Die Implantation einer Hüftprothese (Hüft-TEP) gehört zu den erfolgreichsten orthopädischen Operationen und kann Patienten eine erhebliche Schmerzlinderung und verbesserte Mobilität ermöglichen. Dennoch können postoperative Schmerzen, einschließlich neuropathischer Schmerzen, auftreten und eine Herausforderung für Patienten und Ärzte darstellen. Dieser Artikel beleuchtet das Krankheitsbild, die Ursachen, Symptome und Therapiemöglichkeiten von Neuropathien nach Hüft-OP und geht auf die Dauer der Beschwerden ein.
Krankheitsbild: Postoperative Neuropathie
Neuropathien können im Rahmen einer Operation entstehen. Rund 20 % aller operierten Patienten entwickeln Nervenschmerzen, sogenannte postoperative neuropathische Schmerzen oder postoperative Neuropathie. Von allen Patienten, die sich wegen ihrer neuropathischen Schmerzen in Schmerztherapie begeben, sind etwa 20 bis 40 Prozent unzufrieden mit der Behandlung. Viele Betroffene besuchen innerhalb mehrerer Jahre verschiedene Ärzte. Neuropathische Schmerzen wirken sich enorm auf die Lebensqualität aus. Sie beeinflussen sowohl die Arbeits- und Leistungsfähigkeit als auch den Schlaf von Betroffenen im großen Ausmaß und können zu sozialer Isolation, Depressionen, Angstzuständen bis hin zu Suizidgedanken führen.
Postoperative Neuropathien verlaufen meist mild und gehen vorüber. Im Einzelfall können sie aber zu anhaltenden Beeinträchtigungen führen. Daher gilt: Risikofaktoren abklären, Patienten aufklären und fortlaufend kontrollieren.
Ursachen neuropathischer Schmerzen nach Hüft-OP
Die Ursachen für neuropathische Schmerzen nach einer Hüft-OP sind vielfältig. Es wird zwischen intrinsischen und extrinsischen Ursachen unterschieden. Intrinsische Ursachen sind Schmerzen, die durch die Operation selbst oder das Gewebe direkt um das Gelenk herum entstehen. Extrinsische Ursachen hingegen sind Beschwerden, die von anderen Körperregionen oder Strukturen in der Nähe der Hüfte stammen, aber nicht direkt mit dieser in Verbindung stehen.
Intrinsische Ursachen:
- Nervenschädigung während der Operation: Während des Eingriffs kann es zu Schädigungen des Nervensystems kommen, etwa aufgrund von Kompressionen, Dehnungen oder Traumen.
- Entzündungsprozesse: Entzündungsprozesse nach der Operation können dazu führen, dass die peripheren Nerven erkranken.
- Kleine versteckte Frakturen (Knochenbrüche): Diese sind auf konventionellen Röntgenaufnahmen nicht oder nur schwer zu erkennen.
- Knochen-Stress-Ödem: Eine Vorstufe zu einer Fraktur, bei der es zu einer lokalisierten Überlastung des Knochens kommt.
- Sehnenansatzentzündung am Trochanter (großer Rollhügel): Durch die Veränderung der Statik und Beckenposition entstehen ungewohnte Zugkräfte im Bereich der Sehnenansätze. Dies betrifft häufig die äußere Seite der Hüfte und kann durch eine Schleimbeutelentzündung verstärkt werden.
- Entzündungen der Hüftbeugersehne: Eine veränderte Beckenposition oder eine unzureichende Schonung der ventralen (oberen) Hüftkapsel während der Operation können zu einer Irritation der Sehne führen.
- Knochen-Prothesen-Mismatch: Eine fehlende Anpassung des Schaftimplantates an den Knochen kann zu persistierenden Oberschenkelschmerzen führen, insbesondere bei großen Implantaten oder verzögerter Einheilung bei Osteoporose.
- Aseptische Prothesenlockerung: Eine Lockerung der Prothese ohne Beteiligung einer Infektion, die heutzutage erst nach vielen Jahrzehnten erwartet wird, aber dennoch einen Grund für einen vorzeitigen Prothesenwechsel darstellen kann.
