Weinen nach Schlaganfall: Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten

Ein Schlaganfall kann nicht nur körperliche, sondern auch erhebliche psychische Folgen haben. Viele Betroffene erleben nach dem Ereignis Phasen der Trauer, Niedergeschlagenheit und sogar Depressionen. Ein häufiges Symptom ist dabei das unkontrollierte Weinen, das verschiedene Ursachen haben kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten des Weinens nach einem Schlaganfall.

Einführung

Ein Schlaganfall stellt eine abrupte Ohnmachtserfahrung dar, die das Leben der Betroffenen von einer Minute auf die andere verändern kann. Schlagartig ist die körperliche und geistige Unversehrtheit im höchsten Maße bedroht oder gar teilweise verloren. Viele Patientinnen und Patienten berichten, dass sie sich im ersten Moment wie betäubt fühlten und die Zeit im Akutkrankenhaus und in der Rehaklinik wie in einem "Autopilot-Modus" erlebten. Erst nach der überstandenen Bedrohung folgt die Evaluationsphase, in der das Geschehene bewertet und mögliche Konsequenzen für das weitere Leben durchdacht werden.

Ursachen des Weinens nach Schlaganfall

Das Weinen nach einem Schlaganfall kann verschiedene Ursachen haben, die sowohl körperlicher als auch psychischer Natur sein können.

Neuropsychologische Ursachen

Bei einem Schlaganfall wird das Gehirn geschädigt, was das Gefühlsleben verändern kann. Läsionen im Bereich des Frontal- und Temporallappens des Gehirns können Wesensveränderungen begünstigen. Sind der rechte und linke Frontallappen betroffen, kann dies ein Plus-Syndrom (Impulsivität, Aggressivität) begünstigen, während Schädigungen der Temporallappen eher zu einem Minus-Syndrom (Antriebsarmut, Apathie) führen können.

In einigen Fällen kann es nach einem Schlaganfall zu einer Affektinkontinenz bzw. einer pseudobulbären Affektstörung kommen. Dabei zeigen Betroffene unwillkürliche, plötzlich einsetzende Gefühlsausbrüche wie Lachen oder Weinen, die nicht mit der eigentlichen Stimmungslage übereinstimmen. Diese Episoden unkontrollierbaren Weinens oder Lachens treten oft ohne gefühlsmäßige Beteiligung auf und werden durch unspezifische Reize ausgelöst.

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Reaktive Depression

Eine Depression nach einem Schlaganfall kann auch eine Reaktion auf die körperlichen und geistigen Einschränkungen sowie den plötzlichen Verlust der Selbstständigkeit sein. Dies wird als reaktive Depression bezeichnet. Betroffene müssen die Erfahrung verarbeiten, dass ihr Leben bedroht war, und sich von der körperlichen Belastung erholen. Mittel- und langfristig müssen sie lernen, mit Behinderungen und ihren Folgen für den Alltag sowie für die Kontakte zu Familie und Freunden umzugehen.

Krankheitsverarbeitung

Gedrückte Stimmung, Niedergeschlagenheit, ängstliches und zurückgenommenes Verhalten können auch Ausdruck der Krankheitsverarbeitung sein. Dies ist ein notwendiger Prozess, der sich erst entfalten kann, wenn sich die Dinge wieder ein wenig „gelegt“ haben und Ruhe eingekehrt ist. Während in den ersten Wochen bis Monaten nach dem Schlaganfall Hoffnungen auf die baldige Rückkehr zum „alten“ und vertrauten Leben dominieren, entwickeln sich nach und nach sorgenvolle Gedanken, möglicherweise das Leben künftig mit körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen meistern zu müssen.

Weitere Faktoren

Nach schweren Schlaganfällen kommt es häufiger zu Depressionen als nach leichteren; ebenso bei Menschen, die schon einmal eine Depression durchgemacht haben. Das Ausmaß der Depression hängt oft davon ab, wie stark die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Auch die soziale Situation und die Wohnverhältnisse können die Entstehung einer Depression beeinflussen.

Symptome und Diagnose

Es kann schwierig sein, den Unterschied zwischen einer Depression und einer durch die Erkrankung ausgelösten Niedergeschlagenheit zu erkennen. Oft ist eine Körperseite gelähmt, was die Beweglichkeit und die Selbstständigkeit stark einschränkt. Alltagstätigkeiten wie die Körperpflege und das Essen fallen schwer und sind häufig nur mit fremder Hilfe möglich. Die Lähmung stört zudem das Körpergefühl, da die gelähmte Seite schlecht bis gar nicht mehr wahrgenommen wird. All dies kann sehr belastend sein.

Menschen mit einer Depression nach einem Schlaganfall können zudem aufgrund von Sprachstörungen oft nicht selbst auf ihr Befinden hinweisen. Es kann sehr deprimierend sein, sich nicht mehr oder nur eingeschränkt verständlich machen zu können. Manche wirken vielleicht auch nur depressiv, weil sie ihre Gefühle nicht mehr so gut äußern können wie vor dem Schlaganfall. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Menschen um sie herum auf Anzeichen für eine Depression achten - also ärztliches und pflegerisches Personal, aber auch Angehörige, Freundinnen und Freunde.

