Wie lange bleibt Cannabis im Gehirn nachweisbar? Eine umfassende Analyse

Mit der zunehmenden Legalisierung und dem medizinischen Einsatz von Cannabis rückt die Frage nach der Wirkungsdauer und Nachweisbarkeit von THC, dem psychoaktiven Hauptwirkstoff, immer stärker in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet, wie lange Cannabis im Gehirn nachweisbar bleibt, welche Faktoren die Nachweisdauer beeinflussen und welche Konsequenzen dies insbesondere im Straßenverkehr hat.

Die Wirkung von THC auf das Gehirn

Schon wenige Sekunden nach dem Konsum von Cannabis macht sich die Wirkung bemerkbar. Beim Inhalieren gelangt der Wirkstoff THC von der Lunge ins Blut und verteilt sich im ganzen Körper. Im Gehirn bindet THC an Rezeptoren, die normalerweise für körpereigene Cannabinoide reserviert sind. Da die Menge an Wirkstoff beim Kiffen aber um ein Vielfaches größer ist als die Menge an körpereigenen Cannabinoiden, fühlen sich Konsumierende berauscht. THC beeinflusst zentrale Hirnregionen wie den Hippocampus (Gedächtnis), den präfrontalen Cortex (Impulskontrolle) und das Belohnungssystem (Motivation, Emotionen), was zu veränderter Wahrnehmung, Euphorie oder gesteigerter Kreativität führen kann.

Die akute Wirkung von Cannabis hält etwa zwei bis drei Stunden an. Der Abbau von THC erfolgt teilweise in der Lunge, hauptsächlich aber in der Leber. THC und seine Abbauprodukte werden schließlich über Stuhl und Urin ausgeschieden.

Faktoren, die die Nachweisdauer beeinflussen

Die Nachweisdauer von THC im Körper ist von verschiedenen Faktoren abhängig:

  • Konsumhäufigkeit: Chronischer Konsum führt zu einer Anreicherung von THC im Fettgewebe, was die Nachweisdauer erheblich verlängert.
  • Konsummenge: Je mehr Cannabis konsumiert wird, desto länger dauert es, bis der Körper den Wirkstoff abgebaut hat.
  • Konsumart: Die Art der Einnahme beeinflusst die Nachweisbarkeit. So lässt sich THC im Urin im Schnitt noch sechs Tage später nachweisen, wenn Cannabis in Form von Keksen gegessen wird.
  • Stoffwechsel: Individuelle Unterschiede im Stoffwechsel spielen eine Rolle. Aktivitäten, die dazu führen, dass THC verstärkt aus dem Fettgewebe freigesetzt wird, können den THC-Level im Blut beeinflussen.
  • Körperliche Aktivität: Sport kann Einfluss auf den THC-Level im Blut haben. Bei Dauerkiffern führte schon 35 Minuten moderates Indoor-Fahrradtraining dazu, dass die THC-Konzentration im Blut für zwei Stunden messbar zunahm.
  • Ernährung: Eine Diät kann den THC-Spiegel im Blut beeinflussen. In einer Studie mit Ratten zeigten Tiere, die auf Diät gesetzt wurden, noch bis zu zwei Tage nach der THC-Behandlung signifikant höhere THC-Werte auf als Tiere einer Kontrollgruppe.
  • Genetische Veranlagung: Die genetische Ausstattung bestimmt, ob jemand ein „schneller“ oder „langsamer“ Metabolisierer ist. Menschen mit bestimmten Varianten der CYP-Enzyme bauen THC im Blut langsamer ab, sodass THC-COOH und andere Abbauprodukte länger nachweisbar sind.

THC kann für gewöhnlich etwa bis zu fünf Stunden im Blut und bis zu zehn Stunden im Urin nachgewiesen werden. Bei chronischem Konsum können jedoch noch Tage oder sogar Wochen später Reste von THC und seiner Abbauprodukte nachgewiesen werden. Ein Grund hierfür ist die gute Fettlöslichkeit von THC. Das bedeutet, THC lagert sich im Fettgewebe an.

