Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, plötzliche Funktionsstörungen des Gehirns gekennzeichnet ist. Weltweit sind etwa 1 % der Bevölkerung von Epilepsie betroffen, in Deutschland sind es ebenfalls etwa so viele. Die Erkrankung äußert sich in epileptischen Anfällen, die durch eine übermäßige Entladung von Nervenzellen im Gehirn verursacht werden. Diese Anfälle können unterschiedliche Formen annehmen und von kurzen Bewusstseinspausen bis hin zu schweren Krampfanfällen reichen.
Selbstinduzierte Anfälle: Ein seltenes Phänomen
Ein interessanter Aspekt der Epilepsie ist das Phänomen der selbstinduzierten Anfälle. Der erste Fall wurde bereits 1827 beschrieben. Dabei handelte es sich um einen Patienten, der bei sich selbst Halbseitenkrämpfe mit Visusverlust auslöste, ohne dabei das Bewusstsein zu verlieren. Die Prävalenz dieses sogenannten Selbstinduktionsverhaltens wird heute auf etwa 1 % der Menschen mit Epilepsie geschätzt, wobei gut ein Viertel aller Patienten mit photosensitiver Epilepsie betroffen sein dürfte.
Auslöser selbstinduzierter Anfälle
Oftmals werden die Anfälle über visuelle Reize ausgelöst, denen sich die Betroffenen gezielt aussetzen. Dazu gehören:
- Augenschluss mit forcierter Aufwärtsbewegung der Augen
- Bestimmte Handbewegungen vor den Augen
- Blinzeln, etwa beim Blick in die Sonne
- Kopfwackeln, -nicken und -schütteln
- Annähern an den Fernseher auf weniger als 1 m, mitunter weniger als 30 cm
- Fixieren einer weißen Wand oder Betrachten bestimmter Muster
- Starren auf eine Lichtquelle, ein Fenster oder in die Sonne
Es gibt auch ungewöhnlichere Trigger wie heißes Wasser, das über den Kopf gegossen wird, Hyperventilieren oder Musik. Gelegentlich dient auch das Imitieren der Bewegungen eines Anfalls sowie das eigenmächtige Reduzieren oder vollständige Absetzen der antikonvulsiven Medikation den Betroffenen regelmäßig als effektiver Auslöser.
Scheinbar gezielt induzieren sie dadurch:
Lesen Sie auch: Wo unser Gedächtnis im Gehirn wohnt
- generalisierte tonisch-klonische Anfälle
- Absencen, mit und ohne Myoklonien
- Myoklonien
- fokale Anfälle mit gestörter Bewusstheit
Motivation hinter der Selbstinduktion
Es ist fraglich, ob die Patienten die Anfälle tatsächlich mit Absicht und geplant auslösen. Nach eigenen Angaben empfinden viele von ihnen das Geschehen als unwillkürlichen Vorgang, und bei einigen dieser Menschen finden sich Hinweise auf zwanghaftes Verhalten. So erklärte ein Patient, sein Tun sei ihm zwar bewusst, er könne es aber nicht unterdrücken.
Mitunter scheinen die so provozierten Anfälle mit angenehmen Empfindungen im Sinne von Ekstase oder mit einer orgasmischen Aura einherzugehen. So beschrieb ein elfjähriger Junge den Zustand als angenehmes Gefühl des Gleichgewichts, wie man es wohl beim Fallschirmspringen im freien Fall empfinden müsse. Vielfach lässt sich zudem ein äußerlich sichtbares Glücksgefühl während der Anfälle erkennen.
Möglicherweise versuchen die Betroffenen, innere Spannungen zu lösen oder etwa die Symptomatik einer Depression abzumildern. Es besteht auch die Möglichkeit, dass das Selbstinduktionsverhalten ein Bestandteil des Anfallgeschehens selbst ist.
Behandlung selbstinduzierter Anfälle
Die Behandlung gestaltet sich in der Regel schwierig. Bei einigen Patienten ließen sich mit Verhaltenstherapien, teils mit Entspannungstechniken, positive Effekte erzielen. Photosensible Patienten können darüber hinaus von Sonnenbrillen oder speziell gefärbten Kontaktlinsen profitieren. Unter den pharmakologischen Therapien scheinen Clonazepam und die Kombination von Fenfluramin mit Valproat am vielversprechendsten zu sein.
Photosensitive Epilepsie und Fernseher
Ein spezifischer Auslöser für epileptische Anfälle, der oft im Zusammenhang mit Fernsehern diskutiert wird, ist flackerndes Licht. Dieses Risiko betrifft jedoch nur die relativ seltenen photosensitiven Epilepsien. Aber selbst hier ist es zumeist nicht der Bildschirm, der den Anfall auslöst, sondern das, was darauf zu sehen ist: Flackernde, sich wiederholende Muster können Anfälle auslösen.
