Die Verbindung von Musik, Gehirn und Lernen ist ein faszinierendes Feld, das in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit erfahren hat. Insbesondere das Spielen eines Musikinstruments, wie der Geige, erweist sich als ein komplexer Prozess, der weitreichende Auswirkungen auf die Struktur und Funktion des Gehirns hat. Dieser Artikel beleuchtet, wie das Geigenspiel die Gehirnhemisphären aktiviert, die Sinneswahrnehmung schärft und die kognitiven Fähigkeiten verbessert.
Die Neurowissenschaftliche Perspektive: Wie das Geigenspiel das Gehirn formt
Neurowissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass das Spielen eines Musikinstruments eine einzigartige Aktivität ist, die nahezu alle Gehirnareale beansprucht. Im Vergleich zu anderen kognitiven Tätigkeiten, die oft nur bestimmte Bereiche des Gehirns aktivieren, stimuliert das Musizieren eine umfassendere Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Regionen.
Der Corpus Callosum: Eine Brücke zwischen den Gehirnhälften
Ein wichtiger Aspekt der neuronalen Veränderungen durch das Musizieren betrifft den Corpus Callosum, auch Balken genannt. Diese Struktur fungiert als Brücke zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte und ermöglicht eine schnelle und effiziente Kommunikation zwischen ihnen. Studien haben gezeigt, dass der Corpus Callosum bei Musikern tendenziell größer und stärker ausgeprägt ist als bei Nicht-Musikern. Dies deutet darauf hin, dass das Musizieren die Verbindung zwischen den Gehirnhälften stärkt und somit die kognitive Leistungsfähigkeit verbessert. Eine stark ausgebaute Brücke gewährleistet somit eine schnellere, sichere und klüger aufgebaute Verbindung im Gehirn eines Menschen. Wer also ein Musikinstrument spielen gelernt hat, stimuliert eine positive Entwicklung des Gehirnes.
Gehirnstruktur und Musikalische Expertise
Gehirnscans haben Unterschiede in der Gehirnstruktur zwischen Musikern und Nichtmusikern aufgezeigt. Bei Musikern ist der Corpus Callosum, der die rechte und linke Gehirnregion verbindet, ausgedehnter. Auch die mit Bewegung, Hören und visuellen Fähigkeiten verbundenen Teile waren bei professionellen Keyboardern stärker ausgeprägt. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Musizieren die Plastizität des Gehirns fördert und zu strukturellen Veränderungen in den beteiligten Arealen führt.
Die Rolle der Sinneserfahrung beim Lernen
Die Forschung des Ulmer Kognitionswissenschaftlers Markus Kiefer betont die Bedeutung der Sinneserfahrung für das Lernen und das Verständnis von Begriffen. Seine Studien zeigen, dass Wörter wie "Hammer", "Klavier" oder "Telefon" nicht nur die für Sprache zuständigen Hirnareale aktivieren, sondern auch die motorischen und sensorischen Systeme. Das Gehirn erzeugt die Bedeutung von Begriffen durch die Wiederherstellung der dazugehörenden Sinneswahrnehmung. "Fehlt diese Verknüpfung, dann bleiben die Begriffe blutleer, sie können abgerufen werden, aber werden nicht verstanden."
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Kiefer und sein Team haben in verschiedenen Trainingsstudien nachgewiesen, dass etwa die Bewegung nicht vom Begriff selbst zu trennen ist. Bei einer Magnetresonanztomographie (MRT) beobachten sie beispielsweise, wie das Gehirn eines Probanden auf den Begriff „Hammer“ reagiert. Die bildgebenden Verfahren zeigen, dass nicht nur das für Sprache zuständige Hirnareal aktiv ist, sondern ebenso die motorischen Systeme. Das Hämmern wird also „mitgemacht“ beziehungsweise ist Bestandteil des begrifflichen Wissens, das vom Gehirn im sogenannten semantischen Langzeitgedächtnis abgespeichert wird. Bei einem anderen Experiment zeigte Kiefer mit seinem Team, dass Begriffe im Gehirn „klingen“ - etwa beim Lesen des Wortes Telefon. Bei den Probanden konnten die Forscher beobachten, dass Geräusch-Begriffe wie Telefon Bereiche im Gehirn aktivieren, die auch beim tatsächlichen Hören eines Klingeltons aktiv sind.
