Eine Krebsdiagnose wirft bei vielen Betroffenen Fragen zur Ernährung auf. Die Hoffnung, durch bestimmte Lebensmittel oder deren Vermeidung das Fortschreiten der Krankheit zu beeinflussen, ist weit verbreitet. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und gibt Einblicke in die Rolle der Ernährung bei Hirntumoren, insbesondere Glioblastomen.
Die Rolle von Zucker im Tumorwachstum
Oftmals wird die Frage gestellt, ob Zucker das Tumorwachstum ankurbelt. Es gibt Beobachtungen, die darauf hindeuten, dass Krebszellen einen anderen Energiestoffwechsel haben als normale Zellen. Dies gilt jedoch nicht für alle Zellen, Krebsarten und Krankheitssituationen. Ein vollständiger Zuckerverzicht ist daher nicht zwingend notwendig. Aktuelle Leitlinien zur Ernährung von Krebspatienten belegen den Nutzen einer Ernährungsweise, die vollständig auf Zucker und andere Kohlenhydrate verzichtet, bisher nicht.
Kann man Krebs "aushungern"?
Ein vollständiger Verzicht auf Kohlenhydrate oder gar Fasten ist nicht ratsam. Die meisten Krebspatienten können sich dies nicht leisten, ohne dramatisch an Gewicht zu verlieren. Übergewichtige Krebspatienten können nach Absprache mit ihren Ärzten eine weniger energiereiche Ernährung in Betracht ziehen.
Glioblastome und das "Essverhalten" von Krebszellen
Glioblastome sind aggressive Hirntumore, die schnell in das gesunde Hirngewebe hineinwachsen. Die Aggressivität der Hirntumore wird durch das "Essverhalten" der Krebszellen beeinflusst. Bösartige Krebszellen vermehren sich schnell und wuchern in das gesunde Gewebe. Dazu benötigen sie viel Energie. Zucker ist ihre wichtigste Energiequelle, aber auch Aminosäuren, die Bausteine von Eiweißen, sind dabei ihre "Nahrung". Glioblastomzellen gewinnen ihre Energie unter anderem aus Aminosäuren.
Um drei wichtige Aminosäuren, Valin, Leucin und Isoleucin, abzubauen, benötigen die Zellen das Enzym BCAT1. In Glioblastomen, die besonders aggressiv sind, ist das Gen für das Enzym BCAT1 äußerst aktiv. Blockierten die Forscherinnen und Forscher die BCAT1-Wirkung mit einem pharmakologischen Wirkstoff, verloren die Tumorzellen ihre Fähigkeit, in umgebendes gesundes Hirngewebe vorzudringen und schütteten weniger vom Botenstoff Glutamat aus. Eine hohe Glutamat-Ausscheidung ist für viele schwere neurologische Symptome wie etwa epileptische Anfälle verantwortlich, die bei Patientinnen und Patienten mit Glioblastom häufig auftreten.
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Auch im lebenden Organismus hat BCAT1 einen Einfluss auf die Aggressivität der Krebszellen: Auf Mäuse übertragen, wuchsen Glioblastomzellen, deren BCAT1-Gen blockiert worden war, nicht mehr zu Tumoren aus.
Die Rolle von IDH und BCAT1
Von langsam wachsenden astrozytären Hirntumoren ist bekannt, dass sie einen Defekt im Gen für das Enzym Isocitrat-Dehydrogenase, kurz IDH, tragen. Sehr schnell wachsende, besonders bösartige Gliobastome hingegen sind mit einem intakten IDH-Gen ausgestattet. Die Isocitrat-Dehydrogenase hat - ebenso wie BCAT1 - eine wichtige Funktion beim Abbau von Aminosäuren. Ist das IDH-Gen intakt, können die Tumore ungestört Aminosäuren als "Nahrung" nutzen. Ist es defekt, fehlt ihnen diese Nahrungsquelle.
BCAT1 wird nur in Tumorzellen mit intakter IDH gebildet. Denn IDH stellt das Molekül .-Ketoglutarat her, auf das wiederum das Enzym BCAT1 angewiesen ist. "Die beiden Enzyme bilden anscheinend eine Art funktionelle Einheit beim Aminosäure-Abbau", vermuten Forscher.
