Die Behandlung von Nervenschmerzen (neuropathischen Schmerzen) bei Patienten mit Niereninsuffizienz stellt eine besondere Herausforderung dar. Einerseits ist eine effektive Schmerzlinderung wichtig, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Andererseits muss die Therapie so gewählt werden, dass die Nierenfunktion nicht zusätzlich beeinträchtigt wird. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der medikamentösen Behandlung von Nervenschmerzen bei Niereninsuffizienz und gibt Hinweise zu sicheren und wirksamen Therapieoptionen.
Der Fall Ivan Klasnic: Warnung vor NSAR bei Nierenschwäche
Der Fall des Fußballspielers Ivan Klasnic, dem in Kenntnis seiner Nierenschwäche Schmerzmittel (nichtsteroidale Antiphlogistika, NSAR) verordnet wurden, die zum vollständigen Verlust seiner Nierenfunktion führten, verdeutlicht die Risiken bestimmter Schmerzmittel bei Niereninsuffizienz. NSAR sind zwar effektive Schmerzmittel, können aber die Nierenfunktion beeinträchtigen und sollten daher bei Risikopatienten vermieden werden.
Was sind nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAR)?
NSAR sind Medikamente, die zur Behandlung von Schmerzen, Entzündungen und degenerativen Erkrankungen eingesetzt werden. Sie wirken entzündungshemmend und schmerzlindernd, enthalten aber kein Cortison. Häufig verwendete Substanzen sind Ibuprofen, Diclofenac (Voltaren), Celebrex und Arcoxia.
Auswirkungen von NSAR auf die Niere
In der Niere sind Prostaglandine für die Aufrechterhaltung des Blutflusses verantwortlich. NSAR hemmen die Prostaglandine und können so die Nierenfunktion einschränken. Darüber hinaus können NSAR das Nierengewebe direkt schädigen. Störungen der Nierenfunktion durch NSAR sind bei gesunden Personen selten und meist rückbildungsfähig, können aber bei Risikopatienten schwerwiegende Folgen haben.
Risikogruppen für Nierenschäden durch NSAR
Besonders gefährdet sind Patienten mit:
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- Austrocknung/Hypovolämie (z.B. durch Durchfall, Erbrechen, geringe Flüssigkeitszufuhr)
- Herzschwäche
- Chronischer Nierenerkrankung
- Höherem Alter (>80 Jahre)
- Gleichzeitiger Einnahme anderer Medikamente (z.B. ACE-Hemmer/AT-I-Antagonisten, Diuretika)
Bei einer vorbestehenden Nierenschwäche ist das Risiko einer schnellen Nierenfunktionsverschlechterung erhöht.
Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen NSAR?
Früher wurde angenommen, dass neuere NSAR die Nieren weniger schädigen. Inzwischen geht man jedoch davon aus, dass es keine signifikanten Unterschiede gibt und die zunächst nachgewiesenen Unterschiede auf unterschiedliche Dosierungen zurückzuführen sind.
NSAR als Salbe
Wenn NSAR-haltige Salben auf größere Hautareale aufgetragen werden, kann eine relevante Menge des Wirkstoffs in den Körper aufgenommen werden und gelegentlich zu Nierenfunktionseinschränkungen führen. Bei kleineren Arealen ist dies weniger wahrscheinlich.
Alternativen zu NSAR bei Niereninsuffizienz
Sollten unter der Therapie mit NSAR Probleme mit der Niere auftreten, gibt es verschiedene Alternativen:
- Paracetamol: Paracetamol wirkt schmerzlindernd, aber nicht entzündungshemmend. Es ist bei Niereninsuffizienz in niedriger Dosierung und zeitlich begrenzt geeignet.
- Opioide (z.B. Tramadol): Opioide sind starke Schmerzmittel, die jedoch nur schmerzlindernd und nicht entzündungshemmend wirken. Sie können Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und Abhängigkeit verursachen und sollten daher nur unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden.
- Novalgin: Novalgin ist ein weiteres Schmerzmittel, das bei Niereninsuffizienz eingesetzt werden kann.
- Antidepressiva: Antidepressiva beeinflussen die Schmerzwahrnehmung und können bei chronischen Schmerzen hilfreich sein. Am häufigsten werden trizyklische Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Imipramin, Clomipramin) sowie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) eingesetzt.
