Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die das Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen, wobei der Beginn meist im jungen Erwachsenenalter liegt. Frauen sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Erkrankung kann zu vorübergehenden oder bleibenden Behinderungen führen und sich auf verschiedene Lebensbereiche auswirken. Glücklicherweise haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Jahren jedoch rasant weiterentwickelt.
Das Credo der modernen MS-Behandlung: Frühzeitige und effektive Intervention
Das Credo bei der MS-Behandlung lautet heute: effektiv und früh behandeln. Im Gegensatz zu früher wartet man nicht mehr ab, bis sich die Symptome verschlimmern, sondern wirkt frühzeitig entgegen. Moderne und hocheffektive MS-Medikamente (hocheffektive Therapien, kurz HET) setzen hier an: Sie können dazu beitragen, die Entzündungen im Gehirn und Rückenmark zu hemmen und so das Fortschreiten der MS zu bremsen. Das Ziel ist es, dass Betroffene ein bestmöglich selbstbestimmtes Leben mit Zeit und Energie für Familie, Hobbys und Beruf führen.
Multiple Sklerose kann bereits zu Beginn Schäden im Gehirn anrichten, bleibt aber dennoch oft lange unbemerkt. Das liegt zum einen daran, dass im Gehirn keine Schmerzrezeptoren sitzen, die die Schäden wahrnehmen können. Zum anderen kann unser Gehirn bis zu einem gewissen Grad Veränderungen wie MS-Entzündungen kompensieren - das nennt sich medizinisch Plastizitätsreserve oder kognitive Reserve. Diese Reserve geht aber zur Neige, wenn die Entzündungen weiter ungehindert fortschreiten.
Ziel einer MS-Therapie: Schäden vermeiden
Eine MS-Therapie zielt immer darauf ab, langfristige Schäden an den Nervenstrukturen in Gehirn und Rückenmark zu vermeiden. Optimal ist es, wenn Betroffene über einen Zeitraum hinweg die Krankheit nicht bemerken, also keine MS-Schübe haben, keine fortschreitende Behinderung aufweisen, das MRT keine neuen oder vergrößerten Läsionen im ZNS zeigt. Mediziner*innen bezeichnen diesen Zustand als NEDA-3. Die Abkürzung steht für „No Evidence of Disease Activity“, zu Deutsch „keine Anzeichen einer Krankheitsaktivität“.
MS-Behandlungsmethoden: Ein Überblick
Die Behandlung von Multipler Sklerose-Patienten umfasst drei Zielbereiche:
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
- Therapie des akuten Schubes
- Therapie des Krankheitsverlaufs
- Symptomorientierte Therapie
Hierfür stehen medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungen zur Verfügung, die individuell ausgewählt und ambulant oder stationär durchgeführt werden.
Schubtherapie: Akute Behandlung während eines MS-Schubs
Darunter ist die akute, sofortige Behandlung während eines MS-Schubs gemeint. Bei einem Schub wird in der Regel 3-5 Tage Kortison intravenös gegeben, um die Entzündung zu bekämpfen und damit die Stärke und die Dauer der Beschwerden zu reduzieren. Der Standardwirkstoff zur Schubtherapie ist Methylprednisolon (MP), ein sog. Glukokortikosteroid (GKS). Methylprednisolon kann statt einer Infusion auch als Tablette eingenommen werden. Unter bestimmten Voraussetzungen kann ein Schub auch mit einer Blutwäsche (sog. Apherese) behandelt werden. Bei einer Blutwäsche werden Patienten an eine Maschine angeschlossen, die das Blut reinigt, bevor es wieder zurück in den Körper geleitet wird.
Ein akuter Multiple Sklerose Schub wird in der Regel mit einer intravenösen Kortisontherapie über drei bis fünf Tage behandelt. Bei dieser kurzzeitigen Gabe ist Kortison meist gut verträglich. Bei fehlender Rückbildung der Symptome der MS kann eine noch höhere Dosierung von Kortison oder eine Blutwäsche (Plasmapherese) versucht werden.
Intervalltherapie: Langfristige Beeinflussung des Krankheitsverlaufs
Ziel ist es, durch eine langfristige Anwendung den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen. Das Immunsystem soll so verändert werden, dass Entzündungen bzw. Schübe gar nicht erst entstehen. Dazu werden Medikamente eingesetzt, die das Immunsystem direkt beeinflussen (Immunmodulatoren). Die Forschung hat in diesem Bereich in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte erzielt und zahlreiche neue Medikamente hervorgebracht.
