Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen. Allein in Deutschland sind rund eine halbe Million Menschen betroffen. Besonders hoch ist das Erkrankungsrisiko für Kinder und ältere Menschen. Epilepsie ist eine chronische Fehlfunktion des Gehirns. Der Begriff Epilepsie beschreibt keine einzelne Krankheit. Vielmehr äußern sich Epilepsien durch wiederkehrende epileptische Anfälle, die ganz verschieden ablaufen können: Von einer „Aura“ mit Angst oder Geruchswahrnehmungen bis zu Muskelzuckungen, Bewusstseinsverlust oder schweren tonisch-klonischen Anfällen. Manche Anfälle verlaufen so unauffällig, dass sie erst spät erkannt werden.
Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick darüber geben, wie man Epilepsie vorbeugen kann. Dabei werden sowohl allgemeine Maßnahmen als auch spezifische Risikofaktoren und Behandlungsmöglichkeiten berücksichtigt.
Was ist Epilepsie?
Epileptische Anfälle sind kurzzeitige Funktionsstörungen des Gehirns. Sie treten in der Regel schlagartig und unprovoziert (d.h. ohne erkennbaren Auslöser) auf und sind nach wenigen Sekunden bis Minuten wieder beendet. Das harmonische Zusammenspiel der Nervenzellen (Neurone) im menschlichen Gehirn wird plötzlich gestört und viele Nervenzellen entladen sich gleichzeitig und reizen entweder einzelne Hirnregionen oder beide Gehirnhälften. Dieser ungewohnte Impuls führt zum epileptischen Anfall. Seine Erscheinungsform und Ausprägung hängt dabei von der jeweils betroffenen Gehirnregion ab. Manche Patienten verspüren zum Beispiel nur ein leichtes Zucken oder Kribbeln einzelner Muskeln. Andere sind kurzzeitig „wie weggetreten“ (abwesend). Tritt der Anfall nur einmalig auf wird er als „Gelegenheitsanfall“ bezeichnet. Etwa 5-10% aller Menschen erfahren einmal in ihrem Leben einen solchen Gelegenheitsanfall. Ursachen hierfür können z.B. Fieberkrämpfe, Hirnverletzungen oder Epilepsie in der Familie erhöhen das Risiko. Auch Schlafmangel, Alkohol oder Lichtreize (z. B. Diskos) können Anfälle auslösen. Zwei Drittel der Patient*innen werden mit Medikamenten anfallsfrei. Bei dem übrigen Drittel spricht man von therapieresistenter Epilepsie. Hier kann eine Operation helfen.
Ursachen von Epilepsie
Die Ursachen reichen von strukturellen Hirnschäden (z. B. durch Trauma, Schlaganfall, Entzündung) bis zu genetischen Veränderungen. Auch metabolische und immunvermittelte Störungen können zugrunde liegen. Ohne direkt erkennbare Ursachen sind die idiopathischen Epilepsien. Es besteht bei diesen jedoch eine genetische Veranlagung. Bei den symptomatischen Epilepsien liegen stoffwechselbedingte oder strukturelle Fehlfunktionen vor. Zu diesen gehören beispielsweise Gehirnentzündungen, Hirnfehlbildungen, vorgeburtliche oder traumatische Schädigungen des Gehirns, Stoffwechselerkrankungen, Tumore oder Vergiftungen. Daneben kommen auch Epilepsien mit unbestimmtem Ursprung vor.
Arten von Anfällen
Expert:innen bezeichnen fokale Anfälle auch als partielle epileptische Anfälle. Diese Form der Anfälle geht von einem bestimmten Bereich des Gehirns aus. Bei einem einfachen fokalen Anfall haben Patient:innen keine Bewusstseinsstörung. Bei einem komplexen fokalen Anfall kommt es hingegen zu einer Bewusstseinsstörung. Generalisierte Anfälle sind nicht auf eine bestimmte Hirnregion eingrenzbar. Es sind beide Hirnhälften beteiligt. Die Anfälle werden meistens von einer Bewusstseinsstörung begleitet. Primär generalisierte Anfälle sind oft genetisch bedingt. Sekundär generalisierte Anfälle resultieren aus einer fokalen Epilepsieform.
