Die Gehirnhälfte-Erklärung des Kleides: Warum wir Farben unterschiedlich sehen

Im Februar eines bestimmten Jahres entfachte ein unscheinbares Foto eines Kleides eine globale Debatte. Die einen schworen, es sei blau und schwarz, während andere es als weiß und golden wahrnahmen. Einige sahen sogar blau-goldene Streifen. Dieses Phänomen, bekannt als #dressgate, führte zu hitzigen Diskussionen und verrückten Theorien. Doch was steckt wirklich hinter dieser Farbverwirrung?

Die Farbkorrektur unseres visuellen Systems

Psychologen sind sich inzwischen weitgehend einig, dass die unterschiedliche Farbwahrnehmung auf die Farbkorrektur unseres visuellen Systems zurückzuführen ist. Unser Gehirn versucht permanent, die konkrete Beleuchtungssituation zu berücksichtigen, um die "wahre" Farbe eines Objekts zu bestimmen.

Im Falle des Kleides bedeutet das: Wer glaubt, das Kleid befinde sich bei Tageslicht im Schatten, zieht gedanklich das dort dominierende blaue Licht ab. Da wir wissen, dass weiße Dinge im Schatten bläulich aussehen - wie beispielsweise Schnee - nehmen wir die tatsächlich hellblauen Streifen des Kleides als weiß wahr und die anderen Streifen als golden. Wer hingegen annimmt, das Kleid werde von eher gelblichem Kunstlicht angestrahlt, nimmt das Muster als schwarz-blau wahr.

Eine im Fachblatt "Journal of Vision" veröffentlichte Studie bestätigt diese Erklärung der weltumspannenden Farbverwirrung und liefert eine interessante Hypothese, welche Menschen zu welcher Fraktion neigen.

Die Rolle der Lichtsituation und des Chronotypen

Der Neuroforscher Pascal Wallisch von der New York University befragte für seine Studie insgesamt 13.417 Menschen online. Die Befragten sollten angeben, in welchen Farben sie das Kleid sehen. Für knapp 60 Prozent war es weiß-golden, für etwa 30 Prozent blau-schwarz. Der Rest gab andere Farbkombinationen an.

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Wallisch wollte aber auch wissen, wie die Betrachter die Lichtsituation einschätzen, ob sie derzeit auf dem Land oder in der Stadt leben und für welchen Chronotypen sie sich selbst halten. Menschen unterteilen sich dabei in Frühaufsteher (Lerchen) und in sogenannten Eulen, die nachts länger aufbleiben und dafür morgens länger schlafen.

Die Frage nach dem Chronotypen brachte ein spannendes Ergebnis: Langschläfer nahmen das Kleid mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit in den Farben weiß-golden wahr als Frühaufsteher. Bei der zweiten Umfrage war dieses Phänomen besonders stark ausgeprägt. Typische Eulen kamen auf eine Weiß-Gold-Quote von nur 47 Prozent, starke Lerchen hingegen auf 66 Prozent.

Offenbar hängt die Farbwahrnehmung eines Menschen auch davon ab, wie viele Stunden er bei Tageslicht und bei künstlicher Beleuchtung verbringt, erklärt Wallisch. Wer viel Sonnenlicht abbekommt, für den sei das Kleid eher weiß-golden. Nachteulen, die deutlich mehr Kunstlicht sehen, tendierten weniger stark dazu. "Das bestätigt, dass das Licht, dem ein Mensch typischerweise ausgesetzt ist, Einfluss darauf hat, wie er Farben wahrnimmt", sagt Wallisch. Andere in der Studie ebenfalls abgefragte Faktoren wie Geschlecht oder Alter spielten im Vergleich dazu nur eine untergeordnete Rolle.

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse aus Bochum

Auch Forscher der Ruhr-Universität Bochum widmeten sich dem Phänomen des Kleides. Im Rahmen einer funktionellen Magnet-Resonanz-Tomographie (fMRT)-Studie untersuchten sie die Hirnaktivität von Probanden, die das Kleid weiß-gold bzw. schwarz-blau wahrnahmen.

Die Wissenschaftler analysierten die Hirnaktivierungen beider Gruppen während der Betrachtung des Kleides und konnten zeigen, dass ein und dasselbe Foto, je nach Wahrnehmung, zu unterschiedlichen Hirnaktivierungen führte. Alle Probanden, die das Kleid weiß-gold wahrnahmen, zeigten zusätzliche Aktivierungen vor allem in frontal und parietal gelegenen Hirnarealen. Diese Areale sind für Aufmerksamkeit und Entscheidungsfindung bzw. die Verarbeitung visueller Informationen notwendig.

