Die faszinierende Welt der Oktopus-Gehirne: Mehr als nur ein Hauptgehirn

Oktopusse, auch Kraken genannt, sind faszinierende Lebewesen, die die Menschen seit Jahrhunderten begeistern. Ihre Fähigkeit zur Tarnung, ihre Intelligenz und ihre einzigartige Anatomie machen sie zu wahren Wundern der Natur. Ein besonders interessanter Aspekt ist die Anzahl und die Funktionsweise ihrer Gehirne. Es kursiert das Gerücht, dass Oktopusse neun Gehirne haben sollen. Aber stimmt das wirklich? Und wenn ja, wie funktionieren diese Gehirne? Dieser Artikel beleuchtet die komplexe neurologische Struktur von Oktopussen und räumt mit einigen Missverständnissen auf.

Oktopusse: Außerirdische im Meer?

Oktopusse sind in vielerlei Hinsicht einzigartig. Sie können mit ihren Armen denken, mit ihrer Haut sehen und mit ihren Saugnäpfen schmecken. Außerdem sind sie in der Lage, Tintenwolken auszustoßen und ihre Hautfarbe zu verändern. Diese außergewöhnlichen Fähigkeiten haben dazu geführt, dass der britische Zoologe Martin Wells sie mit Außerirdischen verglich. Eine Forschungsgruppe um den Molekularimmunologen Edward J. Steele erwägt sogar, dass Oktopusse tatsächlich außerirdischen Ursprungs sein könnten. Diese "kosmische Erklärung" besagt, dass vor mehreren hundert Millionen Jahren gefrorene Oktopuseier an Bord eines Meteoriten auf der Erde landeten. Diese Theorie wird jedoch nicht ernsthaft in Betracht gezogen.

Die Wahrheit über die Anzahl der Oktopus-Gehirne

Die Vorstellung, dass Oktopusse neun Gehirne haben, ist weit verbreitet. Es wird oft gesagt, dass sie ein zentrales Gehirn und jeweils eines in ihren acht Armen haben. Das ist aber nicht ganz richtig. Oktopusse haben keine zusätzlichen Gehirne in ihren Armen, die wie solche aussehen. Was sie dort aber haben, ist die Mehrzahl ihrer insgesamt 500.000 Neuronen.

Dezentrale Intelligenz: Wie die Arme des Oktopus selbstständig denken können

Die Arme eines Oktopus sind in der Lage, komplexe Aufgaben unabhängig vom zentralen Gehirn auszuführen. Jeder Arm verfügt über einen eigenen Nervenknoten, auch Ganglion genannt, der als eine Art Mini-Gehirn fungiert. Diese Ganglien steuern die Bewegungen der Arme und ermöglichen es ihnen, auf Reize zu reagieren, ohne dass das zentrale Gehirn involviert ist.

Diese dezentrale Steuerung ermöglicht es dem Oktopus, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Er kann beispielsweise mit einem Arm nach Nahrung suchen, während er mit einem anderen Arm einen Fressfeind abwehrt. Die Arme können sogar nach der Abtrennung vom Körper noch eine gewisse Zeit aktiv bleiben.

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Die Oktopusforscherin Jennifer Mather vergleicht diese dezentrale neuronale Kontrolle mit dem Gegensatz zwischen einer Diktatur und einer Demokratie. In dieser Analogie wären wir Menschen die Diktatur und die Oktopusse die Demokratie.

Die Rolle des zentralen Gehirns

Obwohl die Arme des Oktopus über eine gewisse Autonomie verfügen, spielt das zentrale Gehirn dennoch eine wichtige Rolle. Es koordiniert die Aktivitäten der Arme und ermöglicht es dem Oktopus, komplexe Verhaltensweisen auszuführen. Das zentrale Gehirn ist auch für das Lernen und das Gedächtnis verantwortlich.

