Ob im Kaffee, im Müsli oder im Joghurt: Zucker findet sich fast überall. Die meisten Menschen nehmen deutlich mehr Zucker zu sich, als ihnen guttut. Das ständige Verlangen nach Süßem ist ein weit verbreitetes Phänomen. Doch was genau löst es aus, und kann man wirklich von einer Zuckersucht sprechen? Obwohl die "Zuckersucht" keine anerkannte medizinische Diagnose darstellt, ist es wichtig zu verstehen, wie Zucker im Körper und im Gehirn wirkt, um bewusster mit dem eigenen Essverhalten umzugehen.
Die Rolle von Dopamin und dem Belohnungssystem
Zucker aktiviert im Gehirn die Bereiche, in denen Freude, Motivation und Wohlgefühl entstehen. Schon kleine Mengen lassen Glücksbotenstoffe wie Dopamin ansteigen. Das fühlt sich angenehm an - und das Gehirn „merkt“ sich diese Wirkung. Fachkräfte haben festgestellt, dass Zucker im Gehirn die gleichen Areale aktivieren kann wie Drogen und sexuelle Erregung. Der Süßmacher wirkt auf das Belohnungssystem des Gehirns und sorgt dafür, dass mehr Dopamin im Gehirn ausgeschüttet wird. Diese körpereigenen Stoffe lösen in uns das Verlangen aus, dieses Wohlgefühl, in diesem Fall hervorgerufen durch den süßlichen Geschmack, erneut herzustellen. Aus diesem Grund greifen wir vermutlich gerne zu Süßigkeiten wie Schokolade, vor allem wenn wir unglücklich oder gestresst sind.
Tierstudien haben gezeigt, dass Ratten ein Verlangen nach Zuckerwasser entwickeln können. Wurde den Tieren das Zuckerwasser vorenthalten, traten bei ihnen entzugsähnliche Symptome auf. Und: Je mehr Zucker die Ratten zu sich nahmen, desto mehr Zucker brauchten sie danach, um Glückshormone (in diesem Fall Dopamin) zu erzeugen. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Menschen, die viel Zucker zu sich nehmen, im Laufe der Zeit immer mehr Zucker benötigen, um den gleichen Effekt zu erleben.
Blutzuckerspiegel und seine Auswirkungen
Zucker lässt den Blutzuckerspiegel rasch ansteigen und liefert kurzfristig Energie. Fällt der Spiegel danach schnell wieder ab, folgen Müdigkeit und neue Lust auf Süßes. Dieser abrupte Abfall des Blutzuckerspiegels führt zu einem Energiemangel, der uns wieder zum Süßigkeitenschrank treibt. Ein wahrhaft teuflischer Kreislauf aus Zuckerhochs und -tiefs.
Der Einfluss des Darms und der Darmflora
Über Nerven und Hormone teilt der Darm dem Gehirn mit, wann wir Hunger haben oder satt sind. Zuckerreiche Lebensmittel können diese Signale stören, sodass der Körper häufiger Appetit meldet, obwohl er eigentlich versorgt ist. Bestimmte Darmbakterien lieben Zucker und sorgen dafür, dass wir Heißhunger auf Süßes haben. Sie senden Signale an unser Gehirn, um mehr Nachschub zu fordern. Es ist, als ob in unserem Darm kleine Gauner sitzen, die uns ständig anstiften, mehr Zucker zu essen.
