Ein Hirntumor und dessen operative Entfernung können bei Kindern tiefgreifende Veränderungen im Wesen und Verhalten hervorrufen. Diese Veränderungen sind oft besorgniserregend für die Angehörigen und stellen eine Herausforderung in der Betreuung und Behandlung dar. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für Wesensveränderungen nach Hirntumor-OPs bei Kindern, die verschiedenen Formen, die Risikofaktoren und die Möglichkeiten der Unterstützung für Betroffene und ihre Familien.
Symptome und deren Manifestation
Die Symptome einer Wesensveränderung nach einer Hirntumor-OP können sich auf unterschiedliche Weise äußern und zu verschiedenen Zeitpunkten nach dem Eingriff auftreten. Prof. Gerhard Eschweiler, Ärztlicher Leiter des Geriatrischen Zentrums des Uniklinikums Tübingen, erklärt, dass sich die Symptome "in der Regel bereits nach dem Erwachen aus der Narkose oder innerhalb der ersten Stunden nach der Operation" zeigen. In manchen Fällen entwickeln sie sich jedoch erst nach einigen Tagen.
Mögliche Symptome:
- Desorientierung: Betroffene wissen nicht mehr, wo sie sich befinden, und erkennen möglicherweise sogar ihre Angehörigen nicht.
- Aktivitätsänderungen: Es werden zwei Formen unterschieden:
- Hyperaktives Delir: Äußert sich in motorischer Unruhe, Erregtheit, Desorientierung und dem Versuch, Infusionsschläuche oder Drainagen zu entfernen, bis hin zu Bettflucht und Weglaufversuchen.
- Hypoaktives Delir: Der Patient wirkt in sich gekehrt, ist nicht ansprechbar und kann kaum Kontakt zur Außenwelt aufnehmen. Bewegungsarmut, Halluzinationen und Desorientierung können ebenfalls auftreten.
- Verwirrtheit: Der Begriff "Delir" bedeutet Verwirrtheit und hat in diesem Zusammenhang nichts mit Alkoholproblemen zu tun.
- Tageszeitabhängigkeit: Die Symptome können sich im Laufe des Tages ändern. Ein Patient, der morgens noch gut ansprechbar ist, kann abends desorientiert sein.
- Wesensveränderungen: Plötzliche Veränderungen der Alltagsgewohnheiten, depressive Symptome oder Wesensveränderungen können auftreten.
- Emotionale Instabilität: Unbeherrschtheit, Aufbrausen, Aggressivität und Ungerechtigkeit können auftreten.
Ursachen für Wesensveränderungen
Die genauen Ursachen für Wesensveränderungen nach Hirntumor-OPs sind noch nicht vollständig erforscht. Es handelt sich um eine Hirnfunktionsstörung, die das Gedächtnis, die Orientierung und die Wahrnehmung der Patienten beeinflusst. Häufig zeigt sich ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus, der den Teufelskreis aus Stress, Ängsten und Verwirrtheit weiter verstärkt.
Mögliche Auslöser und Ursachen:
- Hirnfunktionsstörung: Die Operation kann zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Beeinträchtigung der Hirnfunktion führen.
- Fieber und Infektionen: Diese können das Gehirn zusätzlich belasten und zu Verwirrtheit führen.
- Bestehende Demenz: Eine bereits bestehende Demenz kann sich nach der Operation verschlimmern.
- Schmerz: Starke Schmerzen können die Wahrnehmung und das Verhalten beeinflussen.
- Flüssigkeitsmangel und Mangelernährung: Diese können die Hirnfunktion beeinträchtigen.
- Medikamente: Viele Medikamente, insbesondere solche, die das zentrale Nervensystem beeinflussen, können zu Verwirrtheit und Wesensveränderungen führen.
- Altersbedingte Begleiterkrankungen: Ältere Patienten mit vielen Vorerkrankungen sind besonders gefährdet.
