Die Diagnose Glioblastom, ein aggressiver Hirntumor, kann für Betroffene und Angehörige sehr belastend sein. Oftmals entsteht der Eindruck, dass man der Erkrankung hilflos ausgeliefert ist. Jedoch gibt es neben den schulmedizinischen Standardtherapien wie Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie auch andere Ansätze, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können. Ein wichtiger Faktor, der oft unterschätzt wird, ist die Ernährung.
Die Rolle der Ernährung bei Glioblastomen
Interessanterweise berichten viele Betroffene, dass ihre Onkologen die Bedeutung der Ernährung für die Genesung herunterspielen und ihnen raten, ihre Essgewohnheiten nicht zu ändern. Diese Aussage steht jedoch im Widerspruch zu aktuellen Forschungsergebnissen, die zeigen, dass die Ernährung einen signifikanten Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben kann.
Ketogene Ernährung als Therapieansatz
Eine vielversprechende Ernährungsstrategie ist die ketogene Ernährung. Diese zeichnet sich durch eine stark reduzierte Kohlenhydratzufuhr (unter 30 Gramm pro Tag) und einen hohen Fettanteil aus. Ziel ist es, den Körper in einen Zustand der Ketose zu versetzen, in dem er anstelle von Glukose (Zucker) Ketonkörper als Hauptenergiequelle nutzt.
Studienergebnisse zur ketogenen Ernährung
Eine Studie von Thomas N. untersuchte den Einfluss einer ketogenen Ernährung auf das Überleben von Glioblastom-Patienten. Dabei wurden 18 Patienten rekrutiert, die zusätzlich zu denStandardtherapien eine ketogene Ernährung einhalten sollten. Allerdings konnten nur 6 der 18 Patienten ihre Ernährung tatsächlich auf eine strenge ketogene Ernährung umstellen.
Die Ergebnisse zeigten, dass in der Kontrollgruppe von 12 Patienten, die ihre Ernährung nicht umstellten, nur ein Patient nach 36 Monaten noch am Leben war. In der Gruppe der Patienten, die sich ketogen ernährten, war die Überlebenswahrscheinlichkeit statistisch signifikant höher. Trotz der geringen Teilnehmerzahl deutet die Studie darauf hin, dass eine ketogene Ernährung die Überlebenszeit von Glioblastom-Patienten verlängern kann.
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Vorteile der ketogenen Ernährung während der Chemotherapie
Ein weiterer Vorteil der ketogenen Ernährung ist, dass sie die Verträglichkeit der Chemotherapie verbessern kann. Studien haben gezeigt, dass Patienten, die vor der Chemotherapie auf eine ketogene Ernährung umstellen, die Behandlung besser vertragen.
Warum die Ernährung so wichtig ist
Glioblastomzellen haben einen hohen Energiebedarf, um ihr schnelles Wachstum und ihre Ausbreitung im Gehirn zu fördern. Zucker ist ihre wichtigste Energiequelle, aber auch Aminosäuren, die Bausteine von Eiweißen, sind dabei ihre „Nahrung“. Die Zellen benötigen das Enzym BCAT1, um drei wichtige Aminosäuren, Valin, Leucin und Isoleucin, abzubauen.
Forschende haben herausgefunden, dass das Gen für das Enzym BCAT1 in besonders aggressiven Glioblastomen sehr aktiv ist. Wenn die Forscher die BCAT1-Wirkung mit einem pharmakologischen Wirkstoff blockierten, verloren die Tumorzellen ihre Fähigkeit, in umgebendes gesundes Hirngewebe vorzudringen. Auch schütteten die so behandelten Tumorzellen weniger vom Botenstoff Glutamat aus. Eine hohe Glutamat-Ausscheidung ist für viele schwere neurologische Symptome wie etwa epileptische Anfälle verantwortlich, die bei Patientinnen und Patienten mit Glioblastom häufig auftreten.
Glioblastome nutzen Glukose anders als gesundes Hirngewebe
Im gesunden Kortex floss Glukose überwiegend in den Citratzyklus sowie in die Neurotransmittersynthese. Glioblastome hingegen drosseln diese Prozesse. Stattdessen nutzten sie Glukosekohlenstoff primär für die Nukleotidsynthese und griffen zusätzlich auf exogene Aminosäuren wie Serin zurück.
Dieser Unterschied im Glukosemetabolismus zwischen gesundem Hirngewebe und Glioblastomen bietet einen Ansatzpunkt für die Ernährungstherapie. Durch eine Reduktion der Kohlenhydratzufuhr und eine gezielte Beeinflussung des Aminosäurestoffwechsels könnte man den Glioblastomzellen die Energiequellen entziehen und so ihr Wachstum verlangsamen.
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Serinstoffwechsel als potenzieller therapeutischer Ansatzpunkt
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Abhängigkeit von exogenem Serin eine mögliche therapeutische Angriffsstelle darstellen könnte. Während eine breite Hemmung der Glukoseaufnahme auch gesundes Kortexgewebe beeinträchtigen würde, eröffnet die gezielte Beeinflussung des Serinstoffwechsels selektive Optionen.
Weitere Ernährungsempfehlungen für Glioblastom-Patienten
Neben der ketogenen Ernährung gibt es noch weitere Ernährungsempfehlungen, die für Glioblastom-Patienten von Bedeutung sein können:
- Ausreichend trinken: Mindestens 1,5 Liter pro Tag, um den Körper ausreichend mit Flüssigkeit zu versorgen.
