Das Sjögren-Syndrom ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die vor allem die exokrinen Drüsen des Kopfes befällt. Die Hauptsymptome sind Keratokonjunktivitis sicca (trockene Augen) und Xerostomie (Mundtrockenheit). Es ist wichtig zu wissen, dass das Sjögren-Syndrom auch andere Organe und Gewebe wie Gelenke, Haut, Nieren, Herz, Lunge, Darm und Nervensystem betreffen kann, was zu einer Vielzahl von Krankheitsbildern führt. Viele Patienten mit Sjögren-Syndrom leiden auch unter Müdigkeit.
Xerostomie: Mundtrockenheit als Leitsymptom
Xerostomie, der medizinische Begriff für Mundtrockenheit, entsteht, wenn die Speicheldrüsen nicht genügend Speichel produzieren.
Ursachen von Xerostomie
- Medikamente: Viele Medikamente können Mundtrockenheit als Nebenwirkung verursachen, darunter einige Chemotherapeutika, Schmerzmittel (Opioide) und Antidepressiva. Auch radioaktive Arzneimittel, wie z. B. das bei Prostatakrebs eingesetzte Lutetium-PSMA, können einen trockenen Mund verursachen.
- Bestrahlung: Bei der Bestrahlung von Tumoren im Kopf-Hals-Bereich können die Speicheldrüsen geschädigt werden. Das Ausmaß der Beeinträchtigung der Speichelproduktion hängt von der Strahlendosis und davon ab, welche und wie viele Speicheldrüsen betroffen sind. Auch eine Radiojodtherapie bei Schilddrüsenkrebs kann die Speicheldrüsen schädigen.
- Entfernung der Speicheldrüsen: Bei Krebserkrankungen der Speicheldrüsen kann die Entfernung einer oder mehrerer Speicheldrüsen erforderlich sein. Manchmal produzieren die verbleibenden Speicheldrüsen danach nicht mehr genügend Speichel.
- Flüssigkeitsmangel: Flüssigkeitsmangel, z. B. vor oder nach einer Operation, bei der man wegen der Narkose nichts trinken darf, kann ebenfalls zu Mundtrockenheit führen. Auch Schwitzen, Fieber oder Erbrechen können zu einem Flüssigkeitsmangel führen.
- Infektionen: Infektionen im Mundraum können ebenfalls Mundtrockenheit auslösen.
- Begleiterkrankungen: In manchen Fällen ist die Mundtrockenheit die Folge einer vom Krebs unabhängigen Erkrankung, wie z. B. dem Sjögren-Syndrom oder Diabetes mellitus.
- Alter: Das Symptom tritt vorwiegend im höheren Lebensalter auf, da ältere Menschen häufig Medikamente einnehmen müssen, die zur Mundtrockenheit führen können.
Vorbeugung und Behandlung von Xerostomie
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Mundtrockenheit vorzubeugen und zu behandeln:
- Speichelfluss anregen: Kaugummikauen (zuckerfrei), saure Bonbons lutschen oder viel trinken können den Speichelfluss anregen.
- Speichelersatzmittel: Bei einem trockenen Mund kann man den fehlenden Speichel durch Speichelersatzprodukte ersetzen. Diese sollten jedoch nur für kurze Zeit verwendet werden, da sie möglicherweise langfristig den Zahnschmelz angreifen und daher ungünstig für die Zahngesundheit sind.
- Medikamente: Wenn die Speicheldrüsen noch etwas Speichel bilden, können die Medikamente Pilocarpin oder Cevimelin den Speichelfluss erhöhen. Sie können aber schwere Nebenwirkungen haben. Auch bei einigen Begleiterkrankungen dürfen Patientinnen und Patienten diese Wirkstoffe nicht einnehmen. Die behandelnden Ärzte können am besten beurteilen, ob diese Medikamente in der individuellen Situation der Betroffenen sinnvoll sind.
- Akupunktur: Es ist zwar nicht nachgewiesen, dass Akupunktur die Speichelproduktion beeinflusst, aber Betroffene berichten, dass Akupunktur das Mundgefühl verbessert.
- Transkutane Elektrostimulation: Das Reizen der Speicheldrüsen mit kurzen elektrischen Impulsen kann die Speichelbildung verbessern.
- Zahnpflege: Achten Sie auf eine gute Zahnpflege, um Karies und anderen Zahnerkrankungen vorzubeugen, die durch Mundtrockenheit begünstigt werden können. Verwenden Sie fluoridhaltige Zahnpasta und Mundspülungen.
- Reizungen vermeiden: Versuchen Sie, die Mundschleimhaut wenig zu reizen. Lassen Sie Ihre Zähne regelmäßig durch eine Zahnärztin oder einen Zahnarzt kontrollieren. Diese Maßnahmen können Langzeitfolgen wie beispielsweise Karies verringern.
- Bei Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich: Haben Sie metallhaltige Füllungen oder Zahnersatz, welche die Mundschleimhaut berühren? Dann sollten Sie während einer Bestrahlung im Kopf- und Halsbereich zum Schutz der Mundschleimhaut eine Strahlenschutzschiene (Weichgewebsretraktor) tragen. Eine individuell angepasste Schiene fertigt Ihre Zahnarztpraxis für Sie an. Nach einer Strahlentherapie sind die Zähne anfälliger für Karies. Tragen Sie zum Schutz vor Karies täglich abends nach dem Zähneputzen ein fluoridhaltiges Gel auf Ihre Zähne auf. Verwenden Sie dafür eine von Ihrer Zahnarztpraxis für Sie individuell angefertigte Fluoridierungsschiene.
