Multiple Sklerose: Ursachen und Risikofaktoren im Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter. Die genauen Ursachen der MS sind bis heute nicht vollständig geklärt, doch es ist bekannt, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle spielen. Die Forschung der letzten Jahre hat bedeutende Fortschritte erzielt, um die komplexen Zusammenhänge besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen im zentralen Nervensystem angreift. Im Wesentlichen richtet sich die Immunreaktion gegen die Myelinscheide, eine Schutzschicht, die die Nervenfasern umgibt. Diese Myelinscheide ist essenziell für die schnelle und effiziente Weiterleitung von Nervenimpulsen.

Bei MS-Patienten greifen Abwehrzellen die Myelinscheide an, was zu Entzündungen und Schädigungen führt. Man nimmt an, dass bestimmte Eiweiße (Proteine) auf der Oberfläche der Myelinzellen vom Immunsystem fälschlicherweise als fremd erkannt und bekämpft werden. Dieser Angriff geschieht im Gehirn meist herdförmig, d.h. nicht im ganzen zentralen Nervensystem, sondern in vielen (multiplen) unterschiedlichen Bereichen. Der akute Entzündungsprozess äußert sich für den Patienten als Schub der Krankheit. Es kommt daraufhin im Nervengewebe zur Narbenbildung (Sklerose).

Die Entzündungen und die daraus resultierenden Narben (Sklerosen) beeinträchtigen die Fähigkeit der Nerven, Signale korrekt zu übertragen, was zu einer Vielzahl neurologischer Symptome führt. Diese Symptome können je nach betroffenem Bereich des Nervensystems variieren und reichen von Empfindungsstörungen und Muskelschwäche bis hin zu Sehstörungen und Koordinationsproblemen.

Die Erkrankung manifestiert sich typischerweise im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, kann aber auch in jüngeren oder höheren Altersgruppen auftreten. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Symptome der MS sind vielfältig und können sich im Laufe der Zeit verändern, was die Diagnose oft erschwert.

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Genetische Faktoren

Eine genetische Veranlagung spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von MS. Dies wird durch Zwillingsstudien belegt, die zeigen, dass das Risiko für den zweiten Zwilling, ebenfalls an MS zu erkranken, bei etwa 30 Prozent liegt. Es ist jedoch nicht ein einzelnes Gen, das für das erbliche Risiko verantwortlich ist.

In einer umfassenden Untersuchung von 9.700 MS-Patienten und 17.400 gesunden Kontrollpersonen aus 15 Ländern identifizierte ein internationales Forscherteam 20 bekannte Genorte und 29 neue, die mit der Erkrankung in Verbindung stehen. Viele dieser Genorte spielen eine zentrale Rolle für das Immunsystem, insbesondere bei der Bildung der weißen Blutkörperchen. Neueste Daten, die auf einem Fachkongress der Amerikanischen Gesellschaft für Humangenetik vorgestellt wurden, erweiterten das Spektrum der MS-verdächtigen Genorte auf 200, die alle eine wichtige Funktion im Immunsystem haben.

Mindestens 200 Genorte beeinflussen das Risiko für die Erkrankung. Das bedeutet, dass die Krankheit zwar nicht direkt vererbt wird, aber eine genetische Prädisposition das Risiko, an MS zu erkranken, deutlich erhöht.

Umweltfaktoren

Neben genetischen Faktoren spielen auch verschiedene Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von MS. Zu den wichtigsten Umweltfaktoren zählen:

