Der Vagusnerv: Schlüssel zur Blutdruckregulation und zum allgemeinen Wohlbefinden

Einführung

Der Vagusnerv, auch bekannt als Nervus vagus oder der zehnte Hirnnerv, spielt eine zentrale Rolle bei der Regulation zahlreicher Körperfunktionen, darunter die Herzfrequenz, der Blutdruck, die Verdauung und die Immunantwort. Als längster Hirnnerv verbindet er das Gehirn mit fast allen wichtigen Organen des Körpers und ist ein wesentlicher Bestandteil des parasympathischen Nervensystems. In diesem Artikel werden wir die Funktionsweise des Vagusnervs, seine Auswirkungen auf den Blutdruck und seine Bedeutung für die allgemeine Gesundheit näher beleuchten.

Was ist der Vagusnerv?

Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv und entspringt im Hirnstamm. Von dort zieht er durch den Hals- und Brustbereich bis in den Bauchraum und erreicht zahlreiche innere Organe. Sein Name, der so viel wie „umherschweifend“ bedeutet, leitet sich von seinem weiträumigen Verlauf im Körper ab. Er ist ein gemischter Nerv, der sowohl motorische, sensible als auch parasympathische Fasern enthält. Ein großer Teil seiner Fasern leitet Informationen aus den inneren Organen zurück an das Gehirn, wodurch er wesentlich dazu beiträgt, dass das zentrale Nervensystem den aktuellen Zustand des Körpers wahrnehmen und regulieren kann.

Aufgaben des Vagusnervs

Zu den vielfältigen Aufgaben des Vagusnervs gehören:

  • Regulation der Herzfrequenz: Der Vagusnerv senkt die Herzfrequenz herab und trägt so zur Entspannung des Körpers bei.
  • Mitwirkung bei Atmung und Schluckvorgang: Er beeinflusst die Atemtiefe und -frequenz sowie die Koordination des Schluckens.
  • Förderung der Verdauung und Darmbewegung: Der Vagusnerv steuert die Bewegungen im Magen-Darm-Trakt und regt die Produktion von Verdauungssäften an.
  • Beteiligung an Stimm- und Würgereflex: Er ist an der Steuerung der Stimmbänder und des Würgereflexes beteiligt.
  • Einfluss auf Entzündungsprozesse: Der Vagusnerv kann Entzündungen im Körper hemmen und somit das Immunsystem unterstützen.
  • Unterstützung von Entspannung und Erholung: Als Hauptnerv des Parasympathikus fördert er Entspannung und Regeneration.

Der Vagusnerv und der Blutdruck

Der Vagusnerv spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulation des Blutdrucks. Er ist Teil des Baroreflexes, einem neurophysiologischen Regelkreis, der kurzfristige Änderungen des arteriellen Blutdrucks durch Anpassungen von Herzfrequenz, Schlagvolumen und Gefäßtonus kompensiert.

Der Baroreflex

Die Sensoren dieses Reflexbogens, die Barorezeptoren, befinden sich in großen arteriellen Gefäßen wie dem Sinus caroticus und dem Aortenbogen. Sie reagieren auf die Dehnung der Gefäßwand, die durch den Blutdruck entsteht. Steigt der arterielle Druck an, werden die Barorezeptoren aktiviert und senden über den Nervus glossopharyngeus (IX. Hirnnerv) und den Nervus vagus (X. Hirnnerv) Signale an das Gehirn. Diese Signale führen zur Aktivierung hemmender Interneurone, welche die sympathischen Zentren im lateralen Medulla-Bereich hemmen und gleichzeitig die parasympathischen Kerne (Nucleus ambiguus und dorsaler motorischer Vaguskern) aktivieren. Dadurch sinkt die Herzfrequenz, das Schlagvolumen und der Gefäßtonus, was zu einer Senkung des Blutdrucks führt.

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Sinkt hingegen der arterielle Blutdruck, wird die Gefäßwand weniger gedehnt. Dadurch sinkt die Aktivität der Barorezeptoren, was zu einer verminderten Inhibition der sympathischen Neurone führt. Daraus resultieren eine gesteigerte Sympathikusaktivität mit positiver chronotroper (Herzfrequenz erhöhender), dromotroper (Erregungsleitung beschleunigender) und inotroper (Kontraktionskraft steigernder) Wirkung auf das Herz sowie eine Konstriktion der Widerstandsgefäße. Auch der venöse Rückstrom wird gesteigert, was das Schlagvolumen erhöht.

Störungen des Baroreflexes

Bei bestimmten Erkrankungen kann der Baroreflex gestört, überaktiviert oder zu schwach ausgeprägt sein.

