Die Rolle von Hormonen im weiblichen Körper ist vielfältig und beeinflusst zahlreiche physiologische Prozesse. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend den Einfluss weiblicher Hormone auf die Gehirnfunktion und das Schlaganfallrisiko in den Fokus gerückt. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen weiblichen Hormonen, dem Gehirn und dem Auftreten von Hirnblutungen bei Frauen.
Hormonelle Einflüsse auf das Gehirn
Die natürlichen Schwankungen der Sexualhormone Östradiol und Progesteron steuern den Menstruationszyklus bei Frauen während der gesamten fruchtbaren Lebensphase. Da auch das Gehirn mit Sexualhormonen ausgestattet ist, unterliegt es ebenso entsprechenden Veränderungen. Eine Studie der Universität Jena untersuchte die Auswirkungen dieser Hormonschwankungen auf das Gehirn. Dabei wurden bei allen vier Frauen ähnliche Muster der Volumenänderungen des Gehirns über den Zyklus festgestellt. Bei Frauen mit typischem Zyklus bestimmte vor allem Progesteron die Schwankungen in der Hirnstruktur. Eine zentrale Erkenntnis dieser Studie ist, dass die Gehirn-Hormon-Kopplung nicht universell, sondern vom hormonellen Milieu abhängig ist.
Menopause und Hirnschäden
Nach der Menopause ist bei Frauen das Ausmaß bestimmter Hirnschäden größer als bei gleichaltrigen Männern. Zu diesem Schluss kommen Forschende des DZNE aufgrund der Untersuchung von mehr als 3.400 Erwachsenen im Rahmen der Bonner Rheinland Studie. Die untersuchten Gewebeschäden gelten als mögliche Risikofaktoren für Demenz und Schlaganfall. Insbesondere bei älteren Erwachsenen sind auf MRT-Aufnahmen des Gehirns helle Flecken zu erkennen, die auf Auffälligkeiten in der weißen Hirnsubstanz hinweisen. Diese Anomalien im Hirngewebe nehmen mit dem Alter zu. Vor der Menopause fanden die Forschenden keine signifikanten Unterschiede zu gleichaltrigen Männern. Die Sachlage ändert sich jedoch nach der Menopause. Frauen, die ihre letzte Regelblutung bereits hatten, sind anfälliger für Veränderungen an den Hirngefäßen und damit für Hirnerkrankungen. Schäden an der weißen Hirnsubstanz führen nicht zwangsläufig zu Demenz oder Schlaganfall, sie erhöhen jedoch das Risiko dafür.
Die Ursachen für diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind unklar. Es wird spekuliert, dass das Hormon Östrogen eine schützende Wirkung haben könnte, die im Alter verloren geht, weil der weibliche Organismus dessen Produktion mit den Wechseljahren nach und nach einstellt. Allerdings konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Rheinland Studie in ihren Daten keinen Einfluss einer Therapie feststellen, die den Hormonmangel ausgleicht. Frauen nach der Menopause, die regelmäßig Hormonpräparate einnahmen, waren im Durchschnitt ähnlich stark von Anomalien der weißen Hirnsubstanz betroffen wie Frauen nach der Menopause, die keine Hormone zu sich nahmen.
Schlaganfall bei Frauen: Besondere Risikofaktoren
In Deutschland erleiden etwas mehr Frauen einen Schlaganfall pro Jahr als Männer. Dies liegt jedoch daran, dass Frauen deutlich länger leben als Männer. Lässt man die längere Lebenszeit der Frauen außer Acht, erleiden mehr Männer einen Schlaganfall. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist bei der Untergruppe der Hirnblutungen viel deutlicher, wo Männer fast doppelt so häufig betroffen sind wie Frauen.
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Ein weiterer frauenspezifischer Risikofaktor liegt in den Hormonen. So steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Schlaganfall minimal an, wenn Frauen Hormone (Pille, Hormon-Ersatz-Therapie) einnehmen. Deshalb sollten dem Experten zufolge bei der Einnahme von Hormonen insbesondere im höheren Alter Risiken und Nutzen kritisch abgewogen werden.
