Die Sorge um nachlassendes Gedächtnis und zunehmende Vergesslichkeit ist in der zweiten Lebenshälfte weit verbreitet. Während gelegentliche Vergesslichkeit normal sein kann, deutet eine stärkere Ausprägung auf ein ernsthaftes Problem wie Demenz oder Alzheimer hin. Um erste Hinweise auf eine mögliche Demenzerkrankung zu erhalten, kann der Uhrentest eingesetzt werden. Dieser Artikel erläutert die Durchführung, Bewertung und Bedeutung des Uhrentests im Rahmen der Alzheimer-Diagnostik.
Was ist der Uhrentest?
Der Uhrentest (engl. "clock drawing test") ist ein einfaches und schnelles Testverfahren, das in der Diagnostik von Demenzerkrankungen, insbesondere Alzheimer, eingesetzt wird. Er dient der Früherkennung einer Demenz, ist aber als alleiniges Testverfahren nicht ausreichend. Daher wird er in der Regel in Kombination mit anderen Tests zur Demenzdiagnostik wie dem Mini-Mental-Status-Test (MMST) oder dem DemTect verwendet.
Ziel des Uhrentests
Der Uhrentest untersucht verschiedene kognitive Bereiche, die bei einer Demenzerkrankung beeinträchtigt sein können. Dazu gehören:
- Instruktionsverständnis: Die Fähigkeit, Anweisungen zu verstehen und umzusetzen.
- Ausführungsplanung: Die Fähigkeit, eine Aufgabe zu planen und in einzelne Schritte zu unterteilen.
- Visuelles Gedächtnis: Die Fähigkeit, sich visuelle Informationen zu merken und wiederzugeben.
- Visuokonstruktive Ausführung: Die Fähigkeit, ein komplexes Muster (hier ein Ziffernblatt mit einer bestimmten Zeitangabe) zu erfassen und zu reproduzieren.
- Kognitive Funktionen sowie semantische Gedächtnisfunktionen Mit Uhrentests lassen sich vor allem visuell-räumliche Fähigkeiten gut untersuchen. Es wird auch davon ausgegangen, dass Defizite der kognitiven Funktionen sowie semantische Gedächtnisfunktionen mit diesem Test überprüft werden können. Anders ausgedrückt untersucht der Test die räumliche Wahrnehmung der Testperson, sowie das Gedächtnis und Fähigkeit, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten.
Durchführung des Uhrentests
Es gibt verschiedene Varianten des Uhrentests. In Deutschland wird häufig die Vorlage von Shulman (1993) verwendet, bei der die Testperson gebeten wird, in einen vorgegebenen Kreis die Zahlen "1" bis "12" so einzutragen, wie sie auf dem Ziffernblatt einer Uhr angeordnet sind. Anschließend soll sie den Minuten- und Stundenzeiger so einzeichnen, dass sie eine bestimmte Uhrzeit anzeigen (meist 11:10 Uhr).
Eine andere Variante ist der Uhrentest nach Sunderland et al. (1989), bei dem die Testperson auch das Ziffernblatt selbst zeichnen muss (also den Kreis).
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Die Testperson erhält ein Blatt Papier mit einem großen Kreis darauf. Der Arzt gibt die Anweisung: „Dieser Kreis soll eine Uhr sein. Zeichnen Sie die Zahlen und die Zeiger ein, so dass die Uhr die Zeit zehn nach elf anzeigt.“
Während die Testperson zeichnet, macht sich der Arzt Notizen: In welcher Reihenfolge geht die Testperson vor? Bereitet ihr das Zeichen Schwierigkeiten? Wo zögert sie? Muss sie häufig Korrekturen vornehmen?
Wichtig ist, dass die Testumgebung ruhig und ablenkungsfrei ist. Die Testperson sollte sich nicht gehetzt fühlen und ausreichend Zeit haben, die Aufgabe zu bearbeiten. Die Pflegekraft hilft dem Bewohner nicht. Die Pflegekraft achtet darauf, dass die Durchführung ungestört stattfinden kann und verhindert, dass Mitbewohner Tipps geben können. Der Bewohner erhält kein Zeitlimit.
Varianten des Uhrentests
Es gibt zahlreiche Varianten des Uhrentests, die in der Regel nach den Wissenschaftlern benannt sind, welche diese entwickelt, getestet und vorgeschlagen haben (Shulman, Sunderland, Watson). Sie unterscheiden sich leicht bei der Aufgabenstellung und der Auswertung.
- Uhrentest nach Shulman (1993): Hier wird die Testperson gebeten, in einen vorgegebenen Kreis die Zahlen und Zeiger einzuzeichnen.
