Chemotherapie bei Hirntumoren und Lungenkrebs: Ein umfassender Überblick

Das Gehirn, ein hochspezialisiertes Organ, steuert komplexe Körperfunktionen wie Sinneswahrnehmung, Gedächtnis, Lernprozesse, Bewegungssteuerung, Sprache und Gefühle. Es ist auch für die Ausprägung der Persönlichkeit verantwortlich. Tumoren des Gehirns oder des Rückenmarks betreffen in Deutschland jährlich etwa 7.330 Menschen. Dieser Artikel beleuchtet die Chemotherapie als eine wichtige Behandlungsoption bei Hirntumoren und Lungenkrebs, insbesondere im Hinblick auf die Besonderheiten dieser Erkrankungen und die Herausforderungen, die sie an die Therapie stellen.

Das zentrale Nervensystem und seine Tumoren

Das Gehirn liegt gut geschützt im knöchernen Schädel. Diese starre Begrenzung kann jedoch bei Erkrankungen, die mit einer Zunahme der Gehirnmasse einhergehen, zu einem lebensbedrohlichen Druckanstieg im Schädelinneren führen. Gehirn und Rückenmark bilden gemeinsam das zentrale Nervensystem (ZNS), das aus Milliarden von Nervenzellen (Neuronen) besteht. Die Nervenzellen bestehen aus Zellkernen (graue Substanz) und Nervenzellfortsätzen (Axonen, weiße Substanz). Zwischen Schädelknochen und Gehirnoberfläche befinden sich die Hirnhäute und das Nervenwasser (Liquor).

Die wesentlichen Anteile des menschlichen Gehirns sind Großhirn (Cerebrum), Kleinhirn (Cerebellum) und Hirnstamm. Das Großhirn nimmt etwa 80 Prozent der Gehirnmasse ein und besteht aus zwei Hälften (Hemisphären), die durch das Corpus callosum verbunden sind. Jede Gehirnhälfte ist in vier Gehirnlappen unterteilt: Frontallappen, Scheitellappen, Schläfenlappen und Hinterhauptslappen. Das Kleinhirn koordiniert Bewegungen und sorgt für das Gleichgewicht. Der Hirnstamm beherbergt Nervenbahnverbindungen zwischen Gehirn und Rückenmark und ist zuständig für unbewusst ablaufende Funktionen und Reflexe.

Arten von Hirntumoren

Mit etwa 50 Prozent aller primären Tumoren des zentralen Nervensystems sind Gliome die häufigsten Hirntumoren. Da das Gehirn mehrere Arten dieser Stützzellen enthält, lassen sich Gliome wiederum in verschiedene Untergruppen einteilen:

  • Astrozytome: Entstehen aus sternförmigen Stützzellen (Astrozyten) und können in allen vier WHO-Graden auftreten.
  • Oligodendrogliome: Entstehen aus Stützzellen, welche die Markscheiden bilden (Oligodendrozyten).
  • Ependymome: Entwickeln sich aus der Wand der Gehirnkammern.
  • Medulloblastome: Gehören zu den häufigsten Tumorerkrankungen im Kindesalter und entstehen im Kleinhirn aus unreifen Zellen.
  • Meningeome: Entwickeln sich aus Zellen der Hirnhäute und machen etwa 20 Prozent aller Hirntumoren aus.
  • Neurinome: Bilden sich aus den Schwann-Zellen der Hirn- und Rückenmarknerven, meist im Bereich des achten Gehirnnervs (Akustikus-Neurinom).
  • Lymphome: Tumoren aus Lymphzellen im Gehirngewebe, die an der körpereigenen Abwehr beteiligt sind.
  • Hypophysenadenome: Entstehen im Bereich der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und können sich gegen den Sehnerv ausdehnen.
  • Gehirnmetastasen: Tochtergeschwülste von Krebserkrankungen anderer Organe im Gehirn.

Gliale Hirntumoren werden histopathologisch (Untersuchung unter dem Mikroskop) und molekular (Untersuchung von genetischen Merkmalen) eingeteilt.

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Symptome von Hirntumoren

Die häufigsten Symptome bei Hirntumoren sind:

  • Kopfschmerzen: Treten typischerweise nachts oder in den frühen Morgenstunden auf und bessern sich im Laufe des Tages.
  • Epileptische Anfälle: Können fokale oder generalisierte Anfälle sein.
  • Neurologische Herdzeichen: Beispielsweise Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen.
  • Persönlichkeitsveränderungen: Tumoren im Stirnlappen können zu Verhaltensstörungen und Änderungen im Antrieb führen.

