Die Spinalkanalstenose, oft auch Wirbelkanalstenose genannt, ist eine Verengung des Wirbelkanals, durch den das Rückenmark und die Nervenwurzeln verlaufen. Diese Verengung kann zu einer Vielzahl von Beschwerden führen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Besonders häufig sind ältere Menschen betroffen, wobei sich bei etwa jedem Fünften im Laufe der Zeit eine Verengung der Wirbelsäule entwickelt.
Was ist eine Spinalkanalstenose?
Die Spinalkanalstenose (ICD: M48.0) ist eine Verengung des knöchernen Kanals, der das Rückenmark und die Nervenwurzeln schützt. Man kann sich den Spinalkanal als einen Tunnel in der Wirbelsäule vorstellen, durch den die Nerven verlaufen. Die Verengung dieses Tunnels kann zu Schmerzen beim Stehen und Gehen, Missempfindungen in Armen oder Beinen und einer eingeschränkten Gehstrecke führen.
Ursachen und Entstehung
In den meisten Fällen entsteht eine Spinalkanalstenose durch natürliche Alterungsprozesse der Wirbelsäule. Mit zunehmendem Alter nutzen sich Bandscheiben und Wirbelgelenke ab, Bänder verdicken sich und es können sich knöcherne Anbauten bilden, die den Spinalkanal einengen. Diese degenerativen Veränderungen sind die Hauptursache für die Entstehung einer Spinalkanalstenose.
Neben den altersbedingten Ursachen können auch andere Faktoren eine Rolle spielen:
- Angeborene Faktoren: Manche Menschen werden mit einem von Natur aus engeren Wirbelkanal geboren.
- Verletzungen: Wirbelsäulenfrakturen oder Bandscheibenvorfälle können ebenfalls zu einer Verengung des Spinalkanals führen.
- Tumore und Infektionen: In seltenen Fällen können Tumore oder Infektionen im Wirbelkanal eine Verengung verursachen, indem sie auf das umliegende Gewebe drücken.
- Wirbelgleiten (Spondylolisthesis): Hierbei verschieben sich Wirbelkörper gegeneinander, was ebenfalls zu einer Einengung des Spinalkanals führen kann.
Lokalisation und Symptome
Die Spinalkanalstenose kann in verschiedenen Abschnitten der Wirbelsäule auftreten, wobei die Hals- (zervikal) und Lendenwirbelsäule (lumbal) am häufigsten betroffen sind.
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Zervikale Spinalkanalstenose (Halswirbelsäule)
Bei einer zervikalen Spinalkanalstenose sind die Betroffenen häufig in ihrer Motorik eingeschränkt. Typische Symptome sind Schwierigkeiten beim Zuknöpfen von Hemden oder beim Aufheben kleiner Gegenstände. Auch das Schriftbild kann sich verändern. Diese Symptome entstehen durch die Kompression der Nervenfasern im Halsbereich, die Empfindungen der Arme ans Gehirn weiterleiten.
Lumbale Spinalkanalstenose (Lendenwirbelsäule)
Die lumbale Spinalkanalstenose betrifft die Beine. Symptome sind oft erträglicher, wenn sich der Patient nach vorne beugt, beispielsweise beim Sitzen, Bücken, Bergaufgehen oder Fahrradfahren. Umgekehrt verstärken sich die Schmerzen beim Bergabgehen. Patienten suchen oft nach Gelegenheiten, sich hinzusetzen, um die Einengung zu reduzieren. Im Supermarkt kann der Einkaufswagen als Stütze dienen. In der Medizin wird dies als Claudicatio intermittens spinalis bezeichnet, ähnlich der peripheren Verschlusskrankheit, bei der jedoch verengte Blutgefäße die Ursache sind.
Thorakale Spinalkanalstenose (Brustwirbelsäule)
Eine Spinalkanalstenose der Brustwirbelsäule ist selten. Die Symptome sind meist stärker als bei der lumbalen Stenose und können mit Gefühlsstörungen im Rumpfbereich einhergehen.
Allgemeine Symptome
Unabhängig von der Lokalisation können folgende Symptome auftreten:
- Rückenschmerzen
- Schmerzen, die in Arme oder Beine ausstrahlen
- Taubheitsgefühle oder Kribbeln in den Extremitäten
- Muskelschwäche
- Eingeschränkte Gehstrecke (Claudicatio spinalis)
- In fortgeschrittenen Fällen Blasen- und Mastdarmstörungen
Diagnose
Eine umfassende Diagnose ist entscheidend, um die Ursache und das Ausmaß der Spinalkanalstenose zu bestimmen. In der Regel umfasst die Diagnose folgende Schritte:
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- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich der Art, Dauer und Lokalisation der Beschwerden.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die Beweglichkeit, Reflexe,Sensibilität und Muskelkraft des Patienten.