- Uhrentest nach Sunderland et al. (1989): Hier muss die Testperson auch das Ziffernblatt selbst zeichnen.
- Uhrentest nach Watson: Dieses Auswertungsverfahren ist sehr standardisiert.
Auswertung des Uhrentests
Bei der Auswertung des Uhrentests wird nicht nur darauf geachtet, ob alle Ziffern und die beiden Zeiger an der korrekten Position stehen. Der Untersucher achtet auch auf folgende Aspekte:
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- Sind die Abstände zwischen den Zahlen annähernd gleich?
- Sind die Ziffern deutlich lesbar?
- Sind alle zwölf Zahlen vorhanden?
- Fehlen Zahlen oder wurden Zahlen ausgelassen?
- Hat der Bewohner zwei Zeiger eingetragen?
- Stimmen die Ziffern und ihre Position?
- Sind die Zeiger eingezeichnet?
- Stimmt die Uhrzeit?
- Hat die Testperson gezögert?
- Waren Korrekturen notwendig?
- Wie lange dauerte der Test?
- Verweigert die Patientin oder der Patient, überhaupt eine Uhr zu zeichnen, ist auch dies ein Ergebnis, das auf eine Demenzerkrankung hinweisen kann.
Je fortgeschrittener eine Demenz, desto schwieriger gestaltet sich der Uhrentest für die Betroffenen. Die gezeichnete Uhr wird immer unkenntlicher, die Ziffern und Zeiger werden falsch eingezeichnet oder fehlen sogar. Bei schwerer Demenz machen viele Patienten gar keine Versuche mehr, eine Uhr zu zeichnen. Manche schreiben stattdessen Wörter oder ihren Namen auf das Papier.
Bewertungsskalen
Das Ergebnis beim Uhrentest nach Shulman (1993) wird auf einer Skala von "1" (perfekt) bis "6" (keine Darstellung einer Uhr) bewertet. Die Uhrentest-Auswertung bei der Variante nach Sunderland et al. (1989) orientiert sich an einer Skala von "10" (korrekte Darstellung) bis "1" (nicht mehr als Uhr erkennbar). Das Auswertungsverfahren beim Uhrentest nach Watson ist sehr standardisiert. In jedem Viertel sollten jeweils die drei richtigen, lesbaren Zahlen zu finden sein. Für jedes Viertel, in dem ein Fehler gemacht wurde, werden Fehler-Punkte gezählt. Für die ersten drei Viertel jeweils ein Punkt, für das letzte Viertel vier Punkte. Bei drei oder mehr Punkten ist eine kognitive Einschränkung naheliegend.
Minutenzeiger-Phänomen
Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem sogenannten Minutenzeiger-Phänomen. Hierbei werden das Ziffernblatt mit seinen Zahlen und der Stundenzeiger korrekt dargestellt, der Minutenzeiger wird aber fehlerhaft platziert. Dieses Phänomen kann auf eine beginnende Demenz hinweisen.
Aussagekraft des Uhrentests
Der Uhrentest ist ein nützliches Instrument zur Früherkennung von Demenzerkrankungen. Er ist einfach durchzuführen, dauert nur wenige Minuten und kann von geschultem medizinischem Personal oder auch von Pflegekräften durchgeführt werden. Der Uhrentest liefert im Vergleich mit dem Mini-Mental-Status (ein anderer häufig benutzter Demenztest) meist dieselben Ergebnisse. Daher geht man davon aus, dass der Uhrentest verlässlich auf eine bestehende Demenzerkrankung prüft. Der Vorteil des Uhrentests liegt in seiner Unabhängigkeit von Sprache und Bildung. Er kann auch bei Menschen mit Migrationshintergrund oder geringer formaler Bildung aussagekräftige Ergebnisse liefern.
Allerdings hat der Uhrentest auch seine Grenzen. Er ist als alleiniges Testverfahren nicht ausreichend, um eine Demenz sicher zu diagnostizieren. Andere Erkrankungen können ähnliche Symptome hervorrufen wie eine Demenz. Daher ist es unerlässlich, bei einem positiven Befund weitere Untersuchungen (z.B. Laboruntersuchungen, bildgebende Verfahren) durchzuführen.
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Einflussfaktoren auf das Ergebnis
Verschiedene Faktoren können das Ergebnis des Uhrentests beeinflussen:
- Seh- oder Hörbeeinträchtigungen: Wenn die Testperson schlecht sieht oder hört, kann dies die Ergebnisse verfälschen.
- Bildungsniveau: Menschen mit höherer Bildung erreichen tendenziell bessere Werte.
- Kulturelle Faktoren: Manche Aufgaben sind kulturabhängig.