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Allgemeine Maßnahmen zur Vorbeugung von Epilepsie
Obwohl nicht alle Formen von Epilepsie vermeidbar sind, gibt es einige allgemeine Maßnahmen, die das Risiko einer Erkrankung verringern können:
- Gesunde Lebensweise: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ausreichend Schlaf sind wichtig für die allgemeine Gesundheit und können auch das Risiko für Epilepsie senken.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Der Konsum von Alkohol und Drogen sollte vermieden werden, da diese Substanzen epileptische Anfälle auslösen können. Auch Schlafmangel und Stress können Anfälle provozieren.
- Schutz vor Kopfverletzungen: Kopfverletzungen sind eine häufige Ursache für Epilepsie. Daher ist es wichtig, sich vor Kopfverletzungen zu schützen, beispielsweise durch das Tragen eines Helms beim Fahrradfahren oder bei anderen sportlichen Aktivitäten.
Spezifische Risikofaktoren und Vorbeugung
Einige spezifische Risikofaktoren für Epilepsie können durch gezielte Maßnahmen beeinflusst werden:
Fieberkrämpfe bei Kindern
Fieberkrämpfe sind bei Kindern häufig und können in seltenen Fällen zu Epilepsie führen. Um das Risiko zu verringern, sollten Eltern bei Fieber ihres Kindes frühzeitig fiebersenkende Maßnahmen ergreifen. Rufen Sie den notärztlichen Dienst ebenfalls, wenn ein Kind an einem Fieberkrampf leidet, der länger als 5 Minuten dauert.
Hirnschäden
Hirnschäden, beispielsweise durch einen Schlaganfall oder eine Gehirnentzündung, können Epilepsie verursachen. Um das Risiko zu verringern, sollten Risikofaktoren für Schlaganfälle, wie Bluthochdruck und Rauchen, vermieden werden. Auch Gehirnentzündungen sollten frühzeitig behandelt werden.
Genetische Veranlagung
In einigen Fällen ist Epilepsie genetisch bedingt. Wenn in der Familie bereits Fälle von Epilepsie aufgetreten sind, ist das Risiko für eine Erkrankung erhöht. In diesem Fall kann eine genetische Beratung sinnvoll sein.
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Versteckte Entzündungen
Versteckte Entzündungen triggern gegebenenfalls irreguläre Nervenimpulse. So provozieren diese eine Erhöhung der Gefäßspannung und damit epileptische Anfälle. Durch eine gesunde Ernährung reduzieren Sie das Risiko. Achten Sie auf einen ausgeglichenen Blutzuckerspiegel. Reduzieren Sie die Zufuhr von kurzkettigen Kohlehydraten, die vor allem in Weißmehlprodukten wie Pasta, Brötchen und Kuchen stecken. Greifen Sie zu Produkten aus Vollkornmehl. Essen Sie Obst und Gemüse. In ihnen sind Antioxidantien enthalten. Diese natürlichen Radikalfänger reduzieren den oxidativen Stress. Achten Sie bei Ihren Nahrungsmitteln auf eine hohe Qualität. Entscheiden Sie sich für Bio-Fleisch-Produkte. Wenn Fleisch mit Hormonen belastet ist, verstärkt dies das Risiko versteckter Entzündungen im Körper. Greifen Sie zu Fisch. Insbesondere Meeresfische enthalten Omega-3-Fettsäuren. Diese essenziellen Stoffe, die den mehrfach ungesättigten Fettsäuren zuzuordnen sind, stellt der Körper selbst nicht her. Sie erfüllen jedoch wichtige Aufgaben. Die Docosahexaensäure etwa wirkt auf die Struktur und Funktion des Gehirns positiv ein. Sie hilft, Anfälle zu reduzieren. Vermeiden Sie zuckerhaltige Getränke, Kaffee und grünen oder schwarzen Tee.
Medikamentöse Behandlung zur Anfallskontrolle
Mit Medikamenten kann man epileptische Anfälle verhindern. Bei manchen Patientinnen und Patienten ist es schwierig, die perfekte Medikation zu finden. Aber es lohnt sich: je weniger Anfälle, desto geringer das Risiko für SUDEP (Sudden Unexpected Death in Epilepsy). Auch guter und ausreichender Schlaf sowie Alkoholverzicht können Anfälle verhindern.