Die Plastizität des Gehirns: Lernen als fortlaufender Prozess
Das Gehirn ist ein dynamisches Organ, das sich ständig verändert und anpasst. Diese Fähigkeit zur Veränderung, auch Neuroplastizität genannt, ermöglicht es uns, neue Fähigkeiten zu erlernen und uns an neue Situationen anzupassen. Das Geigenspiel ist ein hervorragendes Beispiel für diese Plastizität, da es die Entwicklung neuer neuronaler Verbindungen fördert und die bestehenden stärkt.
Nicolas Schuck, Psychologe und Neurowissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, erforscht mit seinem Team, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Gerade beim Geigelernen über Wochen und Monate hinweg, wird die Struktur des Gehirns verändert. Bestimmte Verbindungen zwischen den Nervenzellen und Hirnarealen werden aktiver, besonders diejenigen, die für das Geigespielen notwendig sind. Diese Prozesse werden als Neuroplastizität bezeichnet. "Wir verstehen vor allen Dingen darunter die wechselseitige Beziehung von Struktur und Funktion. Also, wie ändert sich das Gehirn, wenn ich es benutze und wie verändert das veränderte Gehirn wiederum mein Handeln?
Die Fähigkeit des Gehirns, sich immer wieder neu zu strukturieren, hilft aber auch, dass wir uns in unbekannten Umgebungen orientieren können und mit neuen Situationen zurechtkommen. Diese Anpassungsleistung hilft uns Menschen bei komplexen Zusammenhängen den Durchblick zu bewahren. Wir können schnell reagieren, abwägen, was neu und wichtig ist und mit bereits gespeicherten Informationen verbinden. Wenn Nervenzellen sich neu bilden, dann sprechen Forscher von einer Neurogenese. Diese Neubildung der Nervenzellen findet hauptsächlich im Hippocampus statt. Dieser Bereich im Gehirn ist für das Gedächtnis und Lernen zuständig. Ein Hirnareal, das aber auch zur räumlichen Orientierung notwendig ist. Bis ins hohe Alter können sich im Hippocampus Nervenzellen erneuern. Das ist für Menschen von Bedeutung, die aufgrund eines Schlaganfalls viele Dinge neu lernen müssen.
Die Rolle der Geige bei der Förderung der Gehirnentwicklung
Das Geigenspiel ist besonders effektiv bei der Förderung der Gehirnentwicklung, da es eine Vielzahl von Fähigkeiten gleichzeitig beansprucht.
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Koordination und Feinmotorik
Das Geigenspiel erfordert eine hohe Koordination zwischen Augen, Ohren und Händen. Die Feinmotorik, die für das Greifen der Saiten und das Führen des Bogens erforderlich ist, wird durch regelmäßiges Üben verbessert.
Konzentration und Gedächtnis
Das Erlernen des Notenlesens und das Memorieren von Musikstücken fördert die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis. Musiker entwickeln die Fähigkeit, Informationen effektiver zu behalten und abzurufen.
Emotionale Ausdruckskraft
Musik ist ein kraftvolles Medium für den emotionalen Ausdruck. Durch das Spielen der Geige lernen Kinder, ihre Emotionen durch Musik zu kanalisieren und finden so einen konstruktiven Weg, Gefühle auszudrücken, die sie möglicherweise schwer in Worte fassen können.
Selbstwertgefühl und Soziale Kompetenz
Während Kinder ihre Fähigkeiten verbessern und in der Lage sind, komplexere Stücke zu spielen, wächst ihr Selbstwertgefühl. Jeder kleine Erfolg, wie das Meistern eines Liedes oder das Auftreten bei einem Konzert, stärkt ihr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Das Erlernen eines Instruments beinhaltet oft die Interaktion mit Lehrern, die Teilnahme an Musikgruppen oder das Auftreten in der Öffentlichkeit.
Geigenspiel und Hörschädigung: Ein innovativer Ansatz
Die Arbeit von Elena Kondraschowa zeigt, dass das Geigenspiel auch für Menschen mit Hörschädigung von großem Nutzen sein kann. Durch die Vibrationen der Geige, die über den Schädelknochen in die Sinneszellen im Innenohr übertragen werden, können CI-Träger Musik "hören" und Tonhöhen und Klangfarben wahrnehmen.