- Tagesform: Müdigkeit, Stress, Schmerzen oder Medikamente können die kognitive Leistung temporär beeinträchtigen.
- Ungeeignete Testumgebung: Lärm, Ablenkungen oder schlechte Lichtverhältnisse können die Testergebnisse verfälschen.
- Zeitdruck: Wenn die zu testende Person sich gehetzt fühlt, kann dies die Leistung negativ beeinflussen.
- Fehlende Standardisierung: Die Anweisungen müssen exakt nach Vorgabe gegeben werden.
Interpretation der Ergebnisse
Die Interpretation der Ergebnisse des Uhrentests sollte immer im Zusammenhang mit anderen Befunden und der individuellen Situation der Testperson erfolgen. Ein auffälliges Ergebnis im Uhrentest bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Demenz vorliegt. Es ist jedoch ein wichtiger Hinweis, der weitere Abklärungen erforderlich macht.
Weitere Tests zur Demenzdiagnostik
Neben dem Uhrentest gibt es weitere kognitive Tests, die in der Demenzdiagnostik eingesetzt werden:
- Mini-Mental-Status-Test (MMST): Der MMST ist ein standardisiertes Screening-Verfahren zur Beurteilung kognitiver Funktionen. Er erfasst verschiedene kognitive Bereiche wie Orientierung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Sprache.
- DemTect: Der DemTect wurde speziell für die deutsche Sprache entwickelt und ist besonders sensitiv für leichte kognitive Beeinträchtigungen.
- Montreal Cognitive Assessment (MoCA): Der MoCA ist ein umfassenderer kognitiver Test, der verschiedene kognitive Bereiche abdeckt und auch subtile Defizite aufdecken kann.
- Neuropsychologische Testung: Eine ausführliche neuropsychologische Testung kann weitere Informationen über die Art und den Schweregrad der kognitiven Beeinträchtigungen liefern.
Bedeutung des Uhrentests in der Demenzdiagnostik
Der Uhrentest ist ein wertvolles Instrument in der Demenzdiagnostik. Er ermöglicht eine schnelle und einfache Einschätzung der kognitiven Leistungsfähigkeit und kann dazu beitragen, eine Demenz frühzeitig zu erkennen. Je früher eine Demenz erkannt wird, desto besser können therapeutische Maßnahmen wirken und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden.
Der Uhrentest ist besonders sensitiv für Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen, die häufig bei frontotemporaler Demenz und vaskulärer Demenz auftreten.
Was tun bei Verdacht auf Demenz?
Wenn Sie den Verdacht haben, dass bei Ihnen oder einem Angehörigen eine Demenz vorliegt, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Der Arzt kann eine umfassende Diagnostik durchführen und die Ursache der Beschwerden abklären.
Je früher eine Demenz erkannt wird, desto besser können therapeutische Maßnahmen wirken. Es gibt verschiedene Medikamente, die den Verlauf der Demenz verlangsamen und die Symptome lindern können. Darüber hinaus können nicht-medikamentöse Therapien wie Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie die Lebensqualität der Betroffenen verbessern.
Anzeichen einer möglichen Demenz
Befürchten Sie, dass Ihr Gedächtnis nachgelassen hat? Haben Sie oft das Gefühl Dinge zu vergessen oder Gegenstände zu verlegen? In der zweiten Lebenshälfte kann Vergesslichkeit normal sein. Doch stärker ausgeprägt kann sie auf ein ernsthaftes Problem wie Demenz oder Alzheimer hinweisen.
Dieser Test ist lediglich dazu gedacht, eine Einschätzung von möglichen Symptomen und Verhaltensweisen bei Alzheimer-Erkrankten darzustellen.
- Ich vergesse, wo ich etwas hingelegt habe.
- Ich erkenne Plätze nicht wieder, an denen ich früher war.
- Ich finde es schwierig, den Inhalt eines Fernsehfilms zu verstehen.
- Wenn sich meine tägliche Routine ändert, fällt es mir schwer, mich an den neuen Ablauf zu gewöhnen.
- Ich muss häufiger noch einmal zurückgehen, um mich zu vergewissern, ob ich z. B. das Licht oder die Herdplatte ausgeschaltet habe.
- Ich weiß nicht mehr genau, was sich vor einem Tag oder einer Woche ereignet hat.
- Ich vergesse, Dinge (z. B. Geldbeutel, Versicherungskarte) mitzunehmen. Häufig muss ich deshalb zurückgehen.
- Ich vergesse häufig Dinge, die mir vor einem Tag oder vor ein paar Tagen gesagt wurden. Ich muss an sie erinnert werden.
- Ich beginne, etwas zu lesen, ohne zu bemerken, dass ich es schon einmal gelesen habe.