- Infektion: Obwohl man sich von diesem Thema fernhalten möchte, ist eine Infektion eine mögliche Ursache für Schmerzen nach einer Hüft-OP. Bei unklaren Beschwerden ist eine Punktion des Hüftgelenks zur Gewinnung von Gelenkflüssigkeit zwingend notwendig.
Extrinsische Ursachen:
- Erkrankungen im Bereich der Leistengefäße
- Erkrankungen der Wirbelsäule: Insbesondere die Nerven L1 und L2, die im oberen Anteil der Lendenwirbelsäule aus dem Spinalkanal kommen, können Schmerzen in den Hüftbereich ausstrahlen.
- Nervenverletzung peripherer Nerven / periphere Neuropathie
- Metabolische Knochenveränderungen
- Leisten-/Schenkelhernie
- Gutartige oder bösartige Gewebeneubildung
- Complex regional pain syndrome (CRPS)
Bestimmte Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit postoperativer Neuropathien. Dazu zählen Vorerkrankungen der peripheren Nerven, Diabetes, sehr hoher oder sehr niedriger Body-Mass-Index, periphere Gefäßerkrankungen, Alkoholabhängigkeit oder Arthritis. Darüber hinaus gibt es Risikofaktoren, die die empfundene Stärke von Nervenschmerzen beeinflussen, darunter eine subjektiv erniedrigte Schmerzschwelle oder eine pessimistische Erlebnisverarbeitung.
Lesen Sie auch: Symptome und Behandlungsmethoden bei eingeklemmtem Nerv
Ursache der postoperativen Komplikationen sind häufig mit dem Eingriff selbst zusammenhängende Traumen, Überdehnungen, Kompressionen oder andere Schäden, die durch die Lagerung des Patienten entstehen. Inzwischen ist aber auch belegt, dass inflammatorische Prozesse nach einer Operation eine Erkrankung peripherer Nerven nach sich ziehen kann.
Symptome neuropathischer Schmerzen nach Hüft-OP
Kennzeichnend für postoperative neuropathische Schmerzen ist eine veränderte Hautsensibilität. Betroffene reagieren unter- oder überempfindlich auf Reize wie Kälte, Wärme, Berührung oder Druck. Sie berichten von Taubheitsgefühlen und/oder Schmerzattacken, die sich kribbelnd, brennend, stechend, einschießend oder elektrisierend äußern können. Manchmal vermeiden die Betroffenen es, den schmerzbereitenden Körperteil zu bewegen, wodurch die entsprechenden Muskeln verkümmern können.
Die Patienten verspüren zunächst Missempfindungen im Bein wie Taubheit, Pelzigkeit, Kribbeln, manchmal auch eine muskuläre Schwäche. Die Störungen beginnen im Fuß und steigen dann ins Bein hoch.
Hinweise auf die entzündliche Natur der Operationsfolgen können sein:
- eine verzögert auftretende Neuropathie (Tage oder Wochen nach der OP)
- die postoperative Verschlechterung von Schmerz und zunehmende Schwäche
- eine Schwäche außerhalb des Gebiets, das typischerweise durch den Eingriff betroffen ist
- schwere neuropathische Schmerzen
- keine Verbesserung der Symptome in den ersten Monaten nach OP
Diagnose von Neuropathien nach Hüft-OP
Eine korrekte Diagnose ist entscheidend, um die Ursache der Schmerzen zu identifizieren und gezielt zu behandeln. Die Diagnose umfasst in der Regel:
Lesen Sie auch: Taubheitsgefühl nach zahnärztlichem Eingriff: Ein Leitfaden
- Klinische Untersuchung: Der Arzt prüft die Beweglichkeit des Gelenks, lokalisiert schmerzhafte Bereiche und analysiert den Gang.
- Bildgebende Verfahren:
- Röntgen: Beurteilung der Prothesenposition.