  • Virale Infektionen: Verschiedene virale Infektionen, insbesondere mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), werden als mögliche Auslöser der MS diskutiert. Studien haben gezeigt, dass fast alle MS-Patienten mit EBV infiziert sind. EBV befällt B-Lymphozyten und kann das Immunsystem in einer Weise aktivieren, dass die Erkrankung später auftreten kann. Eine Längsschnittstudie bestätigte mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass das Epstein-Barr-Virus (EBV) ein zentraler Auslöser der MS ist. In dieser Studie erkrankten Soldaten, die sich während ihrer Dienstzeit mit dem humanen Herpesvirus infizierten, in den Folgejahren 32-fach häufiger an MS als Nicht-Infizierte. Auch andere Viren wie Masern-Viren und humane Herpesviren (HHV-6) werden diskutiert.
  • Vitamin-D-Mangel: Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel, insbesondere in der Kindheit und Jugend, wird mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht. Vitamin D reguliert die Aktivität des Immunsystems, und ein Mangel kann zu einer Überreaktion des Immunsystems führen, was Autoimmunerkrankungen wie MS begünstigen kann. Je häufiger und regelmäßiger die Haut der Sonne ausgesetzt ist, desto mehr Vitamin D produziert die obere Hautschicht. Zu niedrige Vitamin-D-Spiegel machen das Immunsystem „hyperaktiv“, sodass Autoimmunerkrankungen wie die Multiple Sklerose später leichteres Spiel haben. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass Multiple Sklerose am sonnenreichen Äquator so selten vorkommt und zu den Polen hin immer häufiger auftritt. Andererseits scheint nur die Sonneneinstrahlung bis zum 14. Lebensjahr maßgeblich, wie Migrationsstudien ergaben.
  • Rauchen: Rauchen ist ein gut dokumentierter Risikofaktor für MS. Studien haben gezeigt, dass Raucher ein um 50 Prozent höheres Risiko haben, an MS zu erkranken. Zudem kann Rauchen den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen und zu einer schnelleren Progression der Erkrankung führen. Wer also eine erbliche Veranlagung für die Erkrankung hat und raucht, erhöht sein Risiko viel drastischer als die einzelnen Faktoren dies erwarten ließen.
  • Geografische Faktoren: Die geografische Verteilung der MS deutet auf einen Zusammenhang mit Umweltfaktoren hin. MS tritt häufiger in Regionen auf, die weiter vom Äquator entfernt sind, was möglicherweise mit geringerer Sonneneinstrahlung und niedrigeren Vitamin-D-Spiegeln zusammenhängt. Je näher ein Mensch in Richtung Äquator aufwächst, desto geringer ist sein MS-Risiko. Weiter südlich und nördlich steigt das Risiko. Nordeuropa und Nordamerika haben die höchste Erkrankungsrate.
  • Ernährung: Auch eine Eigenart der westlichen Ernährung beschäftigt die MS-Forscher: Das Essen, besonders Fertiggerichte und Fast Food, ist in den Industrieländern vergleichsweise salzig. Eine solche Kost begünstigt aber eine MS, demonstrierten 2013 Experimente an speziell gezüchteten Mäusen: Die Mäuse waren so gentechnisch verändert, dass sie eine MS-ähnliche Erkrankung, die experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis (EAE), entwickeln konnten. Bekamen die Mäuse eine sehr salzreiche Kost, verlief die Erkrankung schwerer. Enthielt die Nahrung mehr als fünf Gramm Kochsalz täglich, bildeten sich mehr ungünstige Th-Immunzellen, die Entzündungsstoffe ausschütteten. Diesen Effekt beobachtete der Neuroimmunologe Markus Kleinewietfeld von der Yale Universität in New Haven auch an menschlichen Zellen und schätzt, dass Fast-Food-Konsumenten deshalb besonders betroffen sind, wie er 2013 im Fachblatt Nature öffentlich machte. Diese Wirkung des Salzes könnte Autoimmunerkrankungen wie der Multiplen Sklerose den Weg bahnen.

Autoimmunprozesse im Detail

Multiple Sklerose wird als Autoimmunerkrankung klassifiziert, bei der das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Im Fall von MS sind es die Myelinscheiden der Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark, die Ziel der fehlgeleiteten Immunreaktion sind.

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Ein wesentlicher Mechanismus der MS ist die autoimmune Zerstörung der Myelinscheide. Myelin ist eine lipidreiche Biomembran, die die Axone (den Achsenfortsatz) der Nervenzellen umhüllt und sie elektrisch isoliert. Im Rahmen der MS richten sich T-Lymphozyten gegen Myelin. Diese T-Zellen werden in der Peripherie aktiviert, überwinden die Blut-Hirn-Schranke und dringen in das ZNS ein. Neben den T-Zellen spielen auch B-Lymphozyten eine wichtige Rolle. Nachdem die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger wird, gelangen B-Zellen ins Gehirn, wo sie Zytokine (Botenstoffe) sezernieren, die die Zerstörung der Myelinscheide weiter verstärken. Diese entzündlichen Prozesse führen zu Läsionen im ZNS, die durch entzündliche Infiltrate charakterisiert sind.

Die genauen Auslöser für diese Autoimmunreaktion sind noch nicht vollständig verstanden, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.

Geschlechtshormone und MS

Geschlechtshormone haben einen großen Einfluss auf Autoimmunerkrankungen wie die MS. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, was auf den Einfluss von Östrogen und anderen Geschlechtshormonen auf das Immunsystem hindeutet.

Interessanterweise gehen die Schübe bei MS während der Schwangerschaft deutlich zurück, insbesondere im letzten Drittel, was auf die immunmodulatorische Wirkung von Schwangerschaftshormonen zurückgeführt wird. Nach der Geburt steigt die Schubrate jedoch wieder leicht an. Neurologin Kerstin Hellwig vom Universitätsklinikum Bochum vermutet, dass die Hormone das Immunsystem mäßigen und somit das Fortschreiten der Erkrankung verhindern.

Der westliche Lebensstil als Risikofaktor

Ärzte machen insgesamt die westliche Lebensweise dafür verantwortlich, dass die Häufigkeit von Multipler Sklerose in den Industrienationen immer weiter steigt. In Japan hat sich die Zahl der Patienten seit den siebziger Jahren vervierfacht.