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Ein faszinierender neuer Bericht beleuchtet genau diesen Punkt (Fayt, C., Morales-Puerto, N. & Everard, A. A gut microorganism turns the dial on sugar intake. Nat. Microbiol. 1-2.2025). Stellen Sie sich vor, Antennen für bestimmte Signale in der Darmschleimhaut arbeiten mit speziellen Darmbakterien zusammen und beeinflussen so die Zuckerliebe unseres Gehirns - wie kleine Puppenspieler, die uns unsichtbar leiten! Das geschieht auf unterschiedlichste geheimnisvolle Weisen: Stoffwechselprodukte der Darmbakterien gelangen in den Blutkreislauf, überqueren die Blut-Hirn-Schranke und sprechen direkt mit dem Gehirn. Darmbakterien flüstern den Immunzellen im Darm zu, Botenstoffe zu bilden oder kurzerhand selbst ins Gehirn zu wandern. Andere Bakterien stoßen Hormone durch endokrine Zellen im Darm aus, wie GLP-1, das durch den Blutkreislauf bis ins Gehirn tuckert. Aber halt, es ist keine Einbahnstraße! Das Gehirn spricht auch zurück, über die Hypothalamus-Hypophysen-Achse und den Vagusnerv. Es ist ein reger Dialog, eine Art feste Mikroben-Gehirn-Telefonleitung.
In den Zellen der Darmschleimhaut gibt es spezielle „Antennen“ oder Rezeptoren für freie Fettsäuren, die als Ffar4-Rezeptoren bekannt sind. Wissenschaftler haben entdeckt, dass diese Rezeptoren eine Verbindung zu unserer Vorliebe für Zucker haben. Bei Mäusen und Menschen mit Diabetes ist die Anzahl dieser Rezeptoren im Darm geringer, was zu höherem Blutzucker und mehr Verlangen nach Zucker führt. Interessanterweise spielt das Bakterium Bacteroides vulgatus hier eine wichtige Rolle. Dieses Bakterium produziert Pantothensäure (Vitamin B5), die den Zuckerhunger reduziert, besonders bei Mäusen, denen der Ffar4-Rezeptor fehlt. Zusammengefasst zeigen diese Erkenntnisse, dass der Ffar4-Rezeptor eine wichtige Rolle bei der Regulierung unseres Zuckerverlangens spielt.
Emotionale und gewohnheitsmäßige Aspekte
Heißhunger tritt häufig nach einer Mahlzeit oder am Abend auf, wenn der Körper zur Ruhe kommt. In solchen Momenten geht es meist nicht nur um den Geschmack - das Naschen dient eher als Belohnung oder emotionaler Ausgleich. Nach dem Naschen ärgern sich viele über sich selbst und nehmen sich vor, am nächsten Tag weniger zu essen. Solche Reaktionen zeigen, dass Zucker nicht nur den Körper beeinflusst, sondern auch Emotionen und Gewohnheiten prägt. Vom schnellen Energieschub über die Belohnung bis hin zum Trostpflaster: Zucker hat für viele von uns im Alltag zahlreiche Funktionen. Die Gewohnheit und emotionale Bindung an Süßes sind tief verankert und machen den bewussten Verzicht nicht leicht. Zusätzlich erschwert die ständige Verfügbarkeit den Umgang mit Zucker.
Individuelle Unterschiede in der Reaktion auf Zucker
Auch deutsche Suchtforscherinnen und Suchtforscher beschäftigten sich mit der Frage, ob Zucker süchtig macht. Prof. Dr. Falk Kiefer, leitender Oberarzt am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, hat mittels bildgebender Verfahren im Jahr 2012 festgestellt, dass das Gehirn adipöser Personen stärker auf Essenssignale in Form von Bildern süßer oder auch salziger Speisen reagiert als das Gehirn Normalgewichtiger. Vor allem stark zuckerhaltige Speisen aktivierten ihr Belohnungssystem. Das bedeutet, dass Menschen, wenn sie durch die Stadt bummeln oder in den Supermarkt gehen, die durch Süßwaren auf sie einwirkenden Reize unterschiedlich verarbeiten. Die Wissenschaft weiß jedoch noch nicht, ob die verstärkte Reaktion auf zuckerhaltige Speisen auf ein ungünstiges Essverhalten, eine genetische Veranlagung oder beides zurückzuführen ist. MRT-Scans haben gezeigt, dass adipöse Menschen weniger Dopamin-Rezeptoren in ihrem Gehirn haben als normalgewichtige Menschen.