Offenbar steigert die Möglichkeit, sich Aminosäuren als "Nahrungsquelle" zunutze zu machen, die Bösartigkeit der Krebszellen. "Die gute Nachricht daran ist", fassen Forscher zusammen, "dass wir mit BCAT1 ein weiteres Angriffsziel für zielgerichtete Therapien gefunden haben. Denn unterdrückt man BCAT1 und damit den Abbau der Aminosäuren, könnte der Tumor ausgehungert werden." In Zusammenarbeit mit einer Pharmafirma wird bereits nach spezifischen Wirkstoffen gegen das Enzym gesucht. Darüber hinaus wollen die Forscher prüfen, ob die BCAT1-Aktivität als zusätzlicher diagnostischer Marker für die Bösartigkeit eines Hirntumors taugt.
Glukosemetabolismus in Glioblastomen
Forschende haben untersucht, wie Tumorzellen Glukose zur Deckung ihres Bedarfs an Bausteinen für Proliferation und Invasion umprogrammieren. Im gesunden Kortex floss Glukose überwiegend in den Citratzyklus sowie in die Neurotransmittersynthese. Glioblastome hingegen drosseln diese Prozesse. Stattdessen nutzten sie Glukosekohlenstoff primär für die Nukleotidsynthese und griffen zusätzlich auf exogene Aminosäuren wie Serin zurück.
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Abhängigkeit von exogenem Serin
Besonders auffällig war der Umgang mit Serin: Während gesunder Kortex einen Großteil des Serins aus Glukose synthetisierte, akquirierten Glioblastome Serin direkt aus dem Blut. Eine serin- und glycinreduzierte Diät in Mausmodellen verlangsamte das Tumorwachstum und verbesserte das Ansprechen auf Radio- und Chemotherapie.
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Abhängigkeit von exogenem Serin eine mögliche therapeutische Angriffsstelle darstellen könnte. Während eine breite Hemmung der Glukoseaufnahme auch gesundes Kortexgewebe beeinträchtigen würde, eröffnet die gezielte Beeinflussung des Serinstoffwechsels selektive Optionen.
Ernährungsumstellung als Teil der Therapie
Die Idee, den Tumor durch eine radikale Reduktion von Kohlenhydraten - und damit Zucker - auszuhungern, ist ein Ansatz, der in Absprache mit den behandelnden Medizinern verfolgt werden kann. Es ist wichtig zu betonen, dass die klassische Therapie keinerlei Einschränkungen in der Ernährung vorsieht. Die behandelnden Ärzte sagen oft: "Lassen Sie ihn doch essen, was er möchte."
Krebspräventive Ernährung
Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen sind sich einig, dass eine gesunde Ernährung in jedem Fall das Risiko einer Krebserkrankung minimieren kann.
Einige Beispiele für krebspräventive Lebensmittel sind:
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- Äpfel: Die enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe beugen vielen Krebsarten vor. Außerdem sind sie reich an Vitamin C und damit ein wichtiger Schutz gegen freie Radikale.
- Grünes Gemüse: Gilt als Zellschutz schlechthin unter den Gemüsen, ihm wird schon lange eine krebshemmende Wirkung nachgesagt.
- Grüner Tee: Seine natürlichen Gerbstoffe sollen besonders vor Haut-, Darm-, Brust-, Prostata- und Lungenkrebs schützen. Empfehlung: zwei bis drei Tassen am Tag.
- Beeren: Die Ellagsäure in Himbeeren verhindert die Entartung von Zellen und hilft, geschädigte Zellen zu vernichten. So werden etwa Gebärmutterhals-, Eierstock- und Darmkrebs gehemmt.
- Fetter Fisch: Omega-3-Fettsäuren stoppen die Produktion von Entzündungsmolekülen, die die Entstehung von Krebs begünstigen.
- Brokkoli: Das enthaltene Chlorophyll und Selen können Krebs vorbeugen.
- Zitrusfrüchte: Können bei Krebsarten des Verdauungssystems wie Mund-, Speiseröhren-, Kehlkopf- und Magenkrebs positiv wirken.