Meist wird nach der Diagnose einer MS eine Immuntherapie empfohlen. Diese soll Schübe verhindern oder verringern und dafür sorgen, dass die Erkrankung nicht oder weniger schnell voranschreitet. Ärzte informieren vor der Behandlung über Vor- und Nachteile der Immuntherapie. Eine gute Aufklärung ist wichtig, da sowohl die Immuntherapie als auch der Verzicht darauf schwerwiegende Folgen haben können. Auf Wunsch des Patienten kann mit der Immuntherapie gewartet werden, wenn mit einem milden Verlauf der MS gerechnet wird.
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
Der Einsatz von Medikamenten, die den Verlauf der schubförmig remittierenden MS abmildern oder sogar „ausbremsen“ können (Immunmodulatoren), wird heute meist möglichst früh nach der Diagnose empfohlen. Ziel ist es, prophylaktisch weitere Schübe zu verhindern und eine Zunahme von Behinderung zu vermeiden. Dazu stehen Medikamentengruppen mit unterschiedlichen Wirkstärken, aber auch verschiedenen Nebenwirkungsprofilen zur Verfügung. Neben den klassischen, als Spritzen verabreichten MS-Medikamenten (Beta-Interferone, Glatirameroide) werden Tabletten (Teriflunomid, Dimethylfumarat, Cladribin, S1P-Rezeptormodulatoren) und - bis auf eine Ausnahme - als intravenöse Infusion verabreichte monoklonale Antikörper (Natalizumab, Ocrelizumab, Rituximab, Alemtuzumab, Ofatumumab) eingesetzt.
Immuntherapeutika unterscheiden sich darin, wie stark sie auf Schübe, das Voranschreiten der MS und die im MRT gemessene Entzündungsaktivität wirken. Beta-Interferone einschl. Alemtuzumab, CD20-Antikörper (z.B. Die Gefahr schwerer Nebenwirkungen ist bei Immuntherapeutika der Wirksamkeitskategorien 2 und 3 höher als bei Kategorie 1. Die Verträglichkeit im Alltag kann jedoch bei Immuntherapeutika der Kategorie 1 schlechter sein als bei den Kategorien 2 und 3. Welches Immuntherapeutikum eingesetzt wird, hängt z.B.
Wie lange die Immuntherapie empfohlen wird, hängt insbesondere von der Krankheitsaktivität ab, also wie schwer und wie oft Schübe auftreten und wie stark sich die MS verschlechtert. Eine mögliche Therapiepause wird i.d.R.
Medikamente für schubförmige MS
Für Patientinnen und Patienten mit schubförmig verlaufender Erkrankung stehen mehrere Medikamente zur Verfügung, die den Angriff des Immunsystems auf die Nervenzellen abschwächen. Bei akuten Schüben können u.a. Cortison-Präparate die Symptome dämpfen. Zu den schon am längsten verfügbaren Basistherapeutika zählen die Betainterferon-Präparate und das synthetische Peptidgemisch Glatirameracetat; sie alle müssen regelmäßig gespritzt werden. Schlägt eins dieser Basistherapeutika an, kann das etwa ein Drittel bis die Hälfte aller neuen Schübe verhindern und die Schwere vermindern. Das Spritzen allerdings fällt manchen Patienten schwer; und die Mittel wirken nur bei rund 70% der Patienten. Etliche Patienten erleben auch belastende Nebenwirkungen wie grippeähnlichen Symptome durch die Basistherapie mit diesen Mitteln. Schon seit 2011 kamen aber auch Basistherapeutika in Tablettenform heraus, mit den Wirkstoffen Fingolimod, Siponimod, Ponesimod, Ozanimod, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Cladribin. Diese neueren Medikamente - und darin unterscheiden sie sich nicht grundsätzlich von den älteren - eliminieren bestimmte Zellen des Immunsystems oder dämpfen ihre Aktivität, damit deren Angriffe im ZNS unterbleiben. Die genauen Wirkprinzipien, mit denen das erzielt wird, sind jedoch andere; und einige Patienten begrüßen es sehr, dass sie ihre Medikamente nicht spritzen müssen. Leiden Patienten trotzdem an einer hohen Schubrate, kann auch ein Antikörperpräparat oder ein Chemotherapeutikum (zur Schub- oder Dauerbehandlung) eingesetzt werden, was jedoch mit höheren Risiken für die Patienten durch belastende, in Einzelfällen auch schweren Nebenwirkungen verbunden sein kann. Drei Antikörperpräparate (Natalizumab, Ocrelizumab und Ofatumumab) werden in Dauertherapie eingesetzt, für ein weiteres (Alemtuzumab) genügen zwei kurze Behandlungsphasen für eine langanhaltende Wirkung.
