Demenz ist eine der größten Herausforderungen im Gesundheitswesen, die Millionen von Menschen weltweit betrifft. Da es derzeit keine Heilung gibt, liegt der Fokus auf der Verlangsamung des Fortschreitens der Krankheit und der Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Methoden und Ansätze, die dazu beitragen können, den Verlauf der Demenz zu verlangsamen und die kognitiven Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten.
Einführung in die Kognition und ihre Bedeutung
Kognition ist ein Oberbegriff für verschiedene Prozesse im Gehirn, die als geistige Fähigkeiten beschrieben werden. Dazu gehören Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denk- und Problemlösefähigkeit sowie Sprachvermögen. Diese Fähigkeiten ermöglichen es, Informationen aufzunehmen, sich zu erinnern, sich auszutauschen, Neues zu lernen, zu planen, überlegte Entscheidungen zu treffen und Bewegungsabläufe zu koordinieren. Kognitive Fähigkeiten sind entscheidend, um auch im Alter und bei Pflegebedürftigkeit ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben zu führen.
Mit steigendem Alter verändern sich die Struktur und Funktion des Gehirns. Nervenzellen sterben ab, während sich andere neu bilden. Nicht genutzte Verbindungen im Gehirn werden schwächer, während viel genutzte Netzwerke sich verstärken oder durch neue Fähigkeiten erweitern können. Diese Anpassungsfähigkeit des Gehirns wird als neuronale Plastizität oder Neuroplastizität bezeichnet.
Einflussfaktoren auf die Entstehung von Demenz
Es gibt einige Erkenntnisse aus der Forschung darüber, welche Faktoren den Abbau kognitiver Fähigkeiten und die Entstehung einer Demenz beeinflussen können. Dazu gehören Alter, Geschlecht und genetische Veranlagung. Das Risiko, an Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter sowie mit genetischer Disposition und ist für Frauen höher als für Männer. Neben diesen feststehenden Faktoren gibt es andere, die beeinflussbar sind, wie z.B. körperliche Inaktivität, ungesunde Ernährung, soziale Isolation und mangelnde geistige Anregung.
Gesundheitsfördernde Lebensweise als Präventionsmaßnahme
Eine gesundheitsfördernde Lebensweise kann sich positiv auf die geistigen Fähigkeiten auswirken und das Demenzrisiko reduzieren. Zu einer solchen Lebensweise gehören körperliche Aktivität, eine ausgewogene Ernährung, soziale Einbindung und gezielte geistige Beanspruchung. Je früher mit der Prävention begonnen wird, desto wahrscheinlicher sind vorbeugende Effekte. Aber auch bei älteren pflegebedürftigen Menschen können präventive Maßnahmen die kognitiven Fähigkeiten fördern und das Risiko für Demenz reduzieren.
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Körperliche Aktivität und Sport
Bewegung im Alltag und Sport können dem Abbau von Nervenzellen und Ablagerungen in Gefäßen im Gehirn entgegenwirken. Gehirnzellen werden besser mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. Gezielte Belastung des Herz-Kreislauf-Systems durch Bewegung kann zudem die Bildung von Nervenzellen fördern.
Körperliches Training umfasst Bewegungsformen, die auf Kraft und Ausdauer abzielen. Dazu zählen Gehen, Schwimmen, Radfahren und Gymnastik. Es wird angenommen, dass Ausdauertraining die Netzwerke zwischen den Nervenzellen im Gehirn und damit die Kognition beeinflusst. Um eine positive Wirkung auf das Gedächtnis zu erzielen, sollte der Körper wenigstens 3-mal in der Woche für 30 bis 60 Minuten ins Schwitzen gebracht werden. Wichtig ist bei älteren pflegebedürftigen Menschen, dass die Dauer und Intensität nicht überfordern. Entscheidend ist zudem ein langfristiges Training.
Bei sensomotorischem Training werden Balance und Koordination geübt. Sie erfordern eine hohe Konzentration. Die Kombination verschiedener Bewegungsmuster benötigt verschiedene Muskelgruppen, die durch viele Nerven angesteuert werden. Jede einzelne Verbindung zwischen Nerv und Muskel liefert auch Informationen an das Gehirn. So entsteht ein ständiger Austausch von Informationen während der Bewegung, die das Gehirn trainieren. Beispiele hierfür sind Tanzen oder Tai-Chi. Das gleiche gilt für Dual-Task-Methoden, bei denen zwei Aktivitäten gleichzeitig ausgeführt werden. Dabei kann es sich sowohl um körperliche als auch um kognitive Übungen handeln.
Körperliches Training - insbesondere in der Gruppe - kann Menschen mit Demenz helfen, gesünder zu bleiben und ihre geistigen Fähigkeiten länger zu erhalten. „Durch körperliches Training werden nicht nur die Muskeln, sondern auch das Gehirn in Schwung gebracht“, erklärt Fleiner. „Die Durchblutung des Gehirns verbessert sich, wodurch mehr Sauerstoff und Nährstoffe transportiert werden. Die Nervenzellen werden besser versorgt und die Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden gestärkt und neu gebildet. Insgesamt wirkt körperliche Aktivität entzündungshemmend, stimmungsaufhellend und kognitiv anregend. Ähnlich wie beim Schlaf gibt es Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass demenzbedingte Abfallstoffe in den Zellen besser abtransportiert werden, wenn sich die Patienten mehr bewegen“.
