Liebe, Verliebtheit und das Gehirn: Eine wissenschaftliche Betrachtung

Liebe - für viele das schönste Gefühl der Welt. Doch was passiert in unserem Gehirn, wenn wir lieben oder verliebt sind? Die moderne Wissenschaft hat begonnen, dieses komplexe Phänomen zu entschlüsseln und liefert faszinierende Einblicke in die neurologischen und hormonellen Prozesse, die mit Liebe und Verliebtheit einhergehen. Dabei zeigt sich, dass Liebe nicht gleich Liebe ist und dass die vermeintliche Trennung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte in Bezug auf Emotionen ein Mythos ist.

Verliebtsein vs. Liebe: Eine fatale Verwechslung?

Liebesromane, Filmschnulzen und Popsongs - sie alle thematisieren die Liebe. Doch oft wird dabei Verliebtheit mit Liebe verwechselt. Verliebtheit und Liebe sind Gefühle, die zwar weitläufig miteinander verwandt sind, aber wenig miteinander zu tun haben. Diese Verwechslung war und ist die Ursache zahlloser Herzensdramen und falscher Entscheidungen. Die Wissenschaft, insbesondere die Gehirn- und Hormonforschung, hat begonnen, die Unterschiede zwischen Verliebtheit und dem ergreifenden Gefühl, genannt Liebe, zu ergründen.

Die neurologischen Unterschiede

Neurowissenschaftler haben mithilfe von bildgebenden Verfahren wie der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) untersucht, was sich im Gehirn abspielt, wenn Menschen verliebt sind oder eine tiefe Bindung zu ihrem Partner haben. In einer Studie wurden beispielsweise Probanden in die Röhre eines Computertomografen geschoben und ihnen für 30 Sekunden das Bild der oder des Angebeteten gezeigt, gefolgt von einem nichts sagenden Bild. Die Versuchsreihe wurde mit jedem Probanden sechsmal durchgeführt.

Die Ergebnisse zeigten, dass bei Verliebten vor allem das Belohnungssystem im Gehirn aktiv ist, insbesondere Areale in der Mitte des Gehirns, die mit Dopamin in Verbindung stehen. Dopamin ist ein Botenstoff, der als Verliebtheits-Droge bezeichnet wird und Glücksgefühle und Euphorie auslöst. Gleichzeitig fahren Areale, die für rationales Denken und das Einschätzen anderer Menschen zuständig sind, ihre Aktivität nach unten. Dies könnte eine neurobiologische Erklärung dafür sein, warum Liebe blind macht.

Eine weitere Studie untersuchte Paare, die im Durchschnitt bereits 2,3 Jahre zusammen waren. Bei ihnen zeigte die Computertomografie ein verändertes Bild. Hier war vor allem der Anteriore Cinguläre Cortex aktiv, eine Region, die für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. Dies deutet darauf hin, dass sich Liebe und Verliebtheit in unterschiedlichen Regionen des Gehirns abspielen.

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Der Hormoncocktail der Verliebtheit

Verliebtsein entfacht im Gehirn ein chemisches Feuerwerk. Der Körper schüttet eine Reihe von Hormonen aus, die für die typischen Symptome der Verliebtheit verantwortlich sind:

  • Dopamin: Sorgt für Glücksgefühle, Euphorie und den Rausch der Gefühle.
  • Noradrenalin: Steigert die Energie, das Herz klopft schneller, die Hände werden schwitzig und die Atmung beschleunigt sich.
  • Cortisol: Ein Stresshormon, das in der Verliebtheitsphase auf niedrigem Level aktiv ist und ein Anzeichen für Angstzustände sein kann.
  • Serotonin: Der Serotoninpegel von Verliebten ähnelt denen von Menschen mit einer Zwangsstörung, was dazu führt, dass die Gedanken nur noch um den geliebten Menschen kreisen.

Dieser Hormoncocktail versetzt Verliebte in einen Zustand der Hochstimmung, der aber auch mit Kontrollverlust und irrationalem Verhalten einhergehen kann.

