Schmerzen sind ein häufiges und oft unterschätztes nichtmotorisches Symptom bei Morbus Parkinson, das die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Trotz der hohen Prävalenz werden Schmerzen bei Parkinson-Patienten häufig nicht adäquat diagnostiziert und behandelt. Eine Therapieoption, die in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus gerückt ist, ist die Behandlung mit der Fixkombination aus retardiertem Oxycodon und Naloxon (Targin®). Dieser Artikel beleuchtet die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Targin® bei der Behandlung von Parkinson-assoziierten Schmerzen.
Parkinson-assoziierte Schmerzen: Ein unterschätztes Problem
Wie Untersuchungen zeigen, treten Schmerzen bei etwa 25 Prozent der Parkinson-Patienten bereits vor Diagnosestellung auf, in der Frühphase der Erkrankung bei etwa 40 Prozent. Zu den häufigsten Schmerztypen zählen muskuloskelettale Schmerzen (Häufigkeit 45-75%) und dystone Schmerzen (Häufigkeit 10-70%). Trotz ihres häufigen Auftretens werden Schmerzen beim Parkinson-Patienten oft unterdiagnostiziert und -behandelt; 40% der Patienten verbinden die Schmerzen nicht mit dem Parkinson-Syndrom und geben sie daher beim Arztgespräch nicht an.
Die PANDA-Studie: Ein wichtiger Meilenstein
Der Nutzen von Opioiden in der Schmerztherapie bei Morbus Parkinson wurde erstmals von Mundipharma speziell für die Fixkombination aus retardiertem Oxycodon und retardiertem Naloxon (Targin) in einer multizentrischen, doppelblinden und placebokontrollierten Phase-III-Studie geprüft. Diese Studie, bekannt als PANDA-Studie (Parkinson´s Disease Associated Pain), untersuchte über 16 Wochen die Wirksamkeit bezüglich Schmerzlinderung und Sicherheit der Therapie mit Targin vs. Placebo sowie die Effekte auf die Lebensqualität der Patienten. Primärer Endpunkt war der mittlere tägliche Schmerz-Score. Die Ergebnisse der PANDA-Studie, die auf dem Kongress der DGN vorgestellt wurden, zeigten, dass Targin® die Schmerzen von Menschen mit Morbus Parkinson deutlich verbessern kann.
Studiendesign und Ergebnisse im Detail
An der multizentrischen, doppelblinden, placebokontrollierten Studie nahmen 202 Parkinson-Patienten mit mittlerer bis schwerer Erkrankung (Schweregrad II-IV nach Hoehn & Yahr) teil, die unter starken Schmerzen litten (≥6 Punkte auf der numerischen Rating-Skala [NRS; 0=kein Schmerz bis 10=maximal vorstellbarer Schmerz]). Die Patienten hatten eine mittlere Schmerzdauer von 3,4 Jahren und einen mittleren Schmerzwert von 7,3. Sie erhielten zusätzlich zur laufenden Parkinson-Medikation entweder über 16 Wochen OXN PR (Titration auf ≤20 mg/10 mg, 2-mal täglich; n=93) oder Placebo (n=109).
Die Studie konnte nicht den vordefinierten primären Endpunkt erreichen.In der OXN-PR-Gruppe nahm der Schmerz-Score in den Wochen 1 bis 12 kontinuierlich ab, mit einem statistisch signifikanten Unterschied zu Placebo in den Wochen 4, 8 und 12 (p≤0,021). Der Schmerz-Score nahm in der maßgeblichen 16. Woche wieder leicht zu, sodass der Behandlungsunterschied gerade nicht mehr das geforderte Signifikanzniveau erreichte (p=0,058).
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Wurden bei der Analyse nur die Patienten einbezogen, die tatsächlich bis zum Ende behandelt wurden (Per-Protocol-Population), ergab sich auch in Woche 16 ein signifikanter Behandlungsunterschied (p=0,01). Auch hatten in Woche 16 unter OXN PR signifikant mehr Patienten mit einer Schmerzlinderung von ≥30% auf die Therapie angesprochen als unter Placebo (48% vs. 34%, p=0,021). Die Verminderung der Schmerzen war durchweg signifikant für schwere muskuloskelettale Schmerzen und starke nächtliche Schmerzen (Veränderung gegenüber dem Ausgangswert -2,34 vs. -1,52; p=0,023 und -2,82 vs. -1,55; p=0,010). Bei der Verbesserung des patientenbezogenen Gesamteindrucks (PGI-I) in Woche 16 gab es in der OXN-PR-Gruppe mit 38% signifikant mehr Responder als in der Placebo-Gruppe mit 27% (p=0,022). In absoluten Zahlen beurteilten 33/88 Patienten in der OXN-PR-Gruppe ihren Zustand als „viel“ oder „sehr viel“ besser und in der Placebo-Gruppe 28/105.
Verträglichkeit und gastrointestinale Funktion
Ein wichtiger Aspekt der PANDA-Studie war die Untersuchung der Verträglichkeit von Targin®. Die Ergebnisse zeigten, dass die Fixkombination gut verträglich ist und insbesondere schwere muskuloskelettale Schmerzen und Schmerzen in der Nacht lindert. Die nichtmotorische Beurteilungsskala NMSS zeigte keine negativen Effekte von OXN PR im Vergleich zu Placebo auf die gastrointestinale Funktion. Das ist relevant, weil Parkinson-Patienten krankheitsbedingt oft unter Obstipation leiden. In der Studie wurde lediglich eine leicht erhöhte Obstipationsrate beobachtet, ansonsten wurden keine weiteren Unterschiede bei den Nebenwirkungen zwischen den beiden Gruppen festgestellt.