  • Karotissinussyndrom: Hierbei handelt es sich um eine Überempfindlichkeit der Barorezeptoren im Sinus caroticus. Bereits geringe Reize können einen übermäßigen Parasympathikustonus auslösen, der zu plötzlicher Bradykardie, Hypotonie und in schweren Fällen zu Synkopen führen kann.
  • Orthostatische Hypotonie: Eine unzureichende Aktivierung des Baroreflexes bei Lagewechsel führt zur orthostatischen Hypotonie. Die Barorezeptoren erkennen den Blutdruckabfall zu langsam oder unzureichend, sodass es zu Schwindel, Schwarzwerden vor Augen oder Synkopen kommt.
  • Chronische arterielle Hypertonie: Bei chronischer arterieller Hypertonie passen sich die Barorezeptoren an den erhöhten Druck an. Ihre Aktivität wird auf ein höheres Niveau „umprogrammiert“, was zur Folge hat, dass sie den erhöhten Druck nicht mehr als pathologisch erkennen und entsprechend nicht mehr adäquat gegenregulieren.
  • Vasovagale Synkopen: Bei vasovagalen Synkopen kommt es zu einer übermäßigen Aktivierung des Parasympathikus und einer gleichzeitigen Hemmung des Sympathikus, was zu einem Blutdruckabfall und einer bradykarden Reaktion führt.

Beschwerden im Zusammenhang mit dem Vagusnerv

Ist die Aktivität des Vagusnervs vermindert oder das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus gestört, können verschiedene Beschwerden auftreten. Dazu zählen:

  • Funktionelle Magen-Darm-Beschwerden wie Reizdarm oder Reizmagen
  • Herzstolpern, niedriger Blutdruck oder Schwindel
  • Müdigkeit, Erschöpfung und Schlafprobleme
  • Ängste oder andere psychische Beeinträchtigungen
  • Schluckbeschwerden oder ein Kloßgefühl im Hals

Was kann man für den Vagusnerv tun?

Auch wenn man den Vagusnerv nicht gezielt „trainieren“ kann, lässt sich seine Aktivität durch einen ausgeglichenen Lebensstil positiv unterstützen. Dazu gehören:

  • Ruhige, tiefe Atmung mit bewusster Ausatmung: Tiefe Atemübungen, insbesondere die Bauchatmung, aktivieren den Parasympathikus und senken die Herzfrequenz und den Blutdruck.
  • Regelmäßige Bewegung, angepasst an die individuelle Belastbarkeit: Moderate Bewegung fördert die Durchblutung und unterstützt die Funktion des Nervensystems.
  • Ausreichender Schlaf und möglichst feste Tagesstrukturen: Ein regelmäßiger Schlafrhythmus unterstützt die Regeneration des Körpers und des Nervensystems.
  • Entspannungsverfahren zur Stressreduktion: Techniken wie Meditation, Yoga oder progressive Muskelentspannung helfen, Stress abzubauen und den Parasympathikus zu aktivieren.
  • Kurze Kältereize, etwa kaltes Wasser im Gesicht: Kältereize können den Vagusnerv stimulieren und die Herzfrequenz senken.
  • Achtsamkeit: Wer mit Meditation nichts anfangen kann, profitiert zum Beispiel oft schon von achtsamem Gehen. Das bedeutet: Im Wald bewusst die Geräusche hören, den Wind spüren, den eigenen Atem wahrnehmen.
  • 4x4-Atemübung: Eine weitere einfache und effektive Methode, um Herz und Nerven zu beruhigen, ist zum Beispiel die 4x4-Atemübung. Stellen Sie sich das Ganze als Quadrat vor, an dem sie entlang atmen. Dazu atmest du 4 Sekunden lang ein, hältst 4 Sekunden die Luft an, atmest dann 4 Sekunden lang aus, um wieder 4 Sekunden die Luft anzuhalten. Wiederholen Sie das einige Male.
  • Gespräche: Studiendaten belegen: Ein besseres Bewusstsein für die eigenen Gefühle geht mit einer stabileren Herzaktion einher. Wir wissen inzwischen, dass das Sprechen über Gefühle, über Ängste hilft, diese Gefühle besser zu bewältigen und implizit dann auch die Herzratenvariabilität wieder zu verbessern. Dabei werden zum Beispiel zunächst das eigene Verhalten und dann zunehmend die inneren mentalen Zustände wie Gedanken, Gefühle, Wünsche reflektiert, um Verhaltensmuster besser zu verstehen und aktiv zu verändern.

Medizinische Vagusnerv-Stimulation

Für bestimmte Erkrankungen wird der Vagusnerv schon heute gezielt therapeutisch genutzt. Dabei handelt es sich um die sogenannte Vagusnerv-Stimulation (VNS), ein anerkanntes Verfahren, das vor allem in der Neurologie und Psychiatrie eingesetzt wird. Ziel ist es, über elektrische Impulse die Aktivität bestimmter Hirnareale zu steuern und damit Krankheitsverläufe und Schmerzempfinden positiv zu beeinflussen. Am längsten etabliert ist die Vagusnerv-Stimulation in der Behandlung therapieresistenter Epilepsien und Depressionen. Ob sich die Stimulation des Vagusnervs auch für andere Erkrankungen eignet, wird weiterhin erforscht.

