Procain Augentropfen: Wirkung, Anwendung und Hinweise

Procain ist ein Lokalanästhetikum, das durch die Blockade von Natriumkanälen in Nervenzellen wirkt. Es hemmt die Erregungsleitung und unterdrückt so Schmerzen. Ursprünglich für größere Eingriffe entwickelt, findet Procain heute vielfältige Anwendung, insbesondere in der Zahnmedizin und als Bestandteil von Ohrentropfen zur Schmerzlinderung.

Wirkmechanismus von Procain

Procain wirkt, indem es die spannungsabhängigen Natriumkanäle in den Nervenzellen blockiert. Diese Blockade verhindert den Einstrom von Natriumionen in die Nervenzellen, was die Depolarisation der Zellmembran und die Weiterleitung von Aktionspotenzialen unterbricht. Dadurch wird die Schmerzweiterleitung in den sensorischen Nervenfasern gehemmt.

Die Wirkung von Procain ist relativ kurz, da es schnell durch Esterasen im Blut zu inaktiven Metaboliten abgebaut wird. Im Vergleich zu moderneren Lokalanästhetika wie Lidocain hat Procain eine geringere Potenz und kürzere Wirkdauer, weshalb es heutzutage seltener verwendet wird.

Anwendungsgebiete von Procain

Procain ist indiziert als Lokalanästhetikum zur Infiltrations- und Leitungsanästhesie bei kleineren chirurgischen Eingriffen. Es dient dazu, Nervenblockaden zu setzen und Schmerzsignale zu unterdrücken. Obwohl es zunehmend durch modernere Lokalanästhetika ersetzt wird, findet Procain weiterhin Anwendung in verschiedenen Bereichen:

  • Lokalanästhesie: In der Zahnmedizin und bei kleineren Eingriffen zur örtlichen Betäubung.
  • Ohrentropfen: Zur Linderung von Ohrenschmerzen.
  • Neuraltherapie: In der Alternativmedizin zur Behandlung von Störfeldern im Körper.

Dosierung und Anwendung

Die Dosierung von Procain variiert je nach Anwendungsgebiet:

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Lokalanästhesie (Infiltrations- und Leitungsanästhesie)

  • Maximale Einzeldosis bei Geweben mit schneller Wirkstoffaufnahme: 500 mg Procainhydrochlorid (entspricht 50 ml Procain 1% oder 25 ml Procain 2%).
  • Maximale Einzeldosis bei Anwendung im Kopf-, Hals- und Genitalbereich: 200 mg Procainhydrochlorid (innerhalb von 2 Stunden).
  • Dosisreduktion bei bestimmten Vorerkrankungen: Patienten mit Gefäßverschlüssen, Arteriosklerose oder Nervenschäden sowie Patienten mit eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion sollten eine um ein Drittel reduzierte Dosis erhalten.

Ohrentropfen (Procain zur Ohrenschmerzlinderung)

  • Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren: 5 Tropfen pro Anwendung.
  • Kinder bis 14 Jahre: 2 bis 3 Tropfen pro Anwendung.
  • Tagesdosis: 3- bis 4-mal tägliche Anwendung der Einzeldosis.
  • Anwendungshinweise: Ohrentropfen körperwarm in den Gehörgang träufeln, 15 Minuten seitliche Ruhelage, danach optional Watteverschluss.
  • Behandlungsdauer: Maximal 5 Tage; bei ausbleibender Besserung nach 2 Tagen oder Verschlechterung sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Nebenwirkungen von Procain

Bei der Anwendung von Procain können dosisabhängig Nebenwirkungen auftreten, insbesondere im Bereich des Zentralnerven- und Herz-Kreislauf-Systems:

  • Zentralnervensystem: Missempfindungen um den Mund, Unruhe, Delirium und in schweren Fällen Krampfanfälle bei Überdosierung.
  • Herz-Kreislauf-System: Leichter Blutdruckabfall, EKG-Veränderungen (abgeflachte T-Welle, verkürzte ST-Strecke), bei Überdosierung potenziell kardiotoxische Effekte.
  • Allergische Reaktionen: Seltene Fälle von Urtikaria, Ödemen, Bronchospasmus oder Atemnotsyndrom.
  • Lokale Reaktionen: Schwellungen, Ödeme, Rötungen und Hämatome an der Injektionsstelle.
  • Pseudoallergische Reaktionen: Kontaktdermatitis mit Juckreiz, Rötung oder Blasenbildung.
  • Bei der Anwendung von Procain-Ohrentropfen: Sehr selten Hautreaktionen wie Rötungen, Juckreiz oder Nesselfieber (Urtikaria).