Frauenspezifische Risikofaktoren im Überblick
- Hormonsituation in der Schwangerschaft: In der Schwangerschaft ist das Risiko für einen Schlaganfall erhöht. Circa 30 von 100.000 Schwangeren sind davon betroffen. Die Gefahr ist dann besonders groß, wenn in der Schwangerschaft auch noch typische Schlaganfall-Risikofaktoren wie Übergewicht und Bluthochdruck hinzukommen. Bei Frauen, die schon einmal von der Schwangerschaftserkrankung Präeklampsie betroffen waren, ist das Schlaganfall-Risiko nochmals höher.
- Orale Kontrazeptiva: Bereits bei jungen Frauen kann das Schlaganfall-Risiko erhöht sein, wenn sie orale Kontrazeptiva anwenden. Das Risiko ist zwar mit den neueren Präparaten, die weniger Östrogen enthalten, geringer geworden, bleibt aber immer noch erhöht. Dieses Risiko steigt mit zusätzlichen Risikofaktoren wie Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen und Rauchen deutlich an. Auch eine familiäre Schlaganfall-Vorbelastung kann in Kombination mit einem oralen Kontrazeptivum gefährlich werden. Migräne mit Aura stellt ebenfalls einen Risikofaktor dar. Wenn Frauen, die von Migräne mit Aura betroffen sind, die Pille einnehmen, haben sie ein rund siebenfach erhöhtes Schlaganfall-Risiko. Wenn sie dann noch rauchen, erhöht sich das Risiko sogar um den Faktor zehn.
- Bluthochdruck und Vorhofflimmern im mittleren und höheren Lebensalter: Bei Frauen mittleren Alters stellt Bluthochdruck die häufigste Ursache für einen Schlaganfall dar. Nach den Wechseljahren kommt bei einigen Frauen ein weiterer bedeutender Risikofaktor hinzu: das Vorhofflimmern. Frauen leiden häufiger unter dieser Herzrhythmusstörung als Männer. Wird Vorhofflimmern konsequent behandelt, lässt sich das Schlaganfall-Risiko um bis zu 70 Prozent senken.
- Diabetes: Eine besondere Risikogruppe sind Frauen mit Diabetes. Ihr Risiko für einen Schlaganfall ist gegenüber Männern mit Diabetes um 27 Prozent höher. Da bei Diabetikern häufig auch noch Bauchfett, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen vorliegen, wird die Entstehung eines Schlaganfalls zusätzlich begünstigt. Es ist also auch aus diesem Grund wichtig, den Diabetes früh zu erkennen und zu behandeln.
Späte Menopause und Schlaganfallrisiko
Eine späte Menopause erhöht das Risiko für eine Hirnblutung. Tritt die Menopause erst mit 55 Jahren oder danach auf, ist die Gefahr für einen hämorrhagischen Insult 2,4-fach höher als bei einer Menopause zwischen 50 und 54 Jahren, gleichzeitig ist das Risiko für einen ischämischen Insult um knapp ein Drittel verringert. Bei einer Menopause vor dem 50. Lebensjahr ist die Gefahr für jeglichen Schlaganfall tendenziell reduziert, allerdings ergeben sich hier keine statistisch signifikanten Differenzen. Insgesamt ist die Gefahr, an einem Schlaganfall zu sterben, bei später Menopause tendenziell um 23 Prozent reduziert.
Weitere Faktoren, die das Schlaganfallrisiko beeinflussen
- Bluthochdruck in der Schwangerschaft: Bei Frauen, die einmal eine Hypertonie in der Schwangerschaft hatten, ist das Risiko für einen ischämischen Infarkt um 80 Prozent gesteigert, für einen hämorrhagischen Insult ist es gar fünffach erhöht.
- Ovariektomie und Hysterektomie: Frauen, denen die Ovarien entfernt wurden, tragen ein 42 Prozent höheres Risiko für Schlaganfälle aller Art, bei einer Hysterektomie ist das Risiko um 12 Prozent geringer als bei Frauen mit intakten Geschlechtsorganen.
