Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die in erster Linie für ihre motorischen Symptome wie Zittern, Steifheit und verlangsamte Bewegungen bekannt ist. Neben den körperlichen Auswirkungen können jedoch auch psychische und Verhaltensänderungen auftreten, die das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen erheblich beeinträchtigen. Ein besonders herausforderndes Symptom ist die Aggressivität, die sich in Wutanfällen, verbalen oder sogar körperlichen Ausbrüchen äußern kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Erscheinungsformen und Behandlungsmöglichkeiten von Wutanfällen bei Parkinson, um Betroffenen und ihren Familien ein besseres Verständnis und Unterstützung zu bieten.
Psychische Belastung bei Parkinson
Neben den zunehmenden körperlichen Einschränkungen ist auch die psychische Gesundheit des Patienten häufig stark belastet. Als psychisches Krankheitszeichen wird oft eine depressive Grundstimmung mit Antriebslosigkeit (Apathie) und verringerter Entschlusskraft beobachtet, was von der Akinese schwer abzugrenzen ist. Eine depressive Verstimmung liegt bei etwa 20 bis 40% der Erkrankten vor. Es kann auch zu Wesensänderungen des Patienten kommen.
Ursachen von Wutanfällen bei Parkinson
Die Ursachen für Aggressivität und Wutanfälle bei Parkinson sind vielfältig und komplex. Sie können in neurologischen Veränderungen, Nebenwirkungen von Medikamenten, psychischer Belastung und kognitiven Veränderungen begründet liegen.
Neurologische Veränderungen
Die Parkinson-Krankheit führt zu einem Ungleichgewicht der Neurotransmitter im Gehirn, insbesondere von Dopamin. Doch auch andere Botenstoffe wie Serotonin, Noradrenalin und Acetylcholin sind betroffen. Diese Veränderungen können die emotionale Regulation stören und zu aggressiven Reaktionen führen. Konkret ist die Parkinson-Krankheit durch eine allmähliche Abnahme der Dopaminproduktion im Gehirn gekennzeichnet. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der an der Regulierung von Stimmung und Verhalten beteiligt ist. Eine Störung des Dopaminsystems kann bei Patienten mit Parkinson zu Aggressivität beitragen.
Medikamenteneinfluss
Grundsätzlich können alle Parkinson-Medikamente und auch viele andere Medikamente bei Parkinson-Patienten eine Psychose verursachen, die behandelt werden muss. Die medikamentöse Behandlung von Morbus Parkinson zielt darauf ab, das Gleichgewicht der Neurotransmitter wiederherzustellen, vor allem mithilfe von Levodopa und Dopaminagonisten. Sie greifen in den Dopaminstoffwechsel ein. Einige Medikamente, die zur Behandlung der Symptome der Parkinson-Krankheit eingesetzt werden, wie z. B. Dopaminagonisten, können Verhaltensnebenwirkungen wie Aggressivität hervorrufen.
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Psychische Belastung
Zusätzlich zu den genannten Ursachen kann die mentale Belastung durch die unheilbare Erkrankung zu Wesensveränderungen führen. Ähnlich wie bei anderen chronischen Erkrankungen kann es zu Belastungsreaktionen, Depression, Angststörungen und weiteren psychischen Beschwerden kommen. Das Risiko hierfür ist individuell sehr unterschiedlich. Das Leben mit einer chronischen Krankheit wie Parkinson kann eine Quelle für Stress und Angst sein. Chronischer Stress kann bei manchen Menschen aggressive Reaktionen auslösen und so die mit der Parkinson-Krankheit verbundenen aggressiven Verhaltensweisen verschärfen.
Kognitive Veränderungen
Die bei Parkinson häufig auftretenden kognitiven Veränderungen wie Denk- und Gedächtnisstörungen können ebenfalls zur Aggressivität beitragen, indem sie die Verarbeitung von Emotionen stören und das Urteilsvermögen und die Entscheidungsfindung beeinträchtigen.
Erscheinungsformen von Aggressivität bei Parkinson
Aggressionen bei Parkinson-Patienten können sich auf unterschiedliche Weise äußern, z. B. in Form von Wutausbrüchen, verbal aggressivem Verhalten oder sogar körperlich gewalttätigem Verhalten. Diese Manifestationen können erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität des Patienten sowie auf seine zwischenmenschlichen Beziehungen und sein emotionales Wohlbefinden haben.