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Nicht-linearer Verlauf der THC-Konzentration im Blut

Eine Studie aus Australien mit 21 Cannabisabhängigen lieferte erstaunliche Werte. Bisher ging man davon aus, dass die THC-Konzentration im Blut nach dem letzten Konsum schnell auf eine Restmenge von etwa zwei bis drei Nanogramm pro Milliliter abfällt und dann langsam weiter abgebaut wird. Dies scheint aber nicht immer der Fall zu sein. Denn neben diesem typischen Profil fand das australische Forschungsteam bei einigen Teilnehmenden selbst am siebten Tag nach dem letzten Konsum Konzentrationen von bis zu vier Nanogramm THC pro Milliliter im Blut.

Es gab sogar Verläufe, bei denen die Werte nicht gleichförmig abfielen, sondern nach mehreren Tagen kurz wieder anstiegen. Dies scheint bei starken Kiffern nicht untypisch zu sein. So ließ sich in einer Studie aus den USA bei einzelnen Probanden noch einen Monat nach dem letzten Joint THC im Blut nachweisen, obwohl ihre Blutproben ein paar Tage zuvor negativ waren.

Nachweiszeiten in verschiedenen Körperflüssigkeiten

Die Nachweisbarkeit von THC variiert je nach Körperflüssigkeit:

  • Blut: THC ist im Blutplasma etwa vier bis sechs Stunden nachweisbar. Das Stoffwechselprodukt THC-Carbonsäure lässt sich bei einmaligem Konsum ein bis drei Tage, bei mehrmaligem Konsum drei bis sieben Tage und bei regelmäßigem Konsum über mehrere Wochen nachweisen.
  • Urin: Der Urintest ist das am häufigsten angewendete Verfahren, da THC-Carbonsäure hier deutlich länger nachweisbar ist. Bei einmaligem Rauchen kann der Nachweis 24 bis 36 Stunden, bei mehrmaliger Einnahme fünf bis sieben Tage und bei chronischem Missbrauch sogar mehrere Wochen positiv sein.
  • Haare: Theoretisch lassen sich die Abbauprodukte des THC beim Haarwachstum in die Haarmatrix einbauen und dort besonders lange nachweisen. Allerdings ist die Haaranalyse ein sehr fehleranfälliges Verfahren.

THC im Straßenverkehr: Das Null-Toleranz-Prinzip

Die langen Nachweiszeiten von THC sind besonders relevant, wenn Konsumierende sich hinters Steuer setzen. Im Straßenverkehr gilt das Null-Toleranz-Prinzip für Cannabis. Wer Auto oder Motorrad fährt, hat sicherzustellen, dass keinerlei Beeinträchtigung von etwaigem Cannabiskonsum ausgeht.

In der deutschen Rechtsprechung hat sich der Wert von einem Nanogramm pro Milliliter Blut etabliert. Zuletzt hat das Oberverwaltungsgericht in Nordrhein-Westfalen diesen Grenzwert bestätigt, nachdem zuvor die Grenzwertkommission empfohlen hatte, die Schwelle auf drei Nanogramm hochzusetzen. Das Gericht begründet seine Entscheidung damit, dass auch bei einem Grenzwert von einem Nanogramm „nicht in jedem Einzelfall mit der erforderlichen Gewissheit ausgeschlossen werden kann, dass Beeinträchtigungen von verkehrssicherheitsrelevanten Fähigkeiten der Betroffenen vorliegen.“ Im Klartext: Die Fahrtüchtigkeit könnte auch bei dem niedrigeren Grenzwert eingeschränkt sein.

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Vielkiffer sollten daher davon ausgehen, dass auch mehrere Tage nach dem letzten Konsum noch THC-Konzentrationen nachgewiesen werden können, die zum Führerscheinverlust führen. Um den Führerschein zurückzubekommen ist in der Regel eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) notwendig.