Ernährung
Menschen, die sich gesund ernähren, haben Studien zufolge eine bessere geistige Leistungsfähigkeit als diejenigen, die dies nicht tun. Somit könnte eine gesunde Ernährung auch das Demenzrisiko verringern. Vorteilhaft für die geistigen Fähigkeiten sind Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, Olivenöl, Nüsse sowie pflanzliche Proteine und Fisch anstelle von rotem Fleisch. Sinnvoll ist auch eine Ernährung, die das Risiko für Bluthochdruck reduziert.
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Die Wirksamkeit einer bestimmten Ernährung zur Vorbeugung von kognitiven Einschränkungen oder Demenz ist bisher nicht belegt. Studien beschreiben lediglich, dass Menschen, die sich über eine längere Lebensspanne überwiegend mediterran orientiert ernähren, seltener an Demenz erkranken.
Soziale Kontakte und Unterstützung
Regelmäßige soziale Kontakte und soziale Unterstützung tragen zur Lebensqualität und allgemeinen Gesundheit bei. Sie haben auch Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten und tragen zur Vorbeugung kognitiver Einschränkungen im Alter bei. Diese Effekte lassen sich auch bei verschiedenen Übungsprogrammen in Gruppen nachweisen. In Bezug auf die Kognition sind diese meist erfolgversprechender als Einzelinterventionen. Da soziale Aktivitäten oftmals mit verschiedenen Tätigkeiten kombiniert sind, ist der genaue Einfluss auf die Prävention von Demenz bisher nicht bekannt. Aber klar ist: Für die Förderung der geistigen Fähigkeiten kommt es nicht so sehr darauf an, welche sozialen Aktivitäten stattfinden.
Geistige Aktivität und lebenslanges Lernen
Es gibt Hinweise darauf, dass lebenslanges Lernen und gezielte geistige Aktivitäten präventiv wirken. Dazu gehört zum Beispiel Kopfrechnen, Brett- und Kartenspiele, Musizieren oder die Teilnahme an Diskussionsgruppen. Dabei wird die Leistungsfähigkeit des Gehirns trainiert. Angenommen wird zudem, dass das Gehirn widerstandsfähiger gegen kognitive Abbauprozesse wird. Effekte können auch im mittleren und hohen Lebensalter sowie bei Pflegebedürftigkeit erzielt werden.
Kognitives Training und Stimulation
Es gibt verschiedene Methoden, die zum Ziel haben, einzelne geistige oder soziale Fähigkeiten oder auch die Kognition im Gesamten zu verbessern. Dazu gehört das kognitive Training mit spezifischen, angeleiteten und standardisierten Übungen. Beispiele sind Rätsel oder Gedächtnisaufgaben mit Zahlen, Wörtern oder Bildern. Einige Studien liefern Hinweise, dass kognitives Training die konkret beübten Funktionen verbessert. Erlernte Fähigkeiten können aber in der Regel nicht in den Alltag übertragen werden. Das trifft insbesondere auf ältere Menschen zu. So kann kognitives Training beispielsweise die Fähigkeit verbessern, sich eine Liste mit Worten zu merken. Das hilft aber nicht beim Erinnern, wohin der Schlüssel gelegt wurde. Wie mit speziellen Trainings ein konkreter Nutzen für den Alltag erzielt werden kann, wird noch erforscht. Einige wissenschaftlich erprobte, computerbasierte Programme zum Training der Kognition sind allgemein zugänglich, aber in der Regel kostenpflichtig. Über die Verbesserung einzelner geistiger Fähigkeiten hinaus, ist die Wirkung kognitiven Trainings zur Prävention von geistigem Abbau und Demenz bisher nicht eindeutig.
Beispiele für Gedächtnisübungen bei Demenz
- Sinne anregen: Schärfen Sie das Sehen im Alltag, indem Sie die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Farbe oder ein Muster lenken. Lassen Sie Geräusche erkennen, indem Sie Alltagsgegenstände nutzen. Aktivieren Sie den Tastsinn mit der Übung "Gegenstände erfühlen". Geben Sie Ihrem Angehörigen zum Beispiel ein wohlduftendes Stück Seife oder ein frisches Lavendelkissen zum Riechen.
- Erinnerungen wachrufen: Nutzen Sie vertraute Bilder von früher oder Gegenstände des Alltags, um Assoziationen zu wecken. Spielen Sie ein bekanntes Lied von früher ab und lassen Sie den Interpreten und/oder den Liedtitel erraten.
- Wortfindung trainieren: Helfen Sie Menschen mit Demenz, die oft nach bestimmten Wörtern suchen, indem Sie ihnen Zeit geben und gegebenenfalls Hilfestellungen anbieten.
- Konzentration fördern: Puzzles oder Memory-Spiele im größeren Format fordern und fördern die Konzentrationsleistung.
