Welche Gehirnhälfte steuert welche Aufgaben? Eine umfassende Betrachtung

Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes Organ, das in zwei Hälften unterteilt ist: die linke und die rechte Gehirnhälfte. Obwohl beide Hälften miteinander verbunden sind und zusammenarbeiten, haben sie unterschiedliche Spezialisierungen und Funktionen. Dieser Artikel beleuchtet die Aufgabenverteilung zwischen den beiden Gehirnhälften und räumt mit einigen Mythen auf.

Einführung

Unser Gehirn steuert alles: Denken, Handeln und Fühlen. Schon im Bruchteil einer Sekunde erledigt es eine Vielzahl an verschiedenen Aufgaben. Damit es in unserem Oberstübchen rund läuft, ist Teamwork angesagt. Das Gehirn besitzt zwei Großhirnhälften, die linke und die rechte Hirnhälfte. Diese nennt man auch Hemisphären. Die Zusammenarbeit der beiden Hemisphären läuft über den sogenannten Balken. Dieser verbindet die beiden Hirnhälften mittig. Trotz der Zusammenarbeit der beiden Hirnhälften ist bei manchen Anforderungen die eine Hirnhälfte stärker gefragt als die andere. In der Wissenschaft spricht man von Lateralisierung.

Die Aufgaben der linken Gehirnhälfte

Die linke Gehirnhälfte ist traditionell mit logischem und analytischem Denken verbunden. Sie ist verantwortlich für:

  • Sprache: Die linke Hemisphäre steuert die Sprachproduktion, das Sprachverständnis, Lesen und Schreiben. Wichtige Zentren hierfür sind das Wernicke- und das Broca-Areal, die eher in der linken Gehirnhälfte lokalisiert sind.
  • Logik und Analyse: Die linke Gehirnhälfte ist zuständig für schrittweises Verarbeiten von Informationen, abstraktes Denken und konzentriertes Wahrnehmen. Sie denkt in Sprache, in Begriffen, sie denkt logisch, analytisch.
  • Mathematik und Rechnen: Die linke Hemisphäre ist für mathematische Operationen und das Rechnen zuständig.
  • Detailorientierung: Die linke Gehirnhälfte nimmt Details wahr und konzentriert sich auf Einzelheiten. Sie ist also für alles zuständig, was im allgemeinen Verständnis als Denken bezeichnet wird.
  • Zeitgefühl und Linearität: Die linke Hemisphäre ist für das Zeitempfinden und die lineare Verarbeitung von Informationen zuständig.
  • Regeln und Gesetze: Die linke Gehirnhälfte arbeitet nach Regeln und Gesetzen.

Die Aufgaben der rechten Gehirnhälfte

Die rechte Gehirnhälfte ist eher für emotionale, intuitive und kreative Prozesse zuständig. Sie ist verantwortlich für:

  • Intuition und Kreativität: Die rechte Gehirnhälfte steuert mehr die Intuition, Kreativität, Symbole und Gefühle.
  • Emotionen: Eine Hyperaktivität der rechten Gehirnhälfte kann dazu führen, dass negative Gefühle stärker verarbeitet werden, pessimistische Gedanken auftauchen und unkonstruktive Denkmuster entstehen. Die rechte Hirnhälfte spielt auch eine wichtige Rolle bei der Anpassung unseres Erregungszustands.
  • Räumliches Denken: Die rechte Gehirnhälfte ist für räumliches Denken und die Verarbeitung von Bildern zuständig.
  • Ganzheitliche Verarbeitung: Die rechte Gehirnhälfte besitzt den Überblick und verarbeitet Informationen ganzheitlich.
  • Körpersprache und nonverbale Kommunikation: Die rechte Gehirnhälfte kontrolliert die Körpersprache, Mimik und Gestik.
  • Musische und künstlerische Fähigkeiten: Die rechte Gehirnhälfte steuert Bewegungen und physische Aktivität sowie künstlerische Leistungen und Erlebnisse wie Musik, Zeichnen und Malen.
  • Erkennen von Mustern und Gesichtern: Die rechte Seite des Gehirns ist eher für emotionale, intuitive und kreative Prozesse zuständig. Darunter fallen Prozesse wie: Erkennen von Mustern und Gesichtern.
  • Bild-, Farb-, Symbolsprache: Die rechte Seite des Gehirns ist eher für emotionale, intuitive und kreative Prozesse zuständig. Darunter fallen Prozesse wie: Bild-, Farb-, Symbolsprache.
  • Wahrnehmen komplexer Informationen: Die rechte Seite des Gehirns ist eher für emotionale, intuitive und kreative Prozesse zuständig. Darunter fallen Prozesse wie: Wahrnehmen komplexer Informationen.

Zusammenspiel der Gehirnhälften

Es ist wichtig zu betonen, dass beide Gehirnhälften eng zusammenarbeiten und sich ergänzen. Viele komplexe Aufgaben gelingen nur dann, wenn sich alle Abteilungen unseres Gehirns vernetzen. Und zusätzlich ergänzen. Erst durch die Zusammenarbeit ist unser Denk- und Handlungsapparat funktionstüchtig. Je harmonischer beide Gehirnhälften miteinander arbeiten, desto stärker erweitert sich unser Bewusstsein. Einerseits denken wir ganzheitlicher und kombinieren Intuitives mit Logischem. Andererseits handeln und denken wir auch umfassender.

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Die Großhirnrinde ist verantwortlich für die Vernetzung der beiden Gehirnhälften. Einige Wissenschaftler vermuten, dass erfolgreiche und kreative Menschen besonders gut zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte kommunizieren können. Um das Gedächtnis zu verbessern, müssen Synapsen verstärkt werden. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, ist die Verbindung zwischen systematischem Denken und Intuition.