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Einige Aspekte des westlichen Lebensstils, die mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht werden, sind:

  • Bewegungsmangel und geringe Sonnenexposition: Das Leben in geschlossenen Räumen und die mangelnde Exposition gegenüber Sonnenlicht führen zu einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel, der das Immunsystem negativ beeinflussen kann.
  • Ernährung: Eine Ernährung, die reich an Salz, gesättigten Fetten und verarbeiteten Lebensmitteln ist, kann Entzündungsprozesse im Körper fördern und das Immunsystem beeinträchtigen. Eine solche Kost begünstigt aber eine MS, demonstrierten 2013 Experimente an speziell gezüchteten Mäusen.
  • Rauchen: Der Konsum von Nikotin ist ein bekannter Risikofaktor für MS und kann den Krankheitsverlauf verschlimmern.

Bedeutung der Darmflora

Die Ernährung beeinflusst auch indirekt das MS-Risiko: über die Besiedlung mit Bakterien im Darm. Der Münchner Neurobiologe Hartmut Wekerle vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in München zeigte das als einer der ersten an gentechnisch veränderten Mäusen mit einer Anlage zur experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis (EAE). Unter komplett keimfreien Bedingungen blieben die Nager gesund. Wachsen die Mäuse jedoch in normaler Umgebung auf und entwickeln eine gewöhnliche Darmflora, setzt die schubartige Erkrankung ein. Ebenso, wenn den keimfrei gezüchteten Tieren die Darmbakterien normal aufgewachsener Tiere eingepflanzt werden.

Das Mikrobiom im Darm, also die Summe der 100 Billionen Bakterien in dem Organ, wird als ein wichtiger Trigger einer Multiplen Sklerose angesehen. Eine Studie japanischer Forscher verglich die Mikrobenzusammensetzung im Stuhl von MS-Patienten mit der von Gesunden und fand Unterschiede in der Häufigkeit bestimmter Bakterien.

Verlaufsformen der Multiplen Sklerose

Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung mit unterschiedlichen Verlaufsformen. Mehr als 80 Prozent der Patienten leiden anfänglich unter einer schubförmigen MS, bei der sich die Symptome zwischen den Ausbrüchen teilweise oder sogar vollständig zurückbilden (relapsierend-remittierende MS, RRMS). Die Krankheit kann aber auch von Anfang an konstant oder unterbrochen von Perioden des Stillstandes fortschreiten (primär progrediente MS). Bei etwa der Hälfte aller Patienten mit einer RRMS geht die Krankheit binnen zehn Jahren in eine progrediente Form über; man spricht dann von einer sekundär progredienten MS (SPMS).

Die Verläufe fächern sich derart auf, weil Multiple Sklerose keine Krankheit mit einem einheitlichen Erscheinungsbild ist, sondern verschiedene Verlaufsformen umfasst. Einerseits gibt es die junge Frau, die mit Anfang vierzig im Rollstuhl sitzt und eine Haushaltshilfe benötigt. Andererseits gibt es die über 60-Jährige, der nur längere Strecken zu Fuß schwerfallen, die aber selbstständig lebt.

Diagnose und Therapie

Die Diagnose der MS basiert auf einer Kombination aus neurologischer Untersuchung, Magnetresonanztomographie (MRT) und Liquoruntersuchung. Es gibt keinen Einzeltest, der die Diagnose eindeutig bestätigen kann, daher ist eine sorgfältige Abwägung der Befunde erforderlich.

Die Behandlung der MS zielt darauf ab, die Entzündungsaktivität zu reduzieren, Schübe zu verhindern und die Symptome zu lindern. Zu den wichtigsten Therapieansätzen gehören:

  • Immuntherapie: Verschiedene Medikamente, die das Immunsystem modulieren oder unterdrücken, können den Verlauf der MS positiv beeinflussen und die Häufigkeit von Schüben reduzieren.
  • Schubtherapie: Kortikosteroide werden häufig eingesetzt, um akute Schübe zu behandeln und die Entzündung zu reduzieren.
  • Symptomatische Therapie: Medikamente und nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Physiotherapie, Ergotherapie und Psychotherapie können eingesetzt werden, um spezifische Symptome wie Schmerzen, Spastik, Fatigue und Depressionen zu behandeln.

Aktuelle Forschungsergebnisse

Die Multiple-Sklerose-Forschung erlebt derzeit einen besonderen Erfolg. Einer Reihe verschiedener Therapieansätze ist es zu verdanken, dass Patienten häufig, trotz langer Jahre mit dem Nervenleiden, nahezu symptomfrei sind, wie auf dem europäischen MS-Kongress 2016 zu hören war.

Ein neuer Nachweistest, der zwischen den zwei verschiedenen Typen des humanen Herpesvirus 6 (HHV-6) unterscheidet, gibt Hinweise darauf, dass die Virus-Ätiologie von MS korrekt sein könnte.

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