- Weitere Maßnahmen: Strahlendosis möglichst klein halten - Ärztinnen und Ärzte setzen nach Möglichkeit Bestrahlungstechniken ein, bei denen möglichst wenig Strahlung auf gesundes Gewebe trifft. Ein Beispiel ist die intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT). Mit einer Operation können die Unterkieferspeicheldrüsen in andere Körperbereiche verlegt werden. Dort sind sie dann nicht mehr der Strahlung ausgesetzt.
Polyneuropathie: Nervenschädigung als mögliche Komplikation
Polyneuropathie ist eine Erkrankung, bei der mehrere periphere Nerven im Körper geschädigt sind. Dies kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, darunter Kribbeln, Taubheitsgefühl, Schmerzen und Muskelschwäche.
Ursachen von Polyneuropathie
- Diabetes: Diabetes ist eine der häufigsten Ursachen für Polyneuropathie. Hohe Blutzuckerwerte können die Nerven schädigen.
- Alkoholismus: Übermäßiger Alkoholkonsum kann ebenfalls zu Nervenschäden und Polyneuropathie führen.
- Autoimmunerkrankungen: Autoimmunerkrankungen wie das Sjögren-Syndrom können das Nervensystem angreifen und Polyneuropathie verursachen.
- Infektionen: Bestimmte Infektionen, wie z. B. Borreliose oder HIV, können Polyneuropathie auslösen.
- Medikamente: Einige Medikamente, wie z. B. bestimmte Chemotherapeutika, können als Nebenwirkung Polyneuropathie verursachen.
- Vitaminmangel: Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, wie z. B. Vitamin B12, kann zu Nervenschäden führen.
- Andere Erkrankungen: Weitere mögliche Ursachen für Polyneuropathie sind Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen und Amyloidose.
Polyneuropathie im Zusammenhang mit dem Sjögren-Syndrom
Neurologen der Medizinischen Hochschule Hannover haben gezeigt, dass das Sjögren-Syndrom schwere Polyneuropathien verursachen kann. Das Sjögren-Syndrom kann Entzündungen des Nervensystems verursachen und sowohl sensorische als auch motorische Störungen verursachen.
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Eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover untersuchte, wie häufig das Sjögren-Syndrom die Ursache für periphere Neuropathien mit schweren motorischen Einschränkungen ist. Von 184 Patienten mit schwerer, fortschreitender peripherer Neuropathie waren 44 Sjögren-positiv. Bei 93 % dieser Patienten wurde die Sjögren-Diagnose erst im Rahmen der Studie gestellt. Die Studie zeigte auch, dass die elektrophysiologischen Befunde der Sjögren-Neuropathie denen der chronisch-entzündlichen demyelinisierenden Polyneuropathie (CIDP) ähneln.
Symptome der Polyneuropathie
Die Symptome der Polyneuropathie können je nach den betroffenen Nerven variieren. Häufige Symptome sind:
- Kribbeln und Taubheitsgefühl: Oft beginnend in den Füßen und Händen.
- Schmerzen: Brennende, stechende oder bohrende Schmerzen.
- Muskelschwäche: Kann zu Schwierigkeiten beim Gehen, Greifen oder anderen Aktivitäten führen.
- Koordinationsprobleme: Schwierigkeiten beim Halten des Gleichgewichts.
- Empfindlichkeitsstörungen: Erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Berührungen oder Temperaturveränderungen.
Diagnose und Behandlung der Polyneuropathie
Die Diagnose der Polyneuropathie umfasst in der Regel eine körperliche Untersuchung, eine neurologische Untersuchung und elektrophysiologische Tests wie die Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG).
Die Behandlung der Polyneuropathie richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Bei Diabetes ist eine gute Blutzuckerkontrolle wichtig. Bei Vitaminmangel kann eine Supplementierung helfen. In einigen Fällen können Medikamente zur Schmerzlinderung oder zur Verbesserung der Nervenfunktion eingesetzt werden. Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern.
Seltene Fälle: Sjögren-Syndrom mit Myositis-Overlap
In seltenen Fällen kann das primäre Sjögren-Syndrom (pSjS) im Rahmen eines Overlap-Syndroms mit idiopathisch inflammatorischen Myopathien (IIM) auftreten. Eine muskuläre Beteiligung ist beim pSjS in nur 1,3-3 % der Fälle beschrieben. Verschiedene Formen der muskulären Beteiligung sind möglich, darunter die Einschlusskörperchenmyositis (IBM), die Polymyositis mit mitochondrialer Pathologie (PM-Mito) und die Overlap/Poly-Myositis. Die Unterscheidung der muskulären Beteiligung ist wichtig, da PM-Mito-Patienten in Fallberichten besser auf eine immunsuppressive Therapie anzusprechen scheinen als IBM-Patienten.
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Fallbeispiel
Ein Fallbericht beschreibt eine 90-jährige Patientin mit pSjS und Overlap zur PM-Mito. Die Patientin zeigte Symptome wie Dysphagie, Minderung des Allgemeinzustandes, Gewichtsverlust, Muskelschwäche und Polyneuropathie. Die Diagnose wurde anhand der ACR/EULAR-Klassifikationskriterien für das Sjögren-Syndrom und histopathologischer Befunde einer Muskelbiopsie gestellt. Die Patientin erhielt eine kombinierte immunsuppressive Therapie mit Glukokortikoiden, intravenösen Immunglobulinen und Rituximab, woraufhin es zu einem raschen klinischen und laborchemischen Ansprechen kam.
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