- Obst und Gemüse: Mindestens fünf Portionen pro Tag, um den Körper mit wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidantien zu versorgen.
- Basenüberschüssige Ernährung: Eine Ernährung, die reich an basischen Lebensmitteln wie Gemüse, Obst und Kräutern ist, kann dazu beitragen, den Säure-Basen-Haushalt im Körper auszugleichen.
- Gute Proteine: Ausreichend Proteine sind wichtig für den Erhalt der Muskelmasse und die Unterstützung des Immunsystems. Gute Proteinquellen sind beispielsweise Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Fisch und Geflügel.
Neue Behandlungsansätze für Hirntumoren
Prof. Dr. Wolfgang Wick beschreibt neue Behandlungsansätze für Hirntumoren, die sich auf Immuntherapie, zielgerichtete Therapie und die Störung der Tumorkommunikation konzentrieren. Das Medikament Vorasidenib, das spezifische Hirntumor-Mutationen blockiert, hat in den USA Zulassung erhalten und könnte ab 2024 in Deutschland verfügbar sein.
Immuntherapeutische Ansätze
Dahinter steht der Gedanke, die Fähigkeiten des körpereigenen Abwehrsystems zu nutzen, um Krebszellen zu bekämpfen. Wir versuchen also, die für die Hirntumor-Situation besonderen Antigene mit immuntherapeutischen Verfahren zu fassen. Zum Beispiel mit Peptiden, das sind kleine Eiweißbruchstücke, oder mit RNA, die wir von der Corona-Impfung kennen, aber auch mit Zellen, bei denen Rezeptoren genutzt werden, die zu den besonderen Eigenschaften der Hirntumorzellen passen. Das ist eine Linie der Therapie.
Zielgerichtete Therapien
Hirntumore haben zum Glück manchmal besondere Mutationen, wie die IDH-Mutationen, die ich eingangs nannte. Für die Blockierung dieser IDH-Mutationen gibt es jetzt ganz aktuell erste positive Signale aus einer klinischen Phase-III-Studie. Das heißt, wir kennen einen neuen spezifischen Inhibitor, also einen Hemmstoff, zur Behandlung dieser Tumore, der positiven Einfluss auf das Überleben von Patientinnen und Patienten vor der Notwendigkeit einer toxischen (Radiochemo-)Therapie mit einem neu diagnostizierten IDH-mutierten Gliom hat. Die INDIGO-Studie, an der wir Mit-Autoren sind, wurde kürzlich auf dem ASCO (American Society of Clinical Oncology) vorgestellt. Das entsprechende Medikament Vorasidenib hat in den USA bereits einen beschleunigten Zulassungsstaus bekommen, in Deutschland wird es wohl erst 2024 nach dem Prüfverfahren der Europäischen Arzneimittelzulassungsbehörde (EMA) erhältlich sein.
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Die Kommunikation des Tumors zu stören, um ihn besser bekämpfen zu können
Wir haben an der Unimedizin gemeinsam mit Wissenschaftlern des Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg herausgefunden, dass sich einzelne, gut vernetzte Zellen im Tumorgewebe ihrerseits zu einer Art Gehirn entwickeln und eine Schrittmacherrolle einnehmen. Diese Zellen geben sozusagen den Takt von Aktivitätssignalen für das gesamte Tumorzell-Netzwerk vor, mit gravierenden Folgen: In den Tumorzellen werden molekulare Mechanismen aktiviert, die das Wachstum des bösartigen Glioblastoms vorantreiben und seine Widerstandskraft erhöhen. Uns ist es nun gelungen, diesen Code der Tumorkommunikation zu knacken. Es zeigt sich, dass diese Netzwerke ganz eigene biologische Strukturen nutzen, und dass es diese Verbindungen eben nicht nur zwischen den Tumorzellen selbst gibt, sondern auch zwischen Nervenzellen und Tumorzellen. Dadurch wissen wir, dass auch Nervenzellaktivität in einem wesentlichen Ausmaß die Hirntumor-Situation unterstützt, und dass der Hirntumor seine Lage im Gehirn tatsächlich zunutze macht und von der Nervenzellaktivität für die eigene Entwicklung profitiert. Kurz gefasst könnte man nun folgern, dass Krebs pathophysiologisch, also in seiner krankhaften Entstehung, eine neurologische Erkrankung ist. Diesem neuen Ansatz gehen wir jetzt nach und versuchen, die Übertragung von Nervenzellen auf die Hirntumorzellen zu blockieren. Es gibt Medikamente im Epilepsie-Bereich, die das können, was aber nicht bedeutet, dass sie jetzt auch Hirntumore heilen. Aber die Art der Therapie könnte dazu beitragen, den Hirntumor für bekannte Therapiemaßnahmen empfindlicher zu machen. Studien dazu, an denen wir auch beteiligt sind, laufen bereits.
Was Sie bei einer Glioblastom-Diagnose beachten sollten
- Holen Sie sich Rat bei Experten: Glioblastome sollten in spezialisierten neuroonkologischen Zentren behandelt werden. Dort erhalten Sie eine umfassende Beratung und Betreuung.
- Informieren Sie sich umfassend: Informieren Sie sich über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und Ernährungsempfehlungen.
- Suchen Sie Unterstützung: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Familie und Freunden über Ihre Ängste und Sorgen. Es gibt auch Selbsthilfegruppen, in denen Sie sich mit anderen Betroffenen austauschen können.
- Verlieren Sie nicht den Mut: Auch mit einem Glioblastom ist es möglich, noch viele Jahre zu leben und eine hohe Lebensqualität zu erhalten.
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