- Bildgebende Verfahren:
- Röntgen: Kann indirekt Informationen über die Stellung der Wirbelkörper zueinander und mögliche Instabilitäten liefern.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Das Standardverfahren zur Beurteilung der Bandscheiben, Bandstrukturen und des Rückenmarks.
- Computertomographie (CT): Kann zur detaillierten Beurteilung der knöchernen Strukturen notwendig sein.
- Weitere Untersuchungen: In einigen Fällen können Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen oder Muskelpotenziale durch einen Neurologen erforderlich sein. Auch eine sogenannte Etagendiagnostik mit gezielten Injektionen zur Identifizierung des Schmerzzentrums kann durchgeführt werden.
Konservative Therapieansätze
Im Anfangsstadium der Spinalkanalstenose können konservative Behandlungsmethoden oft eine deutliche Linderung der Beschwerden erzielen. Diese umfassen:
- Physiotherapie: Kräftigung der tiefen Rücken- und Bauchmuskulatur zur Verbesserung der Haltung und Stabilisierung der Wirbelsäule. Entlordosierende Übungen können den Wirbelkanal erweitern und den Druck der Verengung verringern.
- Elektrotherapie: Gezielte elektrische Impulse zur Entspannung der Muskeln und Schmerzlinderung.
- Medikamentöse Therapie: Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac lindern Beschwerden und wirken entzündungshemmend. Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) werden häufig eingesetzt.
- Injektionen: Injektionen von Kortikosteroiden in den Wirbelkanal können Entzündungen reduzieren und Schmerzen lindern.
- Weitere Maßnahmen: Gewichtsreduktion, ergonomische Anpassung des Arbeitsplatzes und regelmäßige Bewegung können ebenfalls zur Linderung der Beschwerden beitragen.
Es ist wichtig zu beachten, dass Physiotherapie keine Heilung der Spinalkanalstenose bewirken kann, da die Verengung des Wirbelkanals bestehen bleibt. Dennoch können spezielle Übungen die Schmerzen lindern, die Beweglichkeit verbessern und das Wohlbefinden steigern.
Operative Therapieansätze
Wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen und die Symptome schwerwiegend sind, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Ziel der Operation ist es, den verengten Bereich des Wirbelkanals zu erweitern und den Druck auf das Rückenmark oder die Nervenwurzeln zu reduzieren. Es gibt verschiedene operative Verfahren, die je nach Lokalisation und Schweregrad der Stenose eingesetzt werden können:
- Dekompression: Bei diesem Verfahren wird Knochengewebe oder verdicktes Bandgewebe entfernt, das den Wirbelkanal einengt. Dies kann mikrochirurgisch oder endoskopisch erfolgen.
- Laminektomie: Entfernung eines oder mehrerer Wirbelbögen samt der Dornfortsätze, um den Wirbelkanal zu erweitern.
- Foraminotomie: Erweiterung der Nervenaustrittslöcher (Neuroforamina), um eingeklemmte Nerven zu entlasten.
- Spondylodese (Wirbelkörperverblockung): In Fällen von Instabilität der Wirbelsäule werden zwei oder mehrere Wirbelkörper durch Schrauben, Stangen oder Metallplatten miteinander verbunden, um die Wirbelsäule zu stabilisieren. Dabei wird die Bandscheibe entfernt und durch ein Implantat (Cage) ersetzt.
- Implantation eines Spreizer-Implantates: Bei einer Verschmälerung der Bandscheibe oder einer Wirbelkanalverengung im Anfangsstadium kann ein Spreizer-Implantat eingesetzt werden, um den Wirbelkanal zu erweitern und die Wirbelgelenke zu entlasten.
- Dynamische Stabilisierung: Im Gegensatz zur Versteifung wird versucht, den natürlichen Bewegungsumfang der Wirbelsäule wiederherzustellen.
Minimalinvasive Operationstechniken
Moderne minimalinvasive Operationstechniken ermöglichen es, den Eingriff schonend und mit geringer Gewebeschädigung durchzuführen. Hierzu gehören:
- Mikrochirurgische Dekompression: Entfernung von Knochengewebe oder Bändern, die den Wirbelkanal verengen, unter Verwendung eines Operationsmikroskops.
