Sensomotorisches Nervensystem: Funktion, Bedeutung und Anwendungen

Die Sensomotorik ist ein faszinierendes und vielschichtiges Forschungsgebiet, das sich mit dem Zusammenspiel von sensorischen Wahrnehmungen und motorischen Fähigkeiten befasst. Sie ist die Grundlage für unsere Haltung, Bewegungskoordination und die Interaktion mit unserer Umwelt. Dieser Artikel beleuchtet die Funktion des sensomotorischen Nervensystems, seine Bedeutung für verschiedene Lebensbereiche und die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten in Therapie und Training.

Einführung in die Sensomotorik

Der Begriff "Sensomotorik" setzt sich aus den Begriffen "Sensorik" und "Motorik" zusammen. Die Sensorik umfasst die Aufnahme, Verarbeitung und Weiterleitung von Reizen an das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark). Die Motorik hingegen beschreibt die Ausführung von Bewegungen durch das Zusammenspiel der Muskulatur. Die Sensomotorik beschreibt also die untrennbare Verbindung und Interaktion dieser beiden Systeme. Es gibt keine Sinneswahrnehmung ohne motorische Reaktion und keine motorische Handlung ohne Beteiligung der Sinne. Das Gehirn dient dabei als Schaltzentrale, die sensorische Informationen verarbeitet und motorische Befehle koordiniert.

Die Sensomotorik spielt von der Entwicklung im Mutterleib bis ins hohe Alter eine entscheidende Rolle. Sie beeinflusst unsere Bewegungen, Haltungs- und Stellungsreaktionen sowie unsere gesamte Alltagsmotorik und spezielle motorische Leistungen in Arbeit, Musik und Sport. Auch in verschiedenen therapeutischen Förderverfahren findet der Begriff Sensomotorik Anwendung, von der sensomotorischen Entwicklungsförderung in der Kindheit bis hin zu sensomotorischen Schuheinlagen.

Die Bausteine des sensomotorischen Systems

Das sensomotorische System besteht aus drei wesentlichen anatomischen Strukturelementen:

  1. Sensoren: Diese nehmen Reize aus der Umwelt und dem Körperinneren auf. Man unterscheidet zwischen Exterozeptoren (visuelles und auditives System) und Interozeptoren (Muskeln, Sehnen, Gelenke und Vestibularapparat).
  2. Nervensystem samt Gehirn: Dieses verarbeitet die sensorischen Informationen und leitet motorische Befehle weiter. Das Rückenmark stellt die Verbindung zwischen Gehirn und Körperperipherie dar.
  3. Skelettmuskulatur: Diese setzt die motorischen Befehle in Bewegungen um.

Die Rolle der Sensoren

Die Sensoren spielen eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung unserer Umwelt und unseres eigenen Körpers.

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  • Mechanosensoren übersetzen mechanische Gewebebedingungen und haltungs- oder bewegungsbedingte Veränderungen in den myofaszialen und Bindegewebsstrukturen der Gelenke, der Propriozeption und der Oberflächensensibilität der Haut.
  • Das Auge übersetzt elektromagnetische Wellen des sichtbaren Lichts.
  • Der Vestibularapparat (Gleichgewichtsorgan) nimmt die ständige Wirkung der Schwerkraft und der Beschleunigungskräfte des sich im Raum bewegenden Kopfes wahr.
  • Nozizeptoren sind Schmerzrezeptoren, die Schmerzsignale weiterleiten.
  • Die Ohren leiten Schallwellen weiter.

Alle Wahrnehmungen über diese Sinne werden selektiert und eingeordnet (Sinnesmodulation). Durch Erinnerungen an frühere Informationen und Repräsentationen wird die Empfindung gedeutet und in einen Zusammenhang gebracht.

