Einführung
Unser Gehirn besitzt ein Belohnungssystem, das früh in der Evolution entstanden ist. Es wird durch sogenannte primäre Verstärker wie Nahrung, Körperkontakt oder Sexualität aktiviert, aber auch durch Substanzen wie Alkohol und andere Drogen. Der Botenstoff Dopamin spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Drogen können die Dopaminausschüttung um ein Vielfaches stärker anregen als primäre Verstärker. Daher kann von Drogen ein besonders starker Anreiz zu weiterem Konsum ausgehen.
Das Belohnungssystem des Gehirns
Dem Anblick eines Tortenstücks oder dem Geruch einer frisch gebackenen Pizza zu widerstehen, ist nicht immer leicht. Unser Gehirn verfügt über ein Belohnungssystem, das angenehme Gefühle vermittelt und unser Verhalten lenkt. Sein Ursprung liegt weit zurück. In grauer Vorzeit hat die Funktion des Belohnungssystems vermutlich über Leben und Tod entschieden. Denn es lenkt uns zu den Dingen, die für unser Überleben wichtig sind wie beispielsweise die Nahrungsbeschaffung. Unsere Vorfahren hatten schließlich keinen Supermarkt um die Ecke, sondern mussten für die Suche nach Nahrung einigen Aufwand betreiben. Wer süße Früchte am Wegesrand fand, tat vermutlich gut daran, diese möglichst schnell und in großen Mengen zu verspeisen, bevor jemand anderes es tut. Unsere Vorliebe für Süßes geht somit vermutlich auf den evolutionären Vorteil zurück, den uns das Verspeisen hochkalorischer Nahrung eingebracht hat. In der Folge, so die Theorie, wurde das Aufsuchen und Essen solch vorteilhafter Nahrungsmittel fest im Belohnungssystem im Gehirn verdrahtet.
Schmackhafte Nahrung, aber auch so elementare Dinge wie Körperkontakt und Sexualität werden in der Wissenschaft daher als primäre Verstärker bezeichnet. Die Entdeckung des Belohnungssystems geht zurück auf ein Experiment aus dem Jahre 1954. Die US-amerikanischen Forscher James Olds und Peter Milner haben Elektroden in die Gehirne von Ratten eingepflanzt, um einzelne Gehirnareale gezielt durch leichte elektrische Ströme zu stimulieren. Die Elektroden wurden mittels eines Hebels aktiviert, den die Ratten selbst betätigen konnten. Dabei konnten die Forscher beobachten, wie die Ratten teilweise bis zu 2000-mal in der Stunde auf den Hebel drückten. Sie taten dies stundenlang bis zur völligen Erschöpfung.
Tierstudien haben auch zu der Erkenntnis geführt, dass es Belohnungsregelkreisläufe im Gehirn gibt, die vom entwicklungsgeschichtlich alten Mittelhirn ausgehen und unterschiedliche Areale miteinander verbinden. Dopamin wird vor allem dann ausgeschüttet, wenn eine Belohnung überraschend kommt oder wenn Reize auftreten, die eine Belohnung anzeigen. Dopamin ist somit nicht so sehr an den positiven Gefühlen während des Konsums der Belohnung beteiligt. Die schönen Gefühle werden eher durch Serotonin und Endorphine vermittelt. Durch den zu erwartenden belohnenden Effekt entsteht die Motivation, den auslösenden Reiz immer wieder aufzusuchen. In der Fachwelt werden in diesem Zusammenhang auch die englischen Begriffe „Wanting“ und „Liking“ verwendet. Dopamin ist für das „Wanting“ verantwortlich, dem aktiven Aufsuchen der Belohnung. Bei Abhängigen wird das „Wanting“ zum „Craving“, das sich als sehr starkes Verlangen nach der Droge bemerkbar macht.
Dopamin: Mehr als nur ein "Glückshormon"
Dopamin ist kein Hormon, sondern ein Neurotransmitter, also ein Botenstoff zwischen Nervenzellen, der dafür sorgt, dass Nervenzellen miteinander kommunizieren können. Und das Dopamin in der Region des Gehirns, die für die Sucht wichtig ist, wirkt insbesondere im Belohnungssystem des Gehirns. Viele Menschen glauben, dass Dopamin glücklich macht. Das ist ein großes Missverständnis, denn das ist nicht der Fall. Dopamin hat die Aufgabe, auf mögliche Belohnungen hinzuweisen, also eine belohnungsankündigende Wirkung. Das spielt beim Belohnungslernen eine große Rolle. Wenn wir etwas Positives erleben - wenn wir zum Beispiel hungrig sind und etwas essen oder wenn wir Zuwendung von einem anderen Menschen bekommen - dann wird Dopamin ausgeschüttet und markiert diese Situation als wichtig. Das heißt, wenn wir beim nächsten Mal an der Person vorbeigehen, die nett zu uns war, dann wird Dopamin ausgeschüttet, denn wir haben gelernt, dass es hier etwas Schönes geben könnte. Situationen, die mit Belohnungen einhergehen, werden gewissermaßen durch das Dopamin gelikt und dann im Suchtgedächtnis abgespeichert als etwas, das mit Belohnung verbunden ist.