Mythen und Fakten

Viele Mythen ranken sich um die Unterschiede zwischen der linken und rechten Gehirnhälfte. Besonders verbreitet ist die Theorie einer "left-brained" versus "right-brained" Persönlichkeit. Das meiste davon ist nicht wissenschaftlich fundiert. Neurowissenschaftler:innen untersuchen funktionelle Asymmetrien der Gehirnhälften, sogenannte Lateralisierungen. Sie messen die Dominanz einer Seite für eine bestimmte Funktion. Beide Gehirnhälften sind immer aktiv, und Gehirntraining von nur einer Hirnhälfte ist ein Mythos.

Der Ballerina-Test

Der Ballerina-Test, bei dem die Drehrichtung einer Tänzerin interpretiert wird, ist zwar populär, aber wissenschaftlich umstritten. Tatsächlich ist die Animation intensiv untersucht in neurowissenschaftlichen Studien. Sie zeigen, dass die rechte Gehirnhälfte stärker involviert ist in die Verarbeitung von menschlichen Bewegungen als die linke. Das könnte erklären, wieso die Drehung von vielen als Rechtsdrehung (d.h., im Uhrzeigersinn) wahrgenommen wird. Diese Interpretation ist allerdings umstritten. Außerdem wurde gezeigt, dass einige Menschen bewusst beeinflussen können, ob sich die Ballerina für sie links- oder rechtsherum dreht. Die wahrgenommene Drehrichtung sagt also nichts darüber aus, ob jemand "mehr links oder rechts denkt". Die rechte Hirnhälfte aktiviert sich bei den meisten Menschen verstärkt, egal in welche Richtung sich die Tänzerin dreht. Schlüsse über die Persönlichkeit lassen sich aus der Wahrnehmung der Tänzerin übrigens leider auch nicht ziehen.

Emotionen und die rechte Gehirnhälfte

Die Behauptung, die rechte Gehirnhälfte sei der Sitz von Neugier, Synergie, Experimentieren, metaphorischem Denken, Verspieltheit, Lösungsfindung, Kunstfertigkeit, Flexibilität, Synthese und allgemeiner Risikobereitschaft, hält einem Blick auf die Forschungsergebnisse nicht stand. Heute wird stattdessen ein Zusammenhang zwischen einer Dominanz der rechten Hirnhälfte und Emotionen wissenschaftlich diskutiert - allerdings nur negativer Emotionen!

Auf der Suche nach der Ursache für Depressionen haben Forscher:innen die Valenzhypothese vorgeschlagen. Die Idee ist, dass eine Hyperaktivität der rechten Gehirnhälfte dazu führe, dass negative Gefühle stärker verarbeitet werden, pessimistische Gedanken auftauchen und unkonstruktive Denkmuster entstehen. Aktivität in der rechten Hirnhälfte sei außerdem verknüpft mit Selbstreflektion, die bei depressiven Patient:innen häufig intensiver ist als bei gesunden Menschen. Die rechte Hirnhälfte spielt auch eine wichtige Rolle bei der Anpassung unseres Erregungszustands. Das könnte erklären, wieso depressive Menschen häufig an Schlafproblemen leiden.

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Neglect: Wenn eine Gehirnhälfte ausfällt

Eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte, meist am Scheitellappen, kann zu einem sogenannten Neglect führen. Bei diesem Krankheitsbild passiert etwas, das für Außenstehende schwierig nachzuvollziehen ist: Die linke Hälfte der Welt wird normal wahrgenommen, aber kaum verarbeitet und deshalb ignoriert. Die rechte Gehirnhälfte ist hauptverantwortlich für einen Großteil der Wahrnehmung von linksseitigen Sinneseindrücken und Bewegung unserer linken Körperhälfte. Daher führt eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte zu Beeinträchtigungen in der Aufmerksamkeit für die linke Hälfte der Umwelt, genannt linksseitiger Neglect. Die linke Gehirnhälfte wiederum steuert (die meisten) Bewegungen und Wahrnehmungen der rechten Körperhälfte. Trotzdem folgt auf eine Schädigung der linken Gehirnhälfte nur selten ein rechtsseitiger Neglect. Forscher:innen schließen daraus, dass die rechte Gehirnhälfte eine Dominanz hat für die Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit und zwar sowohl nach links als auch nach rechts.

Gehirntraining und Aufmerksamkeit

Es klingt verlockend: Spezifisch die rechte Gehirnhälfte trainieren, um die Aufmerksamkeit zu steigern. Trainings, die vorgeben, nur die rechte Gehirnhälfte anzusprechen, sind aber nicht wissenschaftlich fundiert. Obwohl die rechte Gehirnhälfte eine Dominanz für räumliche Aufmerksamkeit hat, arbeiten im gesunden Gehirn die Hälften immer zusammen. Ihre Aufmerksamkeit zu trainieren ist aber trotzdem möglich.

Förderung der Zusammenarbeit der Gehirnhälften

Um die Zusammenarbeit und Synchronisation beider Gehirnhälften zu stärken, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Multisensorische Aktivitäten: Durchführen von Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und somit beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
  • Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
  • Lernen durch Visualisierung und Assoziation: Das Gehirn durch verschiedene Lern- und Denkprozesse fordern und trainieren, um eine bessere Vernetzung der gespeicherten Informationen zu erreichen.

Die Bedeutung der Lateralisierung im Laufe des Lebens

Der Grad der Lateralisierung variiert individuell und verändert sich mit den Jahren. Mit zunehmendem Alter nimmt die Lateralisierung von Aufmerksamkeitsaufgaben ab, sodass sich die für die Aufmerksamkeit zuständigen Gehirnareale zunehmend symmetrischer in beiden Gehirnhälften verteilen.

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