- Früh- und Totgeburten: Das Risiko für Schlaganfälle allgemein ist nach einer Frühgeburt um rund 60 Prozent, nach einer Totgeburt um fast 90 Prozent erhöht.
- Anzahl der Geburten: Die Zahl der Geburten ist wohl ebenfalls relevant.
Östrogenexposition und Schlaganfallrisiko
Etliche Studien konnten zeigen, dass die Postmenopause einen unabhängigen Risikofaktor für einen Schlaganfall darstellt. Es wird vermutet, dass dafür vorwiegend die Abnahme der Östrogenproduktion verantwortlich ist. Eine große Studie aus China bestätigt nun: Frauen mit höherer kumulativer Östrogenexposition im Verlauf ihres gesamten Lebens haben ein geringeres Schlaganfallrisiko als Frauen, die über einen kürzeren Zeitraum gegenüber dem Geschlechtshormon exponiert waren. Eine höhere Östrogenexposition aufgrund einer längeren reproduktiven Lebensspanne ist mit einem geringeren Risiko für ischämische und hämorrhagische Schlaganfälle assoziiert.
Die Lebenszeitexposition gegenüber Östrogen lässt sich nicht direkt messen. Sie wird üblicherweise basierend auf reproduktiven Faktoren ermittelt. In früheren Studien wurde die Lebenszeitexposition gegenüber Östrogen oft über die reproduktive Lebensspanne ermittelt. Die endogene Östrogenexposition sowie die Gesamtöstrogenexposition seien viel seltener in Betracht gezogen worden, obwohl es Evidenz dafür gebe, dass sie ebenfalls Einfluss auf das Schlaganfallrisiko haben.
Frauen mit der längsten Exposition gegenüber endogenem Östrogen hatten ein um 15 % niedrigeres Schlaganfallrisiko als jene mit der kürzesten Exposition. Bei der Gesamtöstrogenexposition war es eine Risikoreduktion um 13 %. Auch bei Berücksichtigung anderer Faktoren, die den Östrogenspiegel beeinflussen können, waren höhere Östrogenspiegel stets mit einem geringeren Risiko für jede Art von Schlaganfällen assoziiert, ebenso wie für ischämische und hämorrhagische Schlaganfälle separat betrachtet.
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Prävention und Behandlung
Ganz egal, ob Frau oder Mann - jeder kann etwas dazu beitragen, um sein Schlaganfallrisiko zu senken. Ein Großteil des Schlaganfallrisikos lässt sich auf Faktoren zurückführen, die Frauen und Männer gleichermaßen betreffen, etwa Rauchen, Hypertonie und Bewegungsmangel.
Für Frauen ist es wichtig, ihre Risikofaktoren zu überprüfen und gezielt vorzubeugen. Dazu gehören:
- Regelmäßige Blutdruckkontrollen
- Vermeidung von Übergewicht
- Ausgewogene Ernährung
- Regelmäßige Bewegung
- Verzicht auf Rauchen
- Kontrolle des Cholesterinspiegels
- Früherkennung und Behandlung von Diabetes
- Behandlung von Vorhofflimmern
Hormonersatztherapie (HRT)
Ob eine Verlängerung der Östrogenexposition durch eine Hormonersatztherapie (HRT) einen günstigen Einfluss auf das Schlaganfallrisiko postmenopausaler Frauen haben könnte, ist bis dato nicht eindeutig geklärt. Es gibt Daten, die zeigen, dass die Zahl der Jahre zwischen Menopause und Start einer HRT einen signifikanten Effekt auf die Schlaganfallinzidenz hat: Der Start einer HRT innerhalb von 5 Jahren nach der Menopause ist bei Frauen mit einem geringeren Risiko für Schlaganfälle assoziiert - verglichen mit jenen, die keine HRT erhielten. Für einen späteren Therapiestart gilt dies hingegen nicht. Denn offenbar erhöht sich sogar das Risiko für ischämische und hämorrhagische Schlaganfälle, wenn mehr als 5 Jahre nach der Menopause mit einer HRT begonnen wird.
Die Hauptindikation einer HRT ist natürlich nach wie vor das klimakterische Syndrom und nicht die Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen.
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