- Endoskopische Operation: Der Eingriff wird über einen kleinen Hautschnitt mit Hilfe eines Endoskops durchgeführt.
- Over TOP- oder Cross Over-Technik: Muskel- und stabilitätsschonende Verfahren zur Dekompression des Wirbelkanals.
Künstliche Bandscheibe
Die Implantation einer künstlichen Bandscheibe ist eine Alternative zur Versteifung. Sie soll die natürliche Beweglichkeit des Wirbelsäulensegments wiederherstellen und den Verschleiß der benachbarten Segmente reduzieren.
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Kyphoplastie und Vertebroplastie
Bei Osteoporose-bedingten Wirbelkörperbrüchen können Kyphoplastie und Vertebroplastie eingesetzt werden, um den Wirbelkörper zu stabilisieren und Schmerzen zu lindern. Dabei wird Knochenzement in den gebrochenen Wirbelkörper injiziert.
Risiken und Komplikationen
Wie bei jedem operativen Eingriff gibt es auch bei Operationen an der Wirbelsäule bestimmte Risiken und Komplikationen, die auftreten können:
- Verletzungen von Nerven oder Rückenmark: Dies kann zu Sensibilitätsstörungen, Muskelschwäche oder Lähmungen führen.
- Infektionen: Wundinfektionen oder Entzündungen im Bereich der Wirbelsäule können auftreten.
- Blutergüsse (Hämatome): Blutergüsse im Spinalkanal können Druck auf das Rückenmark ausüben und neurologische Symptome verursachen.
- Thrombosen und Embolien: Das Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln in den Venen ist erhöht.
- Wundheilungsstörungen: Die Wundheilung kann verzögert sein oder es können sich Narben bilden.
- Lockerung von Implantaten: Schrauben, Platten oder Prothesen können sich lockern oder verschieben.
- „Failed back surgery syndrome“: In einigen Fällen können nach der Operation weiterhin Schmerzen bestehen bleiben oder sich sogar verschlimmern.
Innovative Therapieansätze
Neben den etablierten konservativen und operativen Verfahren gibt es auch innovative Therapieansätze, die bei der Behandlung der Spinalkanalstenose eingesetzt werden können:
- Wirbelsäulenkatheter: Ein dünner Katheter wird über das Kreuzbein in den Wirbelkanal eingeführt, um Medikamente direkt an den Schmerzort zu injizieren. Dies kann Entzündungen reduzieren und Schmerzen lindern.
- Hitzesonde: Eine Hitzesonde wird eingesetzt, um die Schmerzweiterleitung auszuschalten.
- Hydrogel-Implantate: Kleine Hydrogel-Implantate werden in die Bandscheibe injiziert, um sie wieder aufzubauen und den Bandscheibendurchmesser zu vergrößern.
- X-Stop®-Implantat: Ein Puffer wird zwischen die Dornfortsätze des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts gesetzt, um den Wirbelkanal zu erweitern.
- Elastoplastie: Ein minimalinvasives Verfahren zur Behandlung von Wirbelbrüchen bei Osteoporose, bei dem bioverträgliches elastisches Silikon in den Wirbelkörper injiziert wird.
- Injektion von körpereigenen Blutplättchen mit Wachstumsfaktoren: Kann die Regeneration von Bandscheibengewebe fördern.
- Cool-RF-Neurotomie: Ausschaltung schmerzleitender Nervenfasern durch gekühlte Radiofrequenz-Energie bei Abnutzungserscheinungen der Bandscheiben oder des Iliosakralgelenks.
Prävention
Obwohl die Spinalkanalstenose oft durch altersbedingte Verschleißerscheinungen verursacht wird, gibt es Maßnahmen, die dazu beitragen können, das Risiko zu verringern:
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen ist wichtig für die Gesundheit der Wirbelsäule.
- Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität stärkt die Rückenmuskulatur und verbessert die Beweglichkeit der Wirbelsäule.
- Gezieltes Rückentraining: Übungen zur Kräftigung der Rücken- und Bauchmuskulatur können die Wirbelsäule stabilisieren und entlasten.
- Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Eine ergonomisch gestaltete Arbeitsumgebung kann Fehlbelastungen vermeiden und Rückenschmerzen reduzieren.
- Gewichtsmanagement: Übergewicht belastet die Wirbelsäule und kann degenerative Veränderungen fördern.
- Rauchverzicht: Rauchen beeinträchtigt die Durchblutung der Bandscheiben und kann den Verschleiß beschleunigen.
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