Diagnose von Hirntumoren

Die Diagnose von Hirntumoren umfasst in der Regel folgende Schritte:

  1. Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und aktueller Beschwerden.
  2. Körperliche Untersuchung: Untersuchung neurologischer Funktionen.
  3. Bildgebende Verfahren: Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT), Positronenemissionstomographie (PET).
  4. Liquoruntersuchung: Untersuchung des Nervenwassers auf Tumorzellen.
  5. Biopsie: Entnahme einer Gewebeprobe zur histologischen und molekularen Untersuchung.

Chemotherapie bei Hirntumoren

Die Chemotherapie ist eine systemische Behandlung, bei der Medikamente (Chemotherapeutika) eingesetzt werden, um Krebszellen abzutöten oder ihr Wachstum zu verlangsamen. Bei Hirntumoren wird die Chemotherapie oft in Kombination mit Operation und Strahlentherapie eingesetzt.

Ziele der Chemotherapie

  • Verkleinerung des Tumors vor einer Operation (neoadjuvante Chemotherapie)
  • Abtöten von verbleibenden Krebszellen nach einer Operation oder Strahlentherapie (adjuvante Chemotherapie)
  • Verlangsamung des Tumorwachstums bei inoperablen Tumoren oder Metastasen
  • Linderung von Symptomen

Herausforderungen bei der Chemotherapie von Hirntumoren

Eine besondere Herausforderung bei der Chemotherapie von Hirntumoren ist die Blut-Hirn-Schranke. Diese natürliche Barriere schützt das Gehirn vor schädlichen Substanzen, kann aber auch den Zugang von Chemotherapeutika zum Tumorgewebe erschweren. Daher werden bevorzugt Substanzen eingesetzt, die die Blut-Hirn-Schranke passieren können.

Chemotherapeutika bei Hirntumoren

Verschiedene Chemotherapeutika werden bei der Behandlung von Hirntumoren eingesetzt, darunter:

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  • Nitrosoharnstoffe (ACNU, BCNU, CCNU): Schädigung der Erbsubstanz (DNA) der Tumorzellen.
  • Temozolomid: DNA-schädigende Substanz, die die Blut-Hirn-Schranke gut penetriert.
  • Procarbazin: DNA-schädigende Substanz, die oft im Rahmen des PCV-Kombinations-Chemotherapie-Protokolls eingesetzt wird.
  • Topoisomerase-I-Hemmstoffe (Topotecan): Spielen bisher eine untergeordnete Rolle bei der Behandlung von Hirntumoren.
  • Topoisomerase-II-Hemmstoffe (VP16, VM26): Werden meist in Kombination mit anderen Substanzen eingesetzt.
  • Methotrexat (MTX): Hemmt die Bildung von DNA und spielt eine zentrale Rolle in der Chemotherapie der primären zerebralen Lymphome.
  • Vincristin: Stört die Zellteilung und wird vor allem im Rahmen des PCV-Polychemotherapie-Protokolls eingesetzt.
  • Bevacizumab (Avastin): Hemmt die Neubildung von Blutgefäßen im Tumor.

Nebenwirkungen der Chemotherapie

Da Chemotherapeutika nicht nur Krebszellen, sondern auch gesunde Zellen angreifen können, können verschiedene Nebenwirkungen auftreten. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:

  • Veränderungen des Blutbildes (Thrombozyten, Leukozyten): Kann zu erhöhter Infektanfälligkeit und Blutungsneigung führen.
  • Übelkeit und Erbrechen: Können durch Medikamente gelindert werden.
  • Entzündung der Mundschleimhaut (Mukositis)
  • Haarausfall: Tritt bei den bei Hirntumoren eingesetzten Zytostatika eher selten auf.
  • Müdigkeit (Fatigue)
  • Lungentoxizität (insbesondere bei Nitrosoharnstoffen)
  • Schädigung der peripheren Nerven (Polyneuropathie, insbesondere bei Vincristin)

Besondere Therapieansätze

  • Intrathekale Chemotherapie: Direkte Injektion von Chemotherapeutika in den Liquorraum bei Tumorzellaussaat im Liquorraum.
  • Molekulare Substanzen: Substanzen mit molekularen Zielen auf oder in Tumorzellen, die sich in der klinischen Prüfung befinden.
  • Immuntherapie: Immuncheckpoint-Hemmer, die die Immunantwort gegen den Tumor verstärken.