- Vollkornbrot: Die enthaltenen Ballaststoffe vermindern die Konzentration von Gallensäuren im Darm und damit die Entstehung von Darmkrebs.
Ölsäure und ihre mögliche Rolle bei Hirntumoren
Ölsäure, ein Bestandteil von vielen pflanzlichen Fetten wie Olivenöl, wird als Bestandteil einer mediterranen Ernährung gesundheitsfördernde Eigenschaften nachgesagt. Forscher untersuchten den Effekt von Ölsäure an Zellen und beobachteten die Veränderung des Proteinmetabolismus. Ölsäure unterdrückte die Aktivität des Proteins Musashi2 (Msi2). Durch die Hemmung von Mri2 kam es zu einem Anstieg der micro-RNA miR-7. In der Ausbildung von Glioblastomen spielt der Abfall von miR-7 eine wichtige Rolle in der Entartung der Zellen, da miR-7 in den Tumorzellen erniedrigt ist. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass die Ölsäure auch in der Prävention von Hirntumoren wirksam sein könnte.
Die Forscher gehen davon aus, dass Ölsäure die Entartung von Zellen durch eine Verstärkung der Tumorsuppression einschränkt. Aus den Laborversuchen sei jedoch noch nicht zu schließen, dass beispielsweise der Konsum von Olivenöl die Bildung von Hirntumoren hemmt.
Umgang mit ungewolltem Gewichtsverlust
Ein ungewollter Gewichtsverlust wird häufig schon vor der Krebsdiagnose oder während der Erkrankung wahrgenommen. Die fehlenden Kilos sind ein Verlust an Körpersubstanz und Kraft, die dringend für die Tumortherapie benötigt werden. Schon ab fünf Prozent Gewichtsverlust innerhalb von drei Monaten besteht das Risiko einer Mangelernährung.
Gerade jetzt wird eine vollwertige, ausgewogene Ernährung benötigt. Das heißt, den Körper mit allen notwendigen Nährstoffen gut zu versorgen, um den Krankheitsverlauf und den Therapieerfolg positiv zu beeinflussen.
Einige Tipps bei ungewolltem Gewichtsverlust:
- Verabschiede dich von klassischen Mahlzeitenvorgaben und iss und trink, wann immer es geht und was geht!
- Greife gerne auch mal zu einem Betthupferl, so kannst du lange Nüchternphasen verkürzen.
- Vergiss Kalorienangaben und greife beherzt bei Lebensmitteln mit hohem Protein- und Fettanteil zu.
- Wähle Lebensmittel mit hohem Kaloriengehalt. Damit gibst du dem Körper viel Kraft bei möglichst wenig Nahrungsmenge und kleinem Volumen. Also Finger weg von Light-Produkten!
- Snacks sind jetzt genau das Richtige: Zum Beispiel Nüsse, Cracker mit Dip, Energiebällchen, Smoothies, Trockenfrüchte, Schokolade, Kakao, Shakes, Quarkspeisen oder Käsewürfel.
- Gegarte Speisen werden meist besser vertragen als Rohkost und die Nährstoffe können leichter vom Körper aufgenommen werden.
- Reichere dein Essen zusätzlich an, indem du noch Kalorien und Eiweiß hinzufügst. Ideal sind dafür Soßen, Suppen, Quarkspeisen, Pudding und Breie.
Bedeutung von Eiweiß
Gerade jetzt ist Eiweiß als Baustoff für den Körper besonders wichtig. Da der Bedarf auf 1,2 - 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag steigt, solltest du zu jeder Mahlzeit ein eiweißreiches Lebensmittel mit einplanen. Bei ausgeprägten Entzündungen kann der Bedarf sogar bis zu 2,0 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht steigen.
Tierische Eiweißquellen sind Fleisch und Fisch, Eier, Milch und Milchprodukte. Pflanzliche Eiweißquellen findet man in Hülsenfrüchten (Soja, Tofu, Linsen, Erbsen, Bohnen), Nüssen und Mandeln, und in Getreide und Getreideprodukten.
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