- MRT oder CT: Analyse von Weichteilschäden und Lockerungen.
- Szintigraphie: Lokalisierung von Infektionen oder Entzündungen.
- MR-Neurographie: Darstellung des Ischiasnervs zur Beurteilung von Verletzungen oder Entzündungen.
- Laboruntersuchungen: Erhöhte Entzündungsparameter wie CRP oder Leukozytenzahl weisen auf eine Infektion hin.
- Neurologische Untersuchung: Sensibilitäts- und Reflexprüfungen, elektroneurografische Messungen und Schweißtest zur Beurteilung der Nervenfunktion.
- Gelenkpunktion: Bei Verdacht auf eine Infektion wird Gelenkflüssigkeit entnommen und im Labor untersucht.
Therapie neuropathischer Schmerzen nach Hüft-OP
Die Therapie postoperativer neuropathischer Schmerzen erfordert ein multimodales Therapiemanagement, bestehend aus medizinischer und medikamentöser Behandlung, psychologisch-therapeutischen Maßnahmen sowie Bewegungstherapie. Hierzu müssen sich Patienten meist in spezialisierte Schmerzzentren begeben.
1. Medikamentöse Therapie:
- Antikonvulsiva: Gabapentin, Pregabalin
- Trizyklische Antidepressiva: Amitriptylin
- Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI): Duloxetin, Venlafaxin
- Opioide: Tramadol, Oxycodon (nur in schweren Fällen)
- Lokale Therapie: Lidocain-Pflaster
Meistens ist es sinnvoll, mehrere Medikamente miteinander zu kombinieren. Zu beachten ist, dass sowohl Wirksamkeit als auch Nebenwirkungen eines Medikaments je nach Patient sehr verschieden sein können. Arzt und Patient sollten also genug Geduld aufbringen, um gemeinsam die individuell optimale Schmerztherapie zu finden. Realistisch ist eine Schmerzreduktion um 30 bis 50 Prozent, sodass Schlaf- und Lebensqualität des Patienten sich verbessern können.
2. Nicht-medikamentöse Therapie:
- Physiotherapie: Stärkung der Muskulatur, Gangschulung, Koordinationsübungen.
- Ergotherapie: Anpassung des Alltags an die Einschränkungen.
- Psychotherapie: Verbesserung der Schmerzakzeptanz, Stressbewältigung.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)
- Akupunktur
- Wärme- oder Kälteanwendungen
- Bewegungstherapie: Warme Fußbäder, milde Infrarotstrahlung, Applikation von Kälte, Physio- und Ergotherapie und Psychotherapie (Verbesserung der Schmerzakzeptanz).
3. Invasive Therapie:
- Selektive Nervenblockaden
- Ganglionblockaden
- Neuromodulationsverfahren: Rückenmarkstimulation (SCS)
4. Chirurgische Therapie:
- Neurolyse: Bei Kompression eines Nervs kann eine operative Entlastung (Neurolyse) erforderlich sein.
- Prothesenwechsel: Bei Prothesenlockerung oder -fehlpositionierung kann ein erneuter Eingriff notwendig sein.
Wichtig ist, dass die Therapie neuropathischer Schmerzen langfristig kontrolliert wird. So sollten Erfolg und Auswirkungen der Schmerzlinderung auf die Lebensbereiche des Patienten dokumentiert werden, beispielsweise in einem Schmerztagebuch. Leider können chronisch gewordene Nervenschmerzen oft nicht mehr vollständig geheilt werden. Umso wichtiger ist es in solchen Fällen, dass die Betroffenen lernen, richtig mit ihren Schmerzen umzugehen. Das Hauptziel der Behandlung neuropathischer Schmerzen ist und bleibt, die Lebensqualität der Betroffenen so gut es geht zu verbessern.