Medikamente für primär-progredienter MS
Für Patienten mit primär-progredienter MS (PPMS) gab es lange Zeit trotz intensiver Forschung kein zugelassenes Basis-Medikament. Im Jahr 2018 kam erstmals ein solches Medikament heraus; das Präparat enthält den Antikörper Ocrelizumab und kann die Krankheitsaktivität dämpfen. Besonders bei jüngeren Betroffenen mit kürzerer Erkrankungsdauer und nachweisbarer Krankheitsaktivität kann das Fortschreiten der Erkrankung durch die Behandlung mit Ocrelizumab gebremst werden.
Lesen Sie auch: Präventive Maßnahmen gegen Demenz
Medikamente in Erprobung oder Zulassungsverfahren
Ein wichtiger Schwerpunkt der klinischen Forschung liegt 2024 wie auch in den vergangenen Jahren auf der Weiterentwicklung von immunmodulatorischen Substanzen, die das Voranschreiten der Behinderung effektiver unterbinden sollen. Durch Immunmodulatoren kann die Immunantwort im Körper beeinflusst und neu ausgerichtet werden. Sie können beispielsweise Botenstoffe sein, die therapeutisch eingesetzt werden, um die Kommunikation zwischen den Immunzellen zu beeinflussen. Ein weiterer Fokus liegt auf der Erforschung der Zelle, insbesondere der Rolle von T-Zellen und B-Zellen, um die Mechanismen der Autoimmunreaktion besser zu verstehen. Andere Studien zielen darauf ab, den Anwendungskomfort durch längere Anwendungsintervalle oder eine orale Verabreichung zu erhöhen.
Siponimod = BAF-312; zum Schlucken verhindert Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. Mayzent ist in der EU seit 01/2020 gegen sekundär progrediente MS zugelassen.
Ozanimod; zum Schlucken verhindert als S1P1- und S1P5-Rezeptorantagonist die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. OCREVUS ist in der EU seit 05/2020 gegen schubförmige MS zugelassen.
Ponesimod; zum Schlucken verhindert Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten in klinischer Erprobung, Phase III
Immunoglobulin Octagamk.
Symptomatische Therapie: Linderung von Beschwerden und Verbesserung der Lebensqualität
Damit sind alle Maßnahmen gemeint, die zur Besserung verschiedener Krankheitssymptome beitragen. Symptome wie erhöhte Muskelspannung (Spastik), Schmerzen und Erschöpfung sollen durch Medikamente und physiotherapeutische Maßnahmen gelindert werden.
Trotz aller neuer immunmodulierender Medikamente hat die Behandlung von Symptomen bei Multiple Sklerose nach wie vor eine zentrale Bedeutung. Entscheidend ist dabei, zusammen mit den Betroffenen zu erarbeiten, welche Symptome individuell besonders störend für die Lebensqualität sind, um daran die Behandlung auszurichten. Medikamente sind hierbei nur ein Teil des Behandlungskonzepts bei Multiple Sklerose. Als Beispiele seien Fampridin bei Gangstörung, Cannabis-Mundspray bei Spastik und Schmerz, Amantadin bei Fatigue, Antiepileptika bei neuropathischen Schmerzen oder Antidepressiva bei Depression genannt.
Symptombezogene Therapie ist medikamentöse und vor allem nicht medikamentöse Therapie, die nicht an den Ursachen, sondern an den Symptomen ansetzt. Einsatz von Hilfsmitteln, z.B.
Die Therapieziele sollen vor Beginn der Behandlung von Arzt und Patient gemeinsam festgelegt und auf die Bedürfnisse des Menschen mit MS abgestimmt werden.
Empfohlene Therapien bei MS-typischen Symptomen
Vermeidung spastikauslösender Ursachen (z.B. Bei funktionell beeinträchtigender Spastik ist zusätzlich eine medikamentöse Therapie mit Antispastika (z.B. Baclofen) möglich; wenn diese nicht ausreichend wirksam ist, kann ggf.
Zur Verbesserung der Mobilität helfen z.B. Gang- und Ausdauertraining (am Boden oder auf dem Laufband), gezieltes Muskeltraining und ggf. Gleichgewichtstraining (z.B. Spezielle Trainingsformen (z.B. Physio- und Ergotherapie; nach physio- bzw. ergotherapeutischer Erprobung können auch Eisanwendungen und Gewichte (z.B.
