Propranolol ist ein vielseitiger Wirkstoff aus der Gruppe der Betablocker, der in verschiedenen medizinischen Bereichen Anwendung findet. Ursprünglich zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt, hat sich Propranolol auch in der Migräneprophylaxe als wirksam erwiesen. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise, Anwendungsgebiete und den Wirkungseintritt von Propranolol bei Migräne, um ein umfassendes Verständnis dieser Therapieoption zu ermöglichen.
Was ist Propranolol?
Propranolol ist ein nicht-selektiver Beta-Adrenozeptor-Antagonist, der sowohl Beta-1- als auch Beta-2-Rezeptoren blockiert. Es gehört zur Klasse-II der Antiarrhythmika und wird primär zur Behandlung von Hypertonie und Herzrhythmusstörungen eingesetzt. Die Entwicklung kardioselektiver Betablocker hat jedoch dazu geführt, dass Propranolol heutzutage vor allem bei anderen Erkrankungen eingesetzt wird.
Anwendungsgebiete von Propranolol
Propranolol wird in der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere bei arterieller Hypertonie, koronarer Herzkrankheit (z. B. Angina pectoris) und tachykarden Herzrhythmusstörungen (z. B. Vorhofflimmern, Sinustachykardie) angewendet.
Weitere Indikationen umfassen:
- Primäres Angstsyndrom
- Migräneprophylaxe
- Essenzieller Tremor
- Hyperthyreose
Anwendungsart und Dosierung
Propranolol ist in verschiedenen Formen erhältlich, darunter Filmtabletten, Retardtabletten, Lösungen zur oralen Einnahme und Ampullen zur parenteralen Zubereitung. Die Filmtabletten sind vor den Mahlzeiten und die Retardtabletten (morgens) unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit einzunehmen. Die orale Lösung sollte während oder unmittelbar nach einer Nahrungsaufnahme mittels einer graduierten Oralspritze direkt in den Mund des Kindes gegeben werden, um das Risiko einer Hypoglykämie vorzubeugen.
Lesen Sie auch: Symptome und Behandlungsmethoden bei eingeklemmtem Nerv
Die intravenöse Injektion soll langsam, entsprechend 1 ml Injektionslösung pro Minute, unter fortlaufender Kontrolle von Puls, Blutdruck und EKG erfolgen. Die Injektionslösung darf nur so lange angewendet werden, bis die Herzrhythmusstörungen unter Kontrolle sind. So bald als möglich sollte die Therapie mit oralen Darreichungsformen fortgesetzt werden.
Die Dosierung variiert je nach Anwendungsgebiet:
- Arterielle Hypertonie: Initial werden 80 - 120 mg Propranololhydrochlorid pro Tag, aufgeteilt in zwei bis drei Einzeldosen als Filmtabletten, empfohlen. Bei Bedarf kann die Tagesdosis auf 160 - 240 mg erhöht werden.
- Koronare Herzkrankheit, tachykarde Herzrhythmusstörungen: Die Anfangsdosis beträgt 120 mg Propranololhydrochlorid, aufgeteilt in drei Einzeldosen. Bei Bedarf kann die Tagesdosis auf 160 - 240 mg erhöht werden.
- Reinfarktprophylaxe: Die Behandlung sollte zwischen dem 5. und 21. Tag nach dem Myokardinfarkt mit 120 mg Propranololhydrochlorid, aufgeteilt in drei Einzeldosen, über 2 - 3 Tage begonnen werden.
- Hyperkinetisches Herzsyndrom: Die empfohlene Dosis liegt bei 30 - 120 mg Propranololhydrochlorid, aufgeteilt in drei Einzeldosen.
- Essenzieller Tremor, Migräneprophylaxe, Symptomatische Therapie des primären Angstsyndroms: Die übliche Anfangsdosis beträgt 80 - 120 mg Propranololhydrochlorid, aufgeteilt in zwei bis drei Einzeldosen.
- Hyperthyreose: Die empfohlene Dosis liegt bei 30 - 160 mg Propranololhydrochlorid, aufgeteilt in drei bis vier Einzeldosen.
- Arrhythmien bei Kindern und Jugendlichen: Die Dosierung ist individuell festzulegen. Die Orientierungsdosis liegt bei 0,25 - 0,5 mg/kg Körpergewicht drei- bis viermal täglich.