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Wenn mehrere der folgenden Symptome mehr als zwei Wochen andauern, kann das ein Zeichen für eine Depression sein:

  • Tiefe Traurigkeit
  • Interessenverlust
  • Antriebslosigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Schlafstörungen
  • Negative und pessimistische Gedanken über die Zukunft
  • Selbsttötungsgedanken

Es ist wichtig, sich ärztlich beraten zu lassen, wenn man glaubt, dass es sich um eine Depression handeln könnte.

Auswirkungen des Weinens und der Depression nach Schlaganfall

Eine Depression kann nicht nur die Lebensqualität deutlich einschränken, sondern auch die Genesung nach einem Schlaganfall verzögern. Ob sich die krankheitsbedingten Einschränkungen bessern, hängt auch von der aktiven Mitarbeit bei der Therapie ab. Mit einer Depression ist es schwieriger, sich zu motivieren und so intensiv an der Wiederherstellung der eigenen Fähigkeiten zu arbeiten, wie es nicht depressive Menschen können.

Die Anzahl der festgestellten Symptome bestimmt die Schwere der depressiven Erkrankung. Unterschieden wird zwischen einzelnen Episoden einer leichten, mittelgradigen oder schweren Depression. Häufig sind Symptome wie Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit in der ersten Tageshälfte am stärksten ausgeprägt. In den frühen Abendstunden sind sie weniger intensiv. Auch wenn Angst und Depression zwei unterschiedliche psychische Erkrankungen darstellen, können sie als Mischbilder auftreten. Das heißt: Auch ein depressiv erkrankter Mensch kann von Ängsten gepeinigt sein.

Behandlungsmöglichkeiten

Depressionen werden oft mit Medikamenten (Antidepressiva) und / oder psychotherapeutischen Verfahren behandelt. Aber auch die ganz alltägliche Unterstützung durch Angehörige oder Pflegekräfte kann eine wichtige Rolle im Genesungsprozess oder im Umgang mit den bleibenden Einschränkungen spielen. Entscheidend ist eine gut organisierte Behandlung und Rehabilitation, die dazu beiträgt, die krankheitsbedingten Einschränkungen zu bessern.

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Medikamentöse Behandlung

Studien zeigen, dass Medikamente gegen Depressionen (Antidepressiva) Menschen helfen können, die nach einem Schlaganfall eine Depression entwickelt haben. Möglicherweise wirken sie sich auch auf die körperliche Genesung positiv aus. Am besten untersucht sind zwei Gruppen von Antidepressiva: selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und trizyklische Antidepressiva. Sie gehören zu den bei Depressionen am häufigsten eingenommenen Wirkstoffen.

Antidepressiva können unter anderem Benommenheit, Zittern und Verdauungsprobleme auslösen. Es ist aber noch nicht ausreichend untersucht, wie häufig solche Nebenwirkungen bei Menschen nach einem Schlaganfall auftreten. Da nach einem Schlaganfall das Laufen schwerfallen oder nur mit Unterstützung möglich sein kann, ist es besonders wichtig, auf Nebenwirkungen zu achten, die die Koordination beeinflussen. Schwindel und Benommenheit können zum Beispiel das Sturzrisiko erhöhen.

Psychotherapie

Psychiatrische und psychologische Fachkräfte können dabei unterstützen, mit der Erkrankung und der veränderten Lebenssituation umzugehen. Im Krankenhaus oder der Rehaklinik gibt es entsprechende Angebote. Die Genesung nach einem Schlaganfall gelingt besser, wenn alle Beteiligten die Behandlung intensiv unterstützen - also Fachkräfte aus Pflege, Physiotherapie und Psychologie, Ärztinnen und Ärzte sowie Angehörige. Beratung und Psychoedukation können dabei helfen. Bei der Psychoedukation lernen Betroffene und Angehörige, die Erkrankung zu verstehen und mit den Folgen umzugehen.

Weitere Therapieansätze

Es ist auch erwiesen, dass Ergotherapie helfen kann, bestimmte Körperfunktionen wiederzuerlangen. Dabei werden alltägliche Verrichtungen wie Waschen, Anziehen oder Haushaltstätigkeiten geübt. Auch Bewegungs- und Krafttraining ist wichtig und kann sogar dazu beitragen, dass sich depressive Beschwerden bessern. Eine erfolgreiche Rehabilitation setzt eine hohe Motivation voraus, kann aber den entscheidenden Unterschied für die Lebensqualität nach einem Schlaganfall ausmachen.

Ein vertrauensvolles Gespräch, in dem verwirrende Gedanken, Sorgen oder Gefühle von Ratlosigkeit ausgesprochen werden, kann stets zur spontanen Entlastung beitragen. Dabei muss das Gegenüber nicht psychotherapeutisch ausgebildet sein. Ein Austausch im Kreise der Familie oder mit guten Freunden, kann gleichermaßen ein tröstendes Gefühl vermitteln, nicht alleine zu sein.