Bei starkem Tremor, der nicht medikamentös behandelt werden kann, ist auch eine tiefe Hirnstimulation (sog.
In der Regel nicht-medikamentöse Maßnahmen, z.B. Energiemanagement-Programme, kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeitstraining und Aufmerksamkeitstraining (ggf. Hilfreich sind auch körperliche Übungen (Ausdauertraining und Muskelaufbau) sowie kühlende Maßnahmen (z.B. In Einzelfällen kann eine medikamentöse Therapie erwögen werden, z.B.
Informationen über kognitive Einschränkungen und ggf. Kompensationstraining (z.B. Ggf. Auch achtsamkeitsbasierte Therapien (z.B.
Ggf. sexualmedizinische Therapie, z.B. Nicht-medikamentöse Therapie, z.B. Ggf. medikamentöse Behandlung, z.B. Ggf. invasive und operative Maßnahmen, z.B.
Kombination der Therapiesäulen für optimale Beschwerdefreiheit
Unterschiedliche Behandlungsformen der drei verschiedenen Therapiesäulen können miteinander kombiniert werden. Dadurch soll der Zeitraum der Beschwerdefreiheit möglichst lange ausgedehnt werden. Die symptomatische Therapie richtet sich nach den einzelnen Beschwerden. Die Intervalltherapie ist eine sogenannte Monotherapie, das heißt es wird nur ein Medikament zur Beeinflussung des Immunsystems zur gleichen Zeit eingenommen. Die Behandlungsdauer hängt von der jeweiligen Therapieform ab. Der akute Schub wird im Rahmen der Schubtherapie in der Regel über drei bis fünf Tage behandelt. Die Intervalltherapie hingegen ist eine Langzeittherapie, die eine Reduktion der Schübe bewirken soll. In Abhängigkeit vom Alter und dem Krankheitsverlauf dauert diese Behandlung daher meist mehrere Jahrzehnte.
Alternative Behandlungsansätze
Da MS bisher nicht geheilt werden kann und Nebenwirkungen bei der "schulmedizinischen" Therapie auftreten können, ist das Interesse an alternativen Behandlungsmöglichkeiten groß. Das Spektrum alternativer Ansätze reicht von Homöopathie über Nahrungsergänzungsmittel bis hin zu Diäten. Es werden auch unangenehme, sehr teure oder gefährliche alternative Behandlungen, z.B. mit Schlangentoxin, angeboten. Von solch riskanten Verfahren sollten Betroffene unbedingt Abstand nehmen.
Unterstützung und Hilfsmittel
Menschen mit MS können durch einen schweren Verlauf und zunehmende Einschränkungen pflegebedürftig werden. Sie sind dann möglicherweise auf Leistungen der Pflegeversicherung oder Hilfe zur Pflege vom Sozialamt angewiesen. Zur Unterstützung bei MS können Apps oder Webanwendungen bei der jeweiligen Krankenkasse angefragt werden. Eine ärztliche Verordnung und Kostenerstattung ist für alle im Verzeichnis des BfArM gelisteten digitalen Gesundheitsanwendungen möglich.
Der Weg zu einer individuellen Therapie
Für eine optimale medikamentöse Behandlung der MS ist es wichtig, dass Sie sich für einen frühzeitigen Behandlungsbeginn entscheiden. Die Therapieentscheidungen werden von Ärzten und Patienten gemeinsam getroffen und orientieren sich an der Schwere der Erkrankung und den Symptomen. Es ist ratsam, mindestens einmal im Jahr mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt über die persönliche Situation, Symptome und Therapieeffekte zu sprechen. Nach einem Schub oder wenn eine Therapie begonnen oder verändert wird, können zusätzliche Untersuchungen notwendig sein. Welche Untersuchungen das sind, ist abhängig von der jeweiligen Therapie.
Die richtige Immuntherapie für jede Verlaufsform zu finden, ist ein gemeinsamer Prozess zwischen Arzt und Patient. Dabei werden medizinische Voraussetzungen (Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen, Risikofaktoren) sowie persönliche Wünsche (Lebenssituation, Lebensplanung, Einstellung zu Medikamenten und Risiken) berücksichtigt. Vor Therapiebeginn erfolgt eine umfassende Aufklärung über die Stärken und Grenzen des Medikaments sowie mögliche Nebenwirkungen.