Wie das Gehirn die Seele macht: Eine neurobiologische Perspektive

Das Buch "Wie das Gehirn die Seele macht" von Gerhard Roth und Nicole Strüber erfreut sich großer Beliebtheit und ist nun als Taschenbuch erhältlich. Es untersucht die neurobiologischen Grundlagen des menschlichen Geistes, der Persönlichkeit und psychischer Erkrankungen. Die Autoren präsentieren eine umfassende Analyse, die auf den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften basiert und neue Perspektiven auf die Psychotherapie eröffnet.

Einleitung: Die Verbindung von Gehirn und Seele

Die Frage, wie das Gehirn die Seele hervorbringt, beschäftigt Philosophen und Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Das Buch von Roth und Strüber schlägt eine Brücke zwischen Neurowissenschaften und Psychologie, indem es die komplexen Zusammenhänge zwischen neuronalen Prozessen und psychischem Erleben aufzeigt. Sie argumentieren, dass Psyche und Geist Teil der natürlichen Welt sind und nicht transzendentaler Natur.

Die Grundlagen: Aufbau und Funktion des Gehirns

Das Buch beginnt mit einer detaillierten Beschreibung des Aufbaus und der Funktionsweise des Gehirns. Es werden die verschiedenen Zelltypen (Neuronen) und ihre Vernetzung durch Synapsen erläutert. Die Autoren betonen, dass das psychische Geschehen untrennbar mit den Aktivitäten kortikaler und subkortikaler limbischer Zentren und deren Wechselwirkungen verbunden ist.

Das limbische System als "Sitz der Seele"

Das limbische System spielt eine zentrale Rolle bei der Auslösung und Kontrolle angeborener Verhaltensweisen wie Flucht, Erstarren, Verteidigung, Aggression, Stressregulation und elementarer affektiv-emotionaler Zustände wie Wut, Freude oder Trauer. Es beeinflusst auch grundlegende Persönlichkeitseigenschaften, die als Temperament bezeichnet werden.

Emotionale und kognitive Prozesse

Roth und Strüber beschreiben verschiedene Ebenen limbischer Funktionen. Auf der mittleren Ebene finden unbewusste Prozesse der Emotionsentstehung und -kontrolle, der Verhaltensbewertung und Konditionierung statt. Die obere, durch Areale der Großhirnrinde gebildete limbische Ebene hängt mit bewussten Gefühlen, Motiven und der Sozialisation zusammen. Diese Ebene ermöglicht Impulshemmung, Belohnungsaufschub, Empathie, Reflexion, Zielsetzung und Planung zukünftigen Handelns.

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Neurochemie der Emotionen

Die Autoren erläutern die Rolle von Neurotransmittern wie Serotonin, Acetylcholin, Dopamin, Noradrenalin und Neurohormonen wie Oxytocin, Vasopressin und Glucocorticoiden bei der Regulation von Emotionen und Verhalten. Ein Mangel an Serotonin kann beispielsweise Depressionen, Ängstlichkeit, Risikoscheu, reaktive Aggression und Impulsivität hervorrufen.

Die Entwicklung von Gehirn und kindlicher Psyche

Das Buch widmet einen wichtigen Abschnitt der Entwicklung des Gehirns und der kindlichen Psyche. Nach der Geburt wächst das Gehirnvolumen rasant weiter, hauptsächlich durch die Entwicklung von Verzweigungen und Synapsen. Neugeborene verfügen über grundlegende Emotionen wie Kummer/Sorge, Interesse, Wohlbehagen, Erschrecken/Furcht und Ekel, die sich im Laufe der psychosomatischen Entwicklung differenzieren und verfeinern.

Temperament und Persönlichkeit

Genom, frühkindliche Erfahrungen und Reifung bringen ein individuelles Temperament hervor, ein charakteristisches Muster der Reaktivität und Selbstregulation. Die Autoren diskutieren auch die traditionelle Lehre von den vier Temperamenten (Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker, Choleriker) und das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit (Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit).

Psychoneuronale Grundsysteme

Roth und Strüber beschreiben sechs psychoneuronale Grundsysteme: Stressverarbeitung, Selbstberuhigung, Bewertung, Belohnung bzw. Motivation, die zusammen das "unbewusste Selbst" bilden und durch das "kognitiv-kommunikative" Ich ergänzt werden. Diese Systeme sind entscheidend für die Art und Weise, wie ein Mensch mit körperlichen und psychischen Belastungen umgeht.

