Die Trigeminusneuralgie, oft salopp als „Trigeminusnerv“ bezeichnet, ist eine Erkrankung, die durch starke Schmerzen im Gesichtsbereich gekennzeichnet ist. Diese Schmerzen werden durch eine Reizung des Trigeminusnervs (Nervus trigeminus), dem fünften Hirnnerv, verursacht. Die Erkrankung kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und erfordert eine sorgfältige Diagnose und Behandlung.
Was ist der Trigeminusnerv?
Der Trigeminusnerv ist ein dreigeteilter Nerv, der für die Sensibilität in verschiedenen Bereichen des Gesichts verantwortlich ist. Seine drei Hauptäste versorgen:
- Augapfelnerv (Nervus ophthalmicus): Augenhöhle, Bereich der Nasennebenhöhlen, Schleimhaut der Nasenscheidewand, Stirn- und Nasenhaut
- Oberkiefernerv (Nervus maxillaris): Nasenhöhlenschleimhaut, Hautbereich zwischen Unterlid und Oberlippe, Gaumen sowie Oberkiefer inklusive Zähne und Zahnfleisch, Teil vom Schläfenbereich
- Unterkiefernerv (Nervus mandibularis): Haut zwischen Kinn und Schläfen, Unterkiefer inklusive Zähne und Zahnfleisch, vordere zwei Drittel der Zunge, Kaumuskulatur
Die Seitenäste des Trigeminusnervs sind besonders sensibel und haben eine starke Bedeutung für die Zähne. Leichte Reizungen können hier extrem unangenehm werden und in peinigenden Zahnschmerzen gipfeln.
Ursachen von Gesichtsschmerzen und Trigeminusneuralgie
Schmerzen im Gesichts- und Kopfbereich können vielfältige Ursachen haben. Es ist wichtig, diese gründlich zu untersuchen, um die richtige Diagnose zu stellen und eine effektive Behandlung einzuleiten.
Mögliche Ursachen für Gesichtsschmerzen:
- Zahnprobleme: Karies, Risse im Zahnschmelz, Zahnwurzelentzündung, Parodontose oder Zahnfleischerkrankungen, schlecht sitzende Zahnfüllungen, nächtliches Zähneknirschen, nicht passgenau schließende Zahnreihen von Ober- und Unterkiefer
- Migräne und Depressionen: Diese können ebenfalls Gesicht- und Kopfschmerzen auslösen, oft in Verbindung mit der Kompression von Blutgefäßen.
- Trigeminusneuralgie: Eine Reizempfindlichkeit des fünften Hirnnervs, die sich durch blitzartig einschießende Schmerzen im Gesicht äußert.
Ursachen der Trigeminusneuralgie:
- Idiopathische Trigeminusneuralgie (klassische Form): Hierbei wird eine neurovaskuläre Kompression als Ursache angenommen. Ein Blutgefäß komprimiert den Trigeminusnerv am Austritt aus dem Hirnstamm, was zu einer fokalen Demyelinisierung und unphysiologischen Aktionspotenzialen führt.
- Symptomatische Trigeminusneuralgie: Diese Form wird durch andere Erkrankungen ausgelöst, wie Multiple Sklerose, Herpes Zoster, Schläfenarterienverkalkung, Tumoren, Gefäßmissbildungen im Bereich des Hirnstammes oder Schlaganfall. Auch bestimmte Medikamente, Diabetes mellitus oder hormonelle Störungen können eine Rolle spielen.
- Weitere mögliche Reizauslöser: Freiliegendes Dentin, winzige Risse im Zahnschmelz, Karies, Wurzelentzündungen, Parodontose, Zahnfleischerkrankungen, lokale Einengung des Nervs, Verletzungen, Entzündungen, Nähe zu einem Blutgefäß, Verlagerung einer Arterie, Reizungen im Laufe zahnärztlicher Therapien.
Symptome der Trigeminusneuralgie
Die Trigeminusneuralgie äußert sich durch typische Schmerzsymptome, die plötzlich und heftig auftreten.
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Typische Symptome:
- Blitzartig einschießende Schmerzen im Gesicht, meist nur auf einer Seite
- Dauer der Schmerzen: wenige Sekunden bis zu zwei Minuten
- Häufigkeit: bis zu 100 Mal täglich
- Ausstrahlung der Schmerzen in verschiedene Kopfbereiche, darunter den Unterkiefer
- In einigen Fällen: Speichel- oder Tränenfluss, Muskelzuckungen und -krämpfe, Hautrötungen
Bei der idiopathischen Trigeminusneuralgie besteht zwischen den Schmerzattacken Schmerzfreiheit, während bei der symptomatischen Form häufig ein dumpfes Schmerzgefühl oder Missempfindungen bestehen bleiben. Die Erkrankung kann von einer depressiven Verstimmung begleitet sein, die durch die psychische Belastung der Schmerzattacken verursacht wird.