Chemotherapie bei Lungenkrebs mit Hirnmetastasen

Lungenkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten, die zu Hirnmetastasen führen. Hirnmetastasen sind Tochtergeschwülste von Lungenkrebszellen, die sich im Gehirn angesiedelt haben. Die Behandlung von Lungenkrebs mit Hirnmetastasen ist komplex und erfordert einen multidisziplinären Ansatz.

Herausforderungen bei der Behandlung von Hirnmetastasen

  • Blut-Hirn-Schranke: Erschwert den Zugang von Chemotherapeutika zu den Metastasen.
  • Multifokalität: Hirnmetastasen treten oft an mehreren Stellen im Gehirn auf.
  • Begrenzte Wirksamkeit vieler Chemotherapeutika: Viele klassische Chemotherapeutika können die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren oder wirken nicht bei Hirnmetastasen.

Therapieoptionen bei Lungenkrebs mit Hirnmetastasen

  • Operation: Entfernung einzelner, gut zugänglicher Metastasen.
  • Strahlentherapie:
    • Ganzhirnbestrahlung: Kann das gesunde Gehirn schädigen.
    • Stereotaktische Radiotherapie: Gezielte Bestrahlung der Metastasen.
  • Chemotherapie:
    • Einige Chemotherapeutika können die Blut-Hirn-Schranke passieren und das Tumorwachstum verlangsamen.
    • Kombinationstherapie mit Immuntherapie kann bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs mit Hirnmetastasen wirksam sein.
  • Zielgerichtete Therapien:
    • BRAF- und MEK-Inhibitoren beim malignen Melanom.
    • EGFR- oder ALK-Hemmer beim Lungen-Adenokarzinom.
  • Immuntherapie: Immuncheckpoint-Hemmer, die die Immunantwort gegen den Tumor verstärken.
  • Antiangiogenese: Hemmung der Gefäßneubildung im Tumor mit Substanzen wie Bevacizumab.

Aktuelle Forschung

Die Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung neuer Strategien, um die Schwachstellen von Hirnmetastasen zu identifizieren und gezielt anzugreifen. Dazu gehören:

  • Hirngängige Medikamente: Substanzen, die die Blut-Hirn-Schranke passieren können.
  • Hemmstoffe der Tumorzellkommunikation: Substanzen, die die Kommunikation zwischen Tumorzellen und dem normalen Gehirn stören.
  • Immunzelltherapien: Therapien, die das Immunsystem zur Bekämpfung der Tumorzellen aktivieren.
  • Gefäßhemmstoffe: Substanzen, die die Gefäßneubildung im Tumor hemmen.

Protonentherapie bei Hirntumoren

Die Protonentherapie ist eine moderne Form der Strahlentherapie, bei der Protonen statt Photonen eingesetzt werden. Protonen haben den Vorteil, dass sie ihre Energie gezielt im Tumor abgeben und das umliegende Gewebe schonen können. Dies ist besonders wichtig bei der Bestrahlung von Hirntumoren, da das Gehirn sehr empfindlich auf Strahlung reagiert.

Vorteile der Protonentherapie

  • Gezielte Bestrahlung: Reduzierung der Strahlenbelastung für umliegendes Gewebe.
  • Weniger Nebenwirkungen: Verringerung des Risikos von Spätfolgen.
  • Kombinierbarkeit mit anderen Therapien: Kann im Anschluss an eine Operation oder in Kombination mit einer Chemotherapie eingesetzt werden.

Einsatzgebiete der Protonentherapie

Die Protonentherapie kann bei verschiedenen Hirntumoren eingesetzt werden, insbesondere bei Tumoren, die aufgrund ihrer Lage schwer zu operieren sind oder bei denen eine möglichst genaue Bestrahlung erforderlich ist.

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Nachsorge bei Hirntumoren und Lungenkrebs mit Hirnmetastasen

Nach der Therapie von Hirntumoren und Lungenkrebs mit Hirnmetastasen ist eine regelmäßige Nachsorge wichtig, um ein erneutes Tumorwachstum oder das Auftreten neuer Metastasen frühzeitig zu erkennen. Die Nachsorge umfasst in der Regel:

  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Anamnese, körperliche Untersuchung, neurologische Untersuchung, bildgebende Verfahren (MRT, CT).
  • Psychoonkologische Betreuung: Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung und Bewältigung von Ängsten und Depressionen.
  • Rehabilitationsmaßnahmen: Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, Neurokognitives Training zur Verbesserung von beeinträchtigten Funktionen.

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