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Der Vagusnerv und die Herzgesundheit

Der Vagusnerv spielt eine wichtige Rolle für die Herzgesundheit. Stress und Sorgen erhöhen nachweislich das Risiko für Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkt. Der Vagusnerv kann hier ein zentraler Ansatzpunkt sein, um in stressigen Lebensphasen selbst aktiv gegenzusteuern. Eine hohe Herzratenvariabilität (HRV), also die natürliche Schwankung zwischen einzelnen Herzschlägen, zeigt, dass das Herz flexibel auf Belastung und Ruhe reagieren kann. Alles, was Entspannung und Achtsamkeit fördert, aktiviert den Vagusnerv und kann somit die HRV verbessern.

Psychokardiologie

Etwa jeder Vierte entwickelt nach einem Herzinfarkt eine Angststörung oder Depression. Deshalb gehört heute zur modernen Kardiologie auch die Psychokardiologie: Sie hilft Betroffenen, Ängste zu verstehen, Vertrauen in den Körper zurückzugewinnen und Stressreaktionen besser zu regulieren. Gespräche, Gruppenangebote und psychologische Begleitung in der kardiologischen Nachbehandlung, speziell in der Rehabilitation nach einem Herzinfarkt, sind daher essenziell.

Die Polyvagal-Theorie

Ein besonders spannender Ansatz stammt vom US-Forscher Dr. Stephen Porges, der die sogenannte Polyvagal-Theorie entwickelte. Diese Theorie besagt, dass der Vagusnerv nicht nur ein einfacher Nerv ist, sondern aus verschiedenen Ästen besteht, die unterschiedliche Funktionen haben.

  • Dorsaler Vagus: Der dorsale Vagus ist evolutionär älter und löst im Notfall Erstarrung oder Rückzug aus.
  • Ventraler Vagus: Wenn der ventrale Vagus gut funktioniert, fühlt man sich sicher, verbunden und ausgeglichen.

Störungen des Vagusnervs

Ein eingeklemmter oder überreizter Vagusnerv kann sich auf ganz unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Weil er Herz, Magen, Darm, Kehlkopf und viele weitere Bereiche beeinflusst, sind die Symptome oft vielseitig und für Betroffene nicht immer eindeutig zuzuordnen. Besonders tückisch: Diese Symptome können plötzlich auftreten und wieder verschwinden.

Mögliche Ursachen für Vagusnerv-Störungen

  • Körperhaltung und Muskulatur: Der Vagusnerv verläuft vom Schädel aus durch den Hals, entlang der Brustwirbelsäule bis in den Bauchraum. Dabei passiert er enge anatomische Räume und ist anfällig für Druck, Reibung oder Einschränkung. Chronische Nackenverspannungen können den Nerv mechanisch reizen oder in seiner Leitfähigkeit beeinträchtigen.
  • Seelische Verfassung: Anhaltender psychischer Stress, ungelöste Konflikte oder emotionale Überlastung können die Aktivität des Vagusnervs spürbar herunterfahren.
  • Entzündungen: Eine chronische Entzündung (wie beispielsweise im Darm) kann über sogenannte Zytokine die Funktion des Vagusnervs hemmen. Gleichzeitig steuert der Nerv auch immunologische Prozesse.
  • Darmmikrobiom: Vagale Rezeptoren reagieren sehr sensibel auf Stoffwechselprodukte aus dem Darmmikrobiom. Wenn das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht gerät, kann dies die Funktion des Vagusnervs beeinträchtigen.
  • Hormonelle Dysbalancen: Hormonelle Dysbalancen können ebenfalls die Funktion des Vagusnervs beeinflussen.

Vagusnerv und Immunsystem

Es gibt eine sehr wichtige und gut erforschte Verbindung zwischen dem Vagusnerv und dem Immunsystem. Diese Verbindung ist Teil eines komplexen Kommunikationsnetzes, das als neuro-immunologisches System bekannt ist. Eine wichtige Rolle spielt dabei seine Fähigkeit, Entzündungsreaktionen im Körper zu beeinflussen.

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Der Vagusnerv und das Hungergefühl

Der Vagusnerv fungiert als Datenautobahn zwischen Gehirn und Organen. Wenn wir zum Beispiel hungrig sind, kommuniziert der Vagusnerv das Bedürfnis des Magens nach Nahrung an unser Gehirn und übersetzt das Hungergefühl, damit wir den knurrenden Magen nachvollziehen können. Der Vagus steuert damit also auch unser Verhalten und unsere Reaktionen auf die Umwelt. Denn wenn wir hungrig sind, begeben wir uns auf die Suche nach Nahrung.

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