Das Ende der Verliebtheit

Die Verliebtheitsphase ist jedoch nicht von Dauer. Sie dauert in der Regel wenige Wochen, im Höchstfall 30 Monate. Dann geht die Luft raus, und die rosarote Brille verschwindet. Der Sex ist nicht mehr so aufregend, und die Fehler des Partners werden sichtbar. Dieses Erwachen kennt jeder, der schon verliebt war.

Doch das Ende der Verliebtheit muss nicht das Ende der Beziehung bedeuten. Es kann in Wirklichkeit der Anfang von Zuneigung und Verbundenheit sein. Denn nun kommen andere Hormone ins Spiel:

  • Oxytocin: Wird verstärkt in Phasen romantischer Bindung ausgeschüttet und sorgt für Vertrauen, Attraktivität und langfristige Paarbindung und Treue.
  • Vasopressin: Ist am Entstehen von Bindung beteiligt, wie Tierversuche mit Präriewölfen gezeigt haben.

Diese Hormone sorgen für ein Gefühl der Geborgenheit, des Vertrauens und der Solidarität. Doch auch hier besteht keine Haltbarkeitsgarantie.

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Die serielle Monogamie des Menschen

Die Anthropologin Helen Fisher erklärt, dass der Mensch in einem Dilemma steckt. Einerseits dient die Bindung der gemeinsamen Aufzucht der Nachkommen und damit der Fortpflanzung. Andererseits ist der Mensch - wie andere Lebewesen - für »serielle Monogamie« geschaffen. Die natürliche Dauer der Mann-Frau-Verbindung liege bei ca. vier Jahren, also so lange, bis das Kind aus »dem Gröbsten heraus« ist.

Doch ein Zwang zur Trennung ergibt sich daraus für niemanden. Mit zunehmender Reife sind wir immer weniger Sklave unserer Biochemie. Wir können lernen, Toleranz zu entwickeln - für den Partner und für uns selbst.

Die Rolle der Gehirnhälften: Ein Mythos?

In der populären Psychologie hält sich hartnäckig der Mythos, dass das menschliche Gehirn in eine analytisch-logische linke Gehirnhälfte und eine emotional-kreative rechte Gehirnhälfte aufgeteilt ist. Dieses Modell wird gern genutzt, um menschliches Verhalten zu erklären. Doch stimmt diese Annahme überhaupt?

Die Widerlegung des Mythos

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass diese Vorstellung einer klaren Trennung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte in Bezug auf Emotionen nicht haltbar ist. Zwar gibt es bestimmte Funktionen, die stärker in einer der beiden Hemisphären lokalisiert sind, wie beispielsweise die Sprachverarbeitung bei den meisten Rechtshändern in der linken Gehirnhälfte. Doch Emotionen sind ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen, die in beiden Hemisphären aktiv sind.

Meta-Analysen von Studien zur neuronalen Aktivität bei Emotionen zeigen, dass sowohl positive als auch negative Gefühle Aktivierungen in beiden Gehirnhälften hervorrufen. Es gibt keine klare Dominanz einer der beiden Hemisphären für bestimmte Emotionen.

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Die Bedeutung des Gesamtsystems Gehirn

Der aktuelle Stand der Forschung sieht das Gehirn als ein interagierendes System. Bei unterschiedlichen Aufgaben werden zwar unterschiedliche Hirnregionen mehr oder weniger stark genutzt, aber im Großen und Ganzen ist das Gehirn als ein komplexes Netzwerk zu verstehen, in dem die verschiedenen Bereiche zusammenarbeiten.

Simple Testverfahren, die angeblich die Dominanz einer Gehirnhälfte bestimmen sollen, sind daher nicht aussagekräftig. Sie sagen nichts über die Präferenz eines Menschen aus, entweder emotional-kreativ oder kognitiv-analytisch zu denken.

Die Integration von Rationalität und Emotionalität

Es ist sinnvoller, sich von dem Dogma zu lösen, dass analytische und emotionale Denkprozesse zwangsläufig 1:1 mit den beiden Gehirnhälften korrespondieren. Stattdessen sollten wir die Tatsache nutzen, dass für uns Menschen fast immer sowohl rationale als auch emotionale Kompetenzen im Denken und Handeln eine zentrale Rolle spielen.