- Ich habe Schwierigkeiten, enge Verwandte oder Freunde wieder zu erkennen.
- Ich finde es schwer, ein neues Spiel zu erlernen.
- Ich kann häufig das richtige Wort nicht finden.
- Ich vergesse häufig, Dinge zu tun, die ich tun wollte.
- Ich vergesse wichtige Sachen, die ich gestern getan habe oder die sich gestern ereigneten.
- Beim Reden reißt mir der rote Faden ab.
- Ich verliere beim Lesen einer Geschichte in einer Zeitung oder in einem Buch den roten Faden.
- Ich vergesse, jemandem eine wichtige Botschaft zu übermitteln.
- Ich habe das Datum meines Geburtstages und/oder meinen Geburtsort vergessen.
- Ich bringe Dinge, die mir erzählt wurden, durcheinander. Ich kann sie nicht mehr in die richtige Reihenfolge bringen.
- Ich finde es schwer, alte Geschichten und lustige Begebenheiten zu berichten.
- Gewisse alltägliche Arbeiten kann ich nur mit Mühe durchführen. Manchmal weiß ich nicht mehr, wann oder wie ich die Arbeit durchführen soll.
- Bekannte Gesichter, die im Fernsehen oder in Zeitschriften erscheinen, sind mir plötzlich fremd.
- oder ich schaue an den falschen Orten nach ihnen.
- Ich finde einen vertrauten Weg, z. B. in einem oft besuchten Gebäude, nicht mehr.
- In einem Gebäude, in dem ich nur ein- oder zweimal war, habe ich Schwierigkeiten, mich zurechtzufinden.
- Ich wiederhole häufig, was ich gerade gesagt habe, oder ich stelle eine Frage zwei- bis dreimal.
Fallbeispiele
- Frau Schmidt (72) bemerkte seit einigen Monaten, dass ihr Mann (75) zunehmend vergesslich wurde. Er vergaß Termine, stellte dieselben Fragen mehrfach und hatte Schwierigkeiten, sich an Gespräche zu erinnern. Daraufhin wurde eine umfassende neurologische Diagnostik eingeleitet, die eine beginnende Alzheimer-Demenz bestätigte. Heute, drei Jahre nach der Diagnose, lebt Herr Schmidt noch immer zu Hause mit Unterstützung einer polnischen Betreuungskraft.
- Herr Müller (68) hatte vor zwei Jahren einen leichten Schlaganfall erlitten. Seine Tochter bemerkte danach zunehmende Orientierungsprobleme und Schwierigkeiten bei der Planung alltäglicher Aufgaben. Während Herr Müller im MMST noch 26 Punkte erreichte, zeigten sich beim Uhrentest deutliche Defizite: Die Zahlen waren ungleichmäßig verteilt, und die Zeiger zeigten nicht auf die richtige Uhrzeit. Eine MRT-Untersuchung bestätigte multiple kleine Infarkte im Gehirn. Durch Anpassung der Medikation, Physiotherapie und kognitives Training konnte eine weitere Verschlechterung verzögert werden.
- Professor Dr. Wagner (70), pensionierter Universitätsprofessor, bemerkte selbst, dass ihm zunehmend Fachbegriffe nicht mehr einfielen und er sich schwerer auf komplexe Texte konzentrieren konnte. Da die Beschwerden jedoch persistierten, führte der Neurologe zusätzlich den DemTect durch. Hier erreichte Professor Wagner nur 11 Punkte, was auf eine leichte kognitive Beeinträchtigung hindeutete. Weitere Diagnostik ergab eine beginnende Alzheimer-Demenz. Durch frühzeitigen Therapiebeginn und kognitive Stimulation konnte die Progression verlangsamt werden.
- Frau Hoffmann (80) zeigte zunehmende Verhaltensauffälligkeiten: Sie wurde misstrauisch, beschuldigte Angehörige des Diebstahls und zeigte Schwierigkeiten bei der Körperpflege. Die Kombination der Tests deutete auf eine mittelschwere Demenz hin. Eine ausführliche neuropsychologische Testung und Bildgebung bestätigten eine Alzheimer-Demenz im mittleren Stadium. Mit Pflegegrad 4 erhält die Familie 800€ Pflegegeld monatlich. Kombiniert mit der Verhinderungspflege und dem Entlastungsbetrag können die Kosten der Betreuung teilweise gedeckt werden.
Finanzielle Aspekte
Die Kosten für kognitive Tests wie den MMST werden in der Regel von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen, wenn ein begründeter Verdacht auf eine Demenzerkrankung besteht. Pflegegeld und Pflegesachleistungen können auch kombiniert werden.