Wirkungsweise von Targin®
Targin® kombiniert zwei Wirkstoffe: Oxycodon und Naloxon. Oxycodon ist ein Opioid-Analgetikum, das im zentralen Nervensystem (ZNS) wirkt, um Schmerzen zu lindern. Naloxon ist ein Opioid-Antagonist, der die unerwünschte Bindung von Oxycodon im Darm verhindert und anschließend rasch ausgeschieden wird. Durch diesen Mechanismus wird einer Opioid-induzierten Obstipation entgegengewirkt, während die analgetische Wirkung von Oxycodon im ZNS erhalten bleibt.
Anwendung und Dosierung von Targin®
Die Zweitlinientherapie nach Versagen der dopaminergen Therapie ist Oxycodon/Naloxon (Targin® Retardtabletten). Die Dosierung mit initial zweimal täglich 5 mg Oxycodon ist niedrig. Es ist wichtig zu beachten, dass die Tablette mit der 12-Stunden-Retardgalenik nur alle 24 Stunden zu geben. Dann entstehe kein Steady-state und der Patient erlebe jeden Tag einen Opioid-Entzug.
Weitere Studien und Erkenntnisse
Eine kleine, offene Studie, die unabhängig von der Herstellerfirma monozentrisch in Italien durchgeführt wurde, zeigte für Wirksamkeit und Verträglichkeit von OXN PR vergleichbare Ergebnisse. Hierbei erhielten 16 Parkinson-Patienten mit mittelstarken bis starken chronischen Schmerzen über acht Wochen als Analgetikum die niedrigste Wirkstärke von OXN PR (1-mal täglich 5 mg/2,5 mg in der ersten Woche; 2-mal täglich 5 mg/2,5 mg OXN PR über die restliche Studiendauer). Den primären Endpunkt einer Schmerzreduktion ≥30% in Woche 8 erreichten neun Patienten. In dieser Studie wurde eine Verbesserung der Darmfunktion durch OXN PR berichtet.
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Mögliche Nebenwirkungen und Risiken
Wie bei allen Opioiden können auch bei der Einnahme von Targin® Nebenwirkungen auftreten. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Übelkeit, Müdigkeit, Verstopfung und Schwindel. In seltenen Fällen kann es zu schwerwiegenderen Nebenwirkungen wie Atemdepression oder Abhängigkeit kommen. Es ist daher wichtig, dass die Behandlung mit Targin® unter ärztlicher Aufsicht erfolgt und die Dosierung individuell angepasst wird.
Als Nebenwirkungen einer Opioidbehandlung können unter anderem ein Schlafapnoesyndrom (Atemaussetzer), Tagesschläfrigkeit, Entzugssymptome, Verstopfung (opioid-induzierte Obstipation) und eine sogenannte opioid-induzierte Schmerzüberempfindlichkeit (Hyperalgesie) auftreten. Zudem besteht bei entsprechender Veranlagung die Möglichkeit einer Abhängigkeitsentwicklung. Daher sind Opioide nicht für Patienten geeignet, die bereits eine Abhängigkeitserkrankung haben.
Wichtige Hinweise zur Einnahme von Targin®
Nehmen Sie die Retardtabletten im Ganzen (unzerkaut) mit ausreichend Flüssigkeit (1/2 Glas Wasser) ein. Sie können diese zu den Mahlzeiten oder unabhängig von den Mahlzeiten einnehmen. Sie dürfen die Retardtabletten nicht teilen, zerkauen oder zerreiben. Nehmen Sie dieses Arzneimittel alle 12 Stunden nach einem festen Zeitschema (z.B. morgens um 8 Uhr, abends um 20 Uhr) ein.
Die Einnahme von Alkohol während der Behandlung mit "Oxycodon+Naloxon“ kann zu verstärkter Schläfrigkeit führen oder das Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen erhöhen, wie flache Atmung mit dem Risiko eines Atemstillstands und Bewusstseinsverlust. Es wird empfohlen, während der Einnahme von "Oxycodon+Naloxon“ keinen Alkohol zu trinken. Während der Einnahme von "Oxycodon+Naloxon“ sollten Sie den Verzehr von Grapefruitsaft vermeiden.
Nicht-interventionelle Studie zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von Targin®
Ziel dieser nicht-interventionellen Studie (NIS) ist es, die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Targin® in der Behandlung von starken Parkinson-assoziierten Schmerzen unter Praxisbedingungen zu dokumentieren. Hierbei soll insbesondere die Wirkung von Targin® auf die Schmerzintensität und der Effekt von Targin® auf motorische und nicht-motorische Symptome sowie die Schlafqualität der Patienten beobachtet werden.
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Ziele der NIS im Detail
- Wirkung von Targin® auf die durchschnittliche Schmerzintensität anhand des Item 5 der Brief Pain Inventory-Short Form (BPI-SF) gemessen mittels 11-stufiger numerischer Ratingskala (NRS).
- Responder Rate: Anteil der Patienten, die unter Targin® eine Reduktion ihrer durchschnittlichen Schmerzen (Item 5 der BPI-SF) um ≥ 30 % zwischen der Baseline- und der Kontrolluntersuchung (nach 8-12 Wochen) erreichen.
- Motorische Parkinson-Symptome, beurteilt anhand des Parts III der Unified Parkinson’s Disease Rating Scale (UPDRS).
- Nicht-motorische Parkinson-Symptome, beurteilt anhand der Non-Motor Symptoms Assessment Scale (NMSScale).