- Proliferative infantile Hämangiome: Die Initialdosis beträgt in der ersten Woche zweimal täglich 0,5 mg/kg Propranolol (Base). In der zweiten Woche wird zweimal täglich 1 mg/kg und ab der dritten Woche zweimal 1,5 mg/kg als Erhaltungsdosis empfohlen.
- Akut bedrohliche supraventrikuläre und ventrikuläre Arrhythmien: Initial werden in der Regel 1 mg Propranololhydrochlorid langsam intravenös über 1 Minute injiziert.
Bei stark eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion ist die Elimination von Propranolol reduziert, weshalb eine Dosisreduzierung erforderlich sein kann.
Wirkmechanismus von Propranolol
Propranolol ist ein nicht-selektiver Beta-Adrenozeptor-Antagonist, der sowohl Beta-1- als auch Beta-2-Rezeptoren kompetitiv blockiert. Durch die Blockade der Beta-1-Rezeptoren am Herzen wird die Wirkung von Katecholaminen wie Adrenalin und Noradrenalin gehemmt, was zu einer Senkung der Herzfrequenz, des kardialen Auswurfvolumens und des Blutdrucks führt.
Die Blockade der Beta-2-Rezeptoren in der glatten Muskulatur hemmt die Vasodilatation und kann zu einer Erhöhung des Tonus der Bronchial- und Gefäßmuskulatur führen. Zusätzlich hemmt Propranolol die Reninfreisetzung in den juxtaglomerulären Zellen der Niere, was den RAAS-Signalweg (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System) dämpft und den Blutdruck weiter senkt.
Lesen Sie auch: Taubheitsgefühl nach zahnärztlichem Eingriff: Ein Leitfaden
Propranolol besitzt zudem eine membranstabilisierende Wirkung, die antiarrhythmische Eigenschaften verleiht, indem es die Erregungsleitung und Reizbildung im Herzmuskel verringert. Dadurch wirkt es antianginös, antihypertensiv und antiarrhythmisch.
Pharmakokinetik von Propranolol
Nach oraler Gabe wird Propranolol zu mehr als 90% aus dem Gastrointestinaltrakt resorbiert. Die Bioverfügbarkeit beträgt jedoch nur 34-46% aufgrund eines ausgeprägten First-pass-Effekts in der Leber. Maximale Plasmaspiegel (Tmax) werden nach ca. 1-2 Stunden erreicht.
Die Plasmaproteinbindung beträgt ca. 90%, und das Verteilungsvolumen liegt bei 3,6 l/kg. Propranolol ist lipophil und passiert die Blut-Hirn-Schranke.
Die Ausscheidung von Propranolol und seinen Metaboliten erfolgt zu >90% renal, wobei weniger als 1% unverändert eliminiert wird. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt 3-4 Stunden.
Besondere Hinweise zur Pharmakokinetik:
Lesen Sie auch: Verlauf von Parkinson im Endstadium
- Leberfunktionsstörung: Bei eingeschränkter Leberfunktion ist die Metabolisierung reduziert, was zu einer erhöhten Wirkstoffexposition und einer verlängerten Halbwertszeit führt. Eine Dosisreduktion ist erforderlich.
- Nierenfunktionsstörung: Bei schwerer Niereninsuffizienz ist die renale Elimination verzögert; die Wirkung kann verstärkt und verlängert sein.
- Alter: Bei älteren Patienten kann die Pharmakokinetik von Propranolol leicht verändert sein; daher sind engmaschige Kontrollen notwendig.
- Interaktionen: Medikamente, die CYP450-Enzyme hemmen (z. B. Cimetidin) oder induzieren (z. B. Rifampicin), können die Plasmaspiegel von Propranolol beeinflussen.
Propranolol in der Migräneprophylaxe
Die Prophylaxe der Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit, Intensität und Dauer der Migräneattacken zu reduzieren. Die Betablocker Propranolol und Metoprolol haben eine hohe Evidenz für ihre Wirksamkeit in der Migräneprophylaxe. In einer Metaanalyse reduzierte Propranolol die Kopfschmerztage bei episodischer Migräne um durchschnittlich 1,5 Tage pro Monat.