- Händegymnastik: Bewegen Sie Finger und Hände durch Gymnastik, um die Auge-Hand-Koordination zu verbessern und die kognitiven Leistungen positiv zu beeinflussen.
Weitere Maßnahmen zur Verlangsamung von Demenz
- Vermeidung von Risikofaktoren: Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum sind Risikofaktoren für Demenz. Zugleich erhöhen sie das Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und des Stoffwechsels, die wiederum das Demenz-Risiko erhöhen. Eine langfristig hohe Feinstaubbelastung in der Atemluft kann das Risiko einer Demenz erhöhen.
- Regelmäßige ärztliche Untersuchungen: Durch regelmäßige ärztliche Untersuchungen können Beeinträchtigungen und Erkrankungen, die das Risiko einer Demenz erhöhen, erkannt und behandelt werden. Zudem kann geklärt werden, ob eine genetische Veranlagung für Demenz vorliegt.
- Anpassung des Wohnraums: Durch eine demenzgerechte Umgestaltung des Wohnraums können Betroffene sich wohler und sicherer fühlen. Stichwort ist hier die Barrierefreiheit.
Orthomolekulare Medizin zur Demenz-Prävention
Die orthomolekulare Medizin setzt auf die gezielte Versorgung des Körpers mit optimalen Konzentrationen natürlicher Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralien, Aminosäuren, Fettsäuren etc.), um die Gesundheit zu erhalten und Krankheiten vorzubeugen. Studien zeigen, dass bestimmte Nährstoffe und Lebensstilfaktoren nicht nur das Fortschreiten einer beginnenden Demenz verlangsamen, sondern auch präventiv wirken können - vor allem, wenn sie frühzeitig und individuell abgestimmt eingesetzt werden.
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Wichtige Mikronährstoffe zur Demenz-Prävention
- B-Vitamine (B₆, B₁₂, Folsäure): Schützen Nervenzellen, senken Homocystein und beugen Hirnatrophie vor.
- Omega-3-Fettsäuren (DHA/EPA): Entzündungshemmende „Brain Food“-Fette, essentiell für Hirnmembranen und Synapsen.
- Vitamin D: Wichtig für Immunfunktion und Schutzmechanismen im Gehirn.
- Antioxidantien (Vitamin C, E, Selen): Neutralisieren freie Radikale im energiehungrigen Gehirn.
- Magnesium: Wichtig für die Signalübertragung zwischen Gehirnzellen und Gedächtnisbildung.
- Zink & Selen: Spurenelemente, essentiell für Wachstum und Reparatur von Nervenzellen.
- Coenzym Q10 & L-Carnitin: Unterstützen die Mitochondrien (Kraftwerke der Zelle).
- Lithium (Spurenelement): In sehr kleinen Mengen essentiell fürs Gehirn.
Psychologische und therapeutische Ansätze
- Verhaltenstherapie: Die psychologische Verhaltenstherapie kann sowohl für Erkrankte als auch für Angehörige sinnvoll sein, um ihr Verhalten aktiv zu steuern und durch Erinnerungsbrücken ihren Alltag gezielter zu organisieren.
- Erinnerungstherapie: Gezielte Gespräche allein oder in der Gruppe rufen mit Hilfe von Fotos, Büchern und persönlichen Gegenständen positive Erinnerungen an frühere Lebensabschnitte wach. Dadurch behalten Demenzkranke sehr lange das Gefühl für die eigene Identität und fühlen sich im Alltag sicherer.
- Kunst- und Musiktherapie: Menschen mit Demenz genießen die Möglichkeit, sich musikalisch oder kreativ auszudrücken, so durch Zeichnungen oder Bastelarbeiten, wenn die Sprache bereits in weiten Teilen versagt.
- Gartentherapie: Durch die Gartentherapie kann ein neues Selbstwertgefühl entstehen. Betroffene werden aktiv, nehmen am Leben teil und tun Dinge, die sie erfreuen und Erinnerungen wachrufen.
Medikamentöse Behandlung
Der geistige Verfall bei Alzheimer lässt sich zwar nicht stoppen, aber in vielen Fällen immerhin verlangsamen. Früh eingesetzt, haben Acetylcholinesterase-Hemmer einen positiven Effekt, in späteren Stadien kann die Kombination mit Memantin sinnvoll sein. Die zur Therapie des Morbus Alzheimer zugelassenen Medikamente können die Progression der Erkrankung letztlich nicht aufhalten.
Tipps für mehr Bewegung im Alltag von Demenzkranken
- An alte sportliche Vorlieben anknüpfen: Lassen Sie Bekanntes wiederaufleben und schauen Sie, welche sportlichen Aktivitäten jetzt noch möglich sind und wer die oder den Erkrankten dabei begleiten kann.
- Den Alltag aktiv gestalten: Versuchen Sie, Routinen zu schaffen, indem Sie Verabredungen mit Familie und Freunden auch aktiv gestalten, beispielsweise durch Wanderungen oder Spaziergänge.
- Es sich leicht machen: Bauen Sie körperliche Aktivität möglichst niederschwellig in den Alltag ein.
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