Dauer neuropathischer Schmerzen nach Hüft-OP
Die Dauer neuropathischer Schmerzen nach einer Hüft-OP ist individuell verschieden und hängt von der Ursache, dem Ausmaß der Nervenschädigung und der Wirksamkeit der Therapie ab. Postoperative Neuropathien verlaufen meist mild und gehen vorüber. Bei manchen Patienten verschwinden die Schmerzen innerhalb weniger Wochen oder Monate von selbst. Bei anderen können sie chronisch werden und über Jahre bestehen bleiben.
Faktoren, die die Dauer beeinflussen:
- Art der Nervenschädigung: Leichte Nervenirritationen heilen in der Regel schneller als schwere Nervenverletzungen.
- Individuelle Schmerzwahrnehmung: Die subjektive Schmerzwahrnehmung spielt eine wichtige Rolle.
- Begleiterkrankungen: Vorerkrankungen wie Diabetes oder periphere Gefäßerkrankungen können die Heilung verzögern.
- Therapietreue: Die konsequente Einhaltung der Therapieempfehlungen ist entscheidend für den Erfolg.
Prävention von Neuropathien nach Hüft-OP
- Risikofaktoren abklären: Vor der Operation sollten Risikofaktoren für postoperative Neuropathien abgeklärt und dokumentiert werden.
- Sorgfältige Operationsplanung: Das Operationsteam sollte sich im Vorfeld über Risiken und Maßnahmen zur Vermeidung von Neuropathien austauschen.
- Schonende Operationstechnik: Eine minimalinvasive Operationstechnik kann das Risiko von Nervenschädigungen reduzieren.
- Optimale Patientenlagerung: Bei der Positionierung des Patienten sind starke Überdehnung oder hohe Druckbelastungen zu vermeiden.
- Kurze Operationszeit: Die Operationszeit sollte möglichst kurz sein.
- Frühzeitige Mobilisierung: Eine frühe Mobilisierung unter physiotherapeutischer Anleitung kann die Heilung fördern.
- Aufklärung des Patienten: Alle Patienten sollten vor einem chirurgischen Eingriff über die Möglichkeit eines fortbestehenden Nervenschadens aufgeklärt werden.
- Regelmäßige Kontrollen: Nach der Operation sind frühzeitige und fortlaufende Kontrollen hinsichtlich neuropathischer Symptome wichtig, um frühzeitig intervenieren zu können.
Wann ist man nach einer Hüft-OP schmerzfrei?
Der eigentliche starke vom Hüftgelenk ausgehende Arthrose-Schmerz, der vor der Operation oftmals in der Leiste lokalisiert war, ist tatsächlich direkt nach der Operation sehr rasch verschwunden. Der Operationsschmerz selbst, der in der Regel am 1. Tag nach der Operation am stärksten ist, geht dann aber auch sehr rasch zurück. Hier ist eine ausreichende Schmerzmedikation und das Gespräch mit Ihrem Operateur wichtig, der Ihnen erklärt, dass es sich hierbei vor allem um einen muskulären Schmerz handelt.
Lesen Sie auch: Verlauf von Parkinson im Endstadium
Bei einer minimalinvasiven Operation werden die Muskeln nicht beschädigt, müssen jedoch um die Operation überhaupt durchführen zu können auseinandergehalten werden. Auch wenn dies sehr sorgfältig und teilweise auch mit einem Schutz erfolgt, ist der Muskel hier sehr leicht “verärgert”. Und dies führt zu einem muskelkaterartigen Schmerz im Bereich des Oberschenkels. Tatsächlich ist dieser Schmerz einem Muskelkater nach einer sehr ausgeprägten körperlichen Belastung sehr ähnlich und bildet sich dann aber auch rasch wieder zurück.
Viele Patienten berichten darüber, dass sie den Muskel und die Hüftregion noch einige Wochen nach der Operation gespürt haben. Dies hat aber mit “Schmerzen” im eigentlichen Sinne nichts zu tun, sondern ist als eine natürliche Anpassungsreaktion des Körpers an die neue Situation zu sehen. Wichtig ist dann eine gezielte Therapie mit Aktivierung und Aufbau der Muskulatur, eine Gangschulung gefolgt von Koordinationsübungen.