Die aktuelle „S1-Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ aus dem Jahr 2022 empfiehlt Propranolol (40 - 240 mg/Tag) zur Prophylaxe der chronischen Migräne. Den Betablocker heben sie zudem als medikamentöse Prophylaxeoption bei Kindern und Schwangeren hervor. Studien zeigten, dass Propranolol die Häufigkeit und Schwere von Migräneanfällen verringern kann. Das ist auch das Ergebnis einer systematischen Analyse und Metastudie der European Headache Federation (EHF) aus 2024. Basierend auf 20 randomisierten Studien mit insgesamt 1291 Patienten stellten die Wissenschaftler fest, dass Propranolol die monatlichen Migränetage im Vergleich zu Placebo um durchschnittlich 1,27 Tage reduzierte und 65 Prozent mehr Patienten eine Reduktion von ≥50 Prozent ihrer monatlichen Migränetage erreichten.
Vorteilhaft sind bei der Prophylaxe mit Propranolol das akzeptable Sicherheitsprofil, die lange Anwendungshistorie, globale Verfügbarkeit und die niedrigen Kosten. Propranolol hat eine kurze Halbwertszeit und wird zur Migräneprophylaxe meist zwei- bis dreimal täglich eingenommen.
Wirkungseintritt bei Migräne
Bis sich die Anfallshäufigkeit spürbar verringert, kann es allerdings einige Wochen dauern. Patienten brauchen also etwas Geduld. Bei einer Wirklatenz von sechs bis acht Wochen erfolgt bei Respondern die Therapie über sechs bis neun Monate, gefolgt von einem Ausschleichen über vier Wochen.
Nebenwirkungen von Propranolol
Die häufigsten Nebenwirkungen von Propranolol gehen von der Wirkung auf das vegetative Nervensystem aus. Am häufigsten berichtete Nebenwirkungen sind:
- Bradykardie (verlangsamter Herzschlag)
- Müdigkeit und Schwindelgefühl
- Gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall
- Kältegefühl an den Extremitäten
- Kopfschmerzen
- Schwitzen
- Unruhe, Nervosität, Verwirrtheit, Schlafstörungen
Diese Nebenwirkungen treten besonders zu Beginn der Behandlung auf und sind meist dosisabhängig. Herz-Kreislauf-Beschwerden mit Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen oder verstärkter Herzschwäche sind weitere mögliche Nebenwirkungen, ebenso Hautreaktionen mit Ausschlag, Juckreiz oder Rötungen sowie Haarausfall.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Propranolol kann Wechselwirkungen mit verschiedenen Medikamenten eingehen:
- Insulin und orale Antidiabetika: Propranolol kann die Wirkung verstärken oder verlängern. Symptome einer Hypoglykämie können verschleiert werden.
- MAO-Hemmer: Überschießender Blutdruckansteig möglich.
- Andere blutdrucksenkende Medikamente: Kombinationen mit Diuretika, Calciumantagonisten oder Vasodilatatoren können zu einem verstärkten Blutdruckabfall führen.
- Antiarrhythmika: Eine additive Wirkung auf das Herz kann auftreten. Die gleichzeitige intravenöse Gabe von Calciumantagonisten wie Verapamil ist kontraindiziert.
- Clonidin: Beim abrupten Absetzen von Clonidin kann ein überschießender Blutdruckanstieg auftreten, wenn Propranolol nicht vorher abgesetzt wurde.
- Alphamethyldopa, Guanfacin, Herzglykoside: Stärkeres Absinken der Herzfrequenz bzw. Verzögerung der Überleitung
- Narkotika und Muskelrelaxanzien: Die blutdrucksenkende Wirkung von Narkotika und die neuromuskuläre Blockade von Muskelrelaxanzien können verstärkt werden.
- Adrenalin und Noradrenalin: Die gleichzeitige Anwendung kann zu einem paradoxen Blutdruckanstieg führen.
- CYP450-Enzyminhibitoren (z. B. Cimetidin): Hemmen den Abbau von Propranolol und führen zu einer erhöhten Wirkstoffkonzentration im Blut.
- CYP450-Induktoren (z. B. Rifampicin): Beschleunigen den Abbau von Propranolol und können die Wirksamkeit verringern.
- NSAIDs (z. B. Indometacin): Können die blutdrucksenkende Wirkung von Propranolol abschwächen.
- Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs): Einige SSRIs wie Fluoxetin können die Plasmakonzentration von Propranolol erhöhen.
- Thyreoideastoffwechsel: Propranolol kann die Symptome einer Hyperthyreose maskieren.
Kontraindikationen
Propranolol darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegenüber Propranolol, anderen Beta-Blockern oder einem der sonstigen Bestandteile
- AV-Block II. und III. Grades sowie Sick-Sinus-Syndrom bei Patienten ohne Herzschrittmacher
- Höhergradigem sinuatrialem Block
- Bradykardie (Ruhepuls < 50 Schläge/Minute)
- Nicht behandelter Herzinsuffizienz (NYHA III und IV) oder kardiogenem Schock
- Prinzmetal-Angina
- Hypotonie und pulmonaler Hypertonie
- Asthma bronchiale oder Bronchospasmus
- Chronisch obstruktiven Atemwegserkrankungen (COPD)
- Metabolischer Azidose
- Schweren peripheren Durchblutungsstörungen
- Hypoglykämieneigung, z. B. nach längerem Fasten
- Urämie
- Unbehandeltem Phäochromozytom (erst nach Alpha-Blockade behandeln)
- Gleichzeitiger Behandlung mit MAO-Hemmern (außer MAO-B-Hemmern) oder anderen adrenerge Impulse verstärkenden Medikamenten
- Gleichzeitiger intravenöser Gabe von Calciumkanalantagonisten mit negativ inotroper Wirkung (z. B. Verapamil, Diltiazem) oder Antiarrhythmika wie Disopyramid (Ausnahme: Intensivmedizin)
- Nach langer Nahrungskarenz (erhöhtes Hypoglykämierisiko)
- Säuglingen unter 5 Wochen
- Schwangerschaft (nur wenn der Nutzen das potenzielle Risiko überwiegt)
- Stillzeit (Säuglinge sollten überwacht werden)
Wichtige Hinweise zur Anwendung
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Propranolol zu beachten:
- Herzinsuffizienz: Propranolol sollte nur bei kompensierter Herzinsuffizienz eingesetzt werden.
- Bradykardie: Bei einer deutlichen Verlangsamung der Herzfrequenz muss die Dosis reduziert oder die Therapie abgebrochen werden.
- Hypotonie: Vorsicht bei Patienten mit niedrigem Blutdruck.
- Atemwegserkrankungen: Bei Patienten mit Asthma bronchiale oder COPD kann es zu Bronchospasmen kommen.
- Diabetes mellitus: Propranolol kann die Anzeichen einer Hypoglykämie maskieren.
- Gleichzeitige Einnahme anderer Medikamente: Wechselwirkungen beachten.
- Verkehrstüchtigkeit: Insbesondere zu Behandlungsbeginn kann das Reaktionsvermögen beeinträchtigt sein.
Weitere Therapieansätze bei Migräne
Neben der medikamentösen Migräneprophylaxe mit Propranolol gibt es auch nicht-medikamentöse Ansätze, die in ein stimmiges Gesamtkonzept eingebunden werden sollten. Dazu gehören:
- Akupunktur: Kann die Häufigkeit von Migräne-Attacken reduzieren, insbesondere bei episodischer Migräne.
- Biofeedback-Therapie: Ziel ist es, über die Rückmeldung der eigenen Körperfunktionen auf bestimmte Situationen zu reagieren und diese bewusst zu beeinflussen.
- Progressive Muskelentspannung: Menschen erlernen dabei, die wichtigsten Muskeln ihres Körpers kontrolliert anzuspannen und daraufhin wieder zu entspannen.
- Autogenes Training: Hilft dabei, den Körper durch die Kraft der Gedanken zu beeinflussen und einen Entspannungszustand herzustellen.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Psychologische Faktoren wie Stress spielen bei Migräne eine wesentliche Rolle. Die kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, Stressoren zu identifizieren und Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln.
- Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Schwimmen, Walken oder Radfahren (mindestens dreimal wöchentlich) kann positive Effekte haben.
- Ernährung: Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesium, Coenzym Q10 und Riboflavin können in Studien positive Effekte auf Migräne gezeigt haben.
Digitale Anwendungen wie Apps und Telemedizin können die Diagnostik und Therapie der Migräne insbesondere durch Verlaufs- und Erfolgskontrollen unterstützen.