- Psychotherapeutische Unterstützung: Bei anhaltenden psychischen Belastungen kann eine psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein.
5. Allgemeine Tipps
- Sitzposition überprüfen: Vermeiden Sie es, mit gekreuzten Beinen zu sitzen, da dies die Blutversorgung stören kann.
- Körperbewusstsein trainieren: Übungen zur Verbesserung des Körperbewusstseins, wie z.B. Yoga oder der Body Scan, können helfen, die Aufmerksamkeit auf den Körper zu richten und sich intensiver zu spüren.
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