Das Nervensystem: Informationsautobahn und Schaltzentrale

Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk von Nervenzellen, die im ganzen Körper verteilt sind und über Nervenstränge im Rückenmark mit dem Gehirn verbunden sind. Es dient als Informationsautobahn, die sensorische Informationen zum Gehirn leitet und motorische Befehle an die Muskeln weitergibt.

Das Rückenmark mit seinen zahlreichen Nervenbahnen stellt die Verbindung zwischen Gehirn und Körperperipherie dar. Hier werden über aufsteigende (afferente) Nervenbahnen sensorische Informationen zum Gehirn geleitet. Das Gehirn verarbeitet diese Informationen und sendet über absteigende (efferente) Nervenbahnen motorische Befehle an die Muskeln.

Das Gehirn: Die Kommandozentrale der Sensomotorik

Das Gehirn ist die Kommandozentrale der Sensomotorik. Hier werden sensorische Informationen verarbeitet, motorische Pläne entworfen und Bewegungen koordiniert. Verschiedene Hirnregionen sind an diesen Prozessen beteiligt:

  • Hirnstamm: Der entwicklungsgeschichtlich älteste Teil des Gehirns filtert und verstärkt sensorische Informationen.
  • Kleinhirn: Das Zentrum für Bewegungen entscheidet, welche Reize an die Großhirnrinde weitergegeben werden.
  • Limbisches System: Verbindet Sinnesinformationen mit Gefühlen.
  • Motorischer Cortex: Plant und steuert bewusste Bewegungen.

Motorisches Lernen und Neuroplastizität

Motorisches Lernen wird durch Neurone möglich, die Wahrnehmung, Lernen und Denken verarbeiten, indem sie Verbindungen und Netzwerke schaffen. Die Neuroplastizität des Gehirns ermöglicht lebenslange Ausdifferenzierung und damit lebenslanges Lernen. Lernen bedeutet neurobiologisch gesehen die Veränderung der Stärke der synaptischen Verbindungen zwischen den Nervenzellen.

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Die Entwicklung der Sensomotorik

Die Entwicklung der Sensomotorik beginnt bereits im Mutterleib. Sensorische Reize bewirken neuronale Verschaltungen, die zunächst der Körperrepräsentation und der Aufrechterhaltung der Organfunktionen dienen. Diese bilden die Grundlagen für die Eigenwahrnehmung und für das Selbstbild.

Bereits im Mutterleib reagieren Babys auf verschiedene Musikstile, auf Ansprechen oder auf Berührungen von außen. Nach der Geburt nehmen Sozialisationserfahrungen (in Bindungen in der Familie und auch außerhalb) einen großen Einfluss auf die sensomotorische Entwicklung. Je nachdem, ob die Erfahrungen positiv oder negativ sind, mit welchen Gefühlen und Affekten sie verbunden werden, verändern sich auch neuronale Verschaltungsmuster.

Sensomotorik im Alltag

Die Sensomotorik beeinflusst unser tägliches Leben in vielfältiger Weise. Sie ermöglicht uns, uns sicher und effizient in unserer Umwelt zu bewegen, Aufgaben zu erledigen und mit anderen Menschen zu interagieren.

  • Haltung und Bewegung: Die Sensomotorik ist entscheidend für eine aufrechte Haltung und flüssige Bewegungen. Sie ermöglicht uns, das Gleichgewicht zu halten, Hindernisse zu überwinden und uns an unterschiedliche Untergründe anzupassen.
  • Feinmotorik: Die Sensomotorik ermöglicht uns präzise Bewegungen wie Schreiben, Zeichnen, Greifen und Manipulieren kleiner Objekte.
  • Sport und Spiel: Die Sensomotorik ist die Grundlage für sportliche Leistungen und das Erlernen von neuen Bewegungsabläufen. Sie ermöglicht uns, schnell zu reagieren, Bewegungen zu koordinieren und unser Körpergefühl zu verbessern.
  • Kommunikation: Die Sensomotorik spielt auch beim Sprechen, Singen und anderen Formen der nonverbalen Kommunikation eine Rolle. Sie ermöglicht uns, unsere Mimik, Gestik und Körperhaltung bewusst einzusetzen, um unsere Botschaften zu unterstreichen.