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Drogen und ihre Auswirkungen auf das Belohnungssystem
Neben den primären Verstärkern aktivieren Substanzen wie Alkohol, Kokain und andere Drogen ebenfalls das Belohnungssystem. Im Vergleich zu den primären Verstärkern können Drogen eine besonders starke Freisetzung von Dopamin auslösen. Der starke Anstieg der Dopaminausschüttung wird vom Organismus als eine besonders hohe Belohnung wahrgenommen, die „besser ist als erwartet“. Während bei den primären Verstärkern irgendwann ein Sättigungseffekt einsetzt, weil kein weiteres Dopamin mehr ausgeschüttet wird, ist dies bei Drogen zumindest in der Anfangsphase der Abhängigkeitsentwicklung nicht der Fall. Drogen greifen in das Belohnungssystem ein, indem sie direkt die Dopaminausschüttung ankurbeln.
Durch wiederholten Drogenkonsum verändert sich die Aktivität des Belohnungssystems. Es reagiert bevorzugt nur noch auf Drogen und andere Reize, die mit Drogenkonsum in Zusammenhang stehen. Das können bestimmte Orte, Dinge oder auch konsumierende Freunde sein. Während die Aufmerksamkeit der Person sich immer mehr auf die Droge hin ausrichtet, verlieren primäre Verstärker ihren Reiz. Für andere Dinge interessiert sich die Person nicht mehr. In späteren Phasen der Abhängigkeit entwickelt sich schließlich eine starke Verbindung zwischen Drogenreizen, wie bestimmten Orten, an denen die Droge konsumiert wurde und den dazugehörigen Verhaltensreaktionen, die zum Konsum führen. Im Gehirn erfolgt dabei eine zunehmende Vernetzung des Belohnungssystems mit solchen Arealen, die gewohnheitsmäßiges Verhalten steuern. Diese Verbindung wird auch für das zwanghafte Konsumverhalten von Drogenabhängigen verantwortlich gemacht. Dies geht so weit, dass Abhängige rückfällig werden, ohne dabei eine bewusste Entscheidung für den Konsum gefällt zu haben. Drogenkonsum wird mehr oder weniger automatisch durch bestimmte Reize ausgelöst. Dies erklärt, warum es abhängigen Menschen so schwerfällt, mit dem Konsum aufzuhören, obwohl sie wissen, dass er schädlich für sie ist. So berichten Charlet und Heinz in einem Artikel von dem Fall eines 45-jährigen alkoholabhängigen Patienten, der trotz andersartiger Vorsätze unter bestimmten Umständen rückfällig wird.
Fortgesetzter Konsum führt zu einer zunehmenden Vernetzung des Belohnungssystems mit Hirnarealen, die für gewohnheitsmäßiges Verhalten zuständig sind.
Beispiele für Drogen und ihre Wirkung auf Dopamin
Kokain
Kokain führt zu einer Dopaminausschüttung im Gehirn. Neue Analysen mit dem leistungsfähigsten Mikroskop der Welt zeigen, wie die Droge den Dopamintransporter (DAT) beeinflusst. Dopamintransporter (DAT), ein Protein der Zellmembran, reguliert normalerweise den Dopaminspiegel des Menschen und sorgt damit dafür, dass das Gehirn nicht alle Erfahrung als positiv interpretiert. Forscher der University of Copenhagen (KU) um Jeppe Cederholm Nielsen haben nun eine Studie publiziert, die erklärt, wie Kokain auf die unterschiedlichen Transporter im Gehirn einwirkt. Laut ihrer Publikation im Fachmagazin Nature haben die Wissenschaftler den DAT, ein sehr kleines Protein, mit dem leistungsfähigsten Mikroskop der Welt untersucht. „Wir haben herausgefunden, wie Kokain an den Dopamintransporter bindet, ein Protein, das für die Regulierung der Dopaminwerte im Gehirn verantwortlich ist. Die neuen Erkenntnisse zu Bindung des Kokains haben die Forscher verwendet, um eine Methode zu entwickeln, die diese Funktion der Droge blockiert. Kokain kann dadurch nicht mehr den Dopaminspiegel erhöhen und verliert seine suchtauslösen Wirkung. In Zukunft möchten die Forscher diesen Wirkmechanismus nutzen, um ein Medikament gegen Kokainsucht zu entwickeln.