Bei Epilepsien werden vor allem verschiedene verschreibungspflichtige Medikamente aus der Wirkstoffgruppe der Antiepileptika eingesetzt, um die Krampfanfälle des Gehirns zu therapieren. Epilepsie-Medikamente können Anfällen vorbeugen. Sie helfen jedoch nicht allen Betroffenen. Wenn man über mehrere Jahre anfallsfrei ist, können die Medikamente unter Umständen abgesetzt werden. Ein epileptischer Anfall entsteht, wenn Nervenzellen im Gehirn überaktiv sind. Epilepsie-Medikamente (Antiepileptika) wirken, indem sie diese übermäßige Aktivität hemmen. Antiepileptika heilen zwar nicht die Ursachen der Epilepsie. Sie können aber das Risiko senken, dass es zu Anfällen kommt. Die Medikamente gibt es als Tablette, Kapsel oder Saft. Manche können auch gespritzt, als Infusion oder als Zäpfchen angewendet werden. Antiepileptika können teils unangenehme Nebenwirkungen haben, werden in niedrigen Dosierungen aber oft gut vertragen. Daher ist es wichtig, bei jedem Menschen sorgfältig abzuwägen, ob eine Behandlung sinnvoll ist und wenn ja, welches Medikament in welcher Dosierung infrage kommt. Ob ein bestimmter Wirkstoff helfen wird, lässt sich nicht vorhersagen: Manche Menschen haben schon mit dem ersten Mittel keine Anfälle mehr. Bei anderen dauert es länger, bis sie die richtige Behandlung gefunden haben.
Zur Behandlung einer Epilepsie sind über 20 verschiedene Wirkstoffe zugelassen. Welche Mittel infrage kommen, hängt zunächst von der Epilepsieform ab. Auch die Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen spielen eine Rolle. Manche Menschen vertragen bestimmte Mittel besser als andere. Nicht zuletzt beeinflussen die Lebensumstände und persönliche Bedürfnisse die Entscheidung für eine Behandlung. In der Regel beginnt die Behandlung mit einem einzelnen Wirkstoff in einer niedrigen Dosierung. Reicht dies nicht, wird meist zunächst die Dosis gesteigert. Hilft auch das nicht ausreichend oder treten dabei starke Nebenwirkungen auf, wird ein anderer Wirkstoff eingesetzt. Häufig müssen mehrere Medikamente ausprobiert werden, um ein wirksames zu finden. Ziel der medikamentösen Behandlung ist es, Anfälle zu verhindern. Ist dies nicht möglich, wird versucht, zumindest ihre Zahl zu verringern. Medikamente helfen vielen Menschen mit Epilepsie, Anfälle dauerhaft zu vermeiden. Etwa 5 von 10 Personen werden schon mit dem ersten Medikament anfallsfrei oder haben seltener Anfälle. Insgesamt treten bei etwa 7 von 10 Menschen mit Epilepsie keine Anfälle mehr auf, wenn sie Medikamente einnehmen. Das bedeutet aber auch, dass Medikamente etwa 3 von 10 Menschen nicht ausreichend helfen. Sie haben trotz mehrerer Behandlungsversuche weiter regelmäßig Anfälle. Viele Patienten sind nach der ersten Diagnose verunsichert, wie sich ihr gewohntes Leben nach der Diagnose Epilepsie verändern wird. Allerdings ist diese Erkrankung heute dank guter Medikamente für viele Patienten nicht mehr sehr einschränkend im Lebensstil. Von fast allen Medikamenten gibt es sogenannte Generika. Bei einem Generikum handelt es sich um ein Medikament, das den gleichen Wirkstoff wie das Originalpräparat enthält. Allerdings ist es gesetzlich erlaubt, dass der Wirkstoffgehalt zwischen Original und Generikum etwas unterschiedlich sein darf. Auch bei den Hilfsstoffen und im Aussehen der Tablette kann es Unterschiede geben. Bei vielen Medikamenten ist es völlig unproblematisch, wenn mal das eine, mal das andere Generikum verschrieben wird. Jedoch hat eine aktuelle Studie bei Epilepsie-Patienten gezeigt, dass ein häufiger Wechsel, sowohl von Original zu Generikum als auch von Generikum zu Generikum, mit einem höheren Wiederauftreten von Anfällen verbunden ist. Insbesondere das andere Aussehen der Tabletten kann zu Einnahmefehlern und Verwechslungen führen, die den Therapieerfolg gefährden können.1 Daher sollte das Medikament, egal ob Original oder Generikum, auf das ein Patient gut eingestellt ist, nicht ausgetauscht werden. In der Regel weiß Ihr Arzt darüber Bescheid und kreuzt auf Ihrem Rezept das so genannte „aut idem“-Feld an bzw. ergänzt den Vermerk "Kein Austausch" und schließt so den Austausch aus. Damit ist die Apotheke verpflichtet, Ihnen genau das Medikament auszuhändigen, das der Arzt auf dem Rezept angegeben hat. Leider kommt es immer wieder vor, dass Medikamente in der Apotheke dennoch ausgetauscht werden. Sprechen Sie den Apotheker darauf an, bzw. halten Sie in einem solchen Fall Rücksprache mit Ihrem Arzt.