Die Sinne des Oktopus: Mehr als nur Augen

Oktopusse haben nicht nur ein komplexes Nervensystem, sondern auch hochentwickelte Sinne. Sie können mit ihren Armen Objekte ertasten, greifen und sogar Dosen aufschrauben. Darüber hinaus haben die Arme eine Funktion, die der unserer Zunge und unserer Nase ähnelt. Sie können Objekte abschlecken, aber auch Gerüche wahrnehmen und somit nach Raubtieren oder Nahrung Ausschau halten.

Oktopusse haben auch ein ausgezeichnetes Sehvermögen. Ihre Augen sind in der Lage, polarisiertes Licht wahrzunehmen, das für uns Menschen unsichtbar ist. Forschende vermuten, dass Oktopusse mit polarisierten Reflexionsmustern untereinander auf einem "privaten" Kanal kommunizieren - mit einer Art Geheimsprache.

Tarnung als Überlebensstrategie

Eine der bemerkenswertesten Fähigkeiten von Oktopussen ist ihre Fähigkeit zur Tarnung. Sie können ihre Hautfarbe und -struktur in Sekundenschnelle ändern, um sich ihrer Umgebung anzupassen. Diese Fähigkeit wird durch spezielle Zellen in der Haut ermöglicht, die als Chromatophoren, Iridophoren und Leucophoren bezeichnet werden.

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Chromatophoren sind Pigmentzellen, die es dem Oktopus ermöglichen, rote, braune oder gelbe Farbtöne zu erzeugen. Iridophoren reflektieren Licht und erzeugen schillernde Farben. Leucophoren reflektieren das gesamte Licht aus der Umgebung und helfen dem Oktopus, sich seiner Umgebung anzupassen.

Einige Oktopusarten, wie der Mimik-Oktopus, sind sogar in der Lage, das Aussehen anderer Tiere zu imitieren, um sich vor Fressfeinden zu schützen oder Beute anzulocken.

Oktopusse und das Leib-Seele-Problem

Die einzigartige Anatomie und das Verhalten von Oktopussen stellen eine Herausforderung für das philosophische Leib-Seele-Problem dar. Dieses Problem beschäftigt sich mit der Frage, wo der Geist im Körper wohnt. Bei Oktopussen scheint die traditionelle Aufteilung von Körper und Geist nicht zu gelten. Ihr ganzer Körper ist Geist - oder ihr ganzer Geist Körper.

Oktopusse im Aquarium: Eine Herausforderung

Oktopusse sind beliebte Tiere in Aquarien, aber ihre Haltung ist nicht einfach. Sie sind Ausbruchskünstler und können sich durch kleinste Öffnungen zwängen. Außerdem benötigen sie eine anregende Umgebung, um sich nicht zu langweilen.

Henry Lee, einstiger Direktor des Aquariums in Brighton, fand, dass ein Aquarium ohne Oktopus "wie ein Pflaumenkuchen ohne Pflaumen" sei.

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Das kurze Leben der Oktopusse

Oktopusse haben eine relativ kurze Lebensdauer von nur zwei bis vier Jahren. Die meiste Zeit davon verbringen sie allein. Wenn sie sich treffen, greifen sie sich meist gegenseitig an und oft frisst der Sieger des Kampfes den Verlierer auf.

Kannibalismus ist bei Oktopussen weit verbreitet und wird als "Rettungsbootmechanismus" bezeichnet. Dabei opfern sich einzelne Individuen - wenn auch unfreiwillig - für das Überleben der Art.

Intelligenz und Bewusstsein

Oktopusse gelten als sehr intelligente Tiere. Sie haben ein gutes Gedächtnis, können komplexe Probleme lösen und sogar Werkzeuge benutzen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass sie ein Bewusstsein haben könnten.

Allerdings haben Oktopusse den Spiegeltest, der lange Zeit als die beste Methode galt, um einer Tierart Bewusstsein nachzuweisen, bislang nicht bestanden. Das zeigt aber nicht, dass sie kein Bewusstsein haben, sondern dass die Grundannahme falsch ist, dass alle Tiere eine visuelle Selbstwahrnehmung haben.

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