Kokain verhindert die Wiederaufnahme von Botenstoffen in das Zellinnere und verlängert daher ihre Wirkung. Kokain führt zu einer starken Euphorie und macht schnell psychisch abhängig. Es stimuliert, macht wach, euphorisch, selbstsicher, redselig, reduziert Ängste und erregt sexuell.
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Im Nervensystem bindet Kokain an Dopamin-Transporter in der Membran des Nervenzellendes und blockiert diese. Wenn dann Dopamin freigesetzt wird, kann es nicht mehr in die Zelle zurücktransportiert werden, sammelt sich im so genannten synaptischen Spalt auf das dreißig- bis vierzigfache der üblichen Menge an und interagiert dort mit den nachgeschalteten Neuronen. Dadurch kommt es kurz gesagt zu einer massiven Aktivierung des Belohnungssystems, die schnell zur Abhängigkeit führen kann. Mit einem ähnlichen Mechanismus erhöht Kokain auch die Konzentration von Noradrenalin und Serotonin in der Synapse.
Da Kokain starke Glücksgefühle erzeugt und zugleich im Körper sehr rasch abgebaut wird (nach einer Stunde ist nur noch die Hälfte davon vorhanden), entsteht schnell das Verlangen nach mehr. Gleichzeitig führt die Substanz zu einer starken, wenn auch kurzfristigen Gewöhnung: Nervenzellen können ihre Transmittervorräte nur langsam auffüllen. Sie sind darauf angewiesen, die freigesetzten Botenstoffe zurückzuholen und zu „recyceln“. Da die Transporter hierfür aber vom Kokain blockiert werden, können die Nervenzellen immer weniger Dopamin freisetzen. Als Folge brauchen Konsumenten immer größere Mengen von Kokain. Anders als etwa bei Heroin tritt bei Kokain zudem kaum ein Sättigungsgefühl ein. Trotzdem stellt sich der gewünschte Rausch irgendwann nicht mehr ein.
Kokain wird seit dem 19. Durch die massive Stimulation des adrenergen Systems kann Kokain die Körpertemperatur erhöhen, Herzrasen auslösen und den Blutdruck steigern. In höheren Dosen kann es Herzrhythmusstörungen und tödliche Herzinfarkte auslösen, sowie Schlaganfälle und Hirnblutungen, selbst bei jungen, gesunden Konsumenten.
Methamphetamin
Nicht nur die Fernsehserie "Breaking Bad" hat Methamphetamin populär gemacht. In Teilen Deutschlands ist die Droge auf dem Vormarsch, denn der Amphetaminverwandte ist billig und leicht zu bekommen. Doch im Vergleich zu Amphetamin selbst ist Crystal Meth nicht nur wirksamer, sondern auch deutlich schädlicher für Gehirn und Geist.
Als kleines, gut fettlösliches Molekül überwindet Methamphetamin die Blut-Hirn-Schranke und dringt leicht ins Gehirn ein. Dort erhöht es auf noch nicht ganz geklärte Weise die Konzentration der Neurotransmitter Serotonin und Dopamin außerhalb der Nervenzellen. Vermutlich kehrt das Molekül die Funktion der Neurotransmittertransporter in den Zell- und Vesikelmembranen der Nervenenden einfach um: Aus den synaptischen Vesikeln, die normalerweise beim Nervenimpuls Neurotransmitter schubweise ausstoßen, sickern die Botenstoffe unter Methamphetamin-Einwirkung die ganze Zeit ins Zellplasma und anschließend durch weitere Transporter in der äußeren Zellmembran in den Raum zwischen den Zellen. Dort erhöhen sie die Neurotransmitterkonzentration im synaptischen Spalt; langfristig verursachen sie Neurotransmittermangel in den Neuronen. Beides zusammen verursacht die erwünschten und unerwünschten Symptome. Durch diesen Effekt wirkt Methamphetamin als Wiederaufnahmehemmer und führt dazu, dass Nervenzellen durch die Neurotransmitter stärker aktiviert werden.