Sensomotorische Störungen

Störungen in der Sensomotorik können zu verschiedenen Problemen führen, darunter:

  • Haltungsschwächen
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Motorische Einschränkungen
  • Wahrnehmungsstörungen
  • Entwicklungsverzögerungen

Ursachen für sensomotorische Störungen können genetische Faktoren, neurologische Erkrankungen, Verletzungen oder mangelnde Stimulation in der frühen Kindheit sein.

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Sensomotorische Therapie und Training

Sensomotorische Therapie und Training zielen darauf ab, die sensorische Wahrnehmung und die motorischen Fähigkeiten zu verbessern. Sie werden in verschiedenen Bereichen eingesetzt, darunter:

  • Pädiatrie: Zur Förderung der sensomotorischen Entwicklung bei Kindern mit Entwicklungsverzögerungen oder Wahrnehmungsstörungen.
  • Neurologie: Zur Rehabilitation von Patienten nach Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder anderen neurologischen Erkrankungen.
  • Orthopädie: Zur Behandlung von Patienten mit Haltungsschwächen, Gelenkinstabilitäten oder Schmerzen.
  • Sportmedizin: Zur Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit und zur Prävention von Verletzungen.

Methoden der sensomotorischen Therapie und des Trainings

Es gibt eine Vielzahl von Methoden, die in der sensomotorischen Therapie und im Training eingesetzt werden können. Einige Beispiele sind:

  • Gleichgewichtstraining: Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts und der Stabilität.
  • Koordinationstraining: Übungen zur Verbesserung der Koordination von Bewegungen.
  • Propriozeptives Training: Übungen zur Verbesserung der Wahrnehmung der Körperposition im Raum.
  • Sensorische Integrationstherapie: Therapie zur Verbesserung der Verarbeitung von Sinnesinformationen.
  • Sensomotorische Einlagen: Spezielle Einlagen, die die Fußsohle stimulieren und die Muskelaktivität verbessern.

Sensomotorische Einlagen: Ein innovativer Therapieansatz

Sensomotorische Einlagen sind ein innovativer Therapieansatz, der die Fußsohle gezielt stimuliert, um die Muskelaktivität und die Körperhaltung zu verbessern. Sie nutzen das Prinzip der Propriozeption, um sensorische Informationen an das Gehirn zu senden und so die Muskelspannung und die Gelenkstellung zu beeinflussen.

Sensomotorische Einlagen können bei verschiedenen Beschwerden eingesetzt werden, darunter:

  • Fußfehlstellungen (Knickfuß, Senkfuß, Hohlfuß, Plattfuß)
  • Kniebeschwerden
  • Hüftbeschwerden
  • Rückenschmerzen
  • Achillessehnenbeschwerden

Die Einlagen werden individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst und können in verschiedenen Materialstärken hergestellt werden.

Wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit sensomotorischer Einlagen

Die Wirksamkeit sensomotorischer Einlagen ist in aktuellen klinischen Untersuchungen klar belegt. Mehrere Studien bestätigen den positiven Einfluss dieser Einlagen auf Bewegungssteuerung, Muskelaktivität und funktionelle Leistungsfähigkeit.

Die Rolle der Orthopädie(schuh)-Technik

Die Orthopädie(schuh)-Technik spielt eine zentrale Rolle bei der Versorgung von Patienten mit sensomotorischen Störungen. Orthopädietechniker analysieren das Gangbild, diagnostizieren Störungen im sensomotorischen System und entwickeln individuelle Lösungsvorschläge zur Verbesserung der Funktionalität. Sie fertigen maßgefertigte Hilfsmittel wie sensomotorische Einlagen an und passen diese an die Bedürfnisse des Patienten an.

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