- Antiepileptika: Diese krampflösenden Medikamente werden vor allem bei Nervenschmerzen (neuropathischen Schmerzen) verordnet und können die Schmerzentstehung beeinflussen.
Pregabalin: Ein Antiepileptikum zur Behandlung von Nervenschmerzen
Pregabalin ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Antiepileptika, der zur Therapie von Epilepsie, Neuralgien und generalisierten Angststörungen eingesetzt wird. Es senkt im zentralen Nervensystem die neuronale Erregbarkeit und wirkt dadurch analgetisch, antiepileptisch, anxiolytisch und sedierend.
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Anwendung von Pregabalin
Pregabalin wird bei Erwachsenen bei Epilepsie ohne sekundäre Generalisierung, peripheren und zentralen neuropathischen Schmerzen sowie generalisierten Angststörungen eingesetzt. Es ist in Form von Kapseln oder als Lösung verfügbar.
Wirkmechanismus von Pregabalin
Pregabalin ist ein Gamma-Aminobuttersäure-Analogon, das die Erregbarkeit der Neuronen im zentralen Nervensystem senkt. Es bindet an eine Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle und hemmt so die Freisetzung von Neurotransmittern wie Glutamat, Noradrenalin und des Neuropeptids Substanz P.
Pharmakokinetik von Pregabalin
Pregabalin wird auf leeren Magen schnell resorbiert, wobei die maximale Plasmakonzentration binnen einer Stunde erreicht wird. Nach 24 bis 48 Stunden wird bei wiederholter Einnahme der Steady-State erreicht. Der Wirkstoff wird im Körper kaum metabolisiert und unverändert renal ausgeschieden, weshalb die Dosis bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion angepasst werden muss.
Dosierung von Pregabalin
Pregabalin wird normalerweise zwei- bis dreimal täglich eingenommen, unabhängig von den Mahlzeiten. Die empfohlene Dosis liegt zwischen 150 und 600 mg, abhängig von der Indikation. Bei neuropathischen Schmerzen beginnt die Therapie mit 150 mg täglich, verteilt auf zwei oder drei Einzeldosen. Je nach individuellem Ansprechen und Verträglichkeit kann die Dosis nach einigen Tagen verdoppelt und nach zwei Wochen auf 600 mg täglich erhöht werden.
Nebenwirkungen von Pregabalin
Zu den häufigsten Nebenwirkungen unter Pregabalin-Therapie zählen Benommenheit, Schläfrigkeit und Kopfschmerzen. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Nasopharyngitis, gesteigerter Appetit, Euphorie, Verwirrung, Reizbarkeit, Desorientierung, Schlaflosigkeit, Libidoverlust, Ataxie, Koordinationsstörungen, Tremor, Dysarthrie, Amnesie, Gedächtnisstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Parästhesie, Hypästhesie, Sedierung, Gleichgewichtsstörungen, Lethargie, verschwommenes Sehen, Diplopie, Vertigo, Erbrechen, Übelkeit, Verstopfung, Diarrhoe, Flatulenz, aufgeblähter Bauch, Mundtrockenheit, Muskelkrämpfe, Arthralgie, Rückenschmerzen, Schmerzen in den Extremitäten, zervikale Spasmen, erektile Dysfunktion, periphere Ödeme, Gangstörungen, Stürze, Trunkenheitsgefühl, Krankheitsgefühl, Abgeschlagenheit und Gewichtszunahme.
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Wechselwirkungen von Pregabalin
Aufgrund der geringen Metabolisierung und der renalen Ausscheidung hat Pregabalin ein vergleichsweise geringes Wechselwirkungspotenzial. Dennoch zeigt es Wechselwirkungen mit Lorazepam, anderen zentral dämpfenden Wirkstoffen und Opioiden. Unter Einnahme von Pregabalin sollte auf den Konsum von Alkohol verzichtet werden.