- Suchtprobleme: Suchtpatienten und Patienten mit bereits bestehenden Hirnfunktionseinschränkungen, wie beispielsweise ein früherer Schlaganfall, gelten ebenfalls als gefährdet.
- Lage des Tumors: Die Symptome hängen immer davon ab, welche Funktion an der Stelle, wo der Hirntumor liegt, verortet ist.
- Ödem: Die den Tumor umgebende Schwellung im Hirngewebe kann die Funktionen beeinträchtigen.
- Psychische Belastung: Die Diagnose und Behandlung eines Hirntumors stellen eine erhebliche psychische Belastung dar, die zu Angst, Depressionen und Verhaltensänderungen führen kann.
- Veränderung der Hirnstruktur: Auch die Entfernung des Tumors kann Veränderungen in der Hirnstruktur verursachen, die sich auf das Verhalten auswirken.
- Frontal-Hirnsyndrom: Nach einer Schädigung im Frontalbereich des Gehirns können sich Wesensveränderungen negativ ausbilden.
Risikogruppen
Obwohl jeder Patient nach einer Hirntumor-OP von Wesensveränderungen betroffen sein kann, gibt es bestimmte Risikogruppen:
- Ältere und gebrechliche Patienten: Sie haben häufiger Vorerkrankungen und nehmen mehr Medikamente ein, was das Risiko für Komplikationen erhöht.
- Patienten mit Vorerkrankungen: Patienten mit Demenz, Schlaganfall oder anderen Hirnfunktionsstörungen sind anfälliger für Wesensveränderungen.
- Suchtpatienten: Alkohol- oder Drogenmissbrauch kann die Hirnfunktion beeinträchtigen und das Risiko für Verwirrtheit erhöhen.
- Patienten mit bestimmten Tumorlokalisationen: Tumoren im Frontalbereich des Gehirns können besonders häufig zu Wesensveränderungen führen.
- Kinder: Da sich ihr Gehirn noch entwickelt, sind Kinder besonders anfällig für die Auswirkungen von Hirntumoren und deren Behandlung.
Umgang und Unterstützung
Der Umgang mit Wesensveränderungen nach einer Hirntumor-OP erfordert viel Geduld, Verständnis und Unterstützung von allen Beteiligten.
Lesen Sie auch: Behandlung epileptischer Wesensveränderungen und organischer Psychosen
Was Angehörige tun können:
- Beobachtung: Die Beobachtungen der Angehörigen sind wertvoll, um Veränderungen im Verhalten des Patienten frühzeitig zu erkennen.
- Schutz vor Selbstgefährdung: Hyperaktive Patienten müssen vor Selbstgefährdung geschützt werden.
- Unterstützung und Zuspruch: Teilnahmslose Patienten brauchen mehr Unterstützung und Zuspruch bei der Mobilisation.
- Orientierungshilfe: Stresssenkende Maßnahmen, Brille und Hörgerät können helfen, die Orientierung zu verbessern.
- Vertraute Umgebung: Ein Foto mit bekannten Gesichtern auf dem Nachttisch und persönliche Gegenstände helfen dem Patienten, sich zurecht zu finden.
- Zuwendung und Beruhigung: Zuwendung, Beruhigung, Reizabschirmung und ein geregelter Tagesablauf sind von Nutzen.
- Gespräche mit Ärzten: Angehörige sollten den behandelnden Ärzten mitteilen, ob ein früherer Krankenhausaufenthalt zu Verwirrtheit geführt hat.
- Austausch mit anderen Betroffenen: Der Austausch mit anderen Betroffenen und Angehörigen kann hilfreich sein, um Erfahrungen zu teilen und Unterstützung zu finden.
- Grenzen setzen: Für Angehörige ist es zunächst schwer zu verstehen und es kostet wahnsinnig viel Kraft und Nerven das aus zu halten. Doch es lohnt sich. Sie haben es verdient, dass wir sie aushalten. Wenn der Druck mal wieder zu viel wurde, dann bin ich in den Wald und hab meinen Frust, meine Angst und meine Wut raus geschrien.