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Die Bochumer Studie eröffnete neue Forschungsoptionen zur Untersuchung visueller Illusionen. Zum ersten Mal gab es eine optische Täuschung, bei der es exakt zwei Wahrnehmungen gibt, die nicht willentlich manipuliert werden können. Vor diesem Hintergrund konnte die Bergmannsheiler Forschergruppe Hirnareale identifizieren, die optische Täuschungen herbeiführen. „Dieses Ergebnis erweitert unser Wissen über illusionäre Verarbeitungsprozesse im Gehirn", so die Forscher.

Die Auflösung und die Rolle des Lichts

Die Auflösung des Rätsels ist jedoch einfacher als man denkt: Das Kleid ist blau. Ob der zweite Farbton golden oder schwarz ist, scheint dagegen schwerer bestimmbar zu sein. Aber warum nehmen Menschen gerade dieses Bild so unterschiedlich wahr? Eine ganz entscheidende Rolle scheinen der Hintergrund und der Einfluss des Tageslichts zu spielen.

Zur Erklärung der komplexen optischen Täuschung muss man einen Blick in die Anatomie des menschlichen Auges werfen: Licht fällt durch die Linse ins Auge, dabei entsprechen verschiedene Wellenlängen verschiedenen Farben. Das einfallende Licht wird in der Netzhaut in Nervenimpulse umgewandelt, die zur Sehrinde gesendet werden, also in den Teil des Gehirns, der Farbimpulse in Bilder verarbeitet.

Der erste Lichtblitz, der auf das Auge trifft, besteht immer aus den Wellenlängen, die die Welt um den Menschen herum erhellen und ausleuchten. Sie werden von den Gegenständen reflektiert, auf die man gerade blickt. Ohne dass wir uns aktiv darum kümmern müssten, findet das Gehirn dann heraus, welche Lichtfarbe von dem betrachteten Gegenstand zurückgeworfen wird. Diese Farbe subtrahiert es dann gleichsam von der eigentlichen Farbe des Gegenstandes.

„Unser visuelles System soll eigentlich die Informationen über die Lichtquelle wegwerfen und die Informationen über den eigentlichen Gegenstand herausfiltern“, erklärt Jay Neitz, Neurowissenschaftler an der University of Washington. „Irgendetwas im Foto stört die Fähigkeit des Auges, Farben trotz Tageslicht-Einfluss richtig zu erkennen."

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Substantielle Unsicherheit und die Erfahrung des Gehirns

Wallischs Vermutung war, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Kleider sehen, weil ihnen das Gehirn vorgibt, etwas zu sehen, was gar nicht da ist, das ihr Gehirn aber erwartet, zu sehen. Das wird als „substanzielle Unsicherheit“ bezeichnet. Das Gehirn nutzt seine Erfahrung, um Illusionen darüber zu erzeugen, was vorhanden sein sollte, aber nicht vorhanden ist. Wallisch glaubte, dass es beim Foto des Kleides genau so sein muss: Das Bild muss überbelichtet sein, was die Wahrheit zweideutig macht. Das Foto ist an einem trüben Tag mit einem billigen Handy aufgenommen worden. Ein Teil des Bildes ist hell und der andere dunkel.

Wallisch erklärt, dass sich die Farbe, die in jedem Gehirn erscheint, darin begründet liegt, wie jedes Gehirn die Lichtbedingungen empfindet. Für die einen erscheint Schwarz und Blau eindeutig, für andere Weiß und Gold.

Weitere Faktoren, die die Farbwahrnehmung beeinflussen

Neben der Beleuchtung und dem Chronotypen gibt es noch weitere Faktoren, die die Farbwahrnehmung beeinflussen können:

  • Geschlecht: Männer sehen Farben tendenziell bläulicher als Frauen.
  • Sprache: Die Sprache kann die Farbwahrnehmung beeinflussen, insbesondere im Zusammenhang mit der linken Gehirnhälfte, die für die Sprachverarbeitung zuständig ist.
  • Optische Täuschungen: Unser Gehirn ist anfällig für optische Täuschungen, die durch verschiedene Faktoren wie Helligkeit, Kontrast und Perspektive entstehen können.

Fazit

Das Phänomen des Kleides hat uns auf faszinierende Weise gezeigt, wie subjektiv unsere Farbwahrnehmung sein kann. Obwohl es sich bei dem Kleid tatsächlich um ein blaues Kleid handelt, interpretieren wir die Farben aufgrund unterschiedlicher Faktoren wie Beleuchtung, Erfahrung und individueller Unterschiede in unserem Gehirn unterschiedlich. Das Kleid ist ein Paradebeispiel dafür, wie unser Gehirn ständig versucht, die Welt um uns herum zu interpretieren und zu verstehen, und dabei manchmal zu überraschenden Ergebnissen kommt.

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