Es ist hilfreich, einen sogenannten Anfallskalender zu führen. Darin dokumentiert man, welche Medikamente man wann einnimmt, wann Anfälle auftreten und wie sie sich äußern. Dies kann es Ärztinnen und Ärzten erleichtern, den Krankheitsverlauf zu beurteilen. Vielen Menschen fällt es schwer, Medikamente über lange Zeit regelmäßig einzunehmen. Es gibt aber einige Strategien, die dabei helfen können: Man kann die Medikamente zu festen Zeiten, an bestimmten Orten oder bei täglichen Routinen einnehmen - zum Beispiel immer vor dem Zähneputzen. Oder die Erinnerungsfunktion des Handys nutzen. Wer mehrere Jahre anfallsfrei war, möchte die Medikamente häufig absetzen. Dies ist oft möglich: Es wird geschätzt, dass etwa 3 von 10 Menschen, die nach Beginn der Behandlung keine Anfälle mehr haben, die Medikamente nach einigen Jahren weglassen können, ohne dass es zu neuen Anfällen kommt. Ob ein Absetzen sinnvoll ist, hängt vor allem davon ab, wie hoch das Risiko für einen Rückfall ist. Die Entscheidung sollte zusammen mit einer Ärztin oder einem Arzt abgewogen werden.
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Medikamente und Schwangerschaft
Frauen mit Kinderwunsch fragen sich häufig, ob eine Schwangerschaft trotz Epilepsie möglich ist. Sie sorgen sich, dass Anfälle und Medikamente einem ungeborenen Kind schaden könnten. Die meisten Frauen mit Epilepsie bringen aber gesunde Kinder zur Welt. Wichtig ist, sich rechtzeitig ärztlich beraten zu lassen und sich auf eine Schwangerschaft vorzubereiten. Dies kann das Risiko für Komplikationen senken. Frauen mit Epilepsie sprechen am besten schon vor einer geplanten Schwangerschaft mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt. Es besteht auch die Möglichkeit einer genetischen Beratung. Es kann sein, dass die Behandlung der Epilepsie während einer Schwangerschaft angepasst werden muss. Je höher Antiepileptika dosiert sind, desto eher können sie zu Fehlbildungen des Kindes führen oder die Entwicklung seines Nervensystems verzögern. Dieses Risiko ist besonders im ersten Drittel der Schwangerschaft erhöht, also bis zur zwölften Woche. Deshalb wird versucht, die Dosis der Medikamente während der Schwangerschaft möglichst niedrig zu halten und Mittel zu vermeiden, bei denen ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen besteht. Ein einzelnes Medikament in niedriger Dosierung erhöht das Risiko für Fehlbildungen sehr wahrscheinlich nicht wesentlich. Wie bei jeder Schwangerschaft wird auch Schwangeren mit Epilepsie empfohlen, Folsäurepräparate einzunehmen, um das Risiko für Missbildungen zu senken. Einige Epilepsie-Medikamente können den Folsäurespiegel im Körper senken; dann wird die Einnahme höherer Dosen Folsäure empfohlen. Epileptische Anfälle schaden dem Kind in aller Regel nicht. Eine Ausnahme können lang anhaltende, generalisierte Anfälle sein, oder wenn sich eine Schwangere während eines Anfalls schwer verletzt.
Medikamente im Alter
Ein Drittel der Menschen mit Epilepsie erkrankt erst nach dem 60. Lebensjahr. Ältere Menschen sind oft anfälliger für Nebenwirkungen von Medikamenten. Dies gilt auch für Antiepileptika. Wenn man aufgrund anderer Erkrankungen weitere Medikamente einnimmt, können Wechselwirkungen zwischen Medikamenten auftreten. Als älterer Mensch ist es daher besonders wichtig, am besten nur ein Epilepsie-Medikament in möglichst niedriger Dosis einzunehmen.
Was tun bei einem Anfall?