Was Ärzte und Therapeuten tun können:
- Ursachenforschung: Die Ärzte sollten die Ursachen für die Wesensveränderungen sorgfältig abklären und behandeln.
- Medikamentöse Therapie: Bei Bedarf können Medikamente zur Beruhigung oder zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, die psychischen Belastungen zu verarbeiten und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die Alltagskompetenzen wiederzuerlangen.
- Logopädie: Logopädie kann bei Sprach- und Sprechstörungen helfen.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann bei motorischen Einschränkungen helfen.
- Neuropsychologische Therapie: Diese Therapie kann helfen, kognitive Defizite zu verbessern.
Wichtige Hinweise:
- Es ist wichtig, die Wesensveränderungen nicht als "Persönlichkeitsveränderung" zu interpretieren, sondern als Folge der Erkrankung und Behandlung zu verstehen.
- Die Veränderungen sind nicht immer dauerhaft und können sich im Laufe der Zeit verbessern.
- Es ist wichtig, Geduld zu haben und den Betroffenen Zeit zu geben, sich an die neue Situation anzupassen.
- Professionelle Hilfe sollte in Anspruch genommen werden, wenn die Belastung zu groß wird oder die Symptome sich verschlimmern.
- Bei Verschlechterung der Symptome oder Auftreten neuer Beschwerden sollte immer Kontakt mit den behandelnden Ärzten aufgenommen werden.
Behandlungsmethoden bei Hirntumoren
Die Behandlung von Hirntumoren bei Kindern ist komplex und erfordert einen multidisziplinären Ansatz. Die Art der Behandlung hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art des Tumors, seine Größe und Lage, das Alter des Kindes und der allgemeine Gesundheitszustand.
Zu den gängigen Behandlungsmethoden gehören:
- Operation: Die Operation ist oft der erste Schritt bei der Behandlung von Hirntumoren. Ziel ist es, den Tumor vollständig oder so weit wie möglich zu entfernen, ohne das umliegende gesunde Hirngewebe zu schädigen.
- Strahlentherapie: Die Strahlentherapie verwendet hochenergetische Strahlen, um Krebszellen abzutöten. Sie kann nach der Operation eingesetzt werden, um verbleibende Tumorzellen zu zerstören, oder als primäre Behandlung, wenn eine Operation nicht möglich ist.
- Chemotherapie: Die Chemotherapie verwendet Medikamente, um Krebszellen im ganzen Körper abzutöten. Sie kann vor oder nach der Operation oder Strahlentherapie eingesetzt werden.
- Stereotaktische Radiochirurgie: Diese Methode verwendet hochdosierte Strahlung, die präzise auf den Tumor gerichtet wird. Sie ist eine nicht-invasive Alternative zur Operation für bestimmte Arten von Tumoren.
- Zielgerichtete Therapie: Diese Therapie verwendet Medikamente, die gezielt bestimmte Moleküle in Krebszellen angreifen. Sie kann bei Tumoren eingesetzt werden, die bestimmte genetische Veränderungen aufweisen.
- Immuntherapie: Diese Therapie hilft dem körpereigenen Immunsystem, Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. Sie ist eine relativ neue Behandlungsoption, die bei einigen Arten von Hirntumoren vielversprechend ist.
Die Behandlung von Hirntumoren kann erhebliche Auswirkungen auf das Gehirn und die Entwicklung des Kindes haben. Daher ist es wichtig, dass die Behandlung von einem erfahrenen Team von Spezialisten durchgeführt wird, das die langfristigen Auswirkungen der Behandlung berücksichtigt.
Lesen Sie auch: Epilepsie-Medikamente und Verhaltensänderungen
Lesen Sie auch: Symptome und Diagnose von Chorea Huntington