Lesen Sie auch: Risikofaktoren für einen Schlaganfall
Mechanismen der lichtinduzierten Anfälle
Forscher haben ermittelt, dass bei fotosensibler Epilepsie Gamma-Wellen im visuellen Kortex eine maßgebliche Rolle spielen. Diese Wellen treten verstärkt beim Betrachten scharf konturierter, kontrastreicher Gittermuster auf. Dora Hermes vom Medizinischen Zentrum der Universität Utrecht und Kollegen beschreiben ihre Funde im Fachblatt „Current Biology“: Gamma-Wellen - ein bestimmtes, sich wiederholendes Muster in der Hirnaktivität im Frequenzbereich über 30 Hertz - treten etwa dann auf, wenn empfindsame Menschen ein Bild mit breiten schwarzen und weißen Balken anschauen. Die Forscher stellten fest, dass die Wellen vor allem beim Betrachten scharf konturierter, kontrastreicher Gittermuster gemessen werden, beim Blick auf Naturszenen oder weich gezeichnete Objekte hingegen nicht. Auch lassen Gamma-Wellen sich offenbar reduzieren, wenn die Kontraste gemildert werden, die Breite der Balken reduziert wird, das Muster vom Gitter zum Karo übergeht.
Prävention und Vorsichtsmaßnahmen
Patienten mit einer photosensiblen Epilepsie sollten bei Verwendung von Röhrenbildschirmen auf eine Bildwiederholungsrate von mindestens 70 Hz achten. Generell ist es ratsam, flackernde Lichtreize zu vermeiden. Dies kann durch das Tragen einer, am besten grüngetönten polarisierten Sonnenbrille erreicht werden. Ein Zukneifen der Augen ohne Sonnenbrille verstärkt durch den Rot-Ton der Augenlider eher den anfallsauslösenden Effekt. Wenn möglich sollte ein Auge zugehalten werden. Besondere Vorsicht ist beim Baden geboten, besonders bei Sonnenschein.
Fallbeispiele
Während der Ausstrahlung der Zeichentrickserie Pokémon im Dezember 1997 in Japan erlitten 700 Kinder epileptische Anfälle. Ursache war ein schneller Wechsel von rotem und blauem Licht. Kürzlich wurde eine Jugendliche vorgestellt, die bei der Suche nach einem Ball auf einem Getreidefeld mit kniehohen Halmen einen epileptischen Anfall erlitt - ausgelöst durch Sonne und die regelmäßigen Streifenmuster der Halme.
Allgemeine Auslöser für epileptische Anfälle
Neben flackerndem Licht gibt es eine Reihe weiterer Faktoren, die epileptische Anfälle auslösen können. Dazu gehören:
- Schlafmangel
- Alkoholgenuss
- Stress
- Überanstrengung
- Fieberhafte Infekte
- Vergessene Einnahme von Antiepileptika
- Freizeitdrogen
- Dehydrierung
- Unregelmäßige Mahlzeiten
Oft führt nicht ein Auslöser allein zu den Anfällen. Es müssen meist mehrere zusammenkommen, wie z.B. Überanstrengung, wenig Schlaf bzw. Schlafstörungen, Angst, Ärger, Stress, Alkohol, Medikamente und Drogen, zu hohe oder zu niedrige Blutzuckerwerte, Schwankungen des Hormonspiegels bei Frauen (während oder vor der Periode), flackerndes Licht, laute Geräusche, Farben, Fernsehen und Videospiele. Bei manchen Menschen ist allerdings auch gar kein Auslöser zu erkennen, die Anfälle treten spontan auf.
Lesen Sie auch: Der Zusammenhang zwischen Alter und Demenz
Was tun bei einem epileptischen Anfall?
Es ist wichtig zu wissen, wie man sich verhält, wenn in der Anwesenheit jemand einen epileptischen Anfall bekommt. Die wichtigsten Maßnahmen sind:
- Ruhe bewahren, nicht davonrennen.
- Den Betroffenen gegebenenfalls aus einem Gefahrenbereich entfernen.
- Beengende Kleidungsstücke am Hals lösen.
- Kopf polstern.
- Krampferscheinungen nicht unterdrücken, den Betroffenen nicht aufrichten, verkrampfte Hände nicht öffnen oder festhalten, Kiefer nicht gewaltsam öffnen, keine Gegenstände zwischen die Zähne schieben.
- Keine Unterbrechungsversuche: Nicht schütteln, klopfen oder anschreien.
- Patient nach dem Anfall in stabile Seitenlage bringen, damit eventuell Speichel abfließen kann.
- Nach dem Anfall bzw. Wiedererlangen des normalen Bewusstseins Hilfe und Begleitung anbieten.
- Die Dauer des Anfalls registrieren. Zumeist sind Anfälle nach ein bis zwei Minuten vorbei.
Ein Notarzt ist nur in schwerwiegenden Fällen im Anschluss notwendig (z.B. wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, sich wiederholt oder der Betroffene sich verletzt hat).