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Vibrationen als Zugang zur Musik
Beim Geigenunterricht wird nicht nur mit dem über Luft- und Mittelohrknochen übertragendem Schall gearbeitet, sondern vor allem mit dem Schädelknochen, der den Schall in die Sinneszellen im Innenohr überträgt. Zudem ist die Violine eines der wenigen Musikinstrumente, die den Schädelknochen direkt in Schwingungen versetzen kann. Beim Spielen wird das Instrument mit dem Kinn gehalten, was die Wahrnehmung der Vibration und der Musik über den Geigenkorpus ermöglicht. Zusätzlich fördern die asymmetrischen Bewegungen beim Geigenspiel die Koordination und das gleichzeitige Arbeiten beider Gehirnhälften durch die linkshändige Feinmotorik (Geige) und die rechtshändige Grobmotorik (Bogen, bei Rechtshändern). Die Schwingungen der Geige können also nicht nur akustisch gehört, sondern auch vibrotaktil, also körperlich, gefühlt werden.
Verbesserte Hörwahrnehmung und Sprachverständnis
Kondraschowa hat beobachtet, dass ihre Schwester, die aufgrund von Medikamenten schwerhörig geworden war, beim Geigenspiel ein verbessertes Hörvermögen hatte. Sie ist davon überzeugt, dass ihr das Lernen der Sprache durch das Spielen des Instruments wesentlich leichter fiel. Die therapeutische Einsatz der Geige steigert sich die Effektivität des CIs um ein Vielfaches. Den Kindern werden so völlig neue Hörwelten erschlossen. Sie verstehen Sprache besser und nutzen audiovisuelle Medien, um Musik hören und sogar telefonieren zu können. Das Musizieren hilft den Kindern außerdem, verschiedene Wahrnehmungsbereiche miteinander zu verknüpfen: visuelle, haptische und akustische. Ein Laut wird dabei nicht nur über das CI empfunden, sondern aus verschiedenen Quellen. Dadurch lernen die Kinder, gleiche Informationen wie musikalische Laute richtig einzuordnen und zusammenzufassen.
Praktische Implikationen: Musikunterricht für alle Altersgruppen
Die Erkenntnisse aus der Hirnforschung und der Musikpädagogik legen nahe, dass Musikunterricht für Menschen jeden Alters von großem Nutzen sein kann.
Musik als Krafttraining für das Gehirn
Ein Musikinstrument spielen ist wie ein Krafttraining für das Gehirn. Die gewonnene geistige Kraft begleitet dich im gesamten Leben und macht dich produktiver und erfolgreicher. Und dabei macht diese Art Training auch noch Spaß, auch wenn man teilweise doch ins Schwitzen kommt.
Vorteile im Alltag und Beruf
Sowohl im Alltag als auch im beruflichen Leben haben Musiker einen großen Vorteil gegenüber denjenigen, die einen Bogen um Musikinstrumente machen. Denn dieser Balken wird beim Musizieren zwar stark gefördert, findet jedoch in allerlei geistiger Tätigkeit Anwendung. Diese spezifische Gehirnentwicklung verleiht uns zudem ein besseres Gedächtnis und hilft uns das ganze Leben lang. Ob Fremdsprachen schneller und effektiver lernen, strategischer planen oder Probleme im akademischen und sozialen Umfeld effizienter lösen.
Förderung der Aufmerksamkeit und Konzentration
Beim Spielen eines Musikinstruments wird die Fähigkeit entwickelt, sich auf eine Sache zu konzentrieren und länger fokussiert zu bleiben. Das ist eine große Hilfe für alle erwachsenen und berufstätigen Menschen. Aber auch für die Kinder von heute ist ein von ganz besonderer Bedeutung. Immer mehr von ihrer freien Zeit verbringen sie vor dem Display eines iPads und entwickelt ein Defizit von Aufmerksamkeit. Ein Musikinstrument spielen wirkt hier als Wundermittel und schärft die Aufmerksamkeit.
Es ist erwiesen, dass unser Gehirn so aufgebaut ist, dass es den Fokus, wenn einmal angelernt, für alle Tätigkeiten anwendet. Wenn du also deinen Fokus mit dem Spielen eines Instrumentes steigerst, dann wirst du dich im Leben auf alles immer besser fokussieren können. Ein hoher Fokus steigert wiederum die Produktivität. Wichtige Aufgaben werden schneller und genauer erledigt und zum Schluss hat man sogar freie Zeit gewonnen. Und wenn man mag, kann man diese Zeit wieder in das Spielen investieren und noch besser werden!