Die Gefahren eines übermäßigen Zuckerkonsums
Wissenschaftler warnen vor einem erhöhten Zuckerkonsum. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, täglich maximal 50 Gramm Zucker zu sich zu nehmen. Dem schließt sich auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) an, die dazu rät, nicht mehr als 10 Prozent der täglich eingenommenen Energie in Form von Zucker zu verzehren. Zu viel Zucker kann bekanntlich zu Adipositas führen oder Diabetes begünstigen. Weniger bekannt ist allerdings: Ein hoher Zuckerkonsum fördert auch die Entstehung von Hirnkrankheiten wie Demenz.
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Zu viel Zucker im Blut kann auch die Blutgefäße schädigen. Durch den veränderten Insulinstoffwechsel können sich Ablagerungen in den Gefäßwänden bilden. So verengen sich mit der Zeit die Gefäße, die das Hirn mit Blut versorgen. Dadurch kann es dann zu einer Unterversorgung einzelner Hirnareale kommen. Langfristig könne die Gefäßverengung zu Demenz, Alzheimer und Schlaganfällen führen, erklärt Frank Erbguth, Präsident der deutschen Hirnstiftung, in einem Gespräch mit dem SWR. Indirektere Folgen können außerdem durch eine Diabetes-Erkrankung entstehen. Bereits seit den neunziger Jahren wissen Forschende, dass mit einer Diabetes Typ-2-Erkrankung auch das Demenzrisiko steigt. Dazu wird angenommen, dass dadurch auch der Glukose-Stoffwechsel in den Nervenzellen gestört wird. Damit steigt auch das Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung.
Trotz dieser Risiken bleibt aber der Konsum von Zucker hoch. In Deutschland liegt der jährliche Konsum von Zucker bei durchschnittlich 33 Kilogramm - fast doppelt so hoch wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) empfiehlt. Laut der DGE sollten lediglich zehn Prozent unserer Energiezufuhr mit Zucker gedeckt werden. Im Durchschnitt wären das etwa 18 Kilogramm im Jahr. Eine Möglichkeit, den Konsum zu senken, wäre eine Zuckersteuer. Diese habe in England seit ihrer Einführung 2018 bereits erste Erfolge erzielt, so Erbguth. Auch der Ersatz von Zucker durch verschiedene Süßungsmittel ist laut Experten nicht unproblematisch. Zwar enthalten sie keine Kalorien, doch neue Studien deuten an, dass durch den Konsum von Süßungsmitteln auch die Zahl an Gefäßerkrankungen zunimmt.
Neurotransmitter, Hormone und der Blutzuckerspiegel
Zu Beginn dieser Ermittlung stehen die Botenstoffe im Gehirn, die sogenannten Neurotransmitter, die Berühmtheiten unter den chemischen Botschaftern unseres Gehirns. Dopamin, das Euphorie-Molekül, spielt hier die Hauptrolle. Jedes Mal, wenn wir ein Stück Schokolade oder ein Bonbon essen, wird Dopamin ausgeschüttet, und unser Gehirn überflutet uns mit einem Gefühl des Wohlbefindens.
Doch die Neurotransmitter sind nicht allein in diesem Spiel. Hormone wie Insulin und Ghrelin sind ebenfalls tatkräftig beteiligt. Insulin regelt den Blutzuckerspiegel und flüstert uns zu: „Zeit für etwas Süßes.“ Ghrelin hingegen ist das „Hungerhormon“, das unsere Naschlust anheizt. Es ist, als ob unser Körper uns ständig zu einem Dessert überreden will.
Strategien für einen bewussteren Umgang mit Zucker
Wer versteht, wie Zucker im Körper und im Kopf wirkt, kann bewusster mit dem eigenen Essverhalten umgehen. Der wichtigste Schritt ist, aufmerksam zu werden: Wann greift man zu Süßem - aus Hunger, aus Gewohnheit oder um ein bestimmtes Gefühl zu erzeugen? Schon dieses Beobachten kann helfen, das Muster zu durchbrechen. Zucker steckt in vielen Lebensmitteln - und zwar oft mehr, als uns guttut. Es gilt, die zuckerliebenden Gauner auf frischer Tat zu ertappen und in Schach zu halten!
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