Diagnose und Behandlung von Epilepsie
Die Diagnose einer Epilepsie basiert auf dem Auftreten mindestens eines spontanen Anfalls, der nicht durch eine unmittelbar vorangegangene erkennbare äußere Ursache ausgelöst wurde. Wichtig bei der Anamneseerhebung sind einerseits Fragen zu familiärer Häufung bzw. zu bestehenden und vorangegangenen Erkrankungen sowie zur Art der Anfälle.
Zur Diagnose möglicher neurologischer Grunderkrankungen wird eine individuelle Untersuchung verschiedener Nervenfunktionen durchgeführt. Hierbei können z.B. Reflexe, Koordination und Sensibilität überprüft werden.
Elektroenzephalografie (EEG)
Mithilfe der EEG lassen sich die Hirnströme des Patienten messen und eine Epilepsieveranlagung bzw. -erkrankung ableiten. Dabei werden mit Kochsalzlösung getränkte Elektroden an verschiedenen Stellen des Kopfes platziert, die die elektrische Aktivität des Gehirns registrieren. Das elektrische Signal jeder Elektrode wird umgewandelt und als eine Wellenlinie dargestellt. Beim Epileptiker treten zusätzliche Spitzen (Spikes) und Zacken (Sharp Waves) auf, die auf eine veränderte Gehirnaktivität verweisen. Insbesondere während eines Anfalls sind diese stark ausgeprägt, lassen sich allerdings auch vereinzelt zwischen den Anfällen nachweisen.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Epilepsie. Ziel ist es, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren oder die Anfälle ganz zu verhindern. Es gibt eine Vielzahl von Antiepileptika, die je nach Anfallsart und individuellen Bedürfnissen des Patienten eingesetzt werden.
Ketogene Diät
Die Idee, Epilepsie mithilfe einer speziellen Diät zu therapieren, kam bereits in der Antike auf. Frühe Aufzeichnungen des Arztes Hippokrates belegen dessen erfolgreichen Versuch, Epilepsiekranke durch strenges Fasten von ihren Anfällen zu befreien. In den 1920ern erfuhr diese Idee aufgrund mangelnder Antiepileptika eine Renaissance. Die ketogene Diät, welche durch Zufuhr hoher Fettmengen die Bildung von Ketonkörpern ermöglicht, ohne dass der Patient fasten muss, ist eine mögliche Behandlungsform.
Weitere Therapieansätze
Bei einer fokalen Epilepsie, die nicht oder nur unzureichend auf eine medikamentöse Therapie anspricht, kann die auslösende Hirnregion auch vollständig oder teilweise operativ entfernt werden (resektive Verfahren). Mithilfe eines elektrischen Stimulators innerhalb der Brustwand können elektrische Ströme entweder in festen Intervallen oder durch den Betroffenen in Erwartung eines Anfalls selbst abgegeben werden.
Leben mit Epilepsie: Beruf, Freizeit und Familie
Menschen mit Epilepsie können ein erfülltes Leben führen, wenn sie die Erkrankung gut managen und bestimmte Vorsichtsmaßnahmen beachten.
Beruf
Junge Menschen mit Epilepsie sollten sich bereits frühzeitig - 1 bis 2 Jahre vor Ende der Schulzeit - mit der Berufswahl beschäftigen. Schulabgänger, die nicht anfallsfrei sind, benötigen unbedingt eine spezielle Berufsberatung. Im Bewerbungsschreiben sollten Sie die Epilepsie generell nicht erwähnen. Überlegen Sie sich jedoch, ob die Art und Häufigkeit Ihrer Anfälle am gewünschten Arbeitsplatz ein erhöhtes Risiko darstellen.
Freizeit und Sport
Egal, ob Epilepsie oder nicht: Sport fördert die Gesundheit. Haben Sie keine übertriebene Angst oder lassen Sie sich Sport verbieten! Unerlässlich ist aber eine ausführliche ärztliche Beratung, die die Besonderheit der Epilepsie (Anfallsart, Anfallshäufung) und die individuellen Wünsche des Betroffenen berücksichtigt. Bei Anfallsfreiheit von mehr als 2 Jahren können Sie fast alle Sportarten ohne Risiko ausüben.
Schwangerschaft und Familie
Lassen Sie sich nicht verunsichern: Auch epilepsiekranke Frauen können Kinder bekommen! Da verschiedene Medikamente gegen Epilepsie die Wirksamkeit der Pille herabsetzen, sollten Sie die Auswahl einer geeigneten Verhütungsmethode mit dem Gynäkologen oder Neurologen besprechen. Die optimale Medikamenteneinstellung für die Schwangerschaft sollten Sie mit dem Arzt beraten, da bei manchen Antiepileptika ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko des Kindes besteht.
tags: #werden #alle #epileptiker #von #fernsehern #getriggert