Triggerreize
Bestimmte Reize können Schmerzattacken auslösen. Diese Trigger sind individuell verschieden und können sein:
- Berührungsreize im Gesicht
- Luftzug
- Sprechen
- Kauen
- Zähneputzen
- Stress
Die Schmerzen können aber auch spontan auftreten, ohne erkennbaren Auslöser. Sie strahlen meist in eines, selten in mehrere der drei Versorgungsgebiete des Trigeminusnervs aus. Am häufigsten ist der Gesichtsbereich betroffen, der vom Unterkieferast versorgt wird, seltener der Bereich des Oberkieferastes und in sehr seltenen Fällen der Bereich des Augenastes.
Diagnose der Trigeminusneuralgie
Die Diagnose der Trigeminusneuralgie erfordert eine gründliche Untersuchung und Anamnese.
Diagnostische Maßnahmen:
- Zahnärztliche Untersuchung: Um Zahnerkrankungen als Ursache auszuschließen.
- Neurologische Untersuchung: Zur Überprüfung der Nervenfunktion und zum Ausschluss anderer neurologischer Erkrankungen.
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomografie (MRT), um den Nervenverlauf darzustellen und mögliche Ursachen wie Tumoren oder Gefäßkompressionen zu identifizieren.
- Neurophysiologisches Screening: Vor allem des N. trigeminus, um zwischen nozizeptivem und neuropathischem Schmerz zu unterscheiden.
- Quantitative Sensorische Testung (QST): Zur Erstellung eines individuellen sensorischen Profils und zur Erkennung von peripheren und/oder zentralen Sensitivierungen sowie neuropathischen Störungen.
- painDETECT-Fragebogen: Zur Abschätzung der Schmerzintensität, der Schmerzdauer, des Schmerzmusters und der Schmerzqualität.
Es ist wichtig, andere Erkrankungen wie Migräne,Multiple Sklerose, Herpes Zoster oder Schläfenarterienverkalkung auszuschließen. Auch psychosomatisch bedingte Schmerzen können sich über eine Trigeminusneuralgie äußern.
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Behandlung der Trigeminusneuralgie
Die Behandlung der Trigeminusneuralgie zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Konservative Behandlung:
- Medikamentöse Therapie:
- Carbamazepin: Gilt als Mittel der ersten Wahl bei der klassischen Trigeminusneuralgie.
- Antiepileptika (Gabapentin, Pregabalin): Werden häufiger eingesetzt, da sie weniger zerebrale Nebenwirkungen haben.
- Weitere Medikamente: Baclofen, Topiramat, Lamotrigin.
- Physiotherapie: Kann bei Muskelverspannungen und zur Verbesserung der Beweglichkeit helfen.
- Psychotherapie: Zur Bewältigung der psychischen Belastung durch die Schmerzen.
- Hausmittel: Hexenschuss-Tee, Kampferöl, Johanniskrautöl (ergänzend zur schulmedizinischen Behandlung).
- Vermeidung von Triggerreizen: Zugluft, extreme Kälte, Berührungen im Gesicht.
Invasive Behandlung:
- Mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta: Ein neurochirurgischer Eingriff, bei dem der Nerv von der komprimierenden Arterie befreit wird.
- Gamma-Knife-Bestrahlung: Eine gezielte Bestrahlung des Trigeminusnervs, die zu einer Schmerzlinderung führen kann.
- Weitere operative Verfahren: Radiofrequenztherapie, Ballondilatation, Glycerolinjektion.
Zahnärztliche Behandlung:
- Behandlung von Zahnerkrankungen wie Karies, Wurzelentzündungen oder Parodontose.
- Anpassung von Aufbiss-Schienen bei Zähneknirschen.
- Überprüfung und Korrektur von Zahnfüllungen und Zahnersatz.
Es ist wichtig, dass die Behandlung individuell auf den Patienten abgestimmt wird und in enger Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten, Neurologen und Neurochirurgen erfolgt.