Die Erscheinungsformen der Aggressionen bei Parkinson-Patienten sind je nach Person und Schweregrad der Erkrankung unterschiedlich. Dennoch sind hier einige häufige Symptome aufgeführt:
- Erhöhte Reizbarkeit: Patienten können leicht frustriert oder verärgert werden und stark auf Situationen reagieren, die sie zuvor nicht gestört hätten.
- Impulsives Verhalten: Eine Tendenz, ohne nachzudenken zu handeln, was zu aggressiven Reaktionen führen kann.
- Verbale oder körperliche Feindseligkeit: Dazu können böse Worte, Drohungen oder sogar Gewalttätigkeiten gegenüber anderen gehören.
- Intensive und plötzliche Stimmungsschwankungen: Die Betroffenen können in einem Augenblick von einem ruhigen Zustand in einen aufgeregten oder wütenden Zustand übergehen.
Weitere Wesensveränderungen
Neben Aggressivität können bei Parkinson-Patienten auch andere Wesensveränderungen auftreten, die das Verhalten und die Persönlichkeit beeinflussen.
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Psychosen
Man schätzt, dass 10 bis 30% aller Patienten eine solche Krise im Verlauf der Erkrankung entwickeln. Ein Frühsymptom sind ein unruhiger Schlaf und lebhafte Träume. Dann kommt es zu Verkennungen der Umwelt (Fachwort: Illusionen) und zu Trugbildern (Fachwort Halluzinationen). Später können Wahnvorstellungen und Verwirrtheitszustände auftreten. Alle Parkinson-Medikamente können zu Halluzinationen oder Verwirrtheitszuständen führen. Ein Warnzeichen hierfür sind oft zunehmende Alpträume. Die Halluzinationen beginnen nicht selten als harmlose sog. Halluzinationen und Verwirrtheitszustände können durch verminderte Flüssigkeitszufuhr oder durch Entzündungen (z. B. Grippe oder Harnwegsinfekt) begünstigt werden. Da Betroffene in dieser Situation dann oft selbst nicht mehr in der Lage sind, ausreichende Angaben zu machen, sind Informationen, z. B. über vermindertes Trinken, Fieber, Hautausschläge etc.
Depressionen
Etwa 20 Prozent entwickeln eine Altersdepression. Bei Bewohnerinnen und Bewohnern von Senioren- und Pflegeheimen liegt der Anteil sogar bei 30 bis 40 Prozent. Oft wird die Erkrankung aber erst spät oder gar nicht erkannt. Zu den psychischen Beschwerden, die mit einer Depression einhergehen, zählen: Antriebs- und Lustlosigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber Mitmenschen und Ereignissen, Freudlosigkeit, sozialer Rückzug, plötzliche Weinanfälle, Reizbarkeit und Aggressivität (häufig bei Männern) und Suizidgedanken. Im Zusammenhang mit der Parkinson-Krankheit kommt es bei vielen Betroffenen zu trauriger und niedergeschlagener Stimmung. Dieser Zustand kann mit einem Verlust von Interesse an der Umgebung, Antriebsmangel und Freudlosigkeit verbunden sein (sogenannte Apathie).
Schlafstörungen
Schlafstörungen treten in allen Stadien der Parkinson-Erkrankung und bei der Mehrzahl der Betroffenen auf. Bis zu 90 % aller Menschen mit Parkinson sind im Verlauf der Erkrankung von Tagesmüdigkeit und Ein- und Durchschlafstörungen betroffen. Da es allerdings verschiedene Ursachen für das Auftreten von Schlafstörungen bei Parkinson gibt, ist eine gezielte Behandlung nur nach sorgfältiger Analyse der Symptome und der Begleitumstände möglich.
Impulskontrollstörungen
Weitere Wesensveränderungen sind vor allem durch eine mangelnde Impulskontrolle geprägt, die sowohl durch den weiteren Verlauf der Erkrankung selbst als auch durch die langfristige Einnahme von Medikamenten begünstigt wird. Sie führt zu verschiedensten Verhaltensauffälligkeiten wie einer plötzlich auftretenden Spielsucht oder exzessivem Essen. Viele Persönlichkeitsveränderungen im Zusammenhang mit Parkinson sind durch eine verminderte Fähigkeit zur Kontrolle innerer Impulse gekennzeichnet. Die Verhinderung oder Unterdrückung dieser neu aufgetretenen Verhaltensweisen führt wiederum zu negativen Stimmungsschwankungen.
Umgang mit Wesensveränderungen und Aggressivität
Der Umgang mit Wesensveränderungen und Aggressivität bei Parkinson erfordert eine individuelle Herangehensweise, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen des Patienten zugeschnitten ist.