Unterstützung durch Angehörige und Pflegekräfte

Einfache Ermunterungsversuche oder Ratschläge sind für Menschen mit Depressionen meist nicht hilfreich. Mit der Erkrankung umzugehen, erfordert viel Einfühlsamkeit und Geduld. Hinzu kommt, dass der Gemütszustand bei einer Depression stark schwanken kann. Außerdem kann eine Depression sehr unterschiedlich verlaufen. Einen nahestehenden Menschen nach einem Schlaganfall zu betreuen, kann eine große Herausforderung sein und manchmal überfordern. Eine Depression kann sich daher auch bei pflegenden Angehörigen entwickeln. Dann fällt es den Angehörigen schwerer, jemanden nach einem Schlaganfall gut zu unterstützen - was beide Seiten wiederum zusätzlich belasten kann.

Auf das Wohl der Helfenden zu achten, ist deshalb nicht nur für diese selbst und andere Familienangehörige wichtig, sondern auch für die Person, die den Schlaganfall hatte. Es gibt viele Unterstützungsmöglichkeiten, zum Beispiel Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, die Erkrankten und ihren Angehörigen Hilfestellungen bei verschiedensten pflegerischen, finanziellen oder psychosozialen Anliegen geben können. Viele Städte und Gemeinden unterhalten auch Pflegeberatungsstellen, deren Angebot kostenlos ist.

Umgang mit Persönlichkeitsveränderungen

Emotionale Veränderungen wirken sich auf das Verhalten einer Person aus, also auf seine Persönlichkeit. Das kann so weit gehen, dass Angehörige den schlaganfallbetroffenen Menschen in seinem gesamten Wesen kaum noch wiedererkennen. Familie und Freunde nehmen diese emotionalen Veränderungen oft sehr schnell wahr - und zum Teil intensiver als die Betroffenen selbst. Ob die Betroffenen den Wandel selbst bemerken - und auch darunter leiden - ist individuell unterschiedlich.

Mit Persönlichkeitsveränderungen verhält es sich so, wie mit vielen Schlaganfall-Folgen. Manche Folgen entwickeln sich wieder zurück, andere nicht. Wichtig ist, die Situation zu thematisieren und Fachleute (Neurologen, Neuropsychologen, Psychologen, Psychotherapeuten etc.) zu Rate zu ziehen, um individuelle Therapien zu entwickeln, die langfristig sowohl den Betroffenen als auch den Angehörigen den Umgang mit den Veränderungen erleichtern.

Vor allem für Angehörige, aber auch für die Betroffenen, ist es oft schwieriger, mit den emotionalen Veränderungen nach einem Schlaganfall umzugehen als mit den körperlichen. Wenn eine Person „nicht mehr sie selbst“ ist, betrifft das das komplette soziale Umfeld. Daran können partnerschaftliche, familiäre und freundschaftliche Beziehungen scheitern.

Neuropsychologische Folgen und Rehabilitation

Nach einem Schlaganfall werden vertraute Denkmuster oft zu verschlungenen Pfaden. Erst im Alltag wird vielen Betroffenen und ihren Angehörigen bewusst, welche starken Auswirkungen kognitive und emotionale Veränderungen nach einem Schlaganfall haben können. Oft sind es nicht die körperlichen Einschränkungen, sondern subtile, aber einschneidende Defizite in den Bereichen Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Handlungsplanung und Sprache, die die Lebensqualität und Selbstständigkeit wesentlich beeinträchtigen.

Eine differenzierte Diagnostik neuropsychologischer Störungen nach einem Schlaganfall bildet die Grundlage für eine erfolgreiche, individuelle Rehabilitation. Das Ziel besteht darin, auch unsichtbare Defizite gezielt zu erkennen und zu behandeln, um die Chancen auf eine Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben zu maximieren.

Die Behandlung neuropsychologischer Störungen ist ein zentraler Bestandteil der modernen Schlaganfallrehabilitation. Ziel ist es nicht nur, einzelne Defizite zu lindern, sondern die Lebensqualität, Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe insgesamt bestmöglich wiederherzustellen. Entscheidend ist, dass die im Klinikalltag erreichten Fortschritte in den realen Alltag übertragen werden. Dies betrifft sowohl die Selbstversorgung und Mobilität als auch die berufliche und soziale Wiedereingliederung. Hierbei spielt die enge Abstimmung zwischen den beteiligten Disziplinen - Neurologie, Neuropsychologie, Logopädie, Ergo- und Physiotherapie sowie Sozialberatung - eine Schlüsselrolle.

Fazit

Weinen nach einem Schlaganfall ist ein komplexes Phänomen, das verschiedene Ursachen haben kann. Es ist wichtig, die Ursachen zu erkennen und die Symptome ernst zu nehmen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung können dazu beitragen, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und den Genesungsprozess zu fördern. Eine Kombination aus medikamentöser Behandlung, Psychotherapie, Ergotherapie und Unterstützung durch Angehörige und Pflegekräfte kann den Betroffenen helfen, den Weg aus der emotionalen Isolation hin zu einem bereichernden Leben zu meistern.

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