Folgen einer unbehandelten Trigeminusneuralgie
Die Gesichtsschmerzen bei einer Trigeminusneuralgie zählen zu den stärksten Schmerzen, die es gibt. Werden die Schmerzen nicht behandelt, kann dies zu erheblichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität führen:
- Gewichtsverlust: Durch Schwierigkeiten beim Essen.
- Kommunikationsprobleme: Da Sprechen Schmerzattacken auslösen kann.
- Depressionen: Aufgrund der Schmerzintensität und der Begleiterscheinungen.
- Dauerschmerzen und Sensibilitätsverlust: Bei längerem Bestehen der Krankheit.
- Schäden an Leber oder Nieren: Durch die Einnahme hochdosierter Schmerzmittel über einen längeren Zeitraum.
Risikogruppen und Häufigkeit
Spezifische Risikogruppen für die Trigeminusneuralgie gibt es nicht. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer (Verhältnis 1,5:1). In der Regel beginnt die Erkrankung nicht vor dem 40. Lebensjahr. Ein höheres Risiko haben möglicherweise Personen mit Multipler Sklerose, Gehirntumoren, Gefäßmissbildungen im Bereich des Hirnstammes und Schlaganfallpatienten.
Die Trigeminusneuralgie ist eine verhältnismäßig seltene Erkrankung. Die Anzahl der Neuerkrankungen pro Jahr beträgt 4 bis 6 von 100.000 Menschen. Am häufigsten betroffen sind der zweite und dritte Trigeminusast zusammen. Ein beidseitiger Befall und die Beteiligung des ersten Trigeminusastes treten hingegen nur vereinzelt auf.
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Wann sollte man zum Arzt?
Wer mehrfach unter akut einsetzenden, heftigen, stechenden Schmerzen im Gesicht oder starken Zahnschmerzen leidet, sollte umgehend einen Zahnarzt oder Arzt aufsuchen. Auch wenn Zahnschmerzen nicht auf einer Irritation des Trigeminusnervs beruhen, ist ein Arztbesuch ratsam, da Zahnbeschwerden nicht von selbst wieder zurückgehen. Je früher die Behandlung beginnt, desto größer sind die Chancen, dass sich ein Krankheitsbild nicht weiter verschlimmert.
Orofaziale Schmerzen und ihre Differenzierung
Im orofazialen Bereich (Mund- und Gesichtsbereich) können aufgrund diverser Krankheitsbilder Gefühlsstörungen auftreten. Der Nerv kann mechanisch, chemisch-toxisch oder entzündlich bedingt geschädigt sein. Ein sensibler Nerv übermittelt sensorische Reize afferent an die Schmerzmatrix im Gehirn. Treten innerhalb dieses Regelkreises Veränderungen auf, so kann es in der Folge zu einer peripheren oder zentralen Sensibilisierung kommen. Ebenso kann der Verlust der deszendierenden Hemmung in einer zentralen Sensibilisierung resultieren. Klinische Symptome sind unangenehme und schmerzhafte Empfindungen (Dysästhesie, Hyperalgesie, Allodynie). Eine Schädigung des peripheren Nervs verändert die sensorische Wahrnehmung des Patienten und die Symptome sind sensible Ausfälle (Anästhesie, Hypästhesie, Parästhesie) infolge einer Deafferenzierung. Findet keine Regeneration des beeinträchtigten oder sogar geschädigten Nervens statt, so kann ein chronisches neuropathisches Schmerzsyndrom entstehen. Daher muss bei der klinischen Untersuchung der Patienten unbedingt eine grobe neurophysiologische Untersuchung durchgeführt werden.
Arten von orofazialen Schmerzen:
- Nozizeptive Schmerzen: Das periphere und das zentrale Nervensystem sind intakt.
- Neuropathische Schmerzen: Das periphere oder das zentrale Nervensystem sind verletzt oder gestört. Bei diesem Schmerz ist das Versorgungsgebiet eines sensiblen Nervens betroffen und/oder die Muster der Schmerzausbreitung passen zum Versorgungsgebiet einer geschädigten Nervenwurzel, eines Rückenmarksabschnitts oder eines zerebralen Bereichs.
Als orofaziale Krankheitsbilder mit einer neuropathischen Komponente werden heute die Trigeminusneuralgie, die schmerzhafte Trigeminusneuropathie, das Burning Mouth Syndrome (BMS) und der anhaltende idiopathische Gesichtsschmerz (Persistent Idiopathic Facial Pain, PIFP) angesehen. Symptome sind sensible Defizite und brennende Dauerschmerzen. Der Schmerz weist eine hohe Intensität auf.
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