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Crystal Meth löst Gefühle wie Glücklichsein, Wohlergehen, Zuversicht aus und setzt Energie frei. Ebenso wird eine Art Hyperaktivität ausgelöst. Man fühlt sich leistungsfähiger. Nach der Einnahme kommt es zu einer erhöhten Ausschüttung der Botenstoffe Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin im Gehirn. Es wird jedoch damit keine Energie im Körper freigesetzt, sondern der Organismus gerät zunehmend in Dauerstress. Hungergefühle, Durst, Schmerzempfinden und Müdigkeit werden nicht mehr wahrgenommen, ebenso gefährliche Nebenwirkungen wie beispielsweise Herzrasen.
Dopaminmangel als Folge von Drogenkonsum
Menschen, die von Drogen wie Kokain oder Amphetamine abhängig sind, entwickeln einen Dopaminmangel, wenn sie den Konsum einstellen. Dies verursacht Entzugssymptome wie Depression, Antriebslosigkeit und erhöhtes Verlangen nach der Droge. Der Botenstoff spielt also eine Rolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Suchtverhalten.
Die Rolle von sozialen Medien
Soziale Medien nutzen unser Belohnungssystem des Gehirns und das kann in Extremfällen zu einer Ähnlichkeit mit klassischen Abhängigkeiten führen. Gerade die Gehirne von Jugendlichen reagieren besonders empfindlich auf die Ausschüttung von Dopamin. Das Gehirn von Jugendlichen ist besonders sensibel für neue Prägungen, sich also auf neue Belohnungsreize auszurichten. Das ergibt evolutionär viel Sinn, weil in dieser Phase die Ablösung von ehemaligen Belohnungsreizen wie der Mutter und der Familie stattfindet und Jugendliche eine neue Ausrichtung brauchen. In der Jugend werden neue Präferenzen gesetzt und da spielt das Dopamin eine große Rolle. In heutigen Zeiten beinhaltet das die Gefahr sich stark auf das Handy und soziale Netzwerke auszurichten und das wird man dann auch schwer wieder los.
Was kann man gegen einen Dopaminmangel tun?
Bei einem leichten Dopaminmangel hilft möglicherweise auch eine Lebensstil-Anpassung:
- Eine gesunde Ernährung mit eiweißreichen Lebensmitteln (z.B. Hülsenfrüchte, Nüsse, Fisch) versorgt den Körper mit wichtigen Aminosäuren, die zur Dopaminproduktion benötigt werden.
- In ärztlicher Absprache kann zum Ausgleich eines Dopaminmangels die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sinnvoll sein, etwa mit L-Tyrosin (Ausgangsstoff von Dopamin) oder Vitamin D (beeinflusst die Dopaminbildung).
- Regelmäßige Bewegung fördert die Freisetzung von Dopamin und verbessert die Rezeptorfunktion. Mindestens 30 Minuten moderate Bewegung pro Tag sind empfehlenswert.
- Stressreduktion kann ebenfalls helfen, einem Dopaminmangel entgegenzuwirken. Techniken wie Meditation, Yoga, Achtsamkeits- und Atemübungen können den Stresspegel senken und die Dopaminproduktion positiv beeinflussen.
- Ausreichend Schlaf unterstützt die Regulierung der Dopaminspiegel und fördert das allgemeine Wohlbefinden. Achten Sie auf eine gute Schlafhygiene und sieben bis acht Stunden guten Schlafes pro Nacht.
- Positive soziale Interaktionen fördern die Freisetzung von Dopamin und verbessern die Stimmung. Treffen sie sich beispielsweise regelmäßig mit guten Freunden.
- Pflegen Sie Ihre Hobbys und Interessen wie Malen, Musik hören oder Aufenthalte in der Natur. Das kann ebenfalls die Dopaminausschüttung unterstützen.
- Verzichten Sie auf illegale Drogen und Alkohol, um die (Dopamin-produzierenden) Hirnzellen zu schützen und den Botenstoff-Haushalt im Gehirn in der Balance zu halten.
Fazit
Drogen können die Dopaminausschüttung im Gehirn massiv beeinflussen und so zu einem Teufelskreis der Abhängigkeit führen. Durch wiederholten Konsum verändert sich das Belohnungssystem, wodurch natürliche Reize an Bedeutung verlieren und die Droge immer mehr in den Mittelpunkt rückt. Ein Dopaminmangel kann die Folge sein, was zu Entzugserscheinungen und einem verstärkten Verlangen nach der Droge führt. Es ist daher wichtig, sich der Risiken bewusst zu sein und gegebenenfalls professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.