Epigenetik und Umwelteinflüsse

Die Autoren betonen, dass die Genexpression durch Umwelteinflüsse beeinflusst werden kann, insbesondere durch die Qualität der mütterlichen Fürsorge in der frühen Kindheit. Diese epigenetischen Prozesse können die Entwicklung des Gehirns und die Ausprägung der Persönlichkeit nachhaltig beeinflussen.

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Das Unbewusste und seine Bedeutung

Das Buch geht ausführlich auf das Konzept des Unbewussten ein, das von Sigmund Freud geprägt wurde. Freud versuchte vergeblich, eine Theorie des "seelischen Apparates" auf der Grundlage der Neuronentheorie zu entwickeln. Roth und Strüber argumentieren, dass viele Hirnvorgänge, die außerhalb der Großhirnrinde ablaufen, dem Bewusstsein unzugänglich sind. Sie postulieren, dass es keine bewussten Prozesse ohne damit verbundene neuronale Vorgänge gibt und dass Geist und Bewusstsein auf Prozessen im Gehirn beruhen, die größtenteils unbewusst oder vorbewusst ablaufen.

Bewusstsein als Konstrukt des Gehirns

Die Autoren betonen, dass unsere Erlebniswelt ein "Konstrukt" unseres Gehirns ist. Bewusstseinsprozesse schaffen einen mentalen Raum, in dem Körper, Welt und Ich direkt miteinander zu interagieren scheinen. Dieser mentale Raum ist Voraussetzung für komplexe Informationsverarbeitung, Problemlösen, Handlungsplanung und die Verankerung von Inhalten im deklarativen Langzeitgedächtnis.

Neurobiologische Grundlagen psychischer Erkrankungen

Ein wichtiger Schwerpunkt des Buches liegt auf den neurobiologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen. Neurowissenschaftler haben Zusammenhänge zwischen Depressionen und neurochemischen Auffälligkeiten sowie Änderungen in der Struktur bzw. Funktion verschiedener Hirnbereiche gefunden. Ähnliches gilt für andere psychische Erkrankungen wie posttraumatische Belastungsstörungen oder das Borderline-Syndrom.

Aktivitätsmuster im Gehirn

Mithilfe bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie können bei psychischen Erkrankungen wie Depression, Angststörungen, posttraumatischer Belastungsstörung, Zwangsstörungen, der Borderline-Persönlichkeitstörungen und der antisozialen Persönlichkeitsstörungen deutlich von der Norm abweichende Aktivitätsmuster nachgewiesen werden.

Die Wirksamkeit von Psychotherapie aus neurobiologischer Sicht

Roth und Strüber untersuchen die Wirksamkeit von Psychotherapien aus Sicht der Hirnforschung. Sie fokussieren auf die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlten Verfahren der Verhaltenstherapie und der psychodynamischen Therapieformen.

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Die therapeutische Allianz

Die Autoren betonen die Bedeutung der therapeutischen Allianz, also der Beziehung zwischen Patient und Therapeut. Diese Beziehung kann eine massive Ausschüttung von Oxytocin und endogenen Opioiden bewirken, was stärkend auf das Selbstberuhigungssystem und das Belohnungssystem wirkt und die Stressreaktion abschwächt.

Strukturelle Veränderungen im Gehirn

Psychotherapie kann nachweislich zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen. Bei schwereren psychischen Störungen, die auf einer Interaktion zwischen genetisch-epigenetischen Vorbelastungen und frühkindlichen negativen Erfahrungen beruhen, ist eine zweite, "implizite" Phase der Therapie notwendig, in der sich strukturelle Änderungen im Bereich der Basalganglien ergeben müssen.

Kritik an psychodynamischen Verfahren

Roth und Strüber nehmen kritisch zu den vorgeblichen Wirkfaktoren psychodynamischer Verfahren Stellung. Sie stellen fest, dass die Konzepte der Traumdeutung und des Ödipuskomplex jeglicher empirischer Fundierung entbehren und dass die Freud'sche Trieblehre eindeutig falsch ist.

Implizite Therapie und Neubildung von Nervenzellen

Die Autoren konstatieren, dass sich die im Gehirn des Patienten aufgrund frühkindlicher oder vorgeburtlicher Traumatisierung entstandenen strukturellen und funktionellen Dysfunktionen nur durch mühsames und langwieriges Aktivieren verschütteter Ressourcen, etwa im Selbstbild und auf Beziehungsebene, überlernen lassen. Sie sprechen von einer impliziten Therapie, einer Therapie der Neubildung von Fühl-, Denk- und Handlungsgewohnheiten, die sich vornehmlich in den Basalganglien vollzieht. Hier scheint die Neubildung von Nervenzellen in limbischen Strukturen eine Rolle zu spielen.

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