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Bei der Anwendung von Procain sind folgende Wechselwirkungen zu beachten:

  • Verlängerung der Wirkung: Procain kann durch nicht-depolarisierende Muskelrelaxanzien verlängert werden.
  • Verstärkung der Wirkung: Physostigmin verstärkt die Wirkung von Procain.
  • Verminderung der Wirksamkeit: Sulfonamide können die Wirksamkeit von Procain vermindern.
  • Erhöhte Toxizität: Procain sollte nicht mit Cholinesterase-Inhibitoren kombiniert werden, da diese den Procain-Metabolismus beeinflussen und die Toxizität erhöhen können.
  • Atropin: Die Zugabe kleiner Mengen Atropin kann die Anästhesie von Procain verlängern, möglicherweise durch eine Verringerung der Gewebepermeabilität.
  • Physostigmin: In niedrigen Dosierungen kann Physostigmin einen schützenden Effekt gegen toxische Wirkungen von Procain haben.
  • Inkompatibilität: Procain ist mit alkalischen Lösungen inkompatibel und sollte nicht mit diesen gemischt werden.
  • Pupillenerweiternde Augentropfen (Mydriatika): Bei Anwendung von Proparakain-POS 0,5 % kann die Wirkung von pupillenerweiternden Augentropfen (Mydriatika) verstärkt werden.

Anwendungshinweise und Vorsichtsmaßnahmen

Warnhinweise für Procain-Ohrentropfen

  • Augen und Nase: Procain-Ohrentropfen dürfen nicht in die Augen oder Nase gelangen. Bei Kontakt sofort mit reichlich Wasser ausspülen.
  • Orale Einnahme: Bei versehentlicher Einnahme kann es zu örtlicher Betäubung der Zunge und des Mundes kommen, was Schluckbeschwerden verursachen kann. In diesem Fall sollte der Mund gründlich mit Wasser gespült und ein Arzt kontaktiert werden.
  • Beschädigtes Trommelfell: Bei beschädigtem Trommelfell oder Verletzungen im Gehörgang kann die Anwendung schmerzhafte Beschwerden verursachen.

Warnhinweise für Procain-Injektionslösung

  • Vorsicht bei bestimmten Erkrankungen: Patienten mit Myasthenia gravis, Herzrhythmusstörungen oder Herzinsuffizienz sollten Procain nur unter Vorsicht erhalten.
  • Infektionen: Procain sollte nicht in infizierte Gewebe injiziert werden, da die Resorption erhöht sein kann.
  • Allergien: Bei bekannter Allergie gegen Procain besteht das Risiko von Kreuzallergien mit anderen Ester-Lokalanästhetika oder chemisch verwandten Substanzen.

Allgemeine Vorsichtsmaßnahmen

  • Dosierung: Grundsätzlich gilt, dass nur die kleinste Dosis verabreicht werden darf, mit der die gewünschte ausreichende Nervenblockade erreicht wird. Die Dosierung ist entsprechend den Besonderheiten des Einzelfalles individuell vorzunehmen.
  • Injektionstechnik: Es sollte nur von Personen mit entsprechenden Kenntnissen zur erfolgreichen Durchführung der jeweiligen Anwendung gespritzt werden.
  • Kontinuierliche Anwendung: Grundsätzlich gilt, dass bei kontinuierlicher Anwendung nur niedrig konzentrierte Lösungen von Procain angewandt werden.
  • Tachyphylaxie: Eine wiederholte Anwendung dieses Arzneimittels kann aufgrund einer Tachyphylaxie (rasche Toleranzentwicklung gegenüber dem Arzneimittel) zu reversiblen Wirkungseinbußen führen.
  • Einmalige Entnahme: Die Injektionslösung ist nur zur einmaligen Entnahme vorgesehen. Die Anwendung muss unmittelbar nach Öffnung des Behältnisses erfolgen.
  • Kreislaufüberwachung: Der anwendende Arzt wird vor der Anwendung grundsätzlich auf eine gute Auffüllung des Kreislaufes achten, eine sorgfältige Kreislaufüberwachung vornehmen und alle Maßnahmen zur Beatmung, Therapie von Krampfanfällen und zur Wiederbelebung zur Verfügung haben.
  • Paragruppenallergie: Ferner muss der Arzt von Ihnen erfahren, ob bei Ihnen eine allergische Reaktion auf andere Arzneistoffe aufgetreten ist, die chemisch mit Procain verwandt sind, da es dann auch zu einer allergischen Reaktion auf Procain kommen kann (Paragruppenallergie). Dies können z. B. sein Sulfonamide (bestimmte Gruppe von Antibiotika), orale Antidiabetika (Mittel bei Zuckerkrankheit), bestimmte Farbstoffe, Röntgenfilmentwickler oder andere Mittel zur örtlichen Betäubung.
  • Pseudocholinesterase-Mangel: Wenn bei Ihnen Procain nur äußerst langsam abgebaut werden kann, weil eine bestimmte Körpersubstanz nicht so aktiv ist (Pseudocholinesterase-Mangel), können Nebenwirkungen durch Procain eher auftreten.
  • Anwendung im Hals-Kopf-Bereich: Bei Anwendung im Hals-Kopf-Bereich besteht ein höherer Gefährdungsgrad, weil das Risiko für Vergiftungserscheinungen im Zentralnervensystem erhöht ist.
  • Blutgerinnungshemmer: Es ist zu beachten, dass unter Behandlung mit Blutgerinnungshemmern (Antikoagulantien, wie z. B. Heparin), nichtsteroidalen Antirheumatika oder Plasmaersatzmitteln nicht nur eine versehentliche Gefäßverletzung im Rahmen der Schmerzbehandlung zu ernsthaften Blutungen führen kann, sondern dass allgemein mit einer erhöhten Blutungsneigung gerechnet werden muss. Lassen Sie deshalb entsprechende Laboruntersuchungen vor der Anwendung durchführen.