Kontraindikationen von Pregabalin
Bei einer Überempfindlichkeit gegenüber Pregabalin dürfen Arzneimittel mit dem Wirkstoff nicht eingenommen werden. Während der Schwangerschaft darf der Wirkstoff nicht eingenommen werden, es sei denn, der Nutzen für die Mutter überwiegt das Risiko für den Feten. Da Pregabalin in die Muttermilch übergeht, muss sorgfältig entschieden werden, ob das Stillen oder die Therapie mit dem Arzneimittel unterbrochen werden. Pregabalin kann zu Schläfrigkeit und Benommenheit führen, weshalb während der Therapie auf die Teilnahme am Straßenverkehr und das Bedienen von Maschinen verzichtet werden sollte.
Alternativen zu Pregabalin
Einige alternative Behandlungsoptionen, die je nach der spezifischen Erkrankung und den individuellen Umständen des Patienten in Betracht gezogen werden können, umfassen Gabapentin, Duloxetin, Amitriptylin und Carbamazepin.
Weitere Medikamente bei chronischer Niereninsuffizienz
Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz erhalten häufig aufgrund der bestehenden Erkrankungen viele Medikamente verschrieben. Diese Medikamente dienen meist nicht primär dem Schutz der Nieren, sondern behandeln Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin, Diabetes oder Autoimmunerkrankungen. Einige dieser Medikamente können den Nieren schaden, daher muss im Einzelfall das Nutzen-Risiko-Verhältnis abgewogen werden. Einige Medikamente müssen bei nierenkranken Patienten grundsätzlich vermieden werden, während andere nur mit Vorsicht oder in angepasster Dosierung angewandt werden dürfen.
Blutdrucksenkende Medikamente
Ein bestehender Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) muss behandelt werden, insbesondere bei chronisch niereninsuffizienten Patienten. Blutdrucksenker heilen den hohen Blutdruck nicht, sondern senken ihn nur. Deshalb müssen sie auch bei eingestelltem Blutdruck dauerhaft eingenommen werden, da sonst der Blutdruck wieder ansteigt.
Cholesterinsenkende Medikamente
Hohe Cholesterinwerte (besonders das sog. LDL-Cholesterin) gelten als Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen. Da die chronische Niereninsuffizienz ebenfalls ein Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen darstellt, sollten erhöhte LDL-Cholesterin-Werte behandelt werden.
Medikamente, die Nierenkranke nicht einnehmen dürfen
Röntgenkontrastmittel, die vor allem in der Computertomographie (CT) und der Angiographie (Gefäßdarstellung) eingesetzt werden, können, insbesondere bei vorgeschädigten Nieren, ein akutes Nierenversagen verursachen oder die Nierenfunktion dauerhaft vermindern. Diese Untersuchungen sind jedoch manchmal notwendig, und das Risiko kann minimiert werden, indem das entsprechende Fachpersonal vor der Untersuchung auf die eingeschränkte Nierenfunktion hingewiesen wird.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Nervenschmerzen und der Unterstützung der Nierenfunktion:
- Ernährung: Eine ausgewogene, gesunde Ernährung mit reduzierter Salz-, Eiweiß-, Kalium- und Phosphatzufuhr kann die Nieren entlasten und das Fortschreiten der Niereninsuffizienz verlangsamen.
- Flüssigkeitszufuhr: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (1,5 bis 2 Liter pro Tag) ist wichtig, um die Nierenfunktion zu unterstützen. Bei einem fortgeschrittenen Nierenschaden sollte die Trinkmenge jedoch mit dem Arzt abgesprochen werden.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung und Sport sind bei Niereninsuffizienz besonders wichtig und können die Nieren schützen. Sie haben einen positiven Einfluss auf das Gewicht, die Fitness, das Wohlbefinden, den Blutdruck und den Fettstoffwechsel und beugen Herz-Kreislauferkrankungen vor.
- Vermeidung nierenschädlicher Substanzen: Der Konsum von Alkohol und Nikotin sollte vermieden werden, da diese Substanzen die Nieren zusätzlich belasten können.
- Stressmanagement: Chronischer Stress kann sich negativ auf die Nierenfunktion auswirken. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.
Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die Behandlung von Nervenschmerzen bei Niereninsuffizienz erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachdisziplinen, insbesondere Nephrologen, Neurologen und Schmerztherapeuten. Nur so kann eine individuelle Therapie entwickelt werden, die sowohl die Schmerzen effektiv lindert als auch die Nierenfunktion schützt.
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