Die Frage, ob Frauen eine Gehirnhälfte stärker nutzen als Männer, ist ein viel diskutiertes Thema. Populäre Vorstellungen suggerieren oft, dass Frauen stärker ihre beiden Gehirnhälften integrieren, während Männer eher auf eine Hemisphäre fokussiert sind. Doch was sagt die Wissenschaft wirklich über die Unterschiede zwischen Männer- und Frauengehirnen?
Anatomische Unterschiede: Größe, Faltung und Vernetzung
Obwohl jedes Gehirn einzigartig ist, haben Forscher einige bemerkenswerte Unterschiede zwischen Männer- und Frauengehirnen festgestellt. So ist das durchschnittliche Männergehirn etwas größer und schwerer und besitzt mehr Neuronen im Großhirn. Im Gegensatz dazu weisen Frauengehirne tendenziell eine stärkere Furchung auf.
Eine Studie aus dem Jahr 2013 zeigte außerdem, dass die beiden Hirnhälften bei Frauen stärker miteinander vernetzt sind als bei Männern. Bei Männern hingegen gibt es mehr Vernetzungen innerhalb einer Gehirnhälfte. Dies führte kurzzeitig zu der Annahme, dass Frauen deshalb besser im Multitasking sind und Männer zielstrebiger. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Vernetzungen eher mit der Gehirngröße als mit dem Geschlecht zusammenhängen.
Verdrahtung des Gehirns: Verbindungen zwischen und innerhalb der Hemisphären
Eine Studie der University of Pennsylvania untersuchte die Verbindungen innerhalb des Gehirns mithilfe der Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI). Dabei werden die Bewegungen von Wassermolekülen gemessen, um Rückschlüsse auf den Verlauf der Nervenfasern zu ziehen. Die Ergebnisse zeigten, dass Männer mehr Nervenverbindungen innerhalb der Hemisphären aufweisen, während Frauen mehr Verbindungen zwischen den Hemisphären haben.
Konkret bedeutet dies, dass männliche Gehirne für die Kommunikation innerhalb einer Hirnhälfte optimiert sind, mit vielen lokalen Verbindungen kurzer Reichweite. Bei Frauen hingegen gibt es mehr längere Nervenverbindungen, die die beiden Gehirnhälften verbinden. Eine Ausnahme bildet das Kleinhirn, wo das Muster umgekehrt ist.
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Diese unterschiedliche Verdrahtung könnte erklären, warum Frauen bei der Bewertung von Gemälden beide Hirnhälften nutzen, während Männer nur eine aktivieren. Es könnte auch die in früheren Studien beobachteten Verhaltensunterschiede erklären, wie z. B. die bessere Fähigkeit von Frauen, sich Wörter und Gesichter zu merken, aufmerksamer zu sein und ein besseres soziales Erkenntnisvermögen zu haben. Männer hingegen schneiden besser bei der Verarbeitung räumlicher Informationen und der Bewegungskoordination ab.
Funktionelle Organisation: Kleine Unterschiede in Netzwerken und Verbindungen
Ausgehend von der Annahme, dass die Gehirnstruktur die Funktion unterstützt, untersuchten Bianca Serio und Sofie Valk vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und dem Forschungszentrum Jülich, ob Geschlechtsunterschiede in der funktionellen Organisation des Gehirns auf Unterschiede in der Gehirngröße, der Mikrostruktur und dem Abstand der funktionellen Verbindungen entlang der kortikalen Oberfläche zurückzuführen sind.
Ihre Ergebnisse legen nahe, dass die Geschlechtsunterschiede in der funktionellen Organisation des Gehirns eher kleine Unterschiede in den Netzwerken und den Verbindungen dazwischen widerspiegeln. Sie fanden heraus, dass Unterschiede in der Gehirngröße, -mikrostruktur und Abstand der funktionellen Verbindungen entlang der kortikalen Oberfläche die funktionellen Unterschiede zwischen den biologischen Geschlechtern nicht erklären können. Stattdessen stellten sie kleine Geschlechtsunterschiede in den Verbindungen innerhalb und zwischen funktionellen Netzwerken fest, was die kleinen Unterschiede in der funktionale Netzwerktopographie zwischen den Geschlechtern allgemein erklären könnte.
Angeboren oder anerzogen? Der Einfluss von Umwelt und Kultur
Die Frage, ob diese Unterschiede angeboren oder anerzogen sind, ist schwer zu beantworten. Es ist wahrscheinlich, dass sowohl biologische Veranlagungen als auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Unsere Gehirne werden stark davon beeinflusst, wie wir sie im Beruf und im sozialen Umgang mit anderen einsetzen.
Eine besonders verblüffende Studie zeigte, dass es in Ländern mit größerer gesellschaftlicher Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auch größere Unterschiede in den Gehirnen von Frauen und Männern gibt. Bei Frauen, die gesellschaftlich benachteiligt werden, sind Teile des Kortex dünner als bei Männern. In Ländern mit mehr Gleichberechtigung lässt sich dieser Unterschied nicht beobachten. Dies könnte daran liegen, dass Frauen in stark patriarchalen Ländern einen schlechteren Zugang zum Bildungssystem haben und dadurch nicht so viele Synapsen bilden.
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Die Rolle von Stereotypen
Stereotype können ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Ein Experiment an der Universität Wien verglich die Matheleistung von Kindern in IQ-Tests. Eine Gruppe erhielt keine besonderen Instruktionen, bevor sie den Test durchführte. Der anderen Gruppe wurde hingegen mitgeteilt, dass Jungen und Mädchen gleich begabt in Mathematik sind. In der Gruppe ohne Instruktionen zeigten sich die üblichen Unterschiede, während die Unterschiede in der Gruppe, der mitgeteilt wurde, dass es keine systematischen Geschlechtsunterschiede gäbe, verschwanden.
Dies unterstreicht, dass der gesamte soziale Kontext betrachtet werden muss, wenn wir über Unterschiede in der Leistung zwischen Männern und Frauen reden. Tief verankerte Stereotype in unseren Köpfen können eine erschreckend große Rolle spielen.
Hormone und Gehirnstruktur
Sexualhormone spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Modulation und Plastizität der Mikrostruktur des Gehirns. Sexualhormonrezeptoren sind sowohl in Neuronen als auch in Gliazellen weit verbreitet, was es ihnen ermöglicht, über verschiedene molekulare Mechanismen mit den wichtigsten Zellgruppen des Gehirns zu interagieren. Diese Mechanismen führten zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Gehirnstruktur sowie zu hormonbedingter Plastizität im Gehirn - sowohl durch körpereigene und künstliche Sexhormone.
Eine Studie untersuchte die regionalen Unterschiede in der Mikrostruktur der Gehirnrinde und des Hippocampus mithilfe von Magnetresonanztomographie bei über 1000 gesunden Frauen und Männern. Es zeigte sich, dass es geschlechtsspezifische regionale Unterschiede in der Mikrostruktur der Gehirnrinde und des Hippocampus gibt. Allerdings verändern sich diese geschlechtsspezifischen Unterschiede, je nachdem, welches Hormonprofil man bei den Frauen betrachtet - teilweise verschwinden sie sogar ganz oder drehen sich um. Außerdem finden sich diese Effekte vor allem in Hirnregionen, in denen Gene von Östrogenrezeptoren und der Synthese von Sexualsteroiden besonders stark ausgeprägt werden.
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