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Frühzeitige Erkennung und Kommunikation
Wichtig ist zunächst das frühzeitige Erkennen der Verhaltensänderungen, bevor es zu nachteiligen Auswirkungen kommt. Fallen Ihnen als Betroffene:r oder Angehörige:r eine Wesensveränderung bei Parkinson auf, so ist wichtig, dass Sie den behandelnden Arzt bzw. die Ärztin darüber informieren. Im besten Fall hat er bzw. sie Ihnen bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Behandlung mitgeteilt, dass Persönlichkeitsveränderungen im Laufe der Zeit vorkommen können. Besprechen Sie dies als Angehörige direkt mit den Betroffenen und gehen Sie gemeinsam zur Besprechung mit Ärztinnen und Ärzte.
Medikamentöse Behandlung
Die therapeutischen Maßnahmen bestehen für Ärztinnen und Ärzte meist in einer Verringerung der Dosis oder gegebenenfalls auch dem Absetzen des Dopaminagonisten. Da es dadurch zu einer Verschlechterung der Beweglichkeit kommen kann, müssen im Gegenzug oft andere Medikamente in deren Dosierung erhöht werden. Im Einzelfall müssen zusätzliche Medikamente (atypische Neuroleptika, Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) eingesetzt werden, um die Symptome zu beeinflussen. Da es sich dabei oft um komplexe Vorgänge handelt, dürfen diese Veränderungen der Medikation ausschließlich von Ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzte enger Absprache mit Ihnen durchgeführt werden. Eine eigenmächtige Verringerung der dopaminergen Dosis durch Angehörige oder die Patientinnen und Patienten selbst kann zu unvorhergesehenen Komplikationen führen, daher muss davon deutlich abgeraten werden.
Nicht-medikamentöse Therapie
Neben der medikamentösen Behandlung spielen nicht-medikamentöse Therapien eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Wesensveränderungen und Aggressivität.
- Psychotherapie: Psychotherapie kann dazu beitragen, Verhaltensveränderungen bei Parkinson zu bewältigen, insbesondere Depressionen und Angstzustände.
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Die regelmäßige Ausübung geeigneter körperlicher Aktivitäten bringt Ruhe und verringert eine chronische Müdigkeit. Dies gilt für körperliche Aktivitäten wie Gehen, Schwimmen oder Radfahren und für Entspannungsübungen wie Meditation, Yoga oder tiefes Atmen.
- Ergotherapie: Hilfreich sind feste Gewohnheiten und ein strukturierter Tagesablauf mit Orientierungspunkten wie Essens- und Ruhezeiten. Schaffen Sie eine vertraute, übersichtliche und gut ausgeleuchtete Wohnumgebung, die sich möglichst wenig ändert.
Unterstützung für Angehörige
Wenn Sie eine ältere Person pflegen, achten Sie darauf, dass auch Sie selbst nicht zu kurz kommen: Tun Sie Dinge, die Sie entspannen und die Ihnen Spaß machen, und pflegen Sie auch Ihre eigenen sozialen Kontakte. Scheuen Sie sich nicht, nach Hilfe zu fragen, wenn Sie sich überfordert fühlen. Die Angehörigen von Menschen mit Parkinson und das medizinische Team spielen eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Aggressionen. Für sie ist es wichtig, die Faktoren zu verstehen, die zur Entwicklung von Aggressionen bei den Erkrankten beitragen, wirksame Kommunikationsstrategien zu erlernen und bei Bedarf professionelle Unterstützung zu suchen. Es kann helfen, wenn Betroffene und Angehörige offen miteinander über belastende Persönlichkeitsveränderungen sprechen. Ist dies nicht möglich, so kann getrennt mit Freunden oder Verwandten darüber gesprochen werden. Häufig bietet dies bereits Entlastung.
Notfallplan und Patientenverfügung
Betroffene und Angehörige können bereits zu einem frühen Zeitpunkt offen miteinander besprechen, welche Persönlichkeitsveränderung auf sie zukommen kann. Dies kann auch in Anwesenheit des Hausarztes oder der Hausärztin erfolgen. Möglicherweise hat der oder die Parkinson-Betroffene spezielle Wünsche, was beim Auftreten von geistiger Verwirrtheit, depressiven oder demenziellen Veränderungen zu tun ist. Gemeinsam kann eine Art Notfallplan erarbeitet werden, was zu tun ist, wenn eine manifeste Depression oder eine Psychose auftreten. Auch eine Patientenverfügung für den Fall einer späteren Demenz ist meist sinnvoll.
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