Procain in Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangerschaft

Bisherige Studien haben bei der Anwendung von Procain im ersten Trimester der Schwangerschaft keine vermehrten fetalen Anomalien beobachtet. Es gibt jedoch keine umfassenden epidemiologischen Studien, die mögliche Risiken genauer untersuchen. Tierstudien bieten nur unzureichende Erkenntnisse über potenzielle reproduktionstoxische Effekte. Procain überwindet die Plazentaschranke schnell, jedoch scheint das Risiko für den Fetus gering zu sein, da der Wirkstoff rasch durch Esterasen abgebaut wird. Trotzdem sollte Procain in der Schwangerschaft nur nach sorgfältiger Abwägung der Risiken eingesetzt werden, auch wenn bisher keine schwerwiegenden Gefahren bekannt sind.

Stillzeit

Procain wird in die Muttermilch ausgeschieden, aber aufgrund des schnellen Abbaus durch Esterasen wird das Risiko für das Neugeborene als gering eingeschätzt. Bei kurzfristiger Anwendung ist in der Regel keine Stillpause nötig. Sollte eine wiederholte oder hochdosierte Behandlung erforderlich sein, wird jedoch empfohlen, das Stillen zu unterbrechen.

Alternativen zu Procain

Aufgrund seiner geringeren Potenz und kürzeren Wirkdauer im Vergleich zu moderneren Lokalanästhetika wird Procain heute seltener verwendet. Häufige Alternativen sind:

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  • Lidocain: Ein weit verbreitetes Lokalanästhetikum mit schneller Wirkung und guter Verträglichkeit.
  • Proparakain: Ein Lokalanästhetikum vom Ester-Typ, das in der Ophthalmologie zur kurzfristigen Oberflächenanästhesie am Auge eingesetzt wird.
  • Bupivacain: Ein lang wirkendes Lokalanästhetikum, das oft für größere Eingriffe oder zur Schmerztherapie verwendet wird.

Mesotherapie und Procain

Die Mesotherapie ist eine Behandlungsmethode, die Prinzipien der Akupunktur und Neuraltherapie mit der Arzneimitteltherapie vereint. Dabei werden individuell zusammengestellte Medikamente und Wirkstoffe epi- oder intradermal injiziert. Ein Lokalanästhetikum wie Procain oder Lidocain dient oft als Trägerlösung.

In der Mesotherapie wird Procain unter anderem zur Behandlung von Alterssichtigkeit (Presbyopie) eingesetzt. Durch Injektion in die Schläfenregion, um die Augen herum und in die Haut über den Halsadern soll die Versorgung der Augenregion gefördert und der Sklerosierung entgegengewirkt werden, was positive Effekte auf die Elastizität der Augenlinse und die Funktion des Ziliarmuskels haben kann.

Geschichte von Procain

Das Anästhetikum Procain wurde erstmals 1905 durch den deutschen Chemiker Alfred Einhorn hergestellt und durch den Chirurgen Heinrich Braun in die ärztliche Praxis eingeführt. Im Gegensatz zum davor eingesetzten Cocain wirkt Procain nicht mehr stimmungsaufhellend und suchterzeugend. Heute sind zahlreiche verwandte Lokalanästhetika auf dem Markt, die vorteilhaftere Eigenschaften haben, weswegen Procain nicht mehr so häufig verwendet wird.

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