Laien sind meist unsicher, wenn sie einen epileptischen Anfall miterleben. Der Neurologe versichert: „Das richtige Verhalten ist gar nicht so kompliziert.“ Grundsätzlich ist es am wichtigsten, Ruhe zu bewahren und die betroffene Person nicht allein zu lassen - auch nicht, um Hilfe zu holen. „Die meisten Anfälle sind nicht gefährlich und nach ein, zwei Minuten vorbei. Patienten sollten vor Verletzungen geschützt und aus Gefahrenbereich gebracht werden“, informiert Dr. Rakicky zur Ersten Hilfe bei einem Anfall. „Wichtig ist, auf den Kopf zu achten und möglichst eine Jacke oder ein Kissen darunter zu legen. Auf keinen Fall sollten Betroffene während ihres Anfalls festgehalten oder zu Boden gedrückt werden. Die Atemwege seien zudem möglichst freizuhalten - zum Beispiel durch eine Seitenlagerung. Sitzt die Kleidung am Hals eng, sollte sie gelockert werden. Nach dem Anfall ist es wichtig, die Atemwege zu kontrollieren. Bestehen Atemprobleme, muss der Notarzt gerufen werden. „Schauen Hilfeleistende während des Anfalls auf die Uhr, können sie dessen Dauer für den behandelnden Arzt dokumentieren“, sagt Dr. Rakicky. „Dauert ein epileptischer Anfall nämlich länger als fünf Minuten, handelt es sich um einen Notfall und ein Notarzt muss gerufen werden.“ Manche Menschen mit Epilepsie tragen ein Notfallmedikament bei sich.
SUDEP (Sudden Unexpected Death in Epilepsy)
SUDEP ist die Abkürzung für „Sudden Unexpected Death in Epilepsy“, auf Deutsch: plötzlicher unerwarteter Tod bei Epilepsie. Er ist die häufigste direkte Todesursache bei Epilepsie. Dehalb empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie Ärztinnen und Ärzten schon früh, mit Epilepsie-Patientinnen und Patienten und Angehörigen über den plötzlichen Tod bei Epilepsie sprechen. Denn: Eine gute Anfallskontrolle vermindert das Risiko.
Was passiert beim SUDEP im Körper?
Epileptische Krampfanfälle sind vielfältig: Je nach betroffener Region im Gehirn und der Epilepsie-Art unterscheiden sich die Anfälle. Der tonisch-klonische-Anfall ist für SUDEP am wichtigsten. Bei dieser Anfallsform sind beide Gehirnhälften betroffen. Zunächst verkrampfen sich Betroffene am ganzen Körper. Dann geht die Verkrampfung in Zuckungen über.
Nach dem Anfall, in der sogenannten „postiktalen Phase“ schlafen Betroffene häufig. Bei einem SUDEP hören Betroffene in dieser Phase auf, zu atmen, weil die Gehirn-Aktivität nach einem Krampfanfall niedrig ist. Im schlimmsten Fall so niedrig, dass das Gehirn kein Atem-Kommando mehr in den Körper schickt. Ohne Atmung gelangt kein Sauerstoff mehr ins Blut und das Herz hört auf zu schlagen.
Risikofaktoren für SUDEP
Grundsätzlich haben alle Patient:innen mit Epilepsie ein Risiko, an SUDEP zu sterben. Doch einige Dinge machen es wahrscheinlicher:
- Tonisch-klonische-Anfälle: Bei dieser Epilepsie-Form mit Verkrampfung und Zuckungen ist ein SUDEP häufiger.
- Anfälle in der Nacht: In der Nacht bemerken Hilfspersonen den Anfall seltener und können nicht helfen.
- Häufige Anfälle: Je häufiger die Krampfanfälle, desto höher ist das Risiko für SUDEP.
- Auf dem Bauch schlafen: In dieser Schlaf-Position bekommt der Körper schlechter Luft. Deswegen kann möglicherweise diese Position eine Atemstörung nach dem Anfall verschlimmern.
Maßnahmen zur Reduzierung des SUDEP-Risikos
- Weniger Anfälle, weniger SUDEP: Mit Medikamenten kann man epileptische Anfälle verhindern. Bei manchen Patientinnen und Patienten ist es schwierig, die perfekte Medikation zu finden. Aber es lohnt sich: je weniger Anfälle, desto geringer das Risiko für SUDEP. Auch guter und ausreichender Schlaf sowie Alkoholverzicht können Anfälle verhindern.