In der Weiterbildung können wir diese beiden Komponenten vereinen, indem wir emotionales Storytelling mit analytischen Studien zur Untermauerung unserer Aussagen kombinieren. So erreichen wir die Lernenden besser und fördern eine ganzheitliche Entwicklung.

Liebe ist nicht gleich Liebe: Die Vielfalt der Empfindungen

Liebe ist nicht gleich Liebe. Das für viele schönste Gefühl der Welt ist äußerst vielseitig. Abhängig davon, auf wen oder was sich die Liebe konzentriert, fühlt sie sich ganz unterschiedlich an - und auch ihre Intensität hängt stark vom jeweiligen Objekt ab.

Die verschiedenen Formen der Liebe

Eine Studie aus dem Jahr 2023 hat gezeigt, dass verschiedene Arten von Liebe in unterschiedlichen Körperregionen wahrgenommen werden. Leidenschaftliche Liebe wird am stärksten und weitreichendsten wahrgenommen, während die Liebe zu Geschwistern oder zum eigenen Land weitaus weniger starke Körpergefühle auslöst.

Auch im Gehirn werden bei verschiedenen Formen der Liebe unterschiedliche Regionen aktiviert. Die Basalganglien, die Mittellinie, der Precuneus und der temporoparietale Übergang sind Hirnareale, die mit sozialer Kognition in Verbindung stehen und bei allen Formen der zwischenmenschlichen Liebe aktiviert werden. Allerdings unterscheiden sich die Intensität der Aktivierung je nach Objekt der Liebe.

Die Liebe zum Kind: Eine besondere Form der Liebe

Die Studie zeigte auch, dass die Liebe zum eigenen Kind die romantische Liebe noch übertrifft. Die Worte „Sie sehen ihr neugeborenes Kind zum ersten Mal, es ist das größte Wunder ihres Lebens, sie fühlen Liebe für das kleine Wesen“ lösten bei den Probanden die intensivsten Reaktionen im Gehirn aus - und zwar auch in Regionen, die bei anderen Liebesempfindungen nicht aktiviert werden.

Dies unterstreicht die besondere Bedeutung der Elternliebe für die menschliche Spezies. Sie ist ein starker Trieb, der das Überleben und die Entwicklung der Nachkommen sichert.

Die Liebe zum Haustier: Eine soziale Beziehung?

Auf das Szenario „Sie liegen zu Hause auf dem Sofa, ihre Katze kommt zu Ihnen, rollt sich neben Ihnen zusammen und schnurrt schläfrig. Sie lieben Ihr Haustier.“ gab es gemischte Reaktionen. Bei manchen Teilnehmenden wurden dadurch auch soziale Gehirnareale aktiviert, bei anderen nicht.

Dies deutet darauf hin, dass die Beziehung zu Haustieren von Mensch zu Mensch unterschiedlich wahrgenommen wird. Für manche Menschen sind Haustiere vollwertige Familienmitglieder, die soziale Nähe und Geborgenheit vermitteln. Für andere sind sie eher Nutztiere oder reine Begleiter.

Liebe geht durchs linke Ohr: Eine neue Entdeckung?

Neurowissenschaftler aus der Schweiz haben herausgefunden, dass positive menschliche Geräusche (wie Lachen oder angenehme Stimmen) eine verstärkte neuronale Aktivität im Hörsystem auslösen. Diese Aktivität wird besonders stark, wenn diese Geräusche von der linken Seite kommen.

Die Vorliebe für angenehme Geräusche von links

Die Forscher fanden heraus, dass Aufnahmen, die ausschließlich auf der linken Seite gehört wurden, eine viel stärkere neurologische Reaktion auslösten. Dies gilt jedoch nur für positive menschliche Laute. Neutrale oder negative Geräusche haben diese Verbindung zur linken Seite nicht.

Die Forscher können noch nicht erklären, warum eine Vorliebe für angenehme Geräusche von links besteht. Bekannt ist, dass das linke Ohr den emotionalen Ton in einer Stimme besser erkennt als das rechte.

Implikationen für die Kommunikation

Die Erkenntnisse der Studie könnten Implikationen für die Kommunikation haben. Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, sagen Sie Ihrer oder Ihrem Liebsten ein paar nette Worte ins linke Ohr.

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