Medizinisch-psychologisches Gutachten bei Führerscheinentzug

Um den Führerschein nach einem Entzug aufgrund von Cannabiskonsum zurückzuerlangen, ist in der Regel eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) notwendig. Diese Untersuchung ist nicht einfach zu bestehen. Ein hoher Prozentsatz der Prüflinge fällt beim ersten Mal durch. 2016 wurden 35 Prozent der Begutachteten als „ungeeignet“ eingestuft, sechs Prozent immerhin als „nachschulungsfähig“. Die Kosten einer MPU müssen von den begutachteten Personen übrigens vollständig selbst getragen werden.

Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung bei Jugendlichen

Besonders heikel kann der THC-Konsum in der Jugend sein. Das Gehirn reift bis in die Mitte der 20er-Jahre - Nervenzellen werden umgebaut, Synapsen gekappt, neue Verbindungen gestärkt. Je häufiger konsumiert wurde, desto ausgeprägter waren die Veränderungen. Die betroffenen Hirnareale enthalten besonders viele CB1-Rezeptoren - also die Andockstellen für THC. Die Forschenden vermuten, dass THC auf diesem Weg direkt in die Hirnentwicklung eingreift. Langfristiger Konsum - vor allem in jungen Jahren - kann strukturelle Veränderungen begünstigen: Die Großhirnrinde könnte sich ausdünnen, der Hippocampus an Volumen verlieren.

Wechselwirkungen mit Alkohol

Alkohol beschleunigt den Abbau der grauen Substanz und beeinträchtigt die Entwicklung der weißen Substanz, also jener Bereiche, die für Denken, Lernen und Kommunikation zwischen Nervenzellen wichtig sind. Besonders betroffen sind Hirnregionen wie der Frontallappen und das Kleinhirn. Cannabis verändert ebenfalls die Hirnstruktur, vor allem im Hippocampus und der Großhirnrinde. Die Veränderungen sind jedoch meist weniger stark ausgeprägt - und manche Effekte, etwa auf Gedächtnis oder Aufmerksamkeit, können sich nach längerer Abstinenz zurückbilden.

Medizinischer Nutzen von Cannabinoiden

Während der Freizeitkonsum mit Risiken einhergeht, können Cannabinoide im medizinischen Kontext ihr therapeutisches Potenzial entfalten. THC wird unter anderem bei chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose oder Übelkeit infolge einer Chemotherapie eingesetzt. Die Zukunft der medizinischen Cannabisanwendung liegt darin, die Cannabis-Wirkung gezielter zu steuern.

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CBD als Gegenspieler von THC

CBD (Cannabidiol) wirkt im Gehirn auf eine ganz andere Weise als THC - beruhigend, ausgleichend und ohne berauschende Effekte. Laut aktuellen Studien beeinflusst CBD bestimmte Hirnregionen, die für Emotionen, Stressverarbeitung, Impulskontrolle und Gedächtnis zuständig sind. Bildgebende Verfahren zeigen: CBD verbessert die Kommunikation zwischen Frontalhirn und tieferliegenden Strukturen wie dem Striatum oder dem limbischen System - Areale, die bei psychischen Erkrankungen oft aus dem Takt geraten.

Fazit

Der Cannabiswirkstoff THC kann üblicherweise noch mehrere Stunden nach dem letzten Konsum in Blut und Urin nachgewiesen werden. Das Abbauprodukt THC-COOH ist sogar noch mehrere Tage im Urin nachweisbar. Bei häufigem Konsum können sich die Nachweiszeiten allerdings auf mehrere Tage oder sogar Wochen verlängern. Grund ist die Fettlöslichkeit von THC und seiner Abbauprodukte.

Für chronische Kiffer dürfte es somit generell riskant sein, sich hinters Steuer zu setzen, solange sie ihren Konsum nicht gänzlich einstellen oder nur noch sehr selten konsumieren. Zum einen ist die Unfallgefahr nachweislich erhöht. Zum anderen müssen sie im Falle einer Polizeikontrolle damit rechnen, ihren Führerschein zu verlieren.

Konsumenten sollten sich der individuellen Unterschiede beim Abbau und der möglichen Nachweisbarkeit bewusst sein, um die Risiken und Konsequenzen ihres Konsums besser einschätzen zu können.

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