- Richtig schlafen: In Bauchlage ist es für den Körper schwieriger, zu atmen. Deswegen empfehlen manche Experten den Epilepsie-Betroffenen, nicht auf dem Bauch zu schlafen.
- Erste Hilfe nach dem Anfall: Wenn Betroffene einen Anfall haben, sollte man sie danach gut beobachten - mindestens eine Stunde lang. Atmet die Person? Schlägt das Herz regelmäßig? Bei ausbleibender Atmung gilt es, sofort den Notarzt zu rufen und eine Herz-Lungen-Wiederbelebung zu starten. Dazu drückt man dreißigmal auf die Mitte vom Brustkorb (4-6 cm tief). Dann beatmet man die Betroffene oder den Betroffenen zweimal mit der Mund-zu-Mund-Beatmung.
- Alarm beim Anfall: Damit Angehörige oder Pflegende im Notfall schnell helfen können, ist ein Alarmsystem gut. Tragbare Geräte oder Elektroden messen dabei die Körpersignale der Patientin oder des Patienten. Die International League against Epilepsy und International Federation of Clinical Neurophysiology rät Patientinnen und Patienten solche Geräte in Erwägung zu ziehen, um Anfälle zu erkennen.
Alarmsysteme zur Anfallserkennung
Damit Angehörige oder Pflegende im Notfall schnell helfen können, ist ein Alarmsystem gut. Tragbare Geräte oder Elektroden messen dabei die Körpersignale der Patientin oder des Patienten. Die International League against Epilepsy und International Federation of Clinical Neurophysiology rät Patientinnen und Patienten solche Geräte in Erwägung zu ziehen, um Anfälle zu erkennen.
- Bewegungs-Sensoren: Diese Sensoren bemerken Anfälle mit Zuckungen. Man befestigt sie am Körper. Es gibt auch Sensoren, die man am Bett installiert. Auch sie bemerken Bewegungen.
- Kameras: Eine Kameraüberwachung schlägt Alarm, wenn ihre automatische Analyse typische Krampfanfall-Bewegungen erkennt.
- Armbänder: Spezial-Armbänder messen mit Licht-Sensoren den Herzschlag und erkennen Unregelmäßigkeiten. Manche können auch messen, ob genug Sauerstoff im Blut ist. Herzschlag und Sauerstoffgehalt im Blut ändern sich bei Epilepsie-Anfällen, aber auch in anderen Situationen. Deswegen gibt es hier auch falschen Alarm.
- Spannungs-Messer: Auch Sensoren, die man auf die Haut klebt, können das Herz überwachen. Sie messen den Herzschlag und zeichnen ein EKG auf. Manche Sensoren messen die elektrische Gehirnaktivität und bemerken dann einen Anfall, den man mit bloßem Auge nicht bemerken kann. Man kann einige dieser Geräte in Deutschland kaufen.
Status epilepticus
Der Status epilepticus ist eine andere ernsthafte Komplikation der Epilepsie. Es handelt sich dabei um eine Serie von epileptischen Anfällen. Er kann bei langem Verlauf Schäden am Gehirn verursachen. Von einem „Status epilepticus“ spricht man, wenn ein generalisierter epileptischer Anfall länger als fünf Minuten dauert oder mehrere Anfälle rasch hintereinander auftreten. Dann handelt es sich um einen Notfall, der schnell medikamentös behandelt werden muss. Deshalb muss sofort der Rettungsdienst unter der 112 gerufen werden. Meist gibt die Notärztin oder der Notarzt zuerst ein Beruhigungsmittel (Benzodiazepin). Es wird in die Vene gespritzt, in die Wangentasche gegeben oder als Creme über eine kleine Tube in den After eingeführt. Danach ist eine Weiterbehandlung im Krankenhaus erforderlich.
Epilepsie im Alltag
Epilepsie beeinflusst den Alltag: Beruf, Mobilität und soziale Aktivitäten. Wichtig ist es, Auslöser zu kennen und zu meiden. Fahreignung und Arbeitssicherheit müssen ärztlich geprüft werden.
Beruf und Studium
Es gibt nur wenige Berufe, die Epilepsie-Patienten nicht erlernen oder nicht mehr ausüben können. Dazu gehören Berufe wie Pilot/in, Dachdecker/in, Polizist/in oder Berufsfahrer/in. Tritt die Erkrankung im Erwachsenenalter auf, ist in der Regel die Berufswahl bereits erfolgt. Ob Sie Ihren Arbeitgeber über die Epilepsie informieren oder nicht, ist weitestgehend Ihre Entscheidung. Sollten sie jedoch sich oder andere durch Ihre Erkrankung am Arbeitsplatz gefährden (z. B. durch das Bedienen von Maschinen), oder sind Sie nicht mehr in der Lage, Ihre Tätigkeit auszuüben, sind Sie verpflichtet, Ihrem Arbeitgeber Ihre Epilepsie zu melden. Das gilt auch für mögliche finanzielle Verluste, die dem Arbeitgeber durch die Erkrankung entstehen können (z. B. durch eine Fehlprogrammierung oder Fehlbedienungen von Maschinen). Hat die Epilepsie keine Auswirkungen auf Ihre Tätigkeit oder besteht schon eine lange Anfallsfreiheit, sind Sie nicht verpflichtet, dies Ihrem Arbeitgeber mitzuteilen.
Auch mit einer Epilepsie sind Reisen möglich. Informieren Sie sich rechtzeitig vor einer Flugreise, ob die Fluggesellschaft bestimmte Transportbedingungen für Menschen mit Epilepsie hat. Einige Fluggesellschaften fordern ein ärztliches Attest mit Angaben zu Ihrem Anfallstyp und den einzunehmenden Medikamenten. Es gibt auch einige wenige Fluggesellschaften, die eine Bescheinigung über eine Flugtauglichkeit verlangen. Informieren Sie sich ebenfalls über die richtige Medikamenten-Einnahme bei Zeitverschiebungen (siehe unten Fernreisen). Bei Fernreisen sollten Sie darauf achten, dass Ihr Tag-Nacht-Rhythmus nicht zu stark durcheinandergerät, da dies Anfälle provozieren kann. Passen Sie Ihren normalen Rhythmus daher möglichst langsam an die Zeitumstellung an. Auch bei der Einnahme von Medikamenten auf Fernreisen muss an die Zeitumstellung gedacht werden. Dies hängt davon ab, ob Sie nach Westen oder Osten reisen und um wie viele Stunden sich die Zeit für Sie verschiebt. Nehmen Sie ausreichend Medikamente mit. Zwar gibt es die meisten Medikamente in ganz Europa, jedoch heißen sie am Urlaubsort oft anders oder sind anders dosiert. Sich sein Medikament am Urlaubsort holen zu müssen, sorgt in der Regel nur für unnötigen Stress. Lassen Sie sich daher vor Reiseantritt eine ausreichende Menge an Medikamenten verschreiben und bitten Sie Ihren Arzt / Ihre Ärztin bei größeren Mengen um eine Bescheinigung für den Zoll. Auch sollten Sie Ihre Medikamente immer im Handgepäck mit sich führen, da es zu Verlust des aufgegebenen Gepäcks kommen kann. Besprechen Sie auch mit Ihrem Arzt / Ihrer Ärztin, ob es sinnvoll ist, Notfallmedikation mitzunehmen.
Sport
Regelmäßiger Sport trägt nicht nur zur körperlichen Fitness bei, sondern sorgt auch für seelische Ausgeglichenheit. Er trägt zur Steigerung des Selbstwertgefühls bei und kann sich positiv auf Konzentration und Koordination auswirken. Epilepsie-Patienten können also, wie alle anderen Menschen auch, regelmäßig Sport treiben. Es ist jedoch wichtig, ein paar Punkte bei der Auswahl des richtigen Sports zu bedenken. Wählen Sie eine Sportart, die Ihnen Spaß macht. Sportarten, bei denen jedoch Stürze drohen (z. B. beim Klettern) oder bei denen die Gefahr des Ertrinkens besteht (Wassersport), sollten nur nach sorgfältiger Rücksprache mit dem Arzt / mit der Ärztin betrieben werden.
Alkohol
Größere Mengen Alkohol erhöhen die Gefahr für einen epileptischen Anfall. Auch kann die Wirkung und einige Nebenwirkungen von Medikamenten durch Alkohol verstärkt werden. Umgekehrt kann regelmäßiger Alkoholkonsum dazu führen, dass Medikamente in der Leber schneller abgebaut werden und diese so an Wirksamkeit verlieren. Keinesfalls sollten Sie Ihre Medikamente nicht einnehmen, oder die Einnahme verschieben, wenn sie z. B. auf